Das erinnert mich sehr an die kurze Zeit meines Doppellebens, als ich möglichst unbeobachtet raus und rein wollte. GSD ist dieser Spuk vorbei!Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Ich bin lange immer wieder an der Eingangstür gestanden und gewartet/gehorcht,
ob die Luft draußen rein ist. Immer dieses permanente Kopfkino.
SHG war nur eine kurze Episode, die mir zeigte, dass ich ohne wohl besser klar komme. Nach vielen Parties und Tanzveranstaltungen verbrachte ich nach dem Outing vor meinem Kind die komplette Freizeit en femme, war viel mit der Familie unterwegs, im Urlaub, auf solchen Festen, die du nennst, weil es dort auch für Kinder interessant war. Wie du schon schreibst, bloß nicht zu Hause hocken und in den eigenen vier Wänden versauern! Da bauen sich Zweifel und Ängste erst richtig auf und am Ende traut man sich gar nichts mehr.Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Oder der Besuch in diversen Selbsthilfegruppen, in denen man sich zu diversen Aktivitäten auch außerhalb der Gruppe
verabredet und sei es nur ein Barbesuch, der Besuch eines Frühlings- oder Volkfestes o.ä. Oder auch Aktivitäten abgesprochen über dieses Forum.
Ich glaube, es ist wichtig, dass man einfach so oft wie möglich aus seinen 4 Wänden rauskommt und sich unter Menschen aufhält.
Na ja, was die Leute denken, weiß ich nicht, aber wenn ich ausgelacht, beschimpft oder bedrängt werden würde, wäre mir das keineswegs egal. Davor hatte ich am Anfang auch die meiste Angst. Vor meinem Komplett-Outing auf Arbeit hab ich mit meiner Chefin, einer Therapeutin und meiner Psychologin darüber geredet. Alle bescheinigten mir ein recht selbstbewusstes natürliches Auftreten, wodurch ich den Mangel an äußerer Weiblichkeit wohl von Anfang an wirkungsvoll ausgleichen konnte.Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Irgendwann kam dann der Punkt, ab dem es mir Sch*** egal war, was die Leute rundherum über mich denken.
Ich fahre mittlerweile öffentliche Verkehrsmittel, vielleicht schaut immer noch der eine oder andere,
ich bekomme, es gar nicht mehr mit, und wenn, einfach süß zurück lächeln, tief in die Augen schauen oder einfach nur ignorieren.
Ich bin wie ich bin.
Wenn ich mir heute Bilder anschaue, die gerade mal ein Jahr alt sind, frage ich mich ernsthaft, woher ich den Mut nahm, so rauszugehen. Das Make-up war noch sehr verbesserungswürdig, von Frisur rede ich erst gar nicht erst (Perücke lehne ich schon immer ab) und die Klamotten zeigten, dass ich meinen Stil längst nicht gefunden hatte. Trotzdem wollte - ja musste - ich raus und leben! Und schon damals ging das wie durch ein Wunder ohne Probleme.
Lächeln ist in der Tat eine ernstzunehmende "Waffe". Falls wirklich mal jemand zu interessiert ist, dann lässt sich dadurch der Spieß umdrehen und die Verlegenheit entsteht auf der anderen Seite. Allerdings musste ich im Laufe der Zeit lernen, dass sich die offensichtlichen Gründe, warum einige Herren kucken, inzwischen verschieben. Dann ist ein Lächeln kreuzgefährlich und beschert Kontakte, die manchmal nicht so leicht loszuwerden sind
In dieser Woche feierte ich mit einigen Kolleg_innen mein erstes halbes Jahr "Vollzeitfrau". Anfangs war ich schon aufgeregt, aber mehr durch die unbändige Freude, mich endlich nicht mehr verstellen und verkleiden zu müssen als vor Sorgen, dass was schiefgehen könnte. Die erste Projektsitzung, die ich nach meinem Coming Out auf Arbeit leitete, absolvierte ich ganz "selbstverständlich" im Rock. Das Selbstverständnis bezieht sich darauf, dass eine Frau natürlicher Weise so etwas trägt. Obwohl auch Chefs aus einer anderen Behörde dabei waren, die bislang noch nichts von meiner "Wandlung" wussten, gab es nur positives Feedback und die folgende Zusammenarbeit läuft reibungslos. Vorauszusehen war das nicht, denn leider bin ich bei uns unter Hunderten die einzige geoutete Transperson.Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Ich gehe zu Veranstaltungen, mittlerweile auch kleine Info- oder Diskussionsrunden, war noch nie ein Problem.
Bin noch nie blöd angesprochen worden, immer vollwertig behandelt worden, wie jeder andere Teilnehmer auch,
eher dass man mal interessiert befragt worden ist.
Da muss ich ehrlich sein und zugeben, dass ich während meines Doppellebens niemals im Männermodus Damenklamotten kaufte. Das lag nicht daran, dass ich Hemmungen gehabt hätte: Es hätte einfach keinen Spaß gemacht! Jetzt ist es zum Glück wegen des abgeschafften Manns zwangsläufig so, dass ich ausschließlich en femme einkaufe. Geht ja nicht andersMarie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Läden/Shopping, klappt einfach, man wird freundlich bedient, vielleicht sogar freundlicher, weil man nicht alltäglich ist?
Oh ja, das kann ich nur unterstreichen! Trotz böser familiärer Szenen hab ich keine Stunde bereut! Das Glücksgefühl, endlich die richtige Identität zu kennen und diese auch zu leben, ist es wert, auch einen Preis zu zahlen. Und wie viele andere hätte ich ohnehin keine Wahl gehabt, mal vom Sprung vor den Zug abgesehen.Marie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Seit dieser Zeit trage ich keinen schwerer Stein mehr mit mir rum. Mir geht es blendend und ich kann mir nicht mehr vorstellen,
jemals wieder anders aus dem Haus zu gehen.
Bring den Mut auf, es lohnt sich! Du wirst es nicht bereuen.
Auch wenn es nicht nur Sonnenseiten gibt, auch mit Schattenseiten muss man zurechtkommen.
Das Leben ist kein Zuckerschlecken.
Bei den neuen Situationen, die ein Mann schwerlich erleben kann, fallen mir spontan die "Toilettengespräche" auf dem Damenklo ein. Mich überrascht immer wieder, wie kommunikativ es dort im Vorraum zugeht. Besonders frappierend war das Herumflaxen mit einer alten Freundin von mir, die ich ein Jahr lang nicht gesehen hatte und die mich definitiv nicht wieder erkannte. Weil sie mich wie eine Fremde behandelte, war mir plötzlich klar, weshalb sie damals von anderen Frauen als "ziemlich borniert" bezeichnet wurdeMarie-Elle hat geschrieben: So 18. Mär 2018, 18:02 Man kommt auch in Situation, die man als Mann vorher so noch nicht erlebt hat,
in denen man spontan nicht weiß, wie man sich hier und jetzt verhalten soll, die einen dann tagelang doch wieder ins Grübeln bringen.
LG
Semele