Schamgefühl
Schamgefühl - # 2

allgemeiner Austausch
ExuserIn-2018-07-15

Re: Schamgefühl

Post 16 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2018-07-15 »

Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Ich bin lange immer wieder an der Eingangstür gestanden und gewartet/gehorcht,
ob die Luft draußen rein ist. Immer dieses permanente Kopfkino.
Das erinnert mich sehr an die kurze Zeit meines Doppellebens, als ich möglichst unbeobachtet raus und rein wollte. GSD ist dieser Spuk vorbei!
Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Oder der Besuch in diversen Selbsthilfegruppen, in denen man sich zu diversen Aktivitäten auch außerhalb der Gruppe
verabredet und sei es nur ein Barbesuch, der Besuch eines Frühlings- oder Volkfestes o.ä. Oder auch Aktivitäten abgesprochen über dieses Forum.
Ich glaube, es ist wichtig, dass man einfach so oft wie möglich aus seinen 4 Wänden rauskommt und sich unter Menschen aufhält.
SHG war nur eine kurze Episode, die mir zeigte, dass ich ohne wohl besser klar komme. Nach vielen Parties und Tanzveranstaltungen verbrachte ich nach dem Outing vor meinem Kind die komplette Freizeit en femme, war viel mit der Familie unterwegs, im Urlaub, auf solchen Festen, die du nennst, weil es dort auch für Kinder interessant war. Wie du schon schreibst, bloß nicht zu Hause hocken und in den eigenen vier Wänden versauern! Da bauen sich Zweifel und Ängste erst richtig auf und am Ende traut man sich gar nichts mehr.
Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Irgendwann kam dann der Punkt, ab dem es mir Sch*** egal war, was die Leute rundherum über mich denken.
Ich fahre mittlerweile öffentliche Verkehrsmittel, vielleicht schaut immer noch der eine oder andere,
ich bekomme, es gar nicht mehr mit, und wenn, einfach süß zurück lächeln, tief in die Augen schauen oder einfach nur ignorieren.
Ich bin wie ich bin.
Na ja, was die Leute denken, weiß ich nicht, aber wenn ich ausgelacht, beschimpft oder bedrängt werden würde, wäre mir das keineswegs egal. Davor hatte ich am Anfang auch die meiste Angst. Vor meinem Komplett-Outing auf Arbeit hab ich mit meiner Chefin, einer Therapeutin und meiner Psychologin darüber geredet. Alle bescheinigten mir ein recht selbstbewusstes natürliches Auftreten, wodurch ich den Mangel an äußerer Weiblichkeit wohl von Anfang an wirkungsvoll ausgleichen konnte.
Wenn ich mir heute Bilder anschaue, die gerade mal ein Jahr alt sind, frage ich mich ernsthaft, woher ich den Mut nahm, so rauszugehen. Das Make-up war noch sehr verbesserungswürdig, von Frisur rede ich erst gar nicht erst (Perücke lehne ich schon immer ab) und die Klamotten zeigten, dass ich meinen Stil längst nicht gefunden hatte. Trotzdem wollte - ja musste - ich raus und leben! Und schon damals ging das wie durch ein Wunder ohne Probleme.

