Hallo Nicole,Nicole Doll hat geschrieben: Do 24. Jan 2019, 13:28 Du sprichst mir aus dem Herzen. Bei mir waren es Schule, Ausbildung und schließlich mein Beruf als Ingenieur.
in einigen Teilen Deines Betrages stimme ich mit DIr völlig überein. Dazu muss ich jetzt aber etwas weiter ausholen, warum ich mich anders als Du entschieden hätte.
Als Kleinkind mochte ich meinen 'Schnipsel' nicht, versteckte ihn zwischen den Beinen wenn ich nackt war. Das ist meine früheste Kindheitserinnerung. Und da kannte ich mit Sicherheit noch nicht den prägnantesten äußerlichen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Ich war mit Abstand das jüngste Kind meiner Eltern, die ich als erzkatholisch und sehr konservativ beschreiben würde, dazu hatte ich zwei deutlich ältere Brüder. Ich war nicht so sehr das 'Nesthäkchen', wohl eher ein 'Betriebsunfall'. Auch Jahre später erzählten meine Eltern immer noch - auch in meinem Beisein - dass sie sich als drittes Kind (wenn schon denn schon) ein Mädchen gewünscht hätten. Lt. den späteren Erzählungen bezeichneten mich meine Brüder gern als 'Familienstörer', da kleine Kinder mehr Aufmerksamkeit erfordern und manchmal auch wirklich nervig und penetrant sein können. So richtig geliebt und gemochte fühlte ich mich damals schon nicht. Im wahrsten Sinne des Wortes war ich das fünfte Rad am Wagen.
Vor der Pubertät verbrachte ich die Sommerferien (damals noch Volksschule, heute Grundschule) bei meiner Oma. Sie war es, die mir eine der damals gerade auf den Markt gekommenen Feinstrumpfhosen spendierte. Ich war fasziniert von diesem wundervollen Kleidungsstück, kannte es nur aus der damaligen Fernsehwerbung (Nur Die?). Natürlich hatte ich längst schon in Mutters Schrank gestöbert und Hüfthalter und Nylonstrümpfe anprobiert und mich dabei auf unerklärliche Weise sehr gut gefühlt. In der Zeit der Pubertät brach 'es' voll aus. Im Kellerraum der Mieterin hatte ich einen großen Karton mit Damenober- und -unterbekleidung entdeckt. Ich bediente mich immer wieder daraus, verwandelte mich abends in ein Mädchen. Da ich damals ein Zimmer im Souterrain hatte war es ein leichtes Unterfangen. Im Kellerflur stand ein großer Garderobenspiegel in dem ich mich immer wieder betrachtete. Sexuelle Erregung war nicht der Hauptgrund, aber natürlich spielte sie mit hinein. Gelegentlich befriedigte ich mich bei meinem Anblick selbst um das ungeliebte Geschlechtsteil wieder 'klein zu kriegen', behielt danach die weibliche Bekleidung aber an, war allein glücklich mit mir in meinem gemütlichen Zimmer oder ging spät abends noch spazieren oder fuhr als Mädel mit meinem Mofa herum. Trotz des immer wiederkehrenden schlechten Gewissens etwas falsches zu tun war es für mich eine schöne Zeit.
Bei dem Wissen von heute und natürlich den medizinischen Möglichkeiten hätte ich Himmel und Erde in Bewegung gesetzt um ein 'richtiges' Mädchen zu werden. Ich habe mein 'Mann-Sein' nie akzeptiert, war und bin immer noch unglücklich mit meinem biologischen Geschlecht. Aber damals sich offenbaren? Das war in meinen Augen unmöglich. Ich wäre das Gespött des ganzen Ortes geworden und man hätte mich vermutlich in eine Nervenheilanstalt eingewiesen um mich auf den 'rechten Pfad' zurückzubringen. Weder Wissenschaft noch Gesellschaft waren bereit für eine Transition wie sie heute möglich ist. Ich kann mich daran erinnern, dass damals nur die Möglichkeit bestand sich in Casablanca 'zur Frau operieren' lassen konnte. Es sollte 10.000 DM kosten. Woher sollte ich das Geld für Reise und Operation nehmen? Ein Ding der Unmöglichkeit.
An uns zwei beiden kann man sehr schön feststellen, das wir recht ähnliche Biografien haben, aber uns unterschiedlich entschieden hätten. Das ist einfach so und sollte man akzeptieren können.
Ich wäre als Frau bestimmt glücklich geworden und hätte ein erfülltes Leben gehabt, aber ich verstehe auch, dass man sehr vorsichtig damit sein muss einen unumkehrbaren Weg einzuschlagen.
Eben noch einmal Google befragt und einen Artikel aus dem Jahr 1966 gefunden - nicht uninteressant um die Sicht auf die damalige Zeit zu schärfen. Ob ich ihn damals gelesen habe weiß ich nicht mehr, allerdings hatte mein Vater den Spiegel abonniert und ich blätterte regelmäßig darin, verstand aber nicht viel von dem was da geschrieben wurde.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46414609.html
A.
