Hallo Ihr lieben,
der Titel lässt es schon vermuten.
Ich habe eeeeendlich mit meinen Eltern darüber gesprochen.
Eintag 6: "Ihr habt jetzt eine Tochter!"
Samstag 09.03.2019
Gefühle: Glücklich
Wie beim letzten Mal habe ich mich nach meiner zweistündigen Therapiesitzung mit einer Freundin getroffen.
Unser Thema war: "Ich muss es endlich meinen Eltern sagen. Ich habe das Gefühl nicht weiter zu kommen bevor ich das nicht hinter mich gebracht habe"
Und sie nahm mich an die Hand und sagte: "Wir machen es jetzt einfach!"
Noch bevor ich eine Ausrede finden konnte, standen wir bei meinen Eltern vor der Haustür.
Meine Eltern saßen im Wohnzimmer, sie wussten das ich zur Therapie war, aber sie kannten nicht den Grund.
Ich bat sie den Fernseher auszuschalten, da ich ihnen etwas wichtiges mitteilen möchte.
Und so fing ich an zu erzählen"¦
"Ihr wisst, dass ich mich zur Zeit in Therapie befinde. Grund dafür ist nicht das abgebrochene Studium, sondern das Abbrechen des Studiums ist eine Reaktion dessen.
Ich wollte es euch schon sehr lange sagen, aber ich konnte es einfach nicht. Und lasst mich bitte erst einmal ausreden."
Ich erzählte ihnen, dass ich mich nie wirklich als Mann gefühlt habe, als Kind aber nicht wusste was das bedeutet.
Und als ich älter wurde hatte ich Angst davor, wollte es verdrängen und habe es auch mehrfach über teilweise längere Zeit geschafft.
Aber es würde jetzt nicht mehr funktionieren. Ich muss das jetzt regeln, sonst würde ich mein Leben niemals regeln können"¦
Meine Mutter heulte als erstes. "Wie konnten wir das nicht bemerken?" Mein Vater etwas später, weil er mir etwas erzählte, was ihn selber seit Jahren sehr belastet. Ich konnte ihm aber versichern, dass mir dieses Ereignis nichts ausgemacht hatte, weil er sich sofort danach entschuldigt hatte und damals auch sagte es nie so gewollt zu haben.
Es war für mich nie eine große Sache und ich wusste nicht, dass ihn das all die Jahre selber so belastet hatte.
Ich war damals noch ein Kind im Grundschulalter. Wir waren in Kroatien im Urlaub. "Verwandtschaft besuchen" ist da der passendere Begriff. Wir machten Pause an der Küste, mitten im nirgendwo. Ich war schon immer fasziniert vom Meer, und so kletterte ich etwas die Felsen runter, damit ich am Ufer sitzen konnte. Die Wellen rauschten und ich warf Stöckchen ins Wasser und schaute zu wie die Wellen sie hin und her schaukelten. Meine Eltern wollten weiter fahren und haben mich gerufen. Beim ersten Mal hörte ich sie und sagte nur ich würde gleich kommen. Die weiteren Rufe hörte ich nicht mehr, dafür war die Brandung zu stark.
Als ich mich schließlich umdrehte und hinaufgeklettert war, waren meine Eltern und mein Bruder nicht mehr da. Das Auto war weg. Weit und breit niemand zu sehen. Da stand ich also in einem Land dessen Sprache ich (leider noch immer) nicht spreche, ganz alleine. Sie haben mich vergessen!
Dem war aber nicht so. Sie wollten nur 100m weiter fahren um zu drehen, aber dort konnte man nicht wirklich wenden Und so mussten sie ein ganz schönes Stückchen fahren bis sie endlich zu mir zurück fahren konnten. Ich saß da auf einem Stein und wartete darauf das sie zurück kommen. Und das Taten sie auch. Es waren fünf Minuten maximal. Mir ist es wie eine Stunde vorgekommen und meinen Eltern wie eine Ewigkeit. Sie haben mehr geheult als ich. Und das noch über Stunden. Für mich war das Thema eigentlich erledigt als sie meinten es sei nicht so gemeint gewesen, sie wissen selber nicht was sie sich dabei gedacht hätten.
Das ist über zwanzig Jahre her und mein Vater hat wohl immer noch Albträume deswegen"¦
Als er das erzählte musste ich dann auch heulen, und dabei habe ich so tapfer durchgehalten bis zu diesem Zeitpunkt"¦
Meine Freundin verabschiedete sich und wir redeten noch über zwei Stunden.
Und dann passierte das was ich in so vielen Erzählungen bereits gehört und gelesen habe.
"Als wir damals die Mädchensachen bei dir gefunden haben hätten wir es wissen müssen!"
"Du hast dich all die ganzen Jahre nicht getraut es uns zu sagen? Waren wir denn so schlechte Eltern?"
Ich musste dann erst wieder eine halbe Stunde beteuern, dass sie keine schlechten Eltern waren und sie sich auf keinen Fall Vorwürfe machen brauchen, denn ich habe selber mein ganzes bisheriges Leben gebraucht um es zu verstehen und es zu akzeptieren.
Und das ich mich über die Jahre nur immer mehr verunsichert habe.
Und jetzt kommt es.
