Teil 2 Kap. 13: "It Takes 2 To Tango"
'It takes two to tango' ist ein amerikanischer Schlager aus den 50er Jahren, geschrieben von Al Hoffman im Jahr 1952. Dass man zum Tangotanzen zu zweit sein muss, ist einfach zu verstehen und hat auch eine übertragene Bedeutung, die dann auch schnell in den Volksmund überging, sozusagen als Sprichwort. Populäre Politiker haben diesen Spruch oft benutzt, z. B. Ronald Reagan hat das gesagt, als er in den 80er Jahren die Bereitschaft der Russen und besonders Gorbatschows anmahnte, nun auch wirklich richtig mitzumachen bei der weltweiten Abrüstung von Atomwaffen. Inzwischen findet man das Sprichwort sogar schon in Wikipedia. Was es sagen will? Nun im Grunde eine simple Wahrheit, dass es eben ein paar Dinge im Leben gibt, die nur zu zweit richtig Spaß machen, oder andersrum, die man nur zu zweien richtig hinkriegt.
Stimmt ja auch: Tango allein sieht irgendwie komisch aus.
Valerie war als Tänzerin bisher eher eine Solonummer gewesen, also hatte sie den Tango nicht so sehr gut drauf. Sie tanzte zwar ausgesprochen gerne (ich erinnere an ihre Frankfurter Abenteuer damals mit ihrem Karl-Heinz dort in diesem Tanzschuppen namens TRAVOLTA). Jedoch hatte sie die weiblichen Schritte bei den Standardtänzen nicht so gut drauf, dass sie jetzt, seit sie praktisch permanent en femme war, bei jeder Tanzerei sofort mitgemacht hätte.
Gut, sie ließ sich bei Gelegenheit auch mal von einem Mann auffordern, wenn der ein guter Tänzer war. Besonders, wenn sie bei einem Mann dann das Gefühl hatte: Der kann mich gut führen, dann fiel ihr der weibliche Part beim Paartanz leicht, sie ließ sich dann sozusagen "fallen", gab sich dem Takt und Rhythmus hin und folgte nur den Bewegungen ihres Partners. Am liebsten aber war ihr nach wie vor das Solotanzen, dann konnte sie wirklich alles um sich herum ausblenden und bewegte sich nur noch mit und "in" der Musik
Seit ein paar Wochen war sie nun schon in Narbonne. Sie lebte in der ganzen Zeit noch im Hotel und quasi aus dem Koffer. Kleider hatte sie eigentlich wenig dabei. Deshalb war sie auch nicht sofort hundert Prozent glücklich, als Delphine mit der Idee auf sie zukam, die beiden abends mal zum Tanzen zu begleiten. Es gab da dieses angesagte Szenelokal in der Narbonner Altstadt direkt an den Kais des Canal du Midi, die hatten Freitag abends gelegentlich Tanz, und speziell an diesem Abend stand eben Tango auf dem Programm.
"Soirée dansante, Tango argentine" war auf einem Schild vor dem Lokal zu lesen.
Natürlich kam bei Valerie sofort die Überlegung auf, was sie anziehen sollte, sie überlegte hin und her, und wollte den Gedanken dann schon wieder fallenlassen, denn eigentlich hatte sie ja "nichts". Aber klar, das waren nur kleine Ausflüchte, und sie kamen eher aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus. Denn schließlich siegte die Neugier und die Lust auf ein Abenteuer und sie sagte zu. Ja, sie ginge mit und sie würde sich auch freuen.
Alain und Delphine holten sie um neun Uhr abends mit ihrem Auto am Hoteleingang ab. Valerie hatte sich richtig hübsch gemacht, gemessen an den etwas begrenzten Möglichkeiten ihres Kleiderschranks sah sie mit dem engen schwarzen Rock und der taillierten Bluse sogar ganz knackig aus. Dazu trug sie nach einiger zeit auch mal wieder "Abendschuhe" mit hohen Absätzen und auch Lippenstift, und zwar einen tief dunkelroten, burgunderroten. Ein Rot, das tagsüber zu knallig war, aber im gedämpften Schummerlicht eines Tanzlokals gerade richtig. Die drei nahmen an einem der reservierten Tische Platz, im Restaurant war schon reichlich Betrieb, aber die Tanzfläche, die eigentlich eine Terrasse war, die zum Kanalufer hinausführte, war zwar schön beleuchtet, aber noch leer, sozusagen tote Hose. Auch die Kapelle war noch nicht am Platz, es gab nur leise Hintergrunds-Musik aus der Musicbox, ansonsten rannten nur die Kellner durchs Lokal.