Lächeln ist in der Tat eine ernstzunehmende "Waffe". Falls wirklich mal jemand zu interessiert ist, dann lässt sich dadurch der Spieß umdrehen und die Verlegenheit entsteht auf der anderen Seite. Allerdings musste ich im Laufe der Zeit lernen, dass sich die offensichtlichen Gründe, warum einige Herren kucken, inzwischen verschieben. Dann ist ein Lächeln kreuzgefährlich und beschert Kontakte, die manchmal nicht so leicht loszuwerden sind ;-)
Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Ich gehe zu Veranstaltungen, mittlerweile auch kleine Info- oder Diskussionsrunden, war noch nie ein Problem.
Bin noch nie blöd angesprochen worden, immer vollwertig behandelt worden, wie jeder andere Teilnehmer auch,
eher dass man mal interessiert befragt worden ist.
In dieser Woche feierte ich mit einigen Kolleg_innen mein erstes halbes Jahr "Vollzeitfrau". Anfangs war ich schon aufgeregt, aber mehr durch die unbändige Freude, mich endlich nicht mehr verstellen und verkleiden zu müssen als vor Sorgen, dass was schiefgehen könnte. Die erste Projektsitzung, die ich nach meinem Coming Out auf Arbeit leitete, absolvierte ich ganz "selbstverständlich" im Rock. Das Selbstverständnis bezieht sich darauf, dass eine Frau natürlicher Weise so etwas trägt. Obwohl auch Chefs aus einer anderen Behörde dabei waren, die bislang noch nichts von meiner "Wandlung" wussten, gab es nur positives Feedback und die folgende Zusammenarbeit läuft reibungslos. Vorauszusehen war das nicht, denn leider bin ich bei uns unter Hunderten die einzige geoutete Transperson.
Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Läden/Shopping, klappt einfach, man wird freundlich bedient, vielleicht sogar freundlicher, weil man nicht alltäglich ist?
Da muss ich ehrlich sein und zugeben, dass ich während meines Doppellebens niemals im Männermodus Damenklamotten kaufte. Das lag nicht daran, dass ich Hemmungen gehabt hätte: Es hätte einfach keinen Spaß gemacht! Jetzt ist es zum Glück wegen des abgeschafften Manns zwangsläufig so, dass ich ausschließlich en femme einkaufe. Geht ja nicht anders ;-) Du hast Recht, ob im Discounter, der Drogerie oder besonders in Modegeschäften ist die Hilfsbereitschaft groß. Vielleicht strahlen wir so eine enorme Shoppinglust aus? Dass Shopping Spaß macht, war eine komplett neue Erfahrung für mich. Nur Lebensmittel kaufe ich nach wie vor ungerne ein :-(
Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Seit dieser Zeit trage ich keinen schwerer Stein mehr mit mir rum. Mir geht es blendend und ich kann mir nicht mehr vorstellen,
jemals wieder anders aus dem Haus zu gehen.
Bring den Mut auf, es lohnt sich! Du wirst es nicht bereuen.
Auch wenn es nicht nur Sonnenseiten gibt, auch mit Schattenseiten muss man zurechtkommen.
Das Leben ist kein Zuckerschlecken.
Oh ja, das kann ich nur unterstreichen! Trotz böser familiärer Szenen hab ich keine Stunde bereut! Das Glücksgefühl, endlich die richtige Identität zu kennen und diese auch zu leben, ist es wert, auch einen Preis zu zahlen. Und wie viele andere hätte ich ohnehin keine Wahl gehabt, mal vom Sprung vor den Zug abgesehen.
Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Man kommt auch in Situation, die man als Mann vorher so noch nicht erlebt hat,
in denen man spontan nicht weiß, wie man sich hier und jetzt verhalten soll, die einen dann tagelang doch wieder ins Grübeln bringen.
Bei den neuen Situationen, die ein Mann schwerlich erleben kann, fallen mir spontan die "Toilettengespräche" auf dem Damenklo ein. Mich überrascht immer wieder, wie kommunikativ es dort im Vorraum zugeht. Besonders frappierend war das Herumflaxen mit einer alten Freundin von mir, die ich ein Jahr lang nicht gesehen hatte und die mich definitiv nicht wieder erkannte. Weil sie mich wie eine Fremde behandelte, war mir plötzlich klar, weshalb sie damals von anderen Frauen als "ziemlich borniert" bezeichnet wurde ;-)

LG
Semele
ponygirl
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Re: Schamgefühl

Post 17 im Thema

Beitrag von ponygirl »

Ich schäme mich schon lange nicht mehr, ich gehe als Nina raus auf die Straße wie ich es will, gehe ganz selbstverständlich auf die Frauentoilette, Frisör, Läden usw, mir ist es schon ganz egal was andere über mich denken. Was kann mir schon passieren. Ich fühle mich glücklich und das strahle ich vielleicht auch ein wenig dann aus. Natürlich dauert es ein wenig Zeit dieses Selbstwertgefühl zu bekommen aber wenn man die Sicherheit in sich hat dann ist es einfach nur toll.

