@ Marielle:
Was verleitet Dich eigentlich zu der Annahme, dass das, was mich (manchmal fast) zur Verzweifelung treibt, etwas ist, von dem man sich emanzipieren könnte?Marielle hat geschrieben:Wenn dich das alles so sehr verzweifelt macht, Ketzerin: Warum emanzipierst du dich nicht davon?
Ein Wegfall des gegenwärtig üblichen psychiatrischen/psychotherapeutischen Prozederes würde wohl kaum zu einem "unbegrenzten Zugang zu Solidarleistungen nach eigenem Wunsch und Gutdünken" führen. Oder traust Du anderen Ärzten und Ärztinnen nicht zu, Anliegen und Wünsche ihrer Patienten zu hinterfragen und/oder gegebenenfalls deren Einwilligungsfähigkeit zu überprüfen?Marielle hat geschrieben:Eines sollte man sich deutlich machen: Die Träumereien von unbegrenztem Zugang zu Solidarleistungen nach eigenem Wunsch und Gutdünken sowie ohne irgendeine Form von 'Diagnose' oder Bestätigung, die wohl nicht zufällig von denen kommen, die gegen alles und jedes stänkern, was von Seiten des medizinisch-psychologischen Betriebs und auch von den nichtbetroffenen Gesellschaftsteilen kommt (die aber beide wesentliche Bestandteile des Gesamtgefüges sind) werden in der Realität nicht erfüllt werden (können); weder mit noch ohne Schlüsselnummer.
@ Daenerys:
Ich weiß nicht, ob ich mehr Ahnung von unserem Gesundheitssystem habe als Du, aber ich denke, dass ein im somatischen Bereich angesiedelter Diagnoseschlüssel, der dann ähnlich gehandhabt wird wie z.B. ICD 10 N62 "Hypertrophie der Mamma" bei der Behandlung von "Gynäkomastie" (auch das ist keine Krankheit, es erfolgt ein Eingriff in gesundes Gewebe auf Basis eines "Leidensdrucks" - ganz ohne zusätzliche psychiatrische Diagnose "Mammadysphorie", der Eingriff wird von den Krankenkassen bezahlt) der vielleicht beste Weg für eine vernünftige Behandlung von Transsexualität wäre. Alternativ könnte man natürlich auch in den neurologischen Bereich gehen, wie es Trans-Evidence offenbar anstrebt. Da muss ich aber erst noch mehr drüber lesen, bevor ich mir eine Meinung bilden kann (bin ein paar Jahre aus dem Thema raus und erst durch das neue Leitlinienvorhaben wieder "aktiv" geworden).
Zu Deiner Frage nach dem Experten, der die Diagnose TS sichern soll, kann man zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur eins sagen: den gibt es nicht, weil es keinerlei objektive Befunde gibt, anhand derer man Transsexualität diagnostizieren könnte. Das ist doof, aber damit muss man irgendwie leben und umgehen lernen. Die gegenwärtige Praxis, diese "sichere Diagnose" von Psychiatern und/oder Psychotherapeuten zu fordern, ist jedenfalls keine Lösung, weil psychiatrische Diagnosen große Mängel in den Bereichen Validität und Reliabilität aufweisen und nicht auf objektiven Befunden basieren, sondern auf subjektiven (und damit zwangsläufig willkürlichen) Einschätzungen. Dass es dennoch eine bestimmte Gruppe von Psychiatern und/oder Psychotherapeuten gibt, die diese Aufgabe unbedingt an sich reißen möchte, ist für mich absolut nicht nachvollziehbar. Würde ich zu dieser Berufsgruppe gehören, ich würde mich strikt weigern, das Thema Transsexualität auch nur mit der Kneifzange anzufassen. Am Ende sind es unter den gegenwärtigen Umständen die Patienten, die nach gründlicher Aufklärung durch die entsprechenden Fachärzte (Endokrinologe, plastischer Chirurg, Urologe etc.) die Entscheidung für oder gegen eine Behandlung treffen und die Verantwortung dafür übernehmen müssen. Ärzte können zum heutigen Zeitpunkt bei Transsexualität nur die Verantwortung für eine technisch korrekte Ausführung der Behandlung übernehmen, der Rest liegt bei uns.
@ Frauke:
Von der Entpathologisierung der Transsexualität hat bislang vor allem die Sexualpsychiatrie profitiert, die dadurch die einmalige Gelegenheit hatte, eine neue psychische Krankheit zu konstruieren, die besser zu ihrem psychiatrischen Behandlungsansatz passt als die "alte" Transsexualität. Das zeigt sich sehr schön an dem Versuch, bei der sogenannten "Geschlechtsdysphorie" die Probleme psychiatrischer Diagnostik, die ich im Abschnitt an Daenerys kurz angesprochen habe, zu umschiffen: "Geschlechtsdysphorie" kann künftig ganz schnell diagnostiziert werden, weil die Diagnose nicht mehr mit dem "Wunsch nach somatischer Behandlung" verknüpft ist. Das Problem einer folgenreichen Fehldiagnose wird also umschifft, indem man die somatische Behandlung von der Diagnose entkoppelt und sie in den Bereich "Indikationsstellung" verschiebt. Die Sexualpsychiatrie passt hier also die zu behandelnde Krankheit an ihre eigenen wissenschaftlichen Defizite an. Das ist in meinen Augen nicht nur unlauter, sondern vor allem ein schlechter Witz. (Obwohl sich sicher auch jeder Herzchirurg wünschen würde, den zu operierenden Herzfehler eines Patienten an seine chirurgische Kompetenz anpassen zu können...)
@ Atalanta:
Wärst Du bitte so lieb, mal ein paar Links zu Fachveröffentlichungen hier einzustellen, die Deine Aussagen bestätigen? Ich würde Dir ja wirklich gerne glauben, aber alles, was ich zu dem Thema an relevanten Fachveröffentlichungen finde, praktiziert die von mir hier mehrfach erwähnte Vorgehensweise, einfach die alte psychische Krankheit "Transsexualität" gegen die neue psychische Krankheit "Geschlechtsdysphorie" auszutauschen. Sowas kann man natürlich auch unter dem Etikett "Transsexualität ist keine psychische Krankheit" laufen lassen, denn die psychische Krankheit ist ja schließlich nun die "Geschlechtsdysphorie". Aber ob das dann Sinn macht und irgendwelche positiven Effekte erzielt? Ich fürchte eher nicht.Atalanta hat geschrieben:Es wird insofern unbegründet sein, weil die Ansichten über Transidentität, in der Wissenschaft recht klar und wird noch klarer: Es ist keine Krankheit und medizinische Dienste sind für verschiedene Erscheinungsformen einfach erforderlich.
Dass das noch als Krankheit betrachtet wird, zumal als psychischer Zustand, ist ein Rückstand vorgestriger Betrachtungsweisen, die heute nicht mehr haltbar sind (dass es heute noch vereinzelt Leute gibt, die das vertreten, ist "natürlich").
Liebe Grüße!
Kleine Ketzerin