Es ist die Frau, die ich vor 14 Jahren kennenlernte und mit der ich seit 10 Jahren verheiratet bin. Wie oft standen wir nur einen Schritt vor der Trennung, damals während meiner langen dunklen Phasen als 'falscher' Mann, der an Selbstzweifeln zerbrach? Oder nach meinem 'Outing' als TG vor 2 Monaten, als sie nicht mehr wusste, was sie denken, glauben, fühlen sollte?
Für uns beide stand fest, mehr oder weniger alles über uns zu wissen, doch nun lernen wir uns neu kennen. Bis zuletzt glaubte ich an einen Bluff, als sie vor knapp zwei Wochen meinte, sie würde mit mir gemeinsam ausgehen - en femme. Sie war kurz vorher ziemlich gereizt und machte mir eine Szene, weil ich plante, zusätzlich mit anderen Trans* etwas zu unternehmen. Der Druck nach meinem ersten Mal, das ich der lieben Simone zu verdanken habe und dabei noch zwei weitere nette Mädels kennenlernen durfte, wuchs täglich an. Ich spürte, dass ich sehr unglücklich sein würde, wenn ich mich weiterhin verstecken müsste, da mein Outing in Job und Alltag in weite Ferne gerückt ist. Endlich gelang es uns, zusammen freizunehmen, denn kindbedingt ist so eine Aktion nicht mal schnell nach Feierabend möglich. Kaum war unser Junge in seine Bildungsanstalt aufgebrochen, stürzte ich ins Bad, schaltete sämtliche Lichter an und begann die Schminkprozedur. Rasiert hatte ich mich gleich nach dem Aufstehen, die Creme war längst eingezogen und die Haut ein wenig erholt. Ich war froh darüber, dass ich über dem Spiegel eine neue helle LED-Leuchte und zusätzlich einen ausklapp- und drehbaren Make-Up-Spiegel neben dem Waschbecken angebaut hatte. Jetzt wundere ich mich darüber, wie ich zuvor quasi im Halbdunkel hantieren konnte. Meine Frau kam ebenfalls herein, schubste mich beiseite und begann ihrerseits mit der Verschönerung, wobei ihr Ablauf wesentlich einfacher ist. Jahrelang schminkte sie sich gar nicht und hatte erst damit angefangen, nachdem ich solchen Kult zu veranstalten begann. Ich klappte den Spiegel weg vom Waschbecken und überließ ihr das Feld. Dank der integrierten LED-Beleuchtung im Schminkspiegel konnte ich auch einen knappen halben Meter abseits in aller Ruhe fortfahren.
"Wenn ich wieder zurück bin, dann bist du fertig - mit deinem ..." Sie fand keine Worte, ging hinaus und machte sich auf den Weg zu einem Termin. Nach dem Mascara spitzte ich den Kajal, zog zurückhaltende Linien und trug als Letztes den Lippenstift in klassischem Rot auf. Jeden Moment rechnete ich mit einem Anruf, dass plötzlich etwas dazwischen gekommen wäre, dass sie sich nicht wohl fühlte o.ä. Doch das Handy schwieg. Ich suchte meine Sachen zusammen, stellte ernüchtert fest, dass ich eigentlich - abgesehen vom Rock, der noch unter Ausgehverbot steht - nur zwei brauchbare Outfits (helle Schlagjeans + schwarze Bluse + schwarze Schnallenpumps mit 6cm Trichterabsatz / schwarze Marlene-Hosen + weiße Bluse + Lack-HHs 10 cm Absatz) und eine Jacke und eine Mütze besaß. Ich entschied mich für Variante 2 und lief aufgeregt hinter den straßenseitigen Fenstern sämtlicher Zimmer hin und her. Die Leute von gegenüber waren zum Glück nicht da, nur was sich links und rechts von unserem Haus abspielte, konnte ich nicht erkennen. Weder meine Frau noch ich legten Wert darauf, dass mich irgendjemand aus der Nachbarschaft sehen würde. Leider gab es keine Möglichkeit, als das Risiko beim Einsteigen in Kauf zu nehmen und möglichst zu minimieren. Endlich kam sie zurück, quetschte sich in die letzte - glücklicherweise noch vorhandene - Parklücke vor unserer Tür. Ich hatte meine fetzige Handtasche und Sachen für den Männermodus in einer großen Tüte verstaut und stand im Hausflur. Meine Frau stieg aus, checkte den Fußgänger- und Autoverkehr, und als die Luft rein war, trat ich hinaus, schloss ab und verschwand im Auto. Dann ging es los, auf kürzestem Wege hinaus aus diesem spießbürgerlichen Dorf! Tara war endlich wieder am Leben - und frei!
Alleine schon das Gefühl, im Auto zu sitzen und die Frühlingssonne zu spüren, war fantastisch.
Mein Herz hüpfte vor Freude und ich sagte ihr immer wieder, dass ich völlig baff wäre, dass sie dermaßen tough war und das wirklich mit mir machte. Sie zog die Mundwinkel nach unten und lächelte ihr typisches Lächeln. Noch war ihr Selbstbewusstsein so stark wie ihre Entschlossenheit. Aber was würde erst sein, wenn wir aussteigen und gemeinsam shoppen gehen würden?