Liebe Grüße Nina
Lorelai74
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Re: Schamgefühl

Post 18 im Thema

Beitrag von Lorelai74 »

Hallo Ihr,

ich kenne das schon - ein wenig.
Nicht Schamgefühl das ich ich bin.
Auch nicht das es verboten wäre ich zu sein oder zu tragen was ich tragen will..
Momentan die einzige Situation wo ich so etwas wie "Scham" empfinde ist beim Unterwäsche einkaufen - da gehe ich nicht mit der UW zur Kabine und probiere an.. sondern irgendwas hält mich zurück.
Rock oder Bluse oder Pulli.. einzukaufen - als Mann kein problem aber unterwäsche???
Aber auch Schuhe im Laden anprobieren habe ich noch etwas ne Blockade / Schamgefühl... Verlegenheit... An die Kasse gehen und zahlen ist wieder nicht schwierig
Jetzt war ich erst 2 mal aus - beides mal in geschützter Umgebung. Vielleicht ändert sich das auch wenn ich öfters mal unterwegs war.

Generell geht es bei 2ten Einkauf besser als beim 1ten und beim 3ten besser als beim zweiten...

VLG
Lorelai
Männlich / Weiblich: das sind doch bürgerliche Kategorien.
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Re: Schamgefühl

Post 19 im Thema

Beitrag von Flodur »

Aus meiner Sicht ist das komplizierter:
Scham vor Nacktheit (ob Arzt, Sauna, Sportumkleide oder was auch immer): Keine.
Scheu mich in der Öffentlichkeit zu zeigen (im Dorf, im ÖNV, beim Einkaufen, beim Nachhilfe geben): Keine.
Scham [...] (aus) dem Bewusstsein [...] durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben
Immer!
Selbstwertgefühl: Keines.
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Re: Schamgefühl

Post 20 im Thema

Beitrag von Joe95 »

tabea80 hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 15:55 Die meisten, die die hier aktiv sind scheinen das Problem nicht zu haben, oder es für sich gelöst zu haben. Das Schamgefühl.

Das Gefühl nicht "normal" zu sein etwas zu tun was in einen "ungeschrieben Gesetz " verboten ist....
Ich habe eher den Eindruck das dieses Gefühl noch viel zu oft und viel zu stark vertreten ist.
Überwunden wird es bei den Meisten wohl nur durch den Leidensdruck, der dafür sorgt dass der Wunsch sein zu dürfen wie man nunmal ist irgendwann stärker wird als diese Mischung aus Angst und Schamgefühl.
Schlecht für diejenigen, die zwischen diesen Gefühlen quasi zerrieben werden.
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...
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Re: Schamgefühl

Post 21 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Tolle Beiträge ...

Wenn ich von mir ausgehe, sehe ich das ähnlich wie Aria. Auch das Gefühl, dass man das Thema für sich selber akzeptiert hat, ist mMn noch kein Indiz, dass man es tatsächlich akzeptiert hat. Hier kommt auch die Frage nach dem Selbstwertgefühl ins Spiel. Selbstakzeptanz UND Selbstachtung führen dazu, dass man sich tatsächlich en femme in der Öffentlichkeit bewegen kann. So ist zumindest meine Erfahrung. Was ist denn wichtiger, das eigene Wohlbefinden oder die Meinung anderer ?

Ich habe gerade einmal wieder eine Phase intensiven Nachdenkens hinter mir und konnte für mich eine interessante Struktur in meinem Leben entdecken. Als Kind bin ich deutlich nach dem Muster der Männlichkeit erzogen worden. Ich versuchte es anderen Recht zu machen und den Jungen, später Mann, zu leben. Die sensible Seite in mir ging dabei fast unter. Wenn nun Männer die sensible Seite nicht leben "dürfen", dürfen es die Frauen. So habe ich im Inneren meinen sensiblen Part mit "Frau" und den "harten" Part mit Mann kodiert. Das ist eine persönliche Kodierung und hat nichts mit dem echten Unterschied Mann/Frau, was immer das auch sein möge, zu tun.

