Huhu Ihr Lieben!
Ich habe eine ganze Weile nichts mehr von mir hier veröffentlicht. Es ist auch einfach gefühlt nichts passiert bis heute...
Eintrag 9: "Du sendest keine eindeutigen Signale!"
Donnerstag 11.04.2019
Gefühle: "wütend"
(20:36:57) ANONYMISIERT: Wie fasst man das zusammen... "die seltsamen Ansichten einer Therapeutin"?
(20:37:05) ANONYMISIERT: Klingt wie ein Buchtitel
Ich komme mir auch gerade so vor wie damals in der Schule beim Lesen eines schlechten Roman, den man nur gerade ließt, weil man in 48h eine Klausur über dieses Buch schreiben muss und man befürchtet der Klappentext und eine notdürftige Zusammenfassung im Internet werden dieses Mal nicht genügen um die Klausur zu bestehen.
Ich hatte heute Therapie.
Eigentlich Tage auf welche ich mich immer freue, denn Therapie bedeutet Fortschritt.
Mein Alltagstest hatte angefangen und die letzte Sitzung war drei Wochen her. (Normalerweise alle vierzehn Tage für zwei Stunden)
Doch die Sitzung hat nicht so geil angefangen.
Frage der Therapeutin:
"Wie ist es Ihnen in der Zwischenzeit ergangen?"
"Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Ich hatte einige negative Erlebnisse aber ich verstehe mich mit meiner Familie jetzt super gut."
"Was waren das für negative Erlebnisse welche Sie begleitet haben?"
Ich erzählte ihr von dem Freund der mir sagte wieso ich nicht einfach nur schwul sein könnte...
Ich das echt scheiße von ihm finde aber ich mit solchen Reaktionen rechnen muss. Und es ja klar war, dass früher oder später mal jemand nicht so geil auf mich reagiert. Das ich bei meinem Alltagstest auch schon von fremden Menschen Reaktionen dieser Art bekommen habe.
"Sie haben also mit dem Alltagstest angefangen?"
"Ja"
"Davon sehe ich nicht viel"
Kleiner Einschub:
Ich trug heute dieses Outfit:
https://mosaic04.ztat.net/vgs/media/pdp ... 1@18.2.jpg
Mit der Ausnahme, dass ich an Stelle der Jacke einen grauen Ziphoody mit roten Akzenten trug, welcher sehr eng geschnitten war und ungefähr bis auf Brusthöhe geschlossen war. Immerhin waren es heute Morgen unter 10 Grad und durch die Häuserschluchten Von Frankfurt zieht ein eisiger Wind. Ich trug einen Push-Up BH darunter und dies war meiner Meinung nach deutlich zu sehen.
Dann noch meine schwarze Cap welche ich Aufgrund meines kargen Haupthaares trage. BB-Cream im Gesicht und am Hals um den Bartschatten immerhin einigermaßen zu kaschieren.
(In Gedanken: EY HALLO?) "Ich bin doch weiblich gekleidet?"
"Das Gesamtbild ist nicht stimmig. Die Jacke, die Mütze. Damit werden die falschen Signale gesendet und dann braucht man sich nicht wundern, wenn man nicht als Frau gelesen wird."
"Aber das ist beides unisex! Nur weil die Mütze jetzt kein weibliches Motiv ziert?"
"Die Mütze im allgemeinen"
"Besser mit Mütze als mit Glatze, das wirkt nämlich noch weniger weiblich!" war da meine erste Reaktion.
"Ach so ist das... Da gibt es doch aber auch andere Wege."
"Natürlich, aber ich möchte keine billige Perücke welche auch als diese erkannt wird auf zwei Meter Entfernung." Dann ein bisschen weiter ausgeholt über Preise, Vorstellungen und welche Erwartungen ich an eine Perücke habe. Das ich mich in einem Fachhandel beraten lassen möchte.
Sie schien es auch soweit zu akzeptieren.
Ich holte weiter aus: "Das Gleiche gilt für die Auswahl meiner Garderobe. Es gibt Vieles was mir gefällt, was mir aber schlichtweg nicht steht. Ich bin geoutet und ich rede mit den Personen darüber die es wissen möchten. Ich platze nicht in einen Raum und rufe:
Schaut her, ich bin Marie!"
"Aber Sie verbessern die Leute, wenn sie mit dem falschen Namen oder Anrede angesprochen werden?"
"Nicht immer, aus Rücksicht."
"Sie müssen darauf bestehen, das ist Teil des Alltagstestes! Es genügt nicht das sie den Menschen erzählen sie sind eine Frau und dann nicht darauf bestehen mit Ihrem neuen Namen angesprochen zu werden."
