[Ich wusste nicht so recht, wohin mit diesem Thema, aber ich denke hier ist es ganz gut aufgehoben.]
Ich hatte zeitlebens Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen. Bei den Männern fühlt man sich nicht zugehörig, die Themen langweilen einen eher. Bei den Frauen findet man es eher interessant, aber man sieht ja nicht so aus. Und ab der Pubertät werden einem dann vielleicht ja auch noch unlautere Absichten unterstellt... Um es kurz zu machen, ich war eher ein Einzelgänger. Passte nirgends richtig rein.
Bis heute bringe ich es auf eine richtige Freundschaft, mit einem Jungen, die über viele Jahre bis ins Erwachsenen Alter hielt. Sie zerbrach, aber aus anderen Gründen. Für die meisten war ich vermutlich einfach nur "komisch".
Natürlich habe ich einen großen Bekanntenkreis. Gerade als Berufspendler lernt man viele Menschen "kennen", die man fast täglich wieder trifft. Hier im Forum, bei Facebook, geht vermutlich jedem so...
Aber echte Freundschaft bedeutet für mich etwas anderes. Das ist etwas worauf ich mich nur schwer einlassen kann. Ich war nach meiner Freundschaft damals sehr verletzt und habe sozusagen eine Mauer errichtet, niemanden mehr so nah an mich rangelassen.
Bis heute. Aber nun hat das Schicksal zugeschlagen. Anders kann mans nicht bezeichnen.
Meine beiden Kids sind zur Zeit in der Kita (die Kleine in der Krippe, der Große im Kindergarten). Für beide Gruppen gibt es WhatsApp-Gruppen wo die Eltern sich austauschen. Unsere Kleine wechselt im Sommer in den Kindergarten und ich übernehme die Eingewöhnung. Da sie eine beste Freundin in der Krippe hat, mit der sie zusammen rübergeht, wollte ich mit der Mutter Kontakt aufnehmen. Leider gibt es in beiden Gruppen eine Mutter mit dem selben Namen.
Wie sollte es auch anders sein, ich suchte natürlich in der falschen Gruppe nach ihr und schrieb so nicht die richtige Mutter an. Wie sich herausstellte, war das einer der besten Fehler meines Lebens...
In der ersten Nachricht stellte ich mich erstmal als Väterin unserer Kleinen vor. Sie war dann sehr interessiert, was es mit dieser Bezeichnung auf sich hat. Und schon gings los. Mir war das eigentlich total peinlich, das ich die Falsche angeschrieben habe, aber wir hatten sofort einen Draht zueinander. Sie hatte ein Verständnis für mich (damit meine ich nicht Akzeptanz, sondern sie hat Dinge gesagt, die ich selbst von anderen Transfrauen so nicht erwarten würde), das weit über alles hinausging, was ich bisher erfahren hatte. Sie nutzte Formulierungen, die ich ebenso verwendet hätte, als ob sie in mich reinsehen könnte. Ich fühlte mich wie in einem Traum
Wohlgemerkt, wir schrieben gerade den ersten Tag miteinander. Ich war so fassungslos, das ich bei ihren Nachrichten häufig den Kopf schütteln musste, so surreal kam mir das Ganze vor.
Irgendwann fiel mir auf, das wir eigentlich die Ganze Zeit nur über mich sprachen. Ich sprach ihr meine (aufrichtige) Bewunderung für ihr Einfühlungsvermögen aus. Sie meinte dann, das liegt wohl daran, weil sie selbst schon einiges durchgemacht hat. Auf meine Nachfrage kam dann "Kannst ja mal Googeln". Deswegen werde ich auch diesbezüglich keine Details nennen.
Aber sie hat so heftige Dinge in ihrem Leben erlebt, das sie im Internet leicht zu finden sind. Ich dachte bis zu diesem Punkt eigentlich, das dass, was ich durch meinen Geschlechtswechsel durchgemacht habe, eigentlich schon für ein Leben reichen würde. Aber das ist nichts, absolut nichts gegen das, was sie schon erlebt hat. Und sie ist noch nicht mal 30...
Naja, seit diesem Moment meines "Fehlers" schreiben wir täglich miteinander. Letzte Woche haben wir dann zum ersten Mal miteinander telefoniert. Ich war natürlich ziemlich aufgeregt, weil ich musste ja dann mit meiner Stimme raus... Das Gespräch ging so tief, das mir am Ende die Knie zitterten. Und das meine ich wirklich wortwörtlich. Nicht nur das ich noch mehr Details aus ihrem Leben erfuhr, sie sagte zu mir auch Dinge wie, das sie trotz meiner Stimme nicht ein Mal im Hinterkopf hatte, nicht mit einer Frau zusprechen. Das nur der Ton etwas tiefer wäre, aber ich mich ansonsten ganz normal anhören würde
Für sie gibt es kein vorher. Sie kennt mich nur als Frau. Und für mich ist es nicht nur die erste Frau zu der ich überhaupt eine Freundschaft aufgebaut hab. Sondern auch die erste als Frau. Ich fühle mich teilweise wie ein kleines Mädchen, da ich auf diesem "Gebiet" ja keine Erfahrungen habe. Nun fühlt man sich passend. Zugehörig. Und damit kenn ich mich nicht aus... Aber da nimmt sie mich ganz gut an die Hand...
Ich bin so tief beeindruckt, das ich es kaum in Worte fassen kann. Niemand hat in so einer Tiefe Zugang zu mir. Schon garnicht in der kurzen Zeit. Dazu schütze ich mich seit meiner ersten Freundschaft eigentlich viel zu gut.
Andersrum geht es ihr übrigens ähnlich. Ich erfahre Dinge aus ihrem Leben, die sie noch nicht mal mit ihrem Mann teilt, bzw. noch nie mit jemandem drüber gesprochen hat.
Es ist, als würden wir uns schon ewig kennen.
Es ist noch nicht mal zwei Wochen her, dass mir dieser "Fehler" passierte. Der beste Fehler meines Lebens. Wir haben inzwischen nicht nur einmal telefoniert. Und wir überlegen schon, wann wir uns denn mal treffen könnten...
Ich schrieb im Titel meine erste Freundin. Was sich natürlich verrückt anhört. Nach noch nicht mal 2 Wochen. Aber ich nehme als "Maß" nicht die Zeit, sondern die Intensität unserer Gespräche.
Es ist wie einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Dem man nichts erklären muss. Der einen einfach versteht. Sie sagt andauernd im richtigen Moment das Richtige. Es ist unglaublich.
Nach fast 42 Jahren habe ich nun einen zweiten Freund gefunden. Doch jetzt brauche ich nichts mehr verstecken. Nun bin ich ich.
Ich habe jetzt eine Freundin. Wahnsinn...
Ich weiß wie sich das anhören muss, wenn man nicht dabei war bzw. ist.
Aber diese Erfahrung haut mich einfach so dermaßen um, davon musste ich euch erzählen
Grüße
die Anja