Ostwind
Ostwind - # 9

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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Ulrike-Marisa
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Re: Ostwind

Post 121 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Moin Anne-Mette,

...immer neue Wendungen in der Geschichte - wirklich spannend; frau/man fiebert schon dem nächsten Kapitel entgegen... :wink:

herzliche Grüße, Ulrike-Marisa (moin)
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 122 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Sie fühlt sich erleichtert.
Zeit und Gelegenheit zum Feiern haben sie aber leider nicht.
"Ich habe nun einen Führerschein", sagt sie stolz zu Magda, "es war nichts Schlimmes".
Magda fällt ein Stein vom Herzen. Was hat sie sich nur alles ausgemalt!
Willi ist gekommen. Er hat wohl geahnt, dass Hedwig nun mit "Brief und Siegel" im Auto unterwegs sein kann und nicht mehr Angst vor dem Polizisten haben muss.
"Ich kann noch einen zweiten Wagen haben", erzählt er, "wir sollen sofort damit anfangen, die Sachen aus dem Abbruchhaus zu holen. Der Bürgermeister drängelt. Lieber heute als morgen soll es erledigt sein!" Willi schaut sie an.
"Wäre auch schade, wenn alles in dem Haus kaputt geht", fügt er bekräftigend hinzu.
Hedwig kann die Eile nicht ganz verstehen, hat auch ein schlechtes Gewissen; denn sie muss schon wieder Magda fragen: "kümmerst Du dich um Ulli?"
Ja, das tut sie; denn auch sie weiß, dass Hedwig die viele Arbeit nicht zum Vergnügen auf sich nimmt.
Sehnsuchtsvoll blickt Hedwig zum Fenster hinaus. Sie würde gern ins Watt gehen, aber "versprochen ist versprochen".
Mit Willis Auto fahren sie zur Schrotthandlung.
Sie dürfen dort den Opel Blitz ausleihen; der trägt eine Menge, wenn sie ihn ordentlich und überlegt beladen.
Damit schaffen sie viel auf einmal und müssen nicht so oft fahren.
Hedwig mag den Blitz nicht besonders; denn er fährt mit Gas — und das ist ihr unheimlich.

So richtig bei Licht besehen sind viele Sachen aus dem Haus noch gut zu gebrauchen.
Hedwig ist besonders scharf auf die Badewanne, aber Willi sagt ihr, dass auch noch andere Schätze im Haus sind. Sie finden Einzel- und Doppelbetten und die passenden Matratzen dazu.
Einige Waschbecken sind noch heil, Spiegel, eine vollständige Küche, Schränke und vieles mehr. Hedwig kann sich nicht vorstellen, wie sie das alles verladen und transportieren sollen.
Willi hat Ausschau gehalten, als würde er noch jemanden erwarten.
Tatsächlich — "nach Feierabend" kommen zwei weitere Helfer, die mit anpacken.
Es sind ehemalige Arbeitskollegen von ihm.
Mit der ersten Tour können sie bald fahren.
Hein hat ihnen nach langem Hin und Her ermöglicht, einen Teil der Sachen erst einmal in der Maschinenhalle seiner Firma abstellen zu dürfen.
Nach der ersten Tour folgen viele weitere.
Es ist spät, als sie Feierabend machen.

Adelheid schläft schon, als Hedwig in die Kammer kommt.
Sie hat sich ganz hinten an die Wand gelegt, damit Hedwig Platz hat.
Hedwig spürt jeden Knochen im Leib.
Im Traum läuft sie wieder und immer wieder ins Haus, eilt treppauf und treppab, um die verwertbaren Sachen zu holen und nach draußen zu tragen.
"Pass auf die Ecke auf!"
Zu spät — mit dem großen Sofa sind sie so um die Ecke geschrammt, dass sie eine große Bodenvase vom oberen Geschoss nach unten befördert haben, die klirrend ihre Ankunft unten auf dem Boden meldet.
Sofort darauf hören sie einen Schwall von Schimpfwörtern, die Willi ihnen entgegenruft.
"Wisst ihr, was hätte passieren können?"
Hedwig wird wach.
Nein, es war keine große Bodenvase, sondern sie hat versehentlich ihren Stuhl umgeworfen, der neben dem Bett stand.
Adelheid ist auch wach geworden.
Sie sieht aus, als hätte sie Fieber.
Ganz matt fragt sie: "was ist denn los?"
"Alles gut", antwortet Hedwig, "schlaf weiter, ich habe nur den Stuhl umgestoßen!"
Es ist so heiß hier", stöhnt Adelheid.
Sonderbar — Hedwig hatte ein ganz anderes Gefühl. Gerade hat sie sich noch die Decke bis zum Hals hochgezogen.
Adelheid geht hinüber in ihr Bett.
Eine Weile wühlt sie sich unruhig durch die Decken und Kissen, bis sie endlich einschläft.
Hedwig rutscht weiter zur Wand hin; nun will sie nicht mehr ganz am Rand des Bettes liegen.
Der Stuhl soll nicht noch einmal umfallen.
Merkwürdig — der hintere Teil der Matratze ist viel wärmer!
Hedwig dreht sich doch wieder auf die andere Seite und schläft gleich darauf ein.
Als sie aufwacht, sind draußen Stimmen zu hören.
Meine Güte — Willi ist schon da und unterhält sich mit drei Männern, die er immer wieder ums Haus scheucht. Was geht da vor sich?
Willi hat genau ausgemessen, wie die Hauswände montiert werden müssen.
Er hat auch schon Eisenrohre an den "gedachten Ecken" eingeschlagen und mit einem starken Bindfaden aufgezeigt, wie das Fundament liegen müsste.
Er spricht von einem "Streifenfundament", was die Leute, die er angeheuert hat, nicht ganz verstehen. "Ist doch ganz einfach", schimpft er, "ihr hebt dort einen Graben aus so wo ich es gekennzeichnet habe und befördert den Inhalt der Mischmaschine in den Graben.
Das ist das Fundament für die Holzwände!"
Hedwig wundert sich: Willi muss sich getäuscht oder vermessen haben; denn die Holzwände werden nicht bündig abschließen mit den bestehenden Mauern.
"Das sollen sie auch nicht", erklärt er, "später setzen wir mal einen Rotstein davor, der zum alten Hausteil passt; deshalb muss das Fundament auch etwas breiter sein!"
Das sieht Hedwig ein.
"Wir nehmen aber alte Steine", fügt Willi hinzu, "und wenn mal einer kommt von der Kreisverwaltung, dann sagen wir, dass lediglich Kriegs- und Sturmschäden ausgebessert worden sind.
"Ach ja", unken die jungen Arbeiter, "da wird aus einem Hasenstall ein Schloss gebaut und das ist dann eine Beseitigung von Sturm- und Kriegsschäden!"
"Für"™s Schnacken werdet ihr nicht bezahlt!"
Es ist Willi anzusehen, dass er ärgerlich ist, da schon zu viel Zeit vertrödelt wurde.
Als die Arbeiter endlich mit dem Ausheben beginnen, kann er losfahren und die Mischmaschine, Kies, Zement und Kalk holen.
Auch hat er eiserne Anker in Arbeit, die in das Fundament eingegossen werden und die hölzernen Wände halten sollen.
"Werde ich hier gebraucht?"
"Nein —Männerarbeit", muss Hedwig sich anhören.
Gut, dann kann sie endlich ins Watt gehen.
Sie nutzt die Zeit, aber es fällt ihr schwer, sich auf die Arbeit mit den Netzen zu konzentrieren.

Nachmittags treffen sie sich alle oben am Haus.
Magda hat eine Suppe gekocht.
Die Mischmaschine ist so schwer, dass sie alle mit anpacken müssen, sie vom Wagen zu heben.
So eine Plackerei!
Die Arbeiter sind gut vorangekommen.
Morgen sollen sie ihren Lohn bekommen, wenn ihre Arbeit fertig ist.
Adelheid kommt von der Arbeit. Das Heimleiterpaar klappert mit den Fahrrädern hinterher.
Sie sehen nicht ganz so griesgrämig und gebeugt aus wie die ganzen Wochen zuvor.
Sie kommen auf Hedwig zu: "Wir möchten gerne bezahlen; denn ab morgen können wir im Heim wohnen. Unsere Wohnung ist fertig".
Hedwig soll es recht sein. Es war kein großes Vergnügen, diese Gäste zu beherbergen.
Die Abrechnung wird anstrengend. Sie feilschen um jeden Pfennig.
Endlich ist es geschafft.
Hedwig hat genug Geld, um das Material und die Arbeiter bezahlen zu können und sie muss weder an ihre Kassendose gehen noch zur Bank fahren.
Was für eine günstige Fügung!
Sie muss sich auch keine Sorgen um den Baulärm machen.
"Was war mit Dir gestern?"
Ja, Hedwig hat sich den ganzen Tag Sorgen gemacht, aber Adelheid geht es wieder gut.
"Nichts", sagt sie nur, "in Deinem Bett war es so heiß; als ich in meinem geschlafen habe, ging es mir sofort wieder besser!"
Willi bringt ein paar Flaschen Bier mit, als er noch einmal zur Einsatzbesprechung für den nächsten Tag kommt.
Die umgedrehte Maurerbütt muss ebenso als Sitzmöbel herhalten wie der Stapel mit den Schalbrettern.
"Ich hätte Lust auf die Badewanne", fällt Hedwig auf einmal ein, "können wir die nicht aufstellen?"
Sie schlägt vor, den großen Kessel auf den Herd zu setzen und die Badewanne mit seinem Wasser zu füllen.
"Den kannst Du oft aufsetzen, bis Du genug warmes Wasser für ein Bad hast", ist Willi überzeugt.
Auch gibt er zu bedenken, dass die Wanne vielleicht nicht in den kleinen Raum passt, in dem die Toilette steht.
"Stimmt!" Adelheid hat nachgemessen, "das passt nie!"
Hedwig ist enttäuscht.
Haben sie die Wanne umsonst gerettet und transportiert?
"Nun warte mal noch ein paar Tage", tröstet Willi sie, "wen wir die Wände aufgestellt haben, dann hast Du Räume genug für ein schönes Badezimmer!"
Obwohl Hedwig hundemüde ist, spielt sie noch ein wenig mit Ulli.
Sie ist erstaunt, was ihr Kind schon alles kann.
Bald können sie den ersten Geburtstag feiern. Ihre Augen leuchten, als sie daran denkt.
Allerdings legt sich gleich darauf ihre Stirn in Sorgenfalten.
Sie muss an Frau Andersen denken.