Damit die sensible Seite nicht untergeht, begann ich im Alter von ca. 10 oder 11 Jahren mit Frauenkleidern zu experimentieren. Da sich das natürlich positiv anfühlte, blieb ich dabei und entwickelte das immer weiter. Letztlich ist es in mein "Wertekodex aufgenommen worden.

Das alles lief unbewusst ab. Ich habe es mir nicht ausgesucht und es steckt in mir. Ich kann diese Kodierung geringfügig anpassen, aber auch nicht mehr. Das macht aber den Umgang mit TG entspannter.

Woher also nun die Scham ?

Zum einen ist es das Wissen, dass ich etwas tue, was dem gelernten Handlungsmuster zuwider läuft. Als braver Mensch macht man das nicht. Die Sanktion ist nicht die, die ich tatsächlich erfahre, wenn ich mich traue, sondern die ich mutmaßlich erfahren hätte, wenn ich mich das als Kind getraut hätte. Es ist die kindliche Angst, die mich hindert. Die gute Nachricht: Damit konnte ich, wie viele andere auch, fertig werden.

Zum anderen ist die allgemeine Wertschätzung der "weiblichen" Fähigkeiten, vor allen für einen Mann, noch immer sehr eingeschränkt. Durch das Tragen weiblicher Kleidung werte ich mich in den Augen anderer ab. Auch das macht man eher ungern.

Viele Grüße
Vicky
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Olivia
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Re: Schamgefühl

Post 22 im Thema

Beitrag von Olivia »

Hallo Tabea,

um es offen und ehrlich zu sagen: Ja ich kenne das auch! Auch ich kenne das Schamgefühl und auch ich muss zugeben, mich zu für meine Hang zum Crossdressen zu schämen. Der Verstand sagt mir sicherlich, das ist Unsinn und ich muss mich nicht schämen, aber das Gefühl ist eben stärker. Die Erziehung zu einem "guten Jungen" ist da sehr wirksam, auch heute noch...

Liebe Grüße von Olivia
Laila-Sarah
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Re: Schamgefühl

Post 23 im Thema

Beitrag von Laila-Sarah »

Huhu,

Wir haben ja Konsens, dass das Schamgefühl rationell nicht deckbar ist. Das Unterbewusstsein ist aber ein total anderes Tier und schert sich einen feuchten Kehricht um Rationalität. Also ist "du brauchst dich nicht zu schämen" leichter gesagt als getan, aber Übung macht wahrscheinlich den Meister. Bei mir ist es so, dass ich mich von Frauen schäme, ob bekannt oder nicht. Bei Männern ist es anders. Ich habe kein Schamgefühl vor unbekannten Männern (vor bekannten schon).

Wie auch immer, hier ist ein Video was vielleicht ein wenig mut macht:



VlG
The trick is to keep breathing

I have big dreams and a small world in between
Mina
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Re: Schamgefühl

Post 24 im Thema

Beitrag von Mina »

Danke für das Video Laila-Sarah,

Ich vermute aber mal ganz vorsichtig, das wir noch viel mehr sind - unter dem Schirm welcher alle meint.

Schamgefühl kann auch der Grund sein, weswegen sich ein erheblicher Anteil garnicht zeigt weil möglicherweise zu viel auf dem Spiel steht. Kopfkino eben.
Oder schlicht kein Bedürfnis besteht sich zu zeigen und/oder auszutauschen.

Jedenfalls in diesem Video schön zu sehen, wenn die Kleidung und Aufmachung ins gesellschaftliche Bild passt, fällt es wirklich nur sehr wenigen einzelnen auf.

Da gibts diesen Test mit dem ....... Warte mal....such.....krams...selektive Wahrnehmung.

https://youtu.be/UfA3ivLK_tE
Ziel: Human being -> Ist Dein Ziel erreicht, war es zu niedrig angesetzt -> Der Weg ist das Ziel!
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