Kapitel 63: Stimmt alles mit der Stimme?
Valerie befand sich damals, mit Anfang dreißig in einer Art von Selbstfindungsphase. Nach ihrem Outing im Büro, das ihr Chef, Dr. Schmidt, tatkräftig unterstützt hatte sah es zunächst so aus, als verliefe ihre Verwandlung vom männlichen ins weibliche Geschlecht nahezu reibungsfrei und problemlos. Diese Einschätzung stimmt jedoch nur, was ihre Beziehungen zum engsten Kollegen- und Freundeskreis betrifft, also zu den Menschen, mit denen sie im Büro täglich zu tun hatte. Blickte sie aber einmal über diesen engen Kreis hinaus, dann sah sie schnell, es gab da noch eine ganze Menge Leute, die ihr weniger offen begegneten und keineswegs diese liberale Einstellung hatten, die sie aus dem direkten Freundeskreis kannte. Dort war dann weniger bis gar keine Akzeptanz zu spüren, und mehr als einmal wurde Valerie auch auf eine recht ruppige Art und Weise mit Fragen und Zweifeln konfrontiert, von denen sie irrtümlicherweise meinte, sie wären schon längst beantwortet. Das war aber keineswegs der Fall. Gemeint ist natürlich die i-Frage, die Frage nach ihrer "wirklichen" Identität.
Jeder Dummkopf, so kam es ihr vor, fühlte sich neuerdings bemüßigt, ihr diese i- Frage stellen zu können. Beziehungsweise meinte neuerdings wohl jedermann, das recht zu haben, sie damit belästigen zu können. Haben Menschen das Recht zu so etwas? War sie denen eigentlich überhaupt eine Antwort schuldig?
Valerie verfiel eine Zeitlang in Selbstzweifel ("Dezemberblues"), die jedoch nicht lange anhielten. Allzu tiefe und anhaltende Bauchnabelschau ist noch nie der Stil von Valerie gewesen, und so fand sie auch schnell wieder zum alten Selbstbewusstsein zurück. Arbeiten wollte sie an ihrem Körper, runder, hübscher und noch weiblicher sollte er werden, so meinte sie, den Zweiflern die Argumente wegnehmen zu können.
Was allerdings nicht so einfach in Griff zu kriegen war, war ihre Stimme, die gelegentlich mal hin- und her rutschte zwischen "männlich" und "weiblich", wenn sie mal beispielsweise kurz nicht acht gab. Sie hatte allerdings auch vorher noch nie eine sehr männliche Stimme besessen im Sinne von laut oder brummig, und einen Brummbass hatte sie schon gar nicht. Was aber sicherlich auch sehr viel mit ihrer vorsichtigen und zurückhaltenden Wesensart zusammenhing. Insofern lag ihr Auftreten und ihre Stimme durchaus zusammen, das passte also. So konnte man auch ihre weibliche Erwachsenenstimme dann in einem Bereich verorten, den man als "dunkel" bezeichnen konnte. Seit sie als Frau auftrat, hatte sie sich auch angewöhnt, meistens eher leise zu sprechen, weich zu modulieren, und von der Tonhöhe her bewegte sie sich meistens in einem Bereich, den man als "Altstimme" bezeichnen könnte.
Während ihrer früher Crossdresser-Jahre hatte sie lange und angestrengt an der Modulation ihrer Stimme und generell an der eigenen Sprechtechnik herumprobiert, ihre Ziel war die weibliche Modulation, die sie heute eigentlich recht gut beherrschte. Das hatte begonnen mit kleinen Sätzen an der Supermarktkasse oder überhaupt an der Kasse, wenn sie irgendwas einkaufte, zum Beispiel Strümpfe im Kaufhof, dann hatte sie sich oft eine Kleinigkeit zu fragen zurechtgelegt, was dann in der Regel sehr gut funktionierte, das heißt diese kurzen Sätze gelangen ihr in der Regel gut, allerdings musste dann natürlich auch das gesamt Umfeld stimmig sein, die Kleidung, usw...
Andere Versuche, die Höhe der eigene Stimme zu modulieren, hatten mit ihrer Liebe zum Singen zu tun. Sehr oft, wenn sie irgendwo allein war, sang sie irgendetwas mit, das sie gerade im Radio hörte oder ihr sonst gerade in den Sinn kam, und häufig sang sie auch am Steuer ihres Autos einfach die acht Töne der Tonleiter hinauf und wieder herunter. Beginnend mit dem tiefen C, dann die ganze Oktave aufsteigend:
"Do, Re, Mi, Fa, So, La , TI, Do" und danach auch wieder rückwärts die ganze Oktave hinunter. Immer, wenn sie den Kammerton, also das A erreicht hatte, dann versuchte sie, in dieser höheren Stimmlage weiterzusprechen, zum Beispiel widerholte sie die Sätze, die der Nachrichtensprecher gerade gesprochen hatte. Das gelang ihr bald recht gut und wurde später zu einer Art von Automatimus.
Jeder kann diese Technik, die eigene Stimmlage zu erhöhen am eigenen Körper ausprobieren. Man legt dafür nur eine Hand ganz leicht vorne auf den Kehlkopf, und zwar genau dort, wo man den Adamsapfel spürt. Dann die Tonleiter hinaufsingen, beginnend mit dem tiefen C. Schon beim zweiten oder dritten Ton bemerkt man, wenn man die Töne lange genug hält, wie sich der Kehlkopf nach oben bewegt. Mit dem Effekt, dass sich die Stimmbänder jedesmal verkürzen und sich die gesungenen Töne erhöhen, eine ganz einfache Übung ist das, viel einfacher, als sie hier zu beschreiben.
Wir müssen jetzt mal wieder auf Mutter Natur zurückkommen, die Valerie ja bekanntlich körperlich an vielen Stellen begünstigte. Irgendwelche hormonellen Veränderungen während ihrer Adoleszenz (sie hat das nie richtig von einem Doktor untersuchen lassen) hatten nämlich bei Valerie bewirkt, dass sich ihr männlicher Adamsapfel damals immer mehr verkleinerte und schlißlich fast verschwand, als äußerlich nicht mehr sichtbar war.
Der Adamsapfel ist etwas, das bei Männern viel größer ist als bei Frauen. Einfach gesprochen, handelt es sich um ein Knorpelteil im vorderen Hals, wo die Stimmbänder dran aufgehängt sind, diese sind bei Männern etwas länger als bei Frauen, dementsprechend sind auch die weiblichen Stimmen höher. Der männliche Adamsapfel ist deutlich größer, mit dem Nebeneffekt, dass dieser vorne am Hals manchmal recht hässlich absteht und dazu führt, dass man sich als Mann beim Nassrasieren an dieser Stelle gerne mal schneidet, autsch.
Nun, da sie ihren hässlichen alten Adamsapfel verloren hatte (wie so viele ihrer alten männlichen Attribute auch) fiel Valerie also vieles leichter bei ihren Versuchen, ihre Stimme dauerhaft weiblich zu modulieren. Und dass sie sich beim Nassrasieren seither auch nie mehr geschnitten an dieser Stelle, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden.
Soviel für heute. Es hat mir bis hierher viel Spaß gemacht, euch diese Valerie-Geschichte erzählen zu dürfen. Möglicherweise geht die Story ja im neuen Jahr noch weiter, wer weiß?
Liebe Grüße und einen guten Rutsch an alle Leserinnen und Leser
Valerie