In dieser Nacht wiederholt es sich.
Adelheid wacht auf, weil ihr ganz warm ist.
Sie muss geträumt haben, flüstert: "ich verbrenne!"
Hedwig zieht ihr das durchgeschwitzte Nachthemd aus, gibt ihr ein frisches und geleitet sie hinüber in das andere Bett.
Bald darauf hört sie die ruhigen Atemzüge von Adelheid, die schläft, als wäre nichts gewesen.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 123 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Die Anstrengung ist fast unmenschlich. Jeden Tag steht Willi schon früh vor der Tür, um Hedwig abzuholen.
Das Haus ist leer geräumt; nur noch wenige Sachen befinden sich im Keller. Die wollen sie später holen. "Da stehen noch einige Schätzchen", erzählt Willi mit leuchtenden Augen, sagt aber nicht mehr dazu. Dann muss es sein Geheimnis bleiben — vorerst.
Heute wollen sie die Hauswände abreißen. Sie haben sich Hilfe geholt.
Hedwig hat ein schlechtes Gewissen; denn sie hat fast keine Zeit für Ulli und Adelheid.
Außerdem macht sie sich große Sorgen um die Gesundheit ihrer Freundin.
Schluss mit den Gedanken, alle müssen sich auf die Arbeit konzentrieren!
Willi hat zwei Bauern mit ihren Traktoren bestellt; die erscheinen geeigneter zu sein für die Millimeter-Arbeiten, die ihnen bevorstehen. "Allein werden wir das nicht schaffen", hat Willi gesagt, "unsere Fahrzeuge sind auch völlig ungeeignet für das, was wir vorhaben".
Was sie genau vorhaben, hat er nicht gesagt, aber er hat einen Plan — und den stellt er nun wie ein Dirigent seinem Orchester vor.
Die Verankerungen der Holzwände auf dem Fundament, die Eckenverbinder und die Verbinder mit den Zwischendecken sind größtenteils gelöst, hängen nur noch "am seidenen Faden", sagt er.
Die Zwischendecken stehen auf den gemauerten Innenwänden und bleiben erst einmal stehen. "Das hält", hat Willi nach eingehender Untersuchung entschieden.
Alle hoffen, dass er damit Recht hat. Einen Unfall oder einen "spontanen Abriss", bei dem das ganze Haus von allein zusammenfällt, wollen sie natürlich nicht riskieren.
Einen Balken haben sie oben quer an der Wand angebracht, die zuerst herausgelöst werden soll.
Von dem Balken führen zwei stabile Seile nach vorn — und zwei um das Haus herum nach hinten.
Willi dirigiert die beiden Traktoren. Einer soll von vorne ziehen — und der andere von hinten gegenhalten und gaaaaaaanz langsam nachgeben.
Die beiden Bauern gucken Willi an: "das wird funktionieren?"
"Ja, das funktioniert, ihr müsst nur genau auf meine Zeichen achten!"
Die Leinen werden durchgeholt und an der Schleppöse der Traktoren befestigt.
Beide sitzen stramm, nachdem Willi ein paar Mal hin und her gerannt ist und an der Feinabstimmung gearbeitet hat. Er ist ganz außer Atem, aber das Konzert kann beginnen.
Sein Dirigentenpult ist eine kleine Erhebung neben dem Haus, von der er einen guten Blick auf beiden Traktoren hat. Die beiden Männer auf ihren Fahrzeugen können sich jedoch nicht sehen; nur auf ihn kommt es an, wenn die Aktion gelingen soll!
Erst will er rufen und ihnen sagen, was sie machen sollen, aber gegen den Lärm der Motoren kommt er nicht an.
So haben sie feste Zeichen verabredet.
Hedwig steht als "Allerhandmann" parat und soll eingreifen, wenn es Probleme gibt.
Zuerst sieht es nicht so aus, als sollte die Aktion gelingen.
Die Wand wehrt sich noch, gibt jedoch kreischend auf. Holz splittert an den wenigen Verbindungen, die Willi noch nicht gelöst hatte.
Die beiden Landwirte achten tatsächlich auf Willis Zeichen.
Mal zeigt er seine ganze Hand, mal nur ein oder zwei Finger.
Bald haben sie den Punkt erreicht, an dem nicht mehr an der Wand gezogen werden muss.
Die Leinenverbindung kann gelöst werden.
Der Fahrer des anderen Traktors ruft: "watt is denn nu mit mi?"
Einen Moment muss er sich gedulden und die Wand halten.
Willi hat einen flachen Anhänger besorgt, den sie geschickt so platzieren, dass die Wand anschließend fast von allein darauf ihren Platz findet, als der Traktor langsam Leine gibt.
"Das war der erste Streich".
Willi ist zufrieden.
Der eine Bauer guckt auf sein Handgelenk, als wäre da eine Uhr.
Nein, Zeit für eine Pause ist noch nicht.
Bei der zweiten Wand geht auch alles glatt, obwohl der eine Traktor etwas uneben steht.
Das Umsetzen des Balkens verzögert die Angelegenheit, aber alle packen mit an.
Bei der dritten Wand haben sie schon etwas Routine, aber sie arbeiten nachlässiger. Die beiden Landwirte achten nicht mehr so genau auf Willis Zeichen, sondern agieren eigenmächtig.
Bei der letzten Wand passiert dann ein Missgeschick. Der Traktor gibt viel zu schnell nach und donnernd kracht die Wand auf den Boden.
Wie gut, dass sie den Hänger noch nicht in Position gebracht haben, diese Belastung hätte er bestimmt nicht überstanden.
Nun sollen die Wände noch zum Haus am Watt transportiert werden, obwohl die beiden Bauern langsam Feierabend machen wollen.
Sie lassen sich aber mit einem weiteren Geldschein überreden, den Hedwig ihnen zusteckt.
Sie brauchen ziemlich lange; denn sie fahren einen Umweg. Schließlich wollen sie mit dem ungewöhnlichen Transport nicht den Verkehr auf der Hauptstraße behindern.
Es ist schon dunkel, als sie die Aktion erfolgreich abgeschlossen haben.
Die hölzernen Wände warten auf ihren neuen Einsatz.
Ulli schläft natürlich schon.
Adelheid liegt wieder in Hedwigs Bett, blinzelt nur kurz und flüstert dann: "da bist Du ja!
Ich hatte schon solche Sehnsucht, musste etwas von Dir spüren und riechen und liege schon wieder allein in Deinem Bett in Deinen Sachen!"
Das klingt ein wenig vorwurfsvoll, aber Hedwig ist müde, vollkommen kaputt und hat keine Lust auf eine Auseinandersetzung. Sie hofft, dass die viele Arbeit bald ein Ende hat.
Sie gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und sagt "schlaf gut, mein Schatz!"
Adelheid rutscht wieder in ihre Ecke ganz an die Wand.
Mitten in der Nacht wird Hedwig wach.
Adelheid muss auch heute einen schlimmen Traum gehabt haben, ist schweißgebadet und redet immer wieder vom Höllenfeuer.
Hedwig beruhigt sie.
Das Bett ist so nass, dass sie dort nicht liegen bleiben können.
Sie gehen in Adelheids Bett und werden erst wach, als Willi sich draußen bemerkbar macht.
Er ist unerbittlich: "Aufstehen, raus aus den Federn!"
"Was war denn?"
Lange kann Hedwig nicht auf eine Antwort warten.
Sie wollen später reden.
Der Abriss der noch stehenden Teile gestaltet sich einfacher, aber staubiger.
Sie müssen nicht mehr darauf achten, dass etwas heil bleibt.
Am späten Nachmittag beschließen sie, Feierabend zu machen.
Sie haben einen provisorischen Kellerzugang geschaffen, den sie verschließen können.
"Mama!"
Ulli ist sichtlich froh, dass Hedwig früh zurück ist.
Im Spiegel sieht sie ihre grauen Haare. Zeit, erst einmal Staub und Dreck der letzten Tage zu beseitigen.
Als Hedwig sich wieder frisch fühlt, bezieht sie gleich noch die Betten neu.
Schade — ausgerechnet heute kommt Adelheid so spät.
"Leider hatten wir eine Dienstbesprechung", sagt sie entschuldigend.
Die beiden Frauen haben den Abend für sich. Ulli schläft zeitig und Magda ist irgendwo im Dorf unterwegs. Sie hat nicht gesagt, wen sie besuchen will.
Adelheid und Hedwig müssen sich erst wieder finden.
Sie streicheln sich sanft.
"Muskelmann!"
Bewundernd streichelt Adelheid Hedwigs Oberarme, dann den Bauch: "dünn bist Du geworden!".
Sie reden ein wenig.
Hedwig erzählt vom Abriss und Adelheid von ihrer Arbeit.
Sie sind sich wieder näher.
"Was hattest Du die letzten Nächte?"
Adelheid weiß es nicht.
"Schlecht geträumt!"
"Einfach so?"
"Ja, einfach so!"
Hedwig schaut ihr in die Augen.
Sieht sie eine unbestimmte Angst, oder ist es eine Anstrengung, sie sich als leichter Schatten in den Augen widerspiegeln und sich in den Gesichtszügen ein Zuhause suchen?
"Du hast wirklich nichts?"
"Nein, nur manchmal leichte Unterleibsschmerzen!"
Sie gibt sich einen Ruck, aber ihr Lachen klingt künstlich, "vielleicht brauche ich einfach mal wieder"¦".
Sie klettert auf Hedwig, rutscht ganz nach oben und will sich von ihr küssen lassen.
Das liebt Hedwig doch immer so.
Aber heute wendet sie sich ab, fast drängt sie sie beiseite.
"Ich glaube, ich bin zu müde, sei mir bitte nicht böse!"
Enttäuscht wendet Adelheid sich ab.
Beide sind traurig, streicheln sich aber noch ein wenig.
"Ich kann ihr doch nicht sagen, dass sie nicht gut riecht", ist Hedwigs letzter Gedanken, bevor sie einschläft.
Auch diese Nacht hat es in sich.
So kann es nicht weitergehen!
Adelheid wird wieder von schlimmen Träumen geplagt.
Als sie aufwacht, hält sie sich den Unterleib. Sie sagt, sie spürt ein Brennen in sich.
Hedwig bemüht sich, sie zu beruhigen, geleitet sie in das andere Bett.
"Bestimmt bekomme ich meine Tage", sagt Adelheid.
Hedwig holt ihr eine Unterhose und eine Binde.

Die Fundamente sind durchgetrocknet und belastbar.
Die Wände können aufgestellt werden.
Nun wird sich zeigen, ob die Berechnungen und Überlegungen stimmen und die Pläne umgesetzt werden können.
Sie arbeiten nur noch zu zweit.
Selten, dass Karl vorbeikommt und ihnen hilft.
Hedwig ist schon froh, wenn wer mal ins Watt geht und nach den Reusen schaut.
Es ist mühevoll, aber auch zwei Menschen können mit geeigneten Hilfsmitteln eine ganze Menge schaffen. Sie haben sich stabile Rundhölzer besorgt und Willi hat die Daumenkraft mitgebracht, mit die ihnen schon beim an Land ziehen des Kutters so gute Dienste geleistet hat.
Sie ächzen und stöhnen, sie schimpfen und machen sich selbst Mut, der ihnen neue Kräfte gibt.
Schließlich liegt die erste Wand an Ort und Stelle.
Allerdings liegt sie flach vor ihrem Einsatzort.
Wie sollen diese beiden armen Menschen die schwere Wand in die Höhe bekommen und dann noch fest verankern?
Willi hat wieder einen Plan.
Die ganze Ladefläche des LKW hat er vollgeladen; wer weiß, wo er das ganze Zeug her hat.
Zwar sieht es aus, als wäre er gerade zum Schrottplatz unterwegs, um die Sachen dorthin zu bringen, aber sie erweisen sich als äußerst nützlich.
Sie haben nun eine zweite Daumenkraft und können die beiden Geräte so in Position bringen, dass sie die Wand ein gutes Stück anheben können.
Sie arbeiten synchron an den beiden Kurbeln.
Die gewonnene Höhe sichern sie mit ein paar Kanthölzern, die sie unter die Wand packen.
Sie drehen die Kurbeln in die andere Richtung.
Die Wand liegt nun mit dem ganzen Gewicht auf den Kanthölzern.
Sie kurbeln die Daumenkräfte ganz zurück.
Nun können sie sie auf ein paar Steine und Kanthölzer stellen — und das Spiel beginnt von neuem.
Wieder gewinnen sie ein gutes Stück an Höhe und müssen den Stapel, auf dem die Wand ruhen soll, wieder erhöhen.
Hedwig wundert sich, dass oben an der hölzernen Wand wieder ein Querbalken angebracht ist, an dem sich eine Öse für ein Tau befindet.
Fast hätte Willi vergessen, das Tau dort zu befestigen.
Die Wand ist schon so hoch, dass er auf eine Leiter klettern muss, um das nachzuholen.
Einen merkwürdigen Apparat wirft er sich über die Schulter, der besteht auf einem Seil und vielen Rollen. "Ein Flaschenzug ist das", erklärt er, "der wird uns beim letzten Stück helfen!"
Der Schweiß tropft ihnen von der Stirn, so müssen sie sich ins Zeug legen.
Sie haben knapp genug Zeit für eine Mahlzeit. Mit dreckigen fingern essen sie die Schinkenbrote, die Magda ihnen nach draußen bringt.