Ich habe noch gar nicht erzählt. Was für Pläne ich habe. Aber meine Mutter dann auf einmal: "Ja und wie möchtest du das jetzt machen? Hormone, dich "umoperierten" lassen? Ich habe da letztens erst etwas darüber im Fernsehen gesehen. Ich fand das sehr interessant was es da für Möglichkeiten gibt." Auch sie frage ob ich denn schon einen Namen hätte.
Ich versicherte ihr erst einmal, dass da so schnell nichts passieren würde. Ich das aber schon anstrebe. Aber auch nicht sagen kann wann, wie, was und wo.
Und das ich zwei Namen in der engeren Wahl habe, ihnen aber auch die Möglichkeit geben wollte einen Vorschlag zu machen. Mein Vater meinte darauf hin, dass sei lieb, aber sie haben sich nie Gedanken darüber gemacht wie ich geheißen hätte wenn ich biologisch als Mädchen auf die Welt gekommen wäre.
Es viel die weibliche Version meines Namens und ich war wenig begeistert. Also erzählte ich ihnen von meinen beiden Favoriten.
Marie und Hannah.
Ihnen gefallen beide Namen, meiner Mutter gefällt Marie besser, weil es von Maria kommt.
Damit heiße ich dann wohl jetzt Marie. Inoffiziell fürs Erste. Aber so wird es nicht bleiben!
Und wenn aus der Familie irgendjemand ein Problem damit haben sollte, dann werden sie gemeinsam mit mir in Zukunft Familienfeiern meiden.
Meine Eltern werden mich bei allem unterstützen, finanziell ist das zur Zeit nur nicht möglich. Und sie werden mir aber auch sagen wenn sie bei irgendetwas ein schlechtes Gefühl haben.
Eigentlich müsste ich über glücklich sein. An diesem Donnerstag Abend war ich es auch. So sehr, dass ich vor Freude fast nicht schlafen konnte. Aber die Freude ist ein wenig getrübt.
Denn meine Therapeutin meinte ich müsste mit dem Alltagstest beginnen, dann kann ich nach frühestens drei Monaten mit eine Indikation rechnen, wenn alles gut läuft.
Ich weiß nicht wieso mir das solche Schwierigkeiten bereitet"¦
Ich bin mittlerweile bei so vielen Leuten geoutet.
Es gibt eigentlich nichts was ich lieber machen würde als meine Maske endlich ablegen zu können.
Aber ich bin noch nicht so weit"¦ Ich hatte mir das anders vorgestellt.
Ein schleichender Prozess, welcher es mir und den Menschen mit denen ich häufig in Kontakt gerate einfacher macht.
Immerhin war ich bis vor einigen Wochen noch der Holzfäller.
Meine Statur ist nicht sonderlich männlich. Und sieben Semester Studium aka Bewegungsmangel haben auch die wenigen Muskeln die ich mir vorher hart aufbauen musste schlaff werden lassen.
Aber zwei große Probleme habe ich, welche mein Selbstvertrauen so stark mindern. Die fehlenden Haare auf dem Kopf und die dafür um so ausgeprägtere Körperbehaarung.
Zweites muss jetzt schnellst möglich weg. Auf dem Kopf kann nur noch ein Wunder helfen.
Im Oktober letzten Jahres habe ich sämtliche weiblichen Klamotten weggeschmissen. Ein Akt der Verzweiflung"¦ Ein einziges eher unauffälliges Shirt habe ich noch. Weder Accessoires noch Make-Up.
Kontostand sagt NEIN! Ein Start für den Alltagstest wird sich daher noch verschieben. Und ich möchte eigentlich schnellst möglich anfangen, denn da wäre ja noch das Jobangebot. Natürlich hab ich noch gut ein bis zwei Jahre Zeit. Aber ewig möchte mein Kumpel da auch nicht warten müssen.
Weiblich gekleidet fühle ich mich sehr wohl, aber ich bin noch nicht bereit so von 0 auf 180-° mein Leben umzustellen. Mental betrachte ich das als Folter. Ich habe nicht das nötige Selbstvertrauen um in den meisten alltäglichen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Und wenn mir mal jemand dumm kommen sollte, dann würde mich das sehr belasten.
Meine beste Freundin hat mir angeboten mit mir zusammen shoppen zu gehen und dann erst mal zu Hause bei ihr zum Essen eingeladen werde.
Ihr Mann weiß ja bereits Bescheid und die Kinder können dann auch ihre kritische Meinung abgeben.
zZ mache ich Stimmübungen und habe auch schon mehrere Make-Up-Tutorials gesehen. Zwar konnte ich nicht selber probieren. Aber besser als gar nichts.
Ich hoffe ich kann da mit meiner Therapeutin noch mal in ruhe drüber reden. Das ich gerne einen geschmeidigen Übergang vorziehen würde.
Ich wäre jedenfalls sehr dankbar über Ratschläge. Wie kann ich den Alltagstest am besten machen, wenn mein Umfeld nicht schon über einen langen Zeitraum sensibilisiert wurde?
Weil bis jetzt waren doch alle Reaktionen immer gleich. "Ich hatte keine Ahnung, dass"¦"
Ende Eintrag 6
Danke fürs Lesen!