An dem Abend lief ihr Thierry zum ersten mal über den Weg. Oder Maitre Elouard, wie sein richtiger Name war. Der Ausdruck "über den Weg laufen" ist eigentlich nicht richtig gewählt, denn Thierry kam schnurstracks auf ihren Tisch zu, nachdem er ihre Freunde erkannt und ihren zugewinkt hatte. Offenbar kannte er Alain und Delphine gut.
"Salut les amis. Quelle belle surprise de vous voir ici" (seid gegrüßt Freunde, welch schöne Überraschung, euch hier zu sehen)
sagte er zu den beiden, aber dabei waren seine Augen nur an Valerie dran.
Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu den Dreien, ganz locker, einfach so.
"Darf ich mich zu euch setzen? Ich bin alleine hier, ich wollte eigentlich nur ein wenig zuschauen, weil heute abend Tango getanzt wird", sagte er deutete mit einer Hand auf das Tanzparkett.
Valerie wurde vorgestellt, als eine liebe Kollegin aus dem deutschen Partnerbüro, die gerade hier sei, um unser Geschäft aufzumischen, sagte Delphine im Scherz. Alles lachte, aber Valerie korrigierte sie sofort, nein, sie käme mit dem Auftrag, das wunderschöne Languedoc noch populärer zu machen, als es eh' schon sei, gerade für deutsche Feriengäste.
"Alors on travaille dans la meme Branche" (also arbeiten wir in derselben Branche) , sagte Thierry.
Und in dem Blick, mit dem er Valerie musterte, nahm sie so etwas wahr wie Akzeptanz und Anerkennung, aber auch noch etwas anderes, das nicht sofort zuordnen konnte.
Valerie nickte, trotzdem hatte sie ihn nicht ganz verstanden.
Ja, das sei so, sagte Thierry: Er sei ebenfalls im Immobiliengeschäft, obwohl er eigentlich ein Notar sei, gleichzeitig aber auch Immobilienmakler, in Frankreich sei das so geregelt, da makeln die Notare auch mit. Im Übrigen liege sein Büro gleich hier in der rue Gambetta, gar nicht weit von hier, quasi um die Ecke. Kein Wunder, dass man sich über den Weg läuft. Nabonne ist klein, man trifft sich oft. Aber Konkurrenz? nein, Konkurrenz sei man nicht.
"Wir arbeiten doch schließlich alle im gleichen Business, claro?"
"Alors, je m'appelle maitre Thierry Elouard, et mon étude se trouve 6 rue Gambetta, ici à Narbonne"
Ohoo, ein Notar, ein maitre, ein Jurist, ein hohes Tier also, dachte Valerie bei sich im Stillen. Aber so jung und bereits ein eigenes Notariat, kann das sein?
Und während man seinen Aperitif nahm und Smalltalk plauderte, nahm sie ihn näher in Blick. Ein wirklich gutaussehender Mann, Schlank, nicht groß, aber drahtig, sportlich. Teurer dunkler Anzug, feinstes Tuch, teure Lederschuhe. Nein, einen Notar hatte sie sich immer älter vorgestellt. Hier auf dem Stuhl ihr gegenüber saß ein gutaussehender Mittdreißiger. Dann korrigierte sie sich: 35 reichte nicht aus, vielleicht wäre er doch schon ein wenig über vierzig, der maitre, das könnte schon sein, ja, das würde besser passen.
Valerie zupfte unwillkürlich an ihrer Bluse herum und auch am Rocksaum. Zeigte sie vielleicht zu viel Bein? Und ob sie vielleicht draußen ihr Makeup nochmals kontrollieren sollte? Solche Gedanken halt.
Die vier bestellten ihre Essen, das heute Abend nur ein kleines Menü war. Dann erhob sich Delphine, entschuldigte sich kurz bei den Männern und wollte zur Toilette, dabei zupfte sie Valerie im Vorbeigehen am Ärmel und bedeutete ihr unmerklich, mitzukommen. Draußen, bei den "Damen", hielt sie sie an beiden Armen und musste ihr sofort alles über den Maitre erzählen. Wow, welch nette Überraschung, DEN hier zu sehen. Ja, der Maitre sei eine Art Geschäftsfreund, aber natürlich ist dieses Büro, das der da hat, eine andere Klasse als unser Büro, gegen den seien sie und Alain nur kleine Fische.
Ja, und die Elouards gehörten zu den "alten Familien" hier in Narbonne, und ahhhmm, außerdem...
außerdem ist er auch noch unverheiratet, der Maitre. Delphine schaute Valerie genau in die Augen, als sie das sagte:
"Il est célibataire, le maitre".
Soviel für heute, Fortsetzung in einer Woche, hier in diesem Theater .
Lieben Gruß,
Valerie