Viel früher als sonst hört Hedwig das Geklapper vom Schutzblech, das sie schon lange anschrauben wollte. Adelheid ist aber früh heute. Ob sie mit anpacken kann?
Sie schiebt das Fahrrad. Bestimmt ist die Kette abgesprungen und hat sich verklemmt, sodass sie die nicht wieder auf das Kettenrad bekommen hat.
Nein, das ist es nicht; die Kette sieht genau so aus wie es sein soll. Das sieht Hedwig schon von weitem.
Ganz gebückt läuft Adelheid.
Sie lässt das Fahrrad fallen. Das ist sonst überhaupt nicht ihre Art; denn sie weiß, wie wichtig das Fahrrad für sie ist.
Sie schleppt sich ins Haus, sieht aus wie eine alte Frau, der jeder Schritt Schmerzen verursacht.
"Adel", begrüßt Ulli sie, aber sie kann nicht antworten, will nur noch aufs Bett.
Die letzten Meter muss sie kriechen.
Hedwig hat mitbekommen, dass es Adelheid so schlecht geht.
Für einen Moment muss sie Willi alleine lassen, geht ins Haus.
Adelheid ist kreidebleich, krümmt sich vor Schmerzen und stöhnt: "so schlimm war es noch nie, wenn ich meine Tage bekommen habe!"
"Da muss ein Arzt her", ist Hedwig sich sicher.
Sie läuft hinunter zum Fährcafé; denn die haben ein Telefon.
Sie rufen den Arzt an, der verspricht, abends vorbeizuschauen.

Eigentlich kann die Arbeit an der Hauswand schlecht unterbrochen werden; aber Willi sieht ein: sie müssen pausieren, bis geklärt ist, was mit Adelheid ist.
Er sichert die Wand so gut es geht.

Weitere Geschichten:

... aus dem Berlin der 1970er: Elli: viewtopic.php?p=29160#p29160

Es begann mit einer Kanutour: https://www.crossdresser-forum.de/die-kanutour.html

Zirola: http://www.crossdresser-forum.de/zirola.html
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Re: Ostwind

Post 124 im Thema

Beitrag von online52 »

Danke, die spannung steigt bei mir immer mehr, warte ungeduldig auf die nächste folge.
Viele Grüsse aus dem Bergischen Land
online
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 125 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Der Arzt ist endlich gekommen.
Adelheid verharrt immer noch in der gleichen Position. Sie kniet vor dem Bett und hat ihren Oberkörper auf die Decken gelegt, die sie zu einem Haufen aufgeschichtet hat.
Sie dreht den Kopf nur leicht, als der Arzt ins Zimmer tritt. Sie steht nicht auf und kann es wohl nicht. Der Arzt bleibt an der Tür stehen und lehnt sich schließlich gegen den Tür-Rahmen.
"Na, was ha"™m wir denn?" fragt er, erwartet aber nicht ernsthaft eine Antwort von Adelheid.
Hedwig beschreibt mit kurzen Worten, was sie denkt.
"Der Arzt hat bei der Wehrmacht viel erlebt und gesehen" erzählen sich die Leute im Dorf.
"Frauensachen" sind nicht gerade sein Lieblingsthema und jede ordentliche und anständige Verletzung ist ihm lieber. So blickt er etwas ratlos drein.
Er macht keine Anstalten, sich die Patientin näher anzusehen — und die würde sich freiwillig auch keinen Millimeter von ihrem Platz fortbewegen.
Der Arzt erzählt etwas vom Los der Frauen — und dass jede monatlich mit ihrer Menstruation zu tun hat, die eine mehr und die andere weniger.
"Aber"¦", fängt Hedwig an, aber der Arzt unterbricht sie: "das kann auch mal heftiger ausfallen. Eine deutsche Frau kann eine Menge Schmerzen ertragen, was glaubt ihr, was ich schon alles gesehen habe!"
Schließlich greift er in seine Tasche und holt nach kurzem Suchen eine kleine Schachtel hervor, die er Hedwig gibt.
"Wenn es gar nicht geht, dann muss sie ein Zäpfchen bekommen gegen die Schmerzen. Morgen ist sicher alles wieder überstanden".
Hedwig hält die kleine Schachtel in der Hand.
"Glaubt aber nicht, dass ich jeden Monat vorbeikomme, wenn sie die Tage hat".
Der Arzt geht.
Hedwig steht etwas ratlos im Zimmer.
"Soll ich Dir ein Zäpfchen geben?"
Adelheid stöhnt nur, gibt aber keine Antwort und ist nicht zu bewegen, ihre Position aufzugeben.
Hedwig überlegt. So richtig hilfreich war der Besuch des Arztes nicht.
Es gibt noch einen anderen Arzt, aber der ist jung und ganz neu auf der Insel — und der macht noch keine Hausbesuche. Außerdem würde sie es sich auf ewig mit seinem Kollegen verderben, wenn rauskommen würde, dass sie ihn auch noch um Hilfe gebeten hat.
Die ole Hex fällt ihr ein. Vielleicht kann sie mit ihren Kräutern helfen?
Schnell verwirft sie den Gedanken.
Die Hebamme fällt ihr ein, die muss sich doch mit Frauensachen auskennen.
Hedwig hat Glück. In Windeseile ist sie losgeradelt und trifft die Hebamme tatsächlich vor ihrem Haus an. Sie zögert zuerst ein wenig und meint: "ich bin kein Arzt!"
"Bitte", wiederholt Hedwig.
"Na gut — ich gucke mir das mal an!"
Schweigend radeln die beiden Frauen nebeneinander her.
Erst als sie das Haus fast erreicht haben, erzählt Hedwig genauer, um was es geht.
"Wenn der Arzt nichts machen konnte"¦", die Hebamme ist sich nicht sicher, ob sie helfen kann.
Es muss an ihrer Aura liegen; denn als sie das Zimmer betritt, in dem Adelheid immer noch in derselben Stellung verharrt, zeigt diese eine kleine Regung.
Ganz sanft will die Hebamme sie aufrichten und auf das Bett legen.
Beruhigend spricht sie mit ihr.
Adelheid zittert und beißt sich in die Lippe.
"Das tut so weh?"
Adelheid nickt.
Die Hebamme will tastend untersuchen, aber Adelheid öffnet ihre Schenkel nicht, sondern presst sie mit aller Kraft zusammen.
"Willst Du erst ein Zäpfchen gegen die Schmerzen?"
Adelheid nickt.
Die Hebamme legt sie vorsichtig auf die Seite und greift ihr unter den Rock.
Hedwig hat ihr die Schachtel mit den Zäpfchen gereicht.
Die kundigen Finger der Hebamme platzieren die schmerzstillende Arznei an der richtigen Stelle.
Adelheid atmet tief durch.
Kaffeeduft durchzieht das Haus. Magda weiß, wann es auf eine gute Tasse Kaffee ankommt.
Hedwig, Magda und die Hebamme stehen in der Küche, halten ihre großen, dampfenden Tassen in der Hand.
"Ich werde gleich mal tasten, wenn die Schmerzen nachgelassen haben, sagt die Hebamme.
"Sie kriegt doch hoffentlich nicht auch ein Kind?"
Magdas Frage platzt so unvermutet in den Raum, dass Hedwig zusammenzuckt und fast den Kaffee verschüttet.
Diese Frage hat sich außer Magda noch niemand gestellt.
"Von wem sollte sie ein Kind bekommen?" Hedwig hat nicht lange Zeit, um darüber nachzudenken; denn Adelheid ruft.
Es geht ihr etwas besser. Sie spürt eine leichte Entspannung.
Die Hebamme möchte es trotzdem nicht auf sich beruhen lassen und will sie noch kurz untersuchen.
Erst tastet sie den Unterleib von außen ab. An manchen Stellen "piekt es", sagt Adelheid.
Dann führt die Hebamme ihren Finger ein, streckt ihren sensiblen Fühler aus.
Je länger der dort verweilt, desto nachdenklicher sieht die Hebamme aus.
Schließlich zieht sie den Finger wieder heraus und wischt das Blut in ein Papiertuch, das Hedwig ihr reicht.
"Ich denke, es ist besser, Du gehst ins Krankenhaus — zur Beobachtung", sagt sie schließlich, "sollen wir einen Krankenwagen bestellen?"
Nein, das möchte Adelheid nicht.
Wenn es schon sein muss, dann soll Hedwig sie fahren.
Hedwig packt ein paar Sachen — und dann haken sie Adelheid zu zweit unter und bringen sie in den Wagen, der wegen der Bauarbeiten noch vor dem Haus steht.
"Ich komme mit", sagt die Hebamme entschlossen.
Hedwig muss sich auf das Fahren konzentrieren.
Adelheid hat sich an die Hebamme gelehnt, die schließlich beruhigend den Arm um sie legt.
"Gerne würde ich Adelheid im Arm halten und ihr beistehen", denkt Hedwig, aber steuert weiter zuverlässig den Wagen durch die Dunkelheit.
Es tut Hedwig leid, Adelheid im Krankenaus zurück zu lassen.
"Sie können hier nichts für sie tun", hat die Schwester gesagt, "sie wird nun erst einmal schlafen — und morgen sehen wir weiter!"
"Wann wissen sie Bescheid?"
"Vor dem Nachmittag brauchen Sie nicht zu kommen oder anzurufen!"
Auf dem Weg zum Auto steigen Hedwig Tränen ins Gesicht. Es fällt ihr schwer, ohne Adelheid zurückzufahren.
Ganz allein ist sie dabei allerdings nicht; denn die Hebamme wartet schon am Wagen.
"Wird schon nicht so schlimm werden", sagt sie.
So ganz überzeugend klingt das allerdings nicht.
Ulrike-Marisa
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Re: Ostwind

Post 126 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Moin zusammen,

... wer ist der Vater, oder doch eine ganz andere Erklärung; da weiss ich auch nicht weiter... :wink:

Gruß, Ulrike-Marisa
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 127 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hedwig kann sich kaum auf die Arbeit konzentrieren, muss immer wieder an Adelheid denken,
doch Willi hat kein Erbarmen; denn heute soll die erste Wand fertig aufgestellt sein.
Sie bekommen unerwartete Hilfe. Hein kommt am Haus vorbei — und die Arbeiter, die in seinem Wagen sitzen und zu einer Baustelle gebracht werden sollen, packen gleich mit an.
Willi verschraubt die Boden-Anker und die Verbindungen zur vorhandenen Hauswand.
"Wenn ihr nach Feierabend noch einmal mit anpackt, dann können wir die zweite Wand winklig dazu aufstellen und gewinnen Stabilität", sagt Willi zu Hein.
Der verspricht zu tun, was möglich ist.
"Wir haben aber gewaltigen Durst", melden sich die Arbeiter.
"Später", vertröstet Willi sie, "wenn eure Arbeit getan ist und heute Abend hier die zweite Wand steht".