Ab diesem Punkt fühle ich mich erneut so als ob ich mich rechtfertigen müsse und reagiere deutlich angespannter.
"Ich kann nicht von jeder Person verlangen die mich über Jahre mit meinem gebürtigen Namen angesprochen haben es von Anfang an sofort zu schaffen. Wie soll ich denn Ihrer Meinung nach auftreten? Für die Stimme mache ich bereits mehrfach täglich Lockerungsübungen für die Stimmbänder. An der Stimme an sich möchte ich noch nicht viel ändern, weil ich das mit einer Logopädin zusammen machen möchte um erstens gesundheitlich keine Schäden davon zu tragen und um nichts falsch an trainiertes wieder mühsam ab trainieren zu müssen. Denn die eigene Stimme nimmt man immer anders wahr und ich möchte auch nicht albern künstlich klingen. Aus dem Gleichen Grund als dem ich keine billige Perücke möchte und auch nicht unnatürlich viel Schminke im Gesicht habe. Dann auch noch der Bart, welchen ich täglich über Stunden aus allen möglichen Richtungen rasieren muss, Und sonstige Körperbehaarung, welche ich schon mit rasieren und epilieren bekämpfe."
"Mit Accessoires zum Beispiel. Ich hatte hier vor einiger Zeit einen Trans-Mann, welcher voll geoutet war, auf der Arbeit auch als Mann. Kommt im Anzug von der Arbeit zu mir, und am Handgelenk trägt er eine Damenuhr. Das ist unstimmig und sendet die falschen Signale! Genau wie in Ihrem Fall."
Tut mir echt leid, dass ich nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde...
"Ich hab erst einmal weibliche Klamotten gebraucht um nicht jeden Tag das Gleiche tragen zu müssen. Ich muss zZ aufs Geld achten und daher dauert das Alles seine Zeit."
Kurzes peinliches schweigen. Ich komme mir fast so vor wie auf meinem letzten Date. Verlegen umklammern meine knochigen Finger mein Smartphone und drehen es mehrfach um die eigene Achse... Diese verdammten Hosen haben vorne keine Seckel...
"Und nun?" fragte ich etwas provokant.
"Ich habe einige Fragen an Sie:
1. Haben sie Angst vor der Zukunft?
2. Machen Sie sich häufig Notizen?
3. Was stört Sie an Ihrem Körper?
4. Wenn Sie das Haus verlassen möchten und im Treppenhaus ist eine andere Person, stört es Sie dann wenn Sie an dieser vorbei müssen oder warten Sie gar bis diese verschwunden ist?"
5. Spielen sie aus Nervosität häufig mit den Ärmeln ihrer Kleidung oder ähnlichem?
Die Fragen mit jeweiligen Antworten wurden einzeln gestellt, nur hier jetzt so aufgeschrieben. Die Reihenfolge könnte auch anders gewesen sein.
Zu 1. Angst nicht, gesunden Respekt. Wer kann schon sagen was die Zukunft bringt? Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Was schlecht laufen könnte, welche Situationen mir Unbehagen bereiten könnten und so weiter. Ich versuche mich da nicht verrückt zu machen und nehme jeden Tag wie er kommt. Auch versuche ich mich an den positiven Ereignissen zu orientieren. Sei es jede noch so kleine positive Veränderung an mir oder meinem Umfeld.
Zu 2. Ich würde sagen ja. Ich habe mir angewöhnt in Telefonaten z.B. Notizen zu machen um auch nach einigen Tagen noch zu wissen wie die Person hieß mit der ich gesprochen habe und was sie mir gesagt hat.
Allgemein schreibe ich mir wichtige Sachen auf, verinnerliche diese dann aber im Anschluss, dass ich diese nicht mehr wirklich brauche. Ich habe mich im Studium daran gewöhnt regelmäßig Notizen zu machen. Ob ich diese dann brauche oder nicht.
Zu 3. Abgesehen davon das er männlich ist, die Tatsache mit den Haaren.
Zu 4. Nein, ist mir völlig egal. Ich bin geoutet, ich kann mich schlecht für immer verstecken! (Zwischenfrage von ihr:
"Möchten Sie das denn?") Nein, ganz und gar nicht. Es gibt Leute denen ich nicht so gerne Begegne, aber das lässt sich nicht immer vermeiden. Aber so ist das im Leben doch immer. Wenn man jemanden nicht mag, möchte man diesen auch nicht begegnen.
