Hallo zusammen,
die Diskussion um den Umgang miteinander hier im Forum gab's ja schon öfter. Schadet aber nicht, weil hin und wieder weht schon ein rauheres Lüftchen durch die Threads.
Um aber mal auch eine andere Facette einzubringen, spiel ich ein wenig die advocata diaboli.
Betonen möchte ich, dass sich meine Gedanken nicht auf konkrete Personen hier im Forum beziehen, ich möchte schlicht ein paar Erfahrungen schildern, die ich sowohl virtuell als auch real gemacht habe und darlegen, wie ich damit umgehe.
1. Nicht alles was auf den ersten Blick verletzend klingt, ist auch so gemeint. Manchmal drückt sich einfach jemand in der Emotion der Diskussion unglücklich aus, ohne tatsächlich gleich den anderen (persönlich) angreifen zu wollen. Oft scheitert es aber auch daran, dass der Rezipient nicht in der Lage ist, sinnerfassend zu lesen oder den Text im gegebenen Kontext richtig zu verstehen. Sei dies nun, weil der Text zu kompliziert (um nicht zu sagen verschwurbelt) formuliert ist, oder man vielleicht in Zeitnot ist und einen längeren Text eher überfliegt, denn ihn richtig zu lesen (geht mir selbst oft so). Grundsätzlich nicht sinnerfassend lesen zu können, würde ich hier wohl niemand unterstellen.
Fühle ich mich also durch ein Posting (persönlich) angegriffen, lese ich es zunächst nochmals ganz genau, und zwar samt einem vielleicht im Text zitierten (Vor)Posting bzw. den letzten Beiträgen vor dem Posting. Da klärt sich dann schon Manches auf und ein vermeintlicher "Angriff" bekommt plötzlich eine andere Bedeutung. Auch finde ich die an sich selbst gerichtete Frage, ob man nicht zuvor selbst provoziert hat, angebracht. Selber versuche ich beim Schreiben (auf Kosten der Kürze des Textes) relativ genau zu erklären, was ich meine, weil den Lesern im Forum ja Mimik, Gestik usw. nicht zur Verfügung stehen und sie damit vielleicht eine für mich offenkundige Ironie oder eine Aussage mit Augenzwinkern nicht erkennen können. Da schadet oft auch ein Emoji nicht.
Bin ich nach diesen Überlegungen immer noch der Meinung, ich sei (auch) persönlich und nicht (nur) thematisch angegriffen worden, kläre ich das lieber per PN als im laufenden Thread, um nicht das Thema zu kapern und eine Eskalation zu vermeiden. Auch sind die Leute in der Regel auf privater Ebene leichter für Kritik empfänglich, als bei einem coram publico geführten Konter.
2. Ich bin grundsätzlich vorsichtig bei Leuten, die sich selbst als überaus kritikfähig bezeichnen. Oft hört man Sätze wie: "Ich möchte, dass mir die Leute aufrichtig die Meinung ins Gesicht sagen, anstatt hinter meinem Rücken zu reden." etc. Offenheit und Ehrlichkeit sind die vielfach eingeforderten Eigenschaften. Tut man oder ist man dies dann (höflich), wird häufig schnell klar, dass es mit der Kritikfähigkeit nicht weit her ist. Statt die Kritik zunächst einmal zu reflektieren, wird sofort - quasi aus der Hüfte - contra gegeben und in den Verteidigungsmodus geschalten. Da ist es dann nicht mehr weit bis die "Diskussion" auf der persönlichen Ebene landet, eskaliert und (oft zusätzlich) am eigentlichen Thema vorbeigeht. Witzig ist dabei, dass oft genau jene am zartesten besaitet und schnell beleidigt sind, die selbst gerne mal krätig austeilen.
3. Ich "streite" nicht im (ersten) Zorn - eine Eigenschaft, die meine Frau mitunter auf die Palme bringt. Wut und Zorn sind für mich schlechte Ratgeber. Hab ich erstmal ein wenig "ausgedampft" und mich in Ruhe gefragt, ob der Andere nicht vielleicht (auch ein wenig

) recht hat, kann ich ein kontroverses Thema viel konstruktiver angehen. War's tatsächlich ein Untergriff, ist zumindest die Gefahr, mich auf dasselbe Niveau zu begeben, deutlich geringer. Schafft man es, dem ersten "Beißreflex" zu wiederstehen, kommt im Übrigen (nach meiner Erfahrung) auch das Gegenüber viel schneller wieder auf eine sachliche Ebene.
4. Zum Forum: Ich finde es wirklich sehr gut, dass es für Unsereins einen geschützten Bereich gibt, in dem man (insbesondere) nicht für das attackiert oder lächerlich gemacht wird, was man ist oder fühlt. Ich denke, dass Anne-Mette diesbezüglich nicht nur grundsätzlich gut auf uns acht gibt (siehe Anmelde- und Freischaltprocedere), sondern auch ein gutes Gefühl dafür hat, wann sie in einer (Streit-)Diskussion den Schlussstrich zieht. Ich finde es auch eine große Qualität dieses Forums und sehr schön, dass man sich gegenseitig weiterhilft, Mut macht und versucht, Unsicherheiten, die wohl die meisten von uns irgendwann mal verspürt haben oder noch immer verspüren, zu beseitigen usw.
Ich möchte aber (auch hier) nicht in einer Filterblase leben, in der kritische Gedanken reflexartig zerpflückt, verdrängt, sofort als persönlicher Angriff gewertet werden usw. Wäre ich darauf aus, hätte ich mich bei FB oder einer ähnlichen Plattform angemeldet. Da sorgt der Algorithmus des Mediums für die meinen Vorlieben perfekt entsprechende Informationsauswahl.
Einen gut argumentierten oder aus der Situation nachvollziehbaren, konträren Standpunkt empfinde ich zunächst mal als Bereicherung und überlegenswert. Aus der persönlichen Wohlfühloase herauszukommen und eigene Standpunkte, vielleicht sogar festgefahrene Meinungen oder Vorurteile zu hinterfragen, ist doch immer wieder spannend. Auch wenn's im ersten Moment vielleicht ein bisserl schmerzt.
Alles Liebe
Luna