Hedwig wird im Moment nicht gebraucht.
Für einen Besuch im Krankenhaus ist es noch zu früh.
Sie nimmt sich vor, die Kammer aufzuräumen und etwas sauber zu machen.
Dabei überlegt sie, dass es schön wäre, die beiden Betten zusammenzuschieben.
Dann hätten sie mehr Platz — und es sieht irgendwie stimmiger in der Kammer aus.
Noch schöner wäre allerdings ein großes Bett.
"Da sind doch noch die Doppelbetten aus dem Haus", überlegt sie.
Nein, sie muss wohl Adelheid erst fragen, ob sie damit einverstanden wäre.
Und was würde Magda dazu sagen? Zwei Frauen in einem Ehebett — und das freiwillig. Wer sollte das verstehen?
Egal — jetzt macht sie erst einmal sauber.
Der Besen befördert einige Dinge zutage, die Ulli wohl unter das Bett hat kullern lassen.
Das Kind wird sich freuen, wenn es das kleine Rädchen zurückbekommt, das beim Drehen immer rattert und "Klingeling" macht.
Da ist aber auch noch etwas Größeres.
Sie zieht, muss den Besen noch einmal ansetzen — und befördert schließlich das Buch ans Tageslicht, das ihr die ole Hex gegeben hat. Es ist ganz eingesponnen; Hedwig muss die Spinnweben erst einmal mit dem Besen beseitigen.
Sie blättert im Buch und sieht sich wieder die Zeichnungen an.
Sie ist gleichzeitig fasziniert und abgestoßen. So etwas gibt es wirklich?
Aber diese Menschen sind doch keine Monster!
Das Buch ist warm, ja beinahe heiß in ihren Händen, fast würde sie sagen, das Feuer, das vorne abgebildet ist, brennt tatsächlich.
Magda und Ulli sind draußen zu hören.
Schnell klappt sie das Buch zu und schiebt es mit dem Fuß wieder unter das Bett.
Sie nimmt sich vor, es später an einer anderen Stelle zu verstecken.
"Das wurde auch mal Zeit!"
Magda sieht mit Freude, dass Hedwig einen Besen in der Hand hat und endlich die Kammer sauber macht. Sie bindet sich ihre Schürze um, die sie schon in der Hand hält und wendet sich gleich wieder ihren eigenen Geschäften zu.
Hedwig nimmt den alten Stuhl, der erst einmal nicht gebraucht wird, in die Hand und hält das Buch unter der Sitzfläche versteckt.
"Ich bringe den Stuhl in den Netzschuppen", ruft sie so lauft, dass ihre Mutter es hören müsste, "hier steht er nur im Weg!"
Magda soll es recht sein; sie hat mit der Vorbereitung des Essens zu tun.
Hedwig stellt den Stuhl auf den Zwischenboden und versteckt das Buch unter Stapel Schamottsteine,
die ihr ein Nachbar geschenkt hat.
Dort wird es keiner finden.
Sie ist erleichtert, dass sie es losgeworden ist.
Ihre Arbeit nimmt sie wieder auf, aber viel Lust hat sie nicht. Lieber geht sie gleich noch einmal hinaus und schaut, was Willi macht.
Er hat stabile Flacheisen in der Hauswand befestigt und treibt riesige Schrauben in die Holzwand.
"Hält das?" fragt Hedwig. "Ja, na klar hält das!"
Willi ist entrüstet; fast hätte er einen falschen Schritt auf der Leiter getan.
Was Willi macht, das hält (meistens).
Sicherer wäre es allerdings, wenn die zweite Wand schon winklig dagegengesetzt werden könnte.
Immerhin — wenn die Arbeiter abends kommen und ihnen helfen, dann müsste es gelingen.
Adelheid hat leuchtende Augen, als Hedwig ins Zimmer kommt.
Es geht ihr schon wieder richtig gut. Sie erzählt, dass sie schon am nächsten Tag gehen kann.
"Holst Du mit vormittags ab?"
Hedwig verspricht es.
Eigentlich will sie fragen: ""¦ und was hast Du?"
Sie verkneift es sich aber, hat wohl auch ein wenig Angst vor der Antwort.
Stattdessen erzählt sie vom Aufstellen der Wand und dass sie den Gedanken hatte, ob sie die Betten zusammenschieben oder sich eines der großen Betten nehmen sollen.
"Wir zwei in einem großen Bett?"
Adelheid ist begeistert.
Endlich will Hedwig es wissen: "Was haben Dir die Ärzte gesagt?"
"Sie können es sich nicht erklären, sprachen von einer Schwellung innen, für die sie keine Ursache gefunden haben!"
"Haben?"
"Ja, heute Morgen war die Schwellung weg. Ohne Befund hat der Oberarzt gesagt".
"Dann bekommst Du kein Kind?"
Adelheid muss lachen: "von wem sollte ich ein Kind bekommen?"
Hedwig schämt sich wegen ihrer Frage.
"Vielleicht gelingt uns ein Kind, wenn wir das große Bett haben", scherzt Adelheid.
Hedwig hat nicht viel Zeit, muss zurück fahren und Willi und den Arbeitern helfen.
Die sind tatsächlich gekommen.
Mit so vielen kräftigen Händen ist es fast ein Kinderspiel.
Einige sind fast zu kräftig; denn die aufgerichtete Wand stößt krachend gegen die bereist stehende.
Holz splittert.
Willi kann schnell mit einigen seiner mächtigen Schrauben die beiden Wände verbinden.
"Wir haben gewonnen", meint er, "ihr habt euer Feierabendbier verdient!"
Sie sitzen noch eine Weile zusammen und reden.
Daraus ergeben sich gleich weitere Gelegenheiten. Einer der Arbeiter hat ältere Rotsteine, die passen würden, um sie vor die Holzwand zu setzen — und der Schwager des anderen Arbeiters kann Friesenwälle bauen.
Hedwig hat erzählt, dass sie gerne ein paar Bäume aufstellen würde und einen Friesenwall haben möchte. "Muss ja nicht jeder einen Blick auf das nackte Haus haben", sagt sie.
Die Männer müssen los.
Der Chef wird schon warten und ihnen einen Auftrag für den nächsten Tag geben.
Willi und Hedwig klettern durch das Fenster in das neu gewonnene Zimmer.
"Das ist so groß, das kannst Du teilen — und dann ist immer noch Platz für ein Badezimmer mit Badewanne", meint Willi, nachdem er seinen Zollstock ausführlich eingesetzt hat.
Hedwig freut sich, guckt aber auch nach oben. Sie hat Blick auf den bewölkten Himmel.
Ein Dach brauchen sie noch.
"Das macht Horst", schlägt Willi vor.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 128 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Adelheid steht schon wartend am Ausgang des Krankenhauses und plaudert mit dem Pförtner, als Hedwig kommt.
Ihr geht es wieder richtig gut.
Die beiden Frauen nehmen sich in die Arme.
"Du riechst nach Medizin"; flüstert Hedwig; denn der Pförtner muss nicht mitbekommen, dass sie weiß, wie Adelheid riecht.
"Aber es ist überhaupt nichts", sagte Adelheid, "morgen darf ich sogar schon wieder arbeiten!"
Hedwig ist nicht ganz so optimistisch; sie hat noch vor Augen, wie schlimm es um ihre Freundin stand und wie elend sie ausgesehen hat.
"Riesig ist das Haus geworden", staunt Adelheid, "und das in einem Tag".
Stimmt — die beiden angesetzten Wände haben es richtig groß werden lassen.
"Es ist ja lange noch nicht fertig", antwortet Hedwig bescheiden.
"Mit den anderen beiden Holzwänden bauen wir eine Frühstücks-Veranda für die Sommergäste", erklärt sie.
Auch Magda ist froh, dass sie jetzt wieder komplett sind — auch wenn sie das nie so deutlich zugeben würde. Sie freut sich, dass sie nicht mehr allein für Ulli verantwortlich ist, wenn Hedwig so viel zu tun hat.
Ein Ende der Bauarbeiten ist noch nicht abzusehen.
Horst ist durch das Fenster in den neuen Raum geklettert.
Er ist unschwer als Zimmermann zu erkennen.
Den ovalen Zimmermannsstift hat er sich hinter das Ohr geklemmt — und aus seiner Zimmermannsweste nimmt er sich einen Beutel Tabak und eine Pfeife, als er Hedwig vorträgt, was alles angeschafft werden muss, um ein Dach auf die neuen Räume zu bekommen.
Hedwig fällt ein, dass sie ihn noch nie ohne seine Baskenmütze gesehen hat.
"Ob er die auch im Schlaf trägt?", denkt sie und lächelt.
Die Pfeife klopft Horst an der Sohle seines Stiefels aus.
"Nach Osten bauen wir auch noch an, eine Veranda soll das werden, wenn wir die Wände passend vorbereitet haben".
Hedwig ist ein wenig stolz.
"Ihr zieht das ja ganz groß auf", meint Horst, "wollen wir hoffen, dass das nächste Jahr eine gute Saison bringt und viele Gäste kommen!"
Auch er hat sein Haus so umgebaut, dass er einige Betten zum Vermieten anbieten kann.
Für seine Familie hat er ein kleines Holzhaus in den Garten gestellt für den Sommer.
Letztes Jahr haben sie noch auf dem Dachboden geschlafen, als sie Sommergäste hatten, aber immer wenn einer von ihnen früh los musste, dann hat das die Gäste gestört, wenn sie die Leiter hinabklettern mussten.
Hedwig holt einen Zettel, will alles notieren.
Horst hat endlich seine Pfeife in Gang gesetzt und drückt mit seinem Daumen die Glut nieder.
"Das muss schmerzhaft sein, ich werde ihm einen Pfeifenstopfer besorgen", denkt Hedwig und schreibt den gleich mit auf.
"Wir sind soweit klar?"
"Ja!"
Da müssen nicht viele Worte gemacht werden; beide wissen sie, was zu tun ist.
Hedwig stellt ihre Kassendose auf den Kopf.
Das Geld wird nicht reichen.
Sie muss sich wohl doch auf den Weg zur Spar- und Leihkasse machen.
"Ich kann auch mal etwas bezahlen", meldet sich Adelheid, "das Geld bei der Sparkasse wirst Du brauchen, um über den Winter zu kommen!"
Hedwig winkt ab, aber Adelheid bleibt dabei; sie will etwas für das Wohnen bezahlen.
Ungewohnt: beide Frauen fahren zusammen los, um die Liste, die Horst aufgestellt hat, abzuarbeiten. Auch wenn es Hedwig nicht gerne macht, steuert sie zuerst die Firma an, in der Hein arbeitet.
Hein ist gerade unterwegs, aber sein Chef zeigt sich spendabel und gibt ihnen einen großzügigen "Familienrabatz", wie er den Nachlass nennt.
Der "Stift" soll ihnen beim Beladen helfen; aber sie finden ihn zuerst nicht.
Schließlich sehen sie hinter der Halle bläulichen Rauch aufsteigen.
Der Lehrling sitzt auf den Gerüstbrettern und raucht. Er hat eine halbvolle Bierflasche neben sich stehen. Sichtlich erschrocken ist er, als Hedwig ihn anspricht:
"Ich denke, Du sollst die Halle ausfegen!"
Er springt von seinem Thron und zeigt sich dienstbeflissen.
"Nur eine kurze Pause!"
Er grient über beide Ohren.
Adelheid soll sich noch zurückhalten; Hedwig muss sie bremsen.
Schnell hat sie zusammen mit dem Lehrling die Sachen auf der Ladefläche verstaut.
Er freut sich, als Hedwig ihm fünfzig Pfennige zusteckt: "für die nächste Pause!"
Sie haben heute noch einmal Glück.
Willi erwartet sie schon, als sie zurückkehren und hilft beim Abladen.
Er ist sichtlich zufrieden mit dem, was sie eingekauft haben.
Als sie den Preis nennen, pfeift er anerkennend durch die Zähne, "da habt ihr wohl hart verhandelt!"
Nein, das können sie nicht gerade sagen.

