Hallo Zusammen,
wieder sind einige Monate vergangen, und die Spirale hat sich wieder weitergedreht. Anfang diesen Jahres hatte ich beschlossen mein Coming Out zu starten, aber meine Frau, die als einziges über mich Bescheid wusste, war dagegen. Sie befürchtete Probleme in der Familie und das Wegbrechen sozialer Kontakte. Jedesmal wenn ich die Sprache darauf brachte, brach sie in Tränen aus und eine vernünftige Kommunikation war unmöglich. Deshalb blieb ich still und ließ den Dingen ihren Lauf.
Aber ich kleidete mich immer androgyner, erst nur wenig, später aber aber immer mehr. Und ich trug permanent Sillies, deren Größe ich immer mehr steigerte. Erst konnte man das für einen kleinen Männerbusen halten, aber später war es unübersehbar. Wenn man mich fragte behauptete ich, dass es davon käme, dass ich soviel abgenommen habe und ich meine Hautfalten mit Shapeware in den Griff kriegen müsse. Dadurch würden die Hautschichten nach oben geschoben und es entstände dadurch die Illusion eines Busens. Genau wie im Thread
Bauchfett nach oben streichen. Lustigerweise glaubten die Leute das sogar.
Vor ein paar Wochen aber wollte unsere Tochter, ein kluges Ding, Genaueres wissen. Sie schnappte sich während eines Familientreffens meine Frau und nahm sie in einem ruhigen Moment mit in die Küche (Frauengespräch). Hier konnte meine Frau nicht länger schweigen und ließ alles heraus was sie über mich wusste. Ich bekam davon nichts mit und auf dem Nachhauseweg sagte meine Frau zu mir: "Du, deine Tochter weiß jetzt alles von dir." Ich habe wohl erst mal etwas blöd geschaut, biss ich begriff worum es eigentlich ging.
Ich sagte: "Aha, und wieso?" Sie erzählte mir was in der Küche geschehen war und dass unsere Tochter alles verständnisvoll aufgenommen hätte. Sie wolle abends noch mit unserem Schwiegersohn sprechen. Irgendwie war ich erleichtert und gespannt. Abends kam dann die Nachricht: Er weiß Bescheid und er sieht alles ganz locker. Na gut, dachte ich, dann geht es jetzt los.
Als nächstes war ein paar Tage später meine Mutter dran. Ich ging zu ihr und nach dem üblichen Smalltalk und Technikfragen über Fernseher und Computer kam ich dann zur Sache. Ich erzählte ihr alles, angefangen bei meiner Pubertät (ihr Badeanzug, ihre Kleider) über Hormonstörung (Testosteronmangel) bis zu der Tatsache, dass ich jetzt immer Damenunterwäsche und Sillikonbusen trage und plane mir Implantate einsetzen zu lassen.
Ich hatte gehofft, dass sie es schon irgendwie verstehen würde. Sie überraschte mich aber, denn ihre Reaktion war so entspannt als ob es das Normalste der Welt wäre. Nur bei den Implantaten war sie ablehnend, Sillies waren für sie ok.
Nachdem Tochter und Schwiegersohn zwischenzeitlich auch noch
seine Eltern eingeweiht hatten war die ganze Familie informiert. Auch von diesen beiden kam keine negative Reaktion.
Jetzt war die Firma dran. Ich schrieb einen zwei Seiten langen Brief in dem ich meine Neigung erklärte. Ich versuchte darzustellen wie ich mich vor allem in letzter Zeit verändert hatte und wie es weitergehen soll. Diesen Brief hängte ich ans Schwarze Brett und beobachtete die Reaktion meiner Kolleginnen und Kollegen. Genauer gesagt ich beobachtete gar nichts. Kein schiefer Blick, kein blöder Spruch, nichts. Als ob alles völlig normal wäre. Nach einer Woche sprach mich lediglich mein Chef an und sagte mir, dass seiner Meinung nach alles ok sei wie ich mich verhalten würde. Er hatte nur Bedenken, weil ich den Brief öffentlich ausgehängt hatte, so dass auch zufällig vorbeikommende Personen ihn lesen konnten. Er meinte, es wäre besser vielleicht gewesen jedem Mitarbeiter persönlich einen Brief in die Hand zu drücken.