Zu 5. Oh ja, das hilft mir stressigen Situationen. Dann reibe ich mir im sitzen über die Oberschenkel oder Knie, spiele an einem Bändel meiner Pullis, und so weiter. Aus diesem Grund habe ich bei Präsentationen auch immer irgendetwas in der Hand. Karteikarten z.B. Dabei ist es irrelevant ob dort tatsächlich Notizen drauf stehen oder ein Reminder mit "Lächeln nicht vergessen!"
Wenn die Hände etwas haben wo sie sich dran festhalten können, dann bleiben sie ruhig.
"So wie jetzt gerade?"
Die Hose hat vorne keine richtigen Seckel. Also halte ich es in den Händen. Dann laufe ich auch nicht Gefahr es zu vergessen.
Das wars im Groben auch schon.
Ich habe von ihr noch ein schreiben bekommen.
...In meiner Praxis hat sich am heutigen Tag *Vorname* (künftig: Marie) *Nachname*, geb. am *Geburtsdatum* zu einer Sitzung von 11 bis 13 Uhr befunden...
Bin mal gespannt wie die morgen beim Jobcenter darauf reagieren. Da ich dort noch kein Einzel-Beratungsgespräch hatte, bin ich dort nicht wirklich geoutet und mein auftreten dort ist auch eher androgyn.
Ich erzählte noch, das sich einen Job zur Überbrückung in Aussicht habe und nur noch Bewerbungsfotos machen werde, dafür morgen den ersten Frisörtermin seit gut vier Jahren habe.
"Wieso möchten Sie sich die Haare schneiden lassen, die sind doch schon so kurz?" Ich antwortete, dass ich ja wenigstens einen Schnitt haben sollte wenns um Bewerbungsfotos geht. Die Haare wachsen seit Anfang Februar einfach nur von 0 auf die aktuellen 2-3cm. Ihr Antwort darauf nur: "Hoffentlich ein weiblicher Haarschnitt!" Ich sagte, dass die Haare erst seit zwei Monaten wieder wachsen, wie man denn aus dieser Länge mit den lichten Stellen oben eine weibliche Frisur erzielen möchte? Außerdem bewerbe ich mich erst einmal männlich und werde dann im Gespräch mit dem zukünftigen Chef darüber reden.
"Das müssen sie unbedingt, das wäre ja auch ein Kündigungsgrund wenn Sie das vorenthalten und es im Nachhinein erst erzählen!"
"Ich glaube den meisten Vorgesetzten ist das herzlich egal, solange die Arbeit gewissenhaft erledigt wird. Außerdem möchte ich ja nichts verheimlichen.
Ist halt blöd ohne Ergänzungsausweis und wenn alle Zeugnisse auf meinen männlichen Namen ausgestellt sind usw. Niemand möchte unnötig lange und komplizierte Erklärungsversuche in einem Bewerbungsschreiben lesen müssen. Das erklärt man bei dem aktuellen Fortschritt wie ich ihn habe persönlich.
Dann weiß ich auch sofort wo ich stehe und kann nicht im Vorfeld aussortiert werden.
Ein neuer Termin wurde vereinbart. Wieder in drei Wochen, weil ich ja aktuell vormittags nicht mehr kann.
Ende Eintrag 9
Ich weiß nicht mehr weiter. Ich fühle mich nicht mehr so wohl in der Therapie. Zieh ich das jetzt einfach durch bis zur Indikation und am spätestens Januar bin ich eh umgezogen. Vermutlich bin ich auch einfach nur gefrustet, weil ich gefühlt keinen Progress habe und ich scheinbar andere Ansichten habe als meine Therapeutin.
Ich habe mir schon mehrfach Gedanken über Selbstmedikation gemacht, einfach um nicht als weiter zeit zu vergeuden. Ich war der Meinung ein Monat Alltagstest sei vorbei, laut ihrer Definition hat er noch nicht mal richtig angefangen... Januar 2020 wollte ich anfangen bei meinem Kumpel zu arbeiten, bis dahin wollte ich wenigstens kleinere Fortschritte verbuchen können...
Abgesehen davon, dass ich vor Selbstmedikation gerade viel zu sehr Angst habe, meinem Körper zu schaden, wegen für meine ziele weniger geeignete Wirkstoffen oder weil die medizinische Voruntersuchung und Betreuung fehlt.
Welche Auswirkungen kann das auf den regulären Start der HRT haben?
Muss ich mit Konsequenten zwecks Kostenübernahme rechnen, wenn ich selber schon was gemacht habe? Kann der Endo sich weigern auf dieser Basis weiter zu machen?
Ich habe auch höllischen Respekt vor Blockern. Mit meinem mentalen Zustand Anfang des Jahres sollte ich nicht zu leichtfertig umgehen...
HILFE!