Sie können es ruhiger angehen lassen und einen Tag pausieren; denn die nächsten Schritte sind vom Abschluss der Dacharbeiten abhängig. Die zukünftige Veranda wollen sie erst später aufstellen — nur nicht mehrere Baustellen auf einmal in Betrieb setzen.
Willi bringt den LKW zurück und Hedwig wartet darauf, dass sie endlich wieder ins Watt gehen kann.
Sehnsuchtsvoll schaut sie immer wieder nach, wie weit das Wasser sich schon zurückgezogen hat.
Adelheid hat sich über die Blumen gefreut, die in der aufgeräumten Kammer stehen.
Sie will sich auf ihrem Bett noch ein wenig ausruhen.
"Meinst Du, wir können wirklich in einem großen Bett schlafen? — das wäre schön".
Hedwig hat ihre Gummistiefel angezogen. Es ist kälter geworden, aber es ist ja auch längst kein Sommer mehr. Von osten weht ein kalter Wind.
Im Netzschuppen sucht sie sich die Sachen zusammen, die sie braucht.
Sie ärgert sich. Die Netze, die sie etwas achtlos auf die Schamottsteine gelegt hatte, sind von irgendwelchen Nagern angeknabbert worden. Das ist ein beträchtlicher Schaden.
Einige sind so kaputt, dass sie nicht mehr geflickt werden können, sondern ersetzt werden müssen.
Das wird nicht billig werden!
Sie legt die Netze vor den Schuppen.
Im Keller müsste noch eine Rattenfalle sein, fällt ihr ein.
Mit ihrem Karren ist sie im Watt unterwegs und entleert Reusen und Ofenrohre.
Da sie die Fischerei mehrere Tage hat schleifen lassen, bekommt sie jetzt die Quittung: gerade die Reusen sind voller Krebse.
Das darf nicht sein; sie darf sich nicht zu sehr auf die Bauarbeiten stürzen und die Fischerei dabei vernachlässigen; schließlich ist das ihr Broterwerb.
"Aber die Vermietung an Feriengäste könnte sich auch zu einem größeren Broterwerb entwickeln", rechnet sie gegen, "aber eben nicht sofort!"
Ihre Beute fällt mäßig aus, aber für ein paar Mahlzeiten wird es reichen.
Sie hat neue Reusen ausgelegt und verspricht — dem einsetzenden Flutstrom entgegen: "bald komme ich wieder!"

Sie lassen es sich gut gehen.
Die gebratenen Fische essen sie direkt aus der Pfanne.
Dazu gibt es Pellkartoffeln.
Für Ulli werden die Kartoffeln in Milch zerdrückt. Das schmeckt dem Kind!
Die Erwachsenen gönnen sich ein Bier.
Magda wird ganz ausgelassen.
Das mag daran liegen, dass nun Adelheid und Hedwig im Haus sind und sie über Nacht nicht gebraucht wird.
Auch die Freundinnen freuen sich auf ihr Bett.
Hedwig hat zieht ihren Fuß aus dem Pantoffel und sucht Adelheids Füße.
Wie gut, dass das Tischtuch reichlich bemessen ist und dezent verbirgt, was da unten geschieht.
Ulli ist müde.
Adelheid und Hedwig machen den Abwasch.
Magda hat Ulli ins Bett gelegt und macht weiter mit ihrer Handarbeit.
Wer genauer hinsieht, wird gleich bemerken, dass sie eigentlich nur so tut; denn sie wartet nur darauf, dass die beiden Frauen endlich in ihrem Zimmer verschwinden.

Hedwig ist erst noch sehr vorsichtig; aber Adelheid ist nichts mehr anzumerken von den schlimmen Stunden, die so kurz zurückliegen. Keine Spur von Blut, keine Schmerzen — und sie riecht und schmeckt so wie Hedwig es von ihr kennt
Es mag daran liegen, dass sie fast nicht zu Atem kommen; weit nach Mitternacht sinken sie beide erschöpft in ihre Kissen und schlafen durch.
Der Wecker aus Blech muss sie wecken.
Sie müssen selbst Frühstück machen; denn Magda ist nicht da.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 129 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Ein paar schöne und ruhige Tage sind eingekehrt. Hedwig hofft, dass sie lange bleiben.
"Rückenwind", nennt sie es, wenn alles leichter geht.
Magda bleibt oft über Nacht bei Hein; denn Mechthild ist immer noch nicht mit dem Kind zurück.
Hein ist in Flensburg gewesen und hat sie besucht.
"Noch ein paar Tage", hat seine Frau förmlich gebettelt.
Hein soll es recht sein.
Seine Freude konnte er nur mühevoll verbergen und knurrte: "aber nicht zu lange!"
Später im Zug stellte er sich selbst die Frage: "was ist überhaupt zu lange?"

Ostwind.
Es ist viel kälter geworden.
Hedwig ist im Netzschuppen und kümmert sich um Reusen und Netze.
Sie hat eine Heimlichkeit, die sie eigentlich für sich behalten möchte. Als sie im Tabakwarenladen war, um für Horst einen Pfeifenstopfer zu kaufen, verlangte sie gleich zwei, dazu eine Pfeife, Reiniger, Filter, eine Dose Tabak und ein Feuerzeug.
Es ist ihr förmlich anzusehen, wie es ihr schmeckt. "Das tun Frauen doch nicht", hat sie erst gedacht; denn sie hat noch nie eine Frau mit einer Pfeife gesehen — außer dem alten Wanderfischerweib aus Holland.
Nach ein paar Tagen kann sie schon die Rauchwolken schon ihrem Gemütszustand anpassen. Dunkle Wolken zeigen, dass etwas nicht klappt oder dass sie sich ärgert.
Würde man sie sehen, käme man zu dem Ergebnis, ihr ginge es zu gut; denn manchmal sitzt sie auf der alten, abgewetzten, fast farblosen Gartenbank und schickt Rauchringe in die Luft.
Schnell hat sie gelernt.
Sie fühlt sich wohl in ihrer Heimlichkeit.
Manchmal spült sie den Tabakgeschmack mit einer Buddel Bier aus dem Mund.
Sie hat es gern, wenn alle beschäftigt sind und sich alles in geordneten Bahnen bewegt.
Horst hat das Dach fast fertig.
Willi steht oft unten und geht ihm zur Hand, reicht ihm Material nach oben.
"Nagel an, nagel an", ist immer wieder zu hören.
Ja, die beiden Männer verstehen sich!
Adelheid ist tagsüber mit ihrer Arbeit beschäftigt.
Hedwig ist wieder in ihrer geliebten Bucht unterwegs. Ihr macht es nichts aus, dass es kalt geworden ist. Das Watt deckt ihren Tisch immer noch reichlich. Sie kann sogar noch ein paar Mal räuchern, verkaufen und ihre Kassendose wieder auffüllen.
Willi kommt und meint, es wäre gut, den Kutter zum Hafen zu verholen.
Dann muss er zum Lenzen nicht immer hinausrudern.
Ja, richtig bequem ist er geworden.
Sie nutzen das Verholen für eine kleine Tour bis zur ersten roten Tonne.
Als sie den Kutter festmachen, kommt der Muschelfischer.
"Pass ja beim Lenzen auf, dass nicht wieder so viel Öl dabei ist", schimpft er, aber Willi ist sich keiner Schuld bewusst.
Im letzten Winter hat er sogar eine Wanne gefertigt, die unter dem Motor befestigt ist und jeden Tropfen Öl auffängt, der den braven Glühkopfmotor verlassen sollte.
Das zeigt er dem Fischer.
Der sagt, "ja, aber", führt seinen Gedanken nicht zu Ende; denn Kundschaft kommt.
"Ist ja auch klar, erklärt Willi, seine Muscheln sollen schließlich nicht nach Öl schmecken!"
Hedwig ist wieder in ihrer Netzbude.
Sie hat nicht gehört, dass Adelheid früher gekommen ist.
Sie hat schon Überstunden angesammelt. "Gehen Sie heute mal früher nach Hause", hat der Chef gemeint.
Hedwig ist so erstaunt und erschrocken, als auf einmal die Tür des Netzschuppens aufgerissen wird, dass ihr fast die Pfeife aus dem Mund gefallen wäre.
"Habe ich es mir doch gedacht!"
Aber Adelheid zeigt sich versöhnlich.
Sie plaudern munter, während Hedwig die Netze flickt.
Diejenigen, die leider doch wieder auf die Schamottsteine gerutscht sind, wurden angenagt und sind kaum noch zu gebrauchen.
Hedwig hat schon eine Rattenfalle aufgestellt, die aber noch nicht besucht wurde.
Außerdem hat sie einen Spaten parat.
"Damit haue ich eine Ratte platt und werde sie an die Wand nageln", sagt sie zornig, "das wird den anderen Ratten eine Warnung sein".
Adelheid läuft ein Schauer über den Rücken, "so grausam kannst Du sein?"
Doch dann sagt sie bewundernd: "Du hast so flinke und begabte Finger; wie gut, dass die nicht nur Netze flicken können.
Die können so viel!"
Hedwig wird rot und beide Frauen lachen.
Adelheid erzählt von ihrer Arbeit.
Sie mag nicht mehr stehen und die Bank ist belegt von den Netzen, die schon fertig sind.
Sie setzt sich auf die Schamottsteine.
Hedwig erzählt von der kurzen Tour mit dem Kutter.
Sie plaudern munter weiter. Sie sprechen von ihren Plänen für das Haus.
"Ich freue mich auf die Badewanne", sagt Adelheid, "dann kannst Du die flinken Finger sogar unter Wasser einsetzen, wenn wir zusammen baden!"