Nun kommen noch zwei gute Freunde dran, aber das kann noch etwas dauern, da ich sie nur selten sehe. Dann ist mein Coming Out durch. Ansonsten gewöhne ich mich immer mehr daran in aller Öffentlichkeit meinen Busen zu präsentieren. Hin und wieder kommt mal ein komischer oder überraschter Blick, aber das war es auch schon. Ich hoffe, dass ich selber mich schnell an diese Situation gewöhne, im Moment bin ich immer noch etwas unsicher wenn ich mit anderen Menschen zusammentreffe, sei es beim Arzt, beim Einkaufen, in der U-Bahn, usw.
Ich habe viel überlegt was ich bin und in welche Kategorie ich mich einordnen soll. Ehrlich gesagt ich weiß es immer noch nicht. Ich weiß nur:
Ich bin nicht normal (im Sinne von üblich).
Ich bin nicht trans (ich könnte mir zwar vorstellen eine Frau zu sein, ich muss es aber nicht).
Ich bin irgendwas anderes, vielleicht EnBy oder Androgyn? Keine Ahnung.
Ich bin eben ein Mann, der hoffentlich bald einen Busen hat.
Und deshalb steht jetzt der nächste Punkt an. Um Brüste zu bekommen, will ich keine Hormone nehmen, ich will mir Implantate einsetzen lassen. Nun habe ich einen Beratungstermin im Krankenhaus beim Chefarzt der Plastischen Chirurgie, ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Brust-OP, auch bei Männern. Mal sehen"¦"¦.
Ein paar Wochen später.
"¦"¦ So der Termin ist passiert und ich bin ein ganzes Stück schlauer. So eine OP ist teuer. Ich hatte mit ca. 5000-7000 € gerechnet und das kommt auch gut hin. Womit ich nicht gerechnet hatte, ist die Tatsache, dass ich bei Komplikationen und eventuellen weiteren OPs auch wieder finanziell dabei bin. Na gut, in den sauren Apfel muss man halt beißen.
Womit ich wiederum gerechnet hatte, ist die Tatsache, dass allerhand gesundheitliche Probleme auftreten können. Aber ich bin Optimist, mir wird so etwas schon nicht passieren.
Was aber letzten Endes den Ausschlag gab mich GEGEN ein Implantat zu entscheiden war mein eigener Körper.
Erstens: Haut zu dünn, kein Fettgewebe vorhanden (Hahaha, Brüller, und was ist das da am Bauch?

)
Zweitens: Brustmuskel zu stark. Da das Implantat unter den Muskel käme, würde bei jeder Armbewegung mein Busen "mitarbeiten".
Drittens und für mich der wichtigste Punkt: Meine Brustwarzen sitzen zu tief, und durch die OP würden sie noch etwas tiefer rutschen. Aber ich brauche keine Wölbungen auf meinem Bauch, da habe ich schon genug Polster. Den Busen hätte ich gerne oben auf der Brust gehabt.
Hohe Investitionen, Risiken und die Sicherheit, dass es hinterher Scheiße aussieht brachten mich zu der Entscheidung auf eine Brust-OP zu verzichten. Stattdessen habe ich mir jetzt die hochwertigsten Silikonbusen gekauft, die es meiner Meinung nach gibt. AMOENA Contacts 2A, sind eigentlich für Krebspatientinnen gemacht und haben demzufolge eine hohe Lebensdauer und einen möglichst hohen Wohlfühlfaktor.
Ich bin mir sicher, näher werde ich an einen eigenen Busen nicht mehr herankommen. Damit muss ich lernen zufrieden zu sein. Ich habe mich in meinem Leben schon an vieles gewöhnt, ich werde auch das schaffen.
Ich hoffe nur, dass die verdammte Spirale endlich aufhört sich weiter zu drehen. Ich hoffe, dass ich endlich angekommen bin, wo auch immer das ist.
Liebe Grüße von Conny-Andrea
PS: Heute morgen, während des Schreibens, bin ich über diesen Thread von Toni Smith gestolpert:
Krank durch Brustimplantate. Sehr eindrucksvoll, ich glaube wenn ich davon vorher gewusst hätte, wäre das Thema Brustimplantat bei mir von vornherein gestrichen gewesen.