Nach einer knappen Dreiviertelstunde hatten wir das große Shoppingcenter erreicht. Vom Parkplatz ging es gleich ins Gewühl. Anscheinend mussten auch alle anderen Leute nicht arbeiten gehen und beschäftigten sich lieber damit, Geld auszugeben, denn es war überraschend voll. Zuerst steuerten wir zu den Toiletten. Selbstverständlich ging auch ich aufs Damenklo. Weder die kassierende Toilettenfrau noch die erleichtert zurückkehrenden Besucherinnen nahmen in irgendeiner Form Anstoß daran. Dann war der H&M an der Reihe. Als Mann hatte ich nur flüchtig mal in der Damenabteilung gesucht, aber nun en femme fühlte ich mich sauwohl. In aller Ruhe durchstöberte ich die Angebote von den Handtaschen und Shirts bis zu Blusen, Tuniken und Jacken. Es gab einige günstige Angebote, aber bei Größe 48/50 sah es größtenteils recht mau aus ohne Molly-Abteilung. Die H&M-Damen grüßten freundlich und ich hatte auch beim Kassieren nicht eine Sekunde lang das Gefühl, abschätzend gemustert zu werden. Die meisten Kundinnen nahmen keinerlei Notiz von mir. Nur eine Omi blickte etwas grimmig drein
Im Deichmann wiederholte sich die Erkenntnis, dass es dort keine schicken Schuhe jenseits Größe 43 / 44 gab. Hier würde ich wie bisher auf Onlinekäufe angewiesen sein. Im C&A dasselbe positive Erlebnis hinsichtlich des Personals und der Kundinnen. Die grimmige Omi war uns nicht gefolgt. Ich sammelte einen Berg Oberteile zusammen und suchte noch eine Sonnenbrille aus. Meine Frau ging unterdessen meist ihre eigenen Wege. Ich sah ihr an, dass sie wirklich allen Mut zusammennehmen musste und es nicht schaffte, die ganze Zeit über an meiner Seite zu sein. Das fand ich nicht schlimm, denn schließlich wollte sie selbst ebenfalls nach ein paar Sachen Ausschau halten. Was ich befürchtete, trat dann beim Anprobieren ein. Während ich drinnen ein Stück nach dem anderen als nicht passend beiseite hängte, hörte ich sie davor auf dem Sessel schniefen und schluchzen. Deshalb beeilte ich mich, fertig zu werden. Draußen küsste ich sie und meinte, sie hätte sich das wohl größte Eis im Center verdient. Wir gingen in ein gemütliches Café, bestellten Kuchen, Eis und Getränke und ließen es uns schmecken. Nein, sie hatte keine Hemmungen, neben mir zu sitzen. Die Bedienung behandelte uns vollkommen normal und die stetig anwachsende Schar von BesucherInnen überflog uns mit gleichgültigen Blicken. Einzig ein Italiener musterte uns eine ganze Weile lang mit fragendem Gesichtsausdruck, anstatt andächtig den Ausführungen seiner Begleiterin zu lauschen. Danach stürmten wir wild entschlossen den Top-Two-Laden, der hier eine besonders große Filiale hatte - ganz im Gegenteil zur Mikroausgabe von H&M und C&A. Ich suchte eine etwas kleinere Handtasche als meine jetzige, falls ich mal ohne Ersatzschuhe unterwegs wäre, im Konzert oder der Oper beispielsweise. Rasch wurde ich fündig, was in Berlin gescheitert war: ein schnuckeliges, rechteckiges Teil aus schwarzem Leder mit fetzigen Kegelnieten drauf, drinnen viele kleinere Reißverschlussfächer. Meine Frau fand ebenfalls, was sie suchte, und es war mir ein Bedürfnis, an der Kasse alles zusammen zu bezahlen.
Auf der Rückfahrt gestand sie mir, weshalb sie das überhaupt unbedingt mit mir durchziehen wollte: Ihre Motivation bestand darin herauszufinden, ob sie selbst die Kraft dazu haben würde, mein neues Äußeres auch jenseits der eigenen vier Wände, jenseits von Stunden zu zweit und heißer Leidenschaft, zu akzeptieren. Bisher kannte sie mich als 'Diva', Vamp - aber eben nicht als Alltags-Frau. Unser übereinstimmendes Fazit war, dass sie die Feuerprobe mit Bravour bestanden hatte - ebenso wie unsere strapazierte Beziehung. Sie machte nur die Einschränkung, dass sie anfangs sicher nicht jeden Tag diese Kraft aufbieten könnte, zwischendurch eine Verschnaufpause brauche. Ich schminkte mich auf dem Beifahrersitz ab, kämmte das Haar in den Männermodus und zog mir die mitgebrachten Kerls-Klamotten an. Danach holten wir unseren Sohn vom Hort ab und dann ging's zum großen Waldspielplatz, wo er mit seinem glücklichen Pappa fußballspielen und toben konnte.
LG
Tara