Hedwig hat nun alles fertig für den nächsten Tag.
Sorgfältig reinigt sie ihre Pfeife.
Adelheid nimmt etwas Schwung und rutscht von den Schamottsteinen.
Sorgfältig klopft sie ihren Rock sauber.
Hedwig kontrolliert die Rattenfalle.
Die beiden Frauen verlassen den Netzschuppen.
Hedwig hat wohl bemerkt, dass Adelheid ihre Hand auf ihren Unterleib gelegt hat.
"Was hast Du?"
"Nichts!"
Kerstin
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Re: Ostwind

Post 130 im Thema

Beitrag von Kerstin »

"....Hedwig hat wohl bemerkt, dass Adelheid ihre Hand auf ihren Unterleib gelegt hat....."

Das Hexenbuch gibt einfach keine Ruhe. Wo soll das nur enden??


LG Kerstin
Ich brauche Informationen - eine Meinung bilde ich mir selbst.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 131 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Magda hat das Abendessen bereitet.
Der Tisch ist reich gedeckt; denn die Kartoffelernte ist gut ausgefallen und wird sie hoffentlich noch recht lange satt machen.
Im Keller sind sorgfältig Weckgläser mit Gemüse auf die Regale gestellt worden. Schön ist das anzusehen. Über den Winter sind sie gut versorgt!
Adelheid hat wenig Appetit. Sie hat wieder diesen ungesunden, matten Blick.
Sie zieht sich früh zurück, sagt nur: "ich gehe schon mal".
Hedwig hilft ihrer Mutter und bringt dann Ulli ins Bett.
Dann kann sie endlich nach ihrer Freundin sehen.
Adelheid hat wieder die Haltung eingenommen, die sie schon beim ersten schmerzhaften Anfall hatte.
Sie kniet vor dem Bett und hat ihren Oberkörper auf die Decken gelegt.
"So schlimm?"
"Ja", stöhnt Adelheid.
Sie haben noch die Zäpfchen, die der Arzt zurückgelassen hat.
Hedwig sucht die kleine Schachtel und sieht Adelheid fragend an.
"Ja bitte!"
"Soll ich den Arzt rufen?"
"Bloß nicht!"
"Die Hebamme?"
"Nein!"
"Soll ich Dich in die Klinik fahren?"
"Nein, es wird schon gleich wieder gehen!"

In der Nacht lassen die Schmerzen nach und die beiden Frauen bekommen noch etwas Schlaf. Hedwig träumt schlecht, wacht wie gehetzt auf und ist erst beruhigt, als sie Adelheid wohlbehalten neben sich sieht.
"Kannst Du zur Arbeit fahren?"
"Ja, natürlich, mir geht es gut!"
Sie sieht frischer aus — gar kein Vergleich zu ihrer Erscheinung am Abend.
Es ist so kalt, dass sie die warmen Handschuhe anziehen muss, die Magda ihr zum Geburtstag geschenkt hat. Die sehen zwar etwas klobig aus, aber sie halten warm.
Hedwig zieht zwei Paar Wollsocken an, als sie sich auf den Weg zu ihren Reusen macht.
Die Pfützen neben dem Haus, in denen gestern noch einige Buchenblätter schwammen, sind zugefroren. Die Blätter gucken nur noch ein kleines Stück unter dem Eis hervor. Sie sehen aus wie Ertrinkende, denkt Hedwig.
Schnell vertreibt sie ihre trüben Gedanken.
Ran an die Arbeit!
Das Eis splittert wie dünnes Glas, als sie durch die Pfützen stapft.
Bei der Arbeit kann sie keine Handschuhe tragen. Wie sollte sie damit die Knoten aufbekommen oder neue machen?
Selbst das Wasser ist schrecklich kalt, als würde es bald frieren.
Es fasst sich an wie Gelee.
Die Kälte kommt früh in diesem Jahr!
Willi hat wohl recht gehandelt mit dem Verholen des Kutters an die Hafenmole.
Leider konnte er das Schiff nicht in dem kleinen Hafen unterbringen; denn da liegt schon der große Entsandungskasten des Muschelfischers.
Da sie meistens West- oder Nordwestwinde haben, sollte es keine Probleme geben; denn da liegt der Kutter sicher.
An länger anhaltenden Ostwind will Willi lieber nicht denken.
Hedwig ist mit ihrem Fang nicht zufrieden.
Die ganz außen liegenden Netze holt sie ein und wirft sie auf den Wagen.
"Da lohnt sich das hinauslaufen nicht", denkt sie.
Mit einem kleinen Fang kehrt sie zurück.
Adelheid ist auch heute früh zurückgekommen.
Die beiden Frauen treffen sich wieder im Netzschuppen.
Für Bier ist es zu kalt. Hedwig geht ins Haus und holt ihnen Tee. Sie verdünnt ihn mit etwas Rum, der ihnen etwas Wärme einhauchen wird; denn auch Adelheid ist völlig durchgefroren.
Sie hat sich wie gestern auf die Schamottsteine gesetzt.
"Kommst Du bitte da runter?"
Hedwig ist es nicht ganz geheuer. Sie möchte nicht, das die Steine der Grund für die gesundheitlichen Probleme sind.
"Die sind doch so schön warm!"
"Ich weiß nicht, wo die vorher gelegen haben", begründet Hedwig ihre Bitte, "kann sein, dass sie färben oder irgendwelche Stoffe aufgenommen haben, die nicht gut für Dich sind!"
"Ja, dann"¦".
Adelheid steht nun neben ihr.
Sie wärmen sich die Hände an den heißen Tonkrügen.
Der Rum tut ihnen gut. Die Lebensgeister kehren zurück.
Die Lebensgeister bleiben.
Nur ganz kurz huscht ein Schmerz durch Adelheids Unterleib.

In der Nacht ist es so kalt, dass die beiden Frauen zittern, obwohl sie aneinandergeschmiegt schlafen und sich durch beide Decken und eine alte Wolldecke vor der Kälte schützen.
Sie haben ihre langen Unterhosen anbehalten und auch die Unterhemden nicht ausgezogen.
Magda hat das Feuer im Herd angelassen und dort und auch beim Ofen um Mitternacht noch einmal ordentlich nachgelegt.
Ulli haben sie warm eingepackt, was er nur widerstrebend hingenommen hat.

