Am Anfang war eine Sekunde, die mein gesamtes Leben auf den Kopf stellte. Das Unbewusste drängte nach außen, das Äußere zog sich zurück - unwiderruflich und unaufhaltsam. Es begann ein Ego-Trip sondersgleichen, für den ich mich schämen sollte?
Ich war nie 'Verstecker', sondern 'Verdränger', wusste 45 Jahre lang nicht, was los war - mit den anderen, mit mir. Jetzt habe ich zum ersten Mal eine Identität und bin bereit, den Preis zu bezahlen. Ich habe großes Glück, dass ich nicht alleine sein muss. Meine Frau liebt mich trotz des Outings und unterstützt mich, obwohl es ihr sehr viel abverlangt. Wie lange das noch gut geht, weiß keiner.
Unser neunjähriger Sohn ist nach wie vor nicht offiziell eingeweiht, weil wir uns auf keine Vorgehensweise einigen können. Aber natürlich hat er selbst Augen im Kopf und das Gespür für Feinheiten, das wir Erwachsenen längst verloren haben. Der tägliche Gang zur Arbeit wird zunehmend schwerer, weil ich das Frausein nur schwer zurückhalten kann. Das Laufen in meinen laut klackenden Herrenhalbschuhen gerät unkontrolliert zum Walk on the line, die seit fünf Monaten nicht mehr geschnittenen Haare lassen sich kaum mehr bändigen. Ich beginne, eine Eigenkreation von 'Langhaarfrisur' zu gestalten. Auch ohne vollständiges Makeup schaut mir dann die Tara aus dem Spiegel entgegen. KollegInnen sind zwar verunsichert, sagen jedoch nichts. Männer, die Frauen sind, verweiblichen äußerlich kommt mir häufig ein Zitat von irgendwem in den Sinn. Na und - dann 'verweibliche' ich eben. Das ist wenigstens ehrlich.
Meine Frau führte letztens ein spontanes Gespräch mit unserem Sohn, nachdem er jemanden auf der Straße gesehen hatte, den er nicht zweifelsfrei einem Geschlecht zuordnen konnte. Sie sagte:
"Es ist doch letztlich egal, was er / sie ist - in jedem Fall ein Mensch."
"Ja, aber ich", antwortete mein Sohn, "bin gaaanz sicher ein Junge!"
"Und was bin ich?", fragte meine Frau.
"Na eine Frau, ist doch klar!"
"Und was ist der Papa?"
Nun entstand eine Weile Schweigen. Ihr stockte der Atem.
Endlich sagte er: "Mein Papa."
Eine bessere Antwort hätte ich mir kaum wünschen können.
Doch nun zum Titel des Threads: Wie viele Träume sind in so einer Situation erlaubt? Oder besser formuliert: Wie viele davon dürfen in die Realität gelassen werden?
Als Mann verspürte ich panische Angst davor, orientalische Musik zu hören oder Tänze zu sehen. Hätte ich dem nachgegeben, wäre die Erkenntnis wohl nicht mehr aufzuhalten gewesen. Jetzt habe ich 100 Tage lang bewusst davon geträumt und einfach damit begonnen, es auszuleben. Warum sollten nur junge Menschen Neues lernen können? Ein paar Grundlagen aus Lernvideos geübt und los! Oder geht das entschieden zu weit? Ist der Bauchtanz den Bio-Frauen vorbehalten? Ein verkleideter Mann, der versucht, wie eine Frau zu tanzen - wie widerlich, scheußlich, abartig! So hätte ich mich selbst noch vor kurzem allein beim Gedanken daran beschimpft, um mich vor der Versuchung zu schützen. Jetzt schützt mich gar nichts mehr - und ich mach es einfach, laienhaft aber mit Inbrunst:
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Gibt es eine Steigerung von 'verrückt'? Das würde sich meine Frau fragen, wenn sie hinter diesen neuen Streich ihres unmännlichen Gatten kommt, da noch nicht einmal Tara's Rock und BH ehelich verdaut sind ...
Ob die beim Bauchtanzkurs auch Transgender nehmen?
LG
Tara