Liebe Laura,
mir wurde durch meinen "Begleiter" gesagt, dass der "Alltagstest" eine Sache der Vergangenheit sei und von ihm nicht gefordert werde. Ich selbst hatte auch eine große Aversion gegen diese von mir als "Vogelscheuchenjahr" gebrandmarkte Phase.
Aber von meiner jetzigen Warte aus kann ich sehr empfehlen, so eine Erfahrung mit in den Weg einzubauen. Nicht als von anderen geforderte Zwangsmaßnahme, sondern als Möglichkeit, Erfahrungen mit sich selbst und mit anderen zu sammeln.
Obendrein solltest Du Dich fragen, wie Du zu Dir stehst und was Du von Deiner weiteren (medizinischen) Entwicklung eigentlich erwartest: Sicherlich wird sich Dein Körper unter dem Einfluss von Hormonen noch verändern und als jungem Menschen dürften da viel offenere Wege vor Dir liegen als vor mir alter Schachtel, doch diese Veränderungen brauchen nicht nur einiges an Zeit, sondern sind obendrein kein Zauberspruch. Ziel der Begleitung auf Deinem Weg sollte auch sein, dass Du Dein inneres, empfundenes Ich so weit akzeptierst und nach draußen bringst, dass Du im Reinen mit Dir selbst bist. Ein Blick in den Spiegel solltest Du mit einem "das bin ich!" quittieren können und nicht mit einem "bäh, man in drag

". Bei mir hat es viele Wochen, eher einige Monate gedauert, doch irgendwann ging es lediglich darum so wahrgenommen zu werden, wie ich mich sehe und empfinde.
Ich selbst hatte dann eine mehrwöchige Phase dazu genutzt, mein Ich zu zeigen, 24x7. Zwar hatte ich bereits alle Freigaben für die Hormonbehandlung, jedoch noch nicht damit gestartet. Es waren die bislang schönsten Wochen für mich: Im Kopf frei, garantiert unbeeinflusst von Chemie, einfach nur *ich*. Und um am Ende der Wochen festzustellen, diesen Weg nicht weiter beschreiten zu können: Ich lebe mit der Liebe meines Lebens zusammen und ich musste mit ansehen, dass dieser Mensch daran zerbrach - ein solches Leid will und darf ich nicht verursachen. Vollbremsung. Seitdem kämpfe ich darum, irgendwie ein Leben zu erreichen, in dem ich zumindest bestehen kann.
Sicherlich ein krasser Fall, doch auch das war ein Ziel des Alltagstest: Erkennen, wie man selbst mit der neuen Situation umgehen kann. Und zwar auch dann, wenn die Medikamente (oder andere, z. B. chirurgische Maßnahmen) nicht den magischen Erfolg in der Außenwirkung bringen.
Als ich meinen Weg anfing, war die Bedeutung des häufig wiederholten Rates "nimm' Dir Zeit" ganz anders besetzt als jetzt, quasi retrospektiv: Die Zeit ist das wesentliche Medikament, das Dich auf Deinem Weg voran bringt und Deine persönliche Entwicklung überhaupt erst ermöglicht. Nach rund einem Jahr auf dem Weg, selbst in großer Erwartung der Umstellung auf "Vollzeit", hatte ich rückblickend die vorher als lang empfundene Zeit als sehr wichtig für meine persönliche Weiterentwicklung erkannt.
Auf den Unterton "was erwartet der Psychologe von mir" möchte ich hier gar nicht näher eingehen, weil eine solche Erwartungshaltung nicht existieren darf, von keiner der beiden Seiten.
Liebe Grüße
Jackie
Today is the first day of the rest of my... forget it.