Jeden Morgen guckt Hedwig aus dem Fenster, um nach Wasserstand und Wellengang zu gucken.
"Na, ist Dein Watt noch da?" Adelheid tritt an das Fenster heran.
"Ja — schon", das Watt ist noch da, aber eine feine Eisschicht ist an mehreren Stellen zu sehen.
Die Flut wird nachher kommen und alles wieder fortspülen, aber wenn es so kalt bleibt, dann ist bald mit Eisgang zu rechnen.
Ostwind — immer noch.
Er zeigt sich als ausdauernder Geselle, als Wolf, der heulend um die Hausecken läuft und den Menschen beißend kalten Wind ins Gesicht schlägt. Selbst die Männer binden sich warme Tücher um.
Hedwig holt Netze und Reusen ein. Die Materialverluste im Herbst waren schon zu hoch.
Alle Fenster nach Osten werden mit verschließbaren Läden versehen, außerdem von innen noch mit Decken zugehängt, aber es bleibt kalt im Haus.
Willi braucht Hilfe. Mit Eisenstangen drücken sie die Eisschollen vom Kutter fort.
"Es wird Zeit, dass der Wind dreht" grummelt er, "aber wenn der Ostwind sich erst einmal festbeißt, dann wird daraus nicht so schnell etwas werden".
Nachts, wenn Hedwig nicht schlafen kann, dreht sich ihr Gedankenkarussell. Sie denkt an die Steine, die womöglich Adelheids Krankheitssymptome hervorgerufen haben.
Andererseits war sie auch schon krank, als sie noch nicht auf den Steinen gesessen hat.
"Das Buch!"
Es kann nur an dem Buch liegen, an was sonst?
Hedwig mag nicht an Zauberei glauben, aber ihr fällt keine andere Möglichkeit ein.
"Das Buch muss fort", sagt sie mehr zu sich.
"Welches Buch?"
Adelheid ist auch wach geworden.
Hedwig ist sich nicht sicher, ob sie von dem Buch erzählen soll. Auf alle Fälle darf Adelheid es nicht in die Hand bekommen, sollte nicht einmal in die Nähe des Buches kommen.
"Ich habe wohl geträumt", sagt Hedwig, "schlaf weiter!"
"Erst einmal schlafen können bei dieser Kälte!"
Hedwig entschließt sich, das Buch an einem anderen Ort zu verstecken.
Sie überlegt, wo das sein könnte, wo Adelheid mit Sicherheit nicht hinkommt.
Der Kutter fällt ihr ein.
Sie steht besonders früh auf, will noch vor Willi unten am Hafen sein.
Das Buch hat sie unter den zahlreichen Schichten ihrer winterlichen Bekleidung versteckt.
Im Fach unter der Kojenbank, verborgen unter den Schwimmwesten, findet es seinen neuen Platz.
"Gut dass Du so früh bist!"
Willi ist gekommen.
Sie hantieren mit den Eisenstangen, bis sie trotz der Kälte schwitzen.
Es ist eine schwere Arbeit, die auf den Rücken geht.
"Wir müssen die Bordwand besser schützen", meint Willi, "sonst drücken die Eisschollen, die mit dem Flutstrom kommen, die Planken ein!"
Bisher hängen da nur alte Autoreifen als Fender, aber die werden zum Spielball des scharfkantigen und kräftigen Eises.
Sie gehen hinauf zum Haus und suchen geeignetes Material.
Eine Art Bretterwand wollen sie zimmern, die sie vor die Bordwand hängen können.
Verstärkt wird die Wand mit kräftigen Balken.
Die Wand wird so schwer und massiv, dass sie sie nicht tragen können.
Hilfe muss her!
Sie dürfen einen Lastwagen von Heins Firma ausleihen.
Ein paar Nachbarn packen mit an, das schwere Teil auf die Ladefläche zu heben.
Auch am Hafen treiben sich ein paar Leute herum, die mit anpacken.
"So einen Eisgang haben wir viele Jahre nicht gehabt", erzählt einer der Männer, "weiter im Süden der Insel soll es eine feste Eisdecke geben, die bis zum Festland reicht".
Unter Anstrengung aller Kräfte platzieren sie das schützende Gestell an der Bordwand des Kutters.
Mit starken Tauen habe sie es an den stabilen Pollern an Bug und Heck festgemacht.
"Das hält?"
"Ja, das hält", verspricht Willi, "aber nun sollen wir einen Teepunsch haben!"
Sie gehen in die Fährschänke.
Der Raum ist rauchgeschwängert.
"Meine Pfeife hätte ich mitnehmen sollen", denkt Hedwig und nimmt einen großen Schluck aus ihrer Tasse.
"Feuerholz wird knapp", erzählt einer der Männer, "in der Stadt sollen sie schon Treppengeländer verheizt haben!"
Das wollen die anderen Männer nicht so recht glauben, aber sie haben gut reden, haben im Herbst vorgesorgt und für einen großen Haufen Feuerholz gesorgt.
"Wenn der Ostwind nicht noch Wochen dauert, dann komme ich zurecht", erklärt Rotbart.
Die anderen Männer stimmen zu.
Hedwig überschlägt im Kopf die Holz- und Kohlevorräte. Die müssten reichen.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 132 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Einer der Männer erzählt von Kriegszeiten in Russland. "Da war es so kalt, dass wir die Auspuffgase von unserem Krad mit einem Schlauch
in unseren Fahrer-Anzug gelenkt haben!"
Die anderen Männer kennen auch Wehrmachts- und Kradmeldergeschichten und wollen nicht zurückstehen.
So folgen noch andere Beiträge über ihre Abenteuer und "Notlösungen bei besonderen Herausforderungen".
Der Köm hat die Zungen gelöst und die sonst so schweigsamen Männer werden richtig gesprächig.
Einer erzählt vom Eisangeln und fragt: "Hedwig, wäre das nichts für Dich?"
Nein, damit hat sie sich noch nicht beschäftigt.
Je mehr die Kömbuddel die Runde macht, desto unglaublicher werden die Geschichten.
Hedwig hat das Gefühl, es ist langsam Zeit zu gehen.
Sie steht schon hinter ihrem Stuhl und stützt sich auf die Lehne.
Ihr fehlen nur noch die passende Worte zum Abschied.
Da ist sie auf einmal wie elektrisiert. Einer aus der Runde sagt: "die Kälte hat die ersten Toten auf dem Gewissen!"
Das gerade noch so muntere Stimmengewirr verstummt.
"Kälte hat kein Gewissen", meint Hinnerk, "wen hat es erwischt?"
"Das Ehepaar Möller haben sie heute tot aus ihrer Nissenhütte getragen!"
"Da war es doch immer ganz warm, wenn ich sie besuchte", entgegnet einer, "und da lag noch ordentlich viel Holz im Unterstand neben der Hütte!"
"Daran wird es nicht gelegen haben", weiß ein anderer Mann, "der Ofen soll kaputt gewesen sein!"
Solche schlechten Neuigkeiten sprechen sich im Dorf schnell herum.
Die Menschen sind entsetzt und zeigen ihr Mitgefühl, aber gleichzeitig sind sie froh, dass es sie nicht selbst erwischt hat.
"Sie waren ja auch schon alt", sagen viele.
Eine ganze Weile sitzen sie noch zusammen und beratschlagen, ob bei der Kälte überhaupt eine Beerdigung stattfinden kann. "Der Boden im Kirchhof ist hart wie Stein", vermutet einer der Männer.
"Ich muss los", ist vielstimmig zu hören.
Die Nachricht muss schließlich unter die Leute gebracht werden.
Bei der Kälte müssen umfangreiche Vorbereitungen getroffen werden, um wieder in die feindliche Winterkälte hinausgehen zu können.
Man sollte sich nicht durch die innere Wärme durch den Teepunsch verleiten lassen, nachlässig gekleidet vor das Haus zu treten.
Der Tod der beiden alten Nachbarn ist ihnen eine Warnung. Selbst gestandene Männer tragen Kopftücher und Wollmützen.
Manche hüllen sich in Lumpen, nur um sich durch eine weitere Kleidungsschicht zu schützen.
Hedwig hätte gern gute Nachrichten mit nach Hause gebracht.
"Wenn die Kälte noch lange anhält, wird es weitere Tote geben", ahnt Magda.
Adelheid ist zuhause geblieben und spielt mit Ulli in der Küche. Dort können sie die Wärme am besten halten. Der Herd bullert den ganzen Tag.
"Heiß", kann Ulli schon sagen, wenn Hedwig auf den Herd zeigt.
Wieder ist die Nacht sehr kalt.
Sie wünschen sich sehnlichst: der Morgen soll Besseres bringen; aber der Ostwind gibt seine Herrschaft nicht preis.
Erst ganz spät wird es durch ein milchiges Licht draußen etwas heller.
Wer mag da hinausgehen?
Adelheid kann noch einen Tag zuhause bleiben, aber Hedwig muss zum Hafen gehen und nach dem Kutter sehen.
Einige Männer von gestern sind schon da — und Willi natürlich.
Die treibenden Eisschollen haben das Gestell und die Autoreifen nach oben gedrückt und arbeiten nun an den Planken.
"Lange hält er das nicht mehr aus!"
Willi klingt verzweifelt.
Mit vereinten Kräften können sie ein paar Eisschollen doch noch beiseite bugsieren und das Gestell und die Reifen wieder hinablassen.
"Das drückt sich bald wieder hoch", meint einer der Männer.
"Wir müssen die Unterseite beschweren — oder noch besser ein Seil unten am Gestell festmachen und unter dem Kiel durchziehen und auf der anderen Rumpfseite vertäuen", schlägt Hedwig vor.
Die Männer gucken erst fragend und überlegen eine Weile. Dann nicken sie anerkennend, aber sie fragen auch: "wie sollen wir das schaffen?"
Erst einmal ziehen sie das Gestell wieder aus dem Wasser.
"Schnell!" rufen die Männer, die es in der Schwebe halten.
Mit ihren geübten Händen schlägt Hedwig an den beiden unteren Ende stabile Taue an.
"Fertig, sitzt!"
Die Männer lassen das schwere Monstrum ins das Wasser.
Die Eisschollen rücken schon wieder nach.
Es gelingt ihnen mit großer Anstrengung und vereinten Kräften, die Taue mit den Eisenstangen unter dem Kiel hindurchzuschieben und auf der anderen Seite des Rumpfes wieder aufzunehmen.
Sie ziehen die Taue stramm durch und machen sie fest.
"Sitzt wie ein Korsett", meint Will, als sie fertig sind. Er ist zufrieden.
Natürlich gehen sie wieder in die Fährschenke.
Der Wirt erwartet sie schon, fragt : "warst Du die ganze Nacht auf dem Kutter?"
Willi guckt erstaunt: "nein, bei der Kälte und bei der Gefahr mit den Eisschollen werde ich doch nicht auf dem Kutter übernachten".
Heute hat Hedwig die Pfeife dabei und mit flinken Fingern gestopft. Sie wird sich doch nicht vor den Männern blamieren!
Das Sturmfeuerzeug hat sie frisch aufgetankt. Sie dreht die Pfeife geschickt, aber die Flamme geht trotzdem nicht weit genug hinein.
"Nimm lieber die!"
Eine der Männer reicht ihr Streichhölzer.
"Es war die ganze Nacht auf dem Kutter Licht", sagt der Wirt, der immer noch bei ihnen steht.
"Das kann nicht sein", entgegnet Willi, "da war garantiert keiner — und ich habe auch keine Kerze oder Lampe aufgestellt und angelassen, wozu auch?"
"Es war so ein merkwürdiges Licht, so richtig gruselig. Es war nicht nur durch die kleinen Fenster und Bullaugen zu sehen, sondern der ganze Bugbereich schien von innen zu leuchten. Ich dachte schon, es brennt auf dem Schiff!"
Die Männer lachen.
Einer fragt: "hast Du zum Feierabend wieder alle Reste aus den Schnaps- und Biergläsern ausgetrunken?"
Das weist der Wirt weit von sich: "ich war stocknüchtern gestern, musste in der Nacht noch hoch ins Oberdorf zu Oma Meta und nach ihr sehen. Der Tod der Möllers ist mir eine Warnung!"
Die Männer können sich nicht erklären, was der Wirt gesehen haben könnte.
Hedwig hat zitternde Finger und die ersten Streichhölzer brechen ab; aber schließlich bekommt sie ihre Pfeife in Gang.
"Die haben das Holz geklaut", bringt einer der Männer das Gespräch in eine ganz andere Richtung.
"Welches Holz?" wird gefragt.
"Na, das Holz von Möllers! Als ich vorhin gucken wollte, ob es noch da ist, da war es schon verschwunden".
""¦gucken wollte, ob es noch da ist", unkt Rotbart.
"Arme Teufel", steuert ein Mann bei, ohne zu sagen, wenn er damit meint.
"Arme Teufel hin oder her - Diebstahl ist Diebstahl", sagt ein anderer, aber sie werden sich nicht einig.
"Toten kann man nichts stehlen", sagt einer schließlich — und die anderen Männer nicken zustimmend.
"Das letzte Hemd hat leider keine Taschen", sagt einer schließlich, "was sollen sie da wo sie jetzt sind mit ihrem Holz wo sie doch tot sind!"
online52
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Re: Ostwind

Post 133 im Thema

Beitrag von online52 »

Diese Geschichte an sich ist schon spannend, und jetzt kommen auch noch die Spökenkieker. Bin neugierig wie es weitergeht.
Danke fürs schreiben!
Grüße
online
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 134 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hedwig geht nachdenklich nach Hause.
Sie hat Ulli gerade in der letzten Zeit oft bei Magda und Adelheid zurückgelassen und sich um andere Belange gekümmert,
hat geraucht und getrunken und mit großen Ohren den Geschichten der Männer gelauscht.
Natürlich tut ihr die Anerkennung von Willi und den anderen, die immer am Hafen und in der Fährschenke herumlungern, gut.
Sie haben sie sogar gebeten: "Hedwig, in vielen Häusern herrscht Hungersnot, ganz abgesehen von der Kälte, da müssen wir gemeinsam etwas tun!"
Sie hat gefragt: "was ist zu tun, wie kann ich helfen?"
Mit Kartoffeln und Eingemachtem haben sie schon etlichen Dorfbewohnern ausgeholfen, auch ein paar Konserven haben sie schon den Ärmsten gegeben.
Nein, gefragt haben diese Menschen nicht, dazu sind die Inselbewohner zu stolz.
Einer spricht davon, dass Kaufmann Mickelsen nichts mehr rausgibt, wenn jemand anschreiben lassen will.
Aus einem Mann, der bisher nicht viel gesagt hat, bricht es heraus:
"Der Mickelsen hat selbst nichts mehr!"
Er hat so viel auf Kredit rausgegeben, dass er selbst keine Ware mehr auf Kredit bekommt. Die Leute, die "in der Saison" bezahlen wollen, die brauchen langsam mehr als eine Saison, um ihre Schulden aus diesem Winter abzuzahlen.
"Erst zahlen — dann gibt es Ware", haben die Großhändler auf dem Festland gesagt.
Mickelsens "das kommt zurecht", hat seine Gültigkeit verloren; dabei waren es lange Jahre ehrliche Worte eines ehrlichen Mannes.
Wer hätte das gedacht?
Jeder hat gemeint, er hätte Geld ohne Ende.
Sogar ein fast neues Auto hat er — und Telefon.
"Du musst mit uns zum Bürgermeister gehen", haben die Männer Hedwig zum Abschied gesagt: "Du kennst ihn doch gut. Er soll dem Mickelsen aus der Amtskasse Geld vorstrecken, dass er neue Ware kaufen kann".
"Und das geht so einfach?" hat Hedwig in die Runde gefragt.
"Das ist ein Notfall!" sind sich die Männer einig.
Auf dem weiteren Nachhauseweg überlegt sich Hedwig, wie man es am besten anstellen könnte, den Bürgermeister zu überzeugen.
Von der Düne blickt sie über die Bucht, die sie so liebt, vor der sie aber auch höchsten Respekt hat.
Das Bild zeigt keine Bewegung; es ist eingefroren und selbst den Möwen ist es zu kalt, um sich in die Lüfte zu erheben.
Wozu auch?
"Wo bleibst Du nur?"
Adelheid und Magda sind nicht gerade bester Laune.
So langsam schlägt selbst ganz ausgeglichenen Menschen die andauernde Kälte auf"™s Gemüt.
Hedwig erzählt von den Neuigkeiten, die sie in der Fährschenke gehört hat.
"Du sollst sowieso zum Bürgermeister kommen, das passt gut", sagt Magda, "er hat aber nicht gesagt, was er will!"
"Dann wäre er am besten in die Fährschenke gekommen", antwortet Hedwig trotzig.

Widerwillig macht sie sich spätnachmittags auf den Weg zum Bürgermeister.
Wieder muss sie Ulli bei Adelheid und Magda lassen.
Selbst beim Bürgermeister, dieser respektvollen Amtsperson, ist die Not zu spüren.
Die Fenster sind mit alten Wolldecken verhangen und es ist kalt in der Amtsstube.
"Gehen wir in die Küche", schlägt er vor, "das ist der einzige Raum, der tagsüber geheizt ist!"
Die Frau des Bürgermeisters wirtschaftet lange mit der Teekanne herum.
Hedwig sieht: der Tee erfährt einfach einen weiteren Aufguss.
Dem Bürgermeister ist es etwas peinlich, dass Hedwig das gesehen hat und kommt mit einer Flasche Köm, von der er reichlich einschänkt.
"So schmeckt der Tee erträglich", sagt er entschuldigend.
Der Bürgermeister hat selbst ein Anliegen.
Er rückt damit heraus, noch bevor Hedwig etwas sagen kann.
"Wir bekommen Flüchtlinge ins Dorf", teilt er mit, "die werden uns zugewiesen!"
"Flüchtlinge?"
Hedwig überlegt. Wo sollen die herkommen?
Der Krieg ist lange vorbei.
"Die kommen aus dem Osten, haben da einen Gutshof gehabt", weiß der Bürgermeister.
Sie sind im Ruhrgebiet in einem Lager gewesen, aber in ein oder zwei Monaten kommen sie auf die Insel".
"Wenn wir dann noch leben", sagt Hedwig matt, "die Männer haben heute davon gesprochen, dass Du etwas tun musst; denn Mickelsen hat keine Ware mehr, weil er zu viel auf Kredit verkauft hat".
Der Bürgermeister windet sich: "das wird schwer sein!"
Dann kommt er wieder auf die Flüchtlinge zu sprechen.
"Das ist eine Familie: zwei Erwachsene und ein Kind!"
"So viel Platz haben wir nicht", will Hedwig ablehnen.
"Du hast doch nun die neuen Räume.
Und wenn es da mal Probleme mit dem Bau-Amt geben sollte, dann könnte ich Dir behilflich sein."
"Die neuen Räume sind noch nicht fertig!"
Der Köm hat Hedwig mutig gemacht; vielleicht ein wenig zu mutig?
"Außerdem haben wir nur Sturm- und Kriegsschäden ausgebessert".
Der Bürgermeister muss lachen und schenkt ihr reichlich nach.
"Du bist doch ein mit allen Wassern gewaschenes Weibsstück — und stur und stark wie ein Mann!"
"Nun mal im Ernst: die Familie kann dabei helfen, die neuen Räume fertig zu stellen".
"Ausgeschlossen", unternimmt Hedwig einen neuen Vorstoß, "die neuen Räume sind nicht beheizbar, die Leute würden umkommen!"
Er lockt: "es dauert noch ein oder zwei Monate, bis dahin sieht die Welt schon anders aus!"
Hedwig fällt wieder ein, was vormittags in der Fährschenke besprochen wurde und sagt noch einmal: "wenn Du nicht helfen kannst, dann sind etliche hier im Dorf in ein oder zwei Monaten verhungert".
Sie hat sich richtig in Brass geredet.
Der Bürgermeister verspricht, alles zu tun, was in seiner Macht steht.
"Dann sehen wir weiter!"
Hedwig verabschiedet sich.
Die Kälte schlägt ihr wie ein Faustschlag ins Gesicht.
Nur schwankend kann sie sich fortbewegen. Das liegt allerdings nicht am starken Ostwind.
Tausend Gedanken gehen ihr durch den Kopf.

Adelheid und Magda warten schon auf sie.
Ulli ist im Bett, schläft ganz warm eingepackt.
So ganz verstehen sie nicht, was Hedwig ihnen erzählt.
"Hast Du getrunken?" fragt Magda.
Die Frage beantwortet sich von selbst; denn es ist im ganzen Raum zu riechen.
Magda will sich zurückziehen.
Im Herd legt sie noch einmal nach, damit das Feuer nicht ausgeht.
Auch Adelheid und Hedwig gehen in ihre Kammer.
Hedwig muss sich helfen lassen beim Ausziehen.
Adelheid möchte lieber ihr Bett für sich allein haben, aber Hedwig drängt sich mit unter die Decke.
"Du riechst nach Tabak und Schnaps", sagt Adelheid vorwurfsvoll.
Hedwig antwortet nicht.
Ihre Hände suchen, finden schließlich den Bund der langen Unterhose, die Adelheid anbehalten hat.
Die Hand bahnt sich ihren Weg; mit der anderen drückt sie grob Adelheids Oberschenkel auseinander.
"Nicht", flüstert Adelheid, "ich will nicht!"
Doch Hedwig gibt nicht nach.
Ihre Hand fühlt sich zwischen Adelheids Oberschenkeln das erste Mal an diesem Tag richtig warm an.
Die Müdigkeit kommt wie ein Atemzug.
"Es regnet", hat sie gerade noch gedacht, "Adelheids Gesicht ist ganz nass!"
Nein, es regnet nicht bei der Kälte.
Als sie am Morgen aufwachen, sind die Tränen getrocknet.
Sie liegen sich in den Armen.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 135 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Der Ostwind hat nachgelassen.
Klare Kälte — immer noch!
Die Menschen suchen Zeichen, schauen sich fragend an: "wird der Wind drehen und die Kälte vertreiben?"
Adelheid fühlt sich verletzt, mag nicht an den Wind und an die Kälte, mag an nichts denken.
Hedwig weiß nicht, was sie sagen und machen soll.
Es treibt sie aus dem Haus; aber sie möchte nicht einfach davonlaufen.
Was hat sie nur getan in der letzten Nacht?
Adelheid schaut sie an wie ein verletztes Reh.

Hedwig hat Glück; denn der Bürgermeister schickt nach ihr.
So ist es nicht in ihrer Verantwortung, dass sie das Haus verlässt.
Sie soll zum Dorfplatz kommen und helfen.
"Wobei helfen?"
"Verteilen", sagt der Junge nur.
Hedwig zieht sich an und macht sich bereit.
Magda guckt sie vorwurfsvoll an, als wollte sie sagen: ""¦ und Ulli?"
Nein, Ulli kann nicht mit; es ist viel zu kalt.
Auf dem Dorfplatz steht ein großer LKW.
Die Seitenplanen sind geöffnet. Der Bürgermeister steht oben, hat eine Glocke in der Hand wie der Lumpensammler, der manchmal durch die Dörfer geht.
Er winkt Hedwig zu sich. Sie springt zu ihm auf die Ladefläche.
Seine Hand, die sie hochziehen will, geht ins Leere.
"Siehst Du", sagt er triumphierend, "ich habe dafür sorgen können, dass die Leute wieder etwas zu Essen haben!"
Er hat kein Geld aufgetrieben, um dem Laden von Mickelsen wieder auf die Beine zu helfen, sondern er hat über die Kreisverwaltung "Katastrophenhilfe" bekommen.
Nicht nur Hedwig ist als Helfer eingeteilt, sondern auch ein paar andere Dorfbewohner.
"Achtet darauf, dass sich niemand zwei Mal anstellt", wird ihnen eingeschärft.
Zuerst gibt es Unruhe und sie haben Schwierigkeiten, eine geordnete Reihe zu bilden, aber nach einer Weile gelingt es ihnen.
Manche murren; denn es gibt nur wenig für jeden — eine festgesetzte Ration.
Einige schimpfen sogar und behaupten, der Bürgermeister und seine Helfer würden sich selbst die besten Sachen unter den Nagel reißen und mehr mitnehmen, als ihnen zusteht.
Doch das ist nicht wahr; jeder hat ein Anrecht auf genau die gleiche Ration.
Nachmittags ist der Lastwagen besenrein.
Hedwig und die anderen Helfer nehmen das Hilfspaket, das ihnen zusteht, mit nach Hause.
Als sie den schmalen Heideweg hinunter zum Haus am Watt geht, kitzelt sie ein leichter Rückenwind an den Ohren, die nur ein kleines Stück unter ihrer Mütze hervorschauen.
Zwei Wunder an einem Tag: erst ein Lastwagen voller Lebensmittel und Kohlen - und dann erste Anzeichen dafür, dass der Wind sich dreht und es wärmer wird.
Voller Freude tritt sie in die Stube — im Arm das Paket mit den Lebensmitteln und in der Hand den Blecheimer mit den Kohlen.
Magda besieht sie die Ware. Jja, damit kann man etwas anfangen!
Zur Feier des Tages veranstalten sie ein Pfannkuchenfest.
Im Keller findet sich sogar noch ein Glas mit Apfelkompott.

Abends klopft es sachte an die Fenster, die nach Westen liegen.
Regentropfen laufen an den Scheiben herunter; manche gefrieren schon auf halber Strecke, andere schaffen es bis ganz unten.
"Das gibt Glatteis", sagt Magda, "da möchte man keinen vor die Tür schicken!"
Sie würde eigentlich gerne selbst vor die Tür gehen und Hein mal wieder besuchen, aber sie traut sich nicht. Sie möchte nicht ausrutschen und fallen.
So sitzen sie drei Frauen noch ein wenig zusammen.
Magda und Hedwig sind im Gespräch vertieft; schließlich muss noch besprochen werden, wie sie es mit der Flüchtlingsfamilie handhaben wollen.
"Sag mal dem Bürgermeister zu!"
Magda ist sich sicher: "das wird unser Schade nicht sein".
Adelheid ist schon im Bett, als Hedwig sich von Magda in die Nacht verabschiedet.
Sie liegt ganz stille.
Hedwig geht in ihr eigenes Bett.
Schweigen.
Es fehlen ihnen die Worte, die sich als wärmende Decke auf sie legen könnten.
Was für ein Lärm!
Der Westwind hat an Stärke zugenommen.
Wind und Strom brechen das vereiste Watt auf.
Schreiend wollen sich die Eisschollen widersetzen, aber die Naturgewalten räumen ohne Rücksicht auf.
An den Landzungen und weiter draußen an den Sandbänken und weiteren Engpässen türmen sich
die aufeinandergestapelten Eisschollen schon nach kurzer Zeit in beträchtlicher Höhe.

eisfeld.jpg

Dorthin haben sie alles mitgenommen, was ihnen im Weg stand oder lag.
Bojen sind dabei mit langen oder kurzen Ketten — die einfach an der schwächsten Stelle abgerissen werden. Es sind auch die Pfähle dabei, die erst im Herbst an der Nordmole eingespült wurden.
Es dauert lange, bis die ersten freien Wasserflächen zu sehen sind, aber dann ist es so weit.
"Ich sehe Wasser", sagt Hedwig, als wäre es ein Wunder.

Willi hat Sorge um den Kutter.
Nun hat er die ganzen Wochen im Eis überstanden; er soll doch nicht dem sich zurückziehenden Eis zum Opfer fallen.
Das Gestell, das sie gebaut und so gut befestigt haben, hält immer noch. Er hat es wieder und immer wieder überprüft.
Die Bewohner des Dorfes sind sich sicher: nun geht es aufwärts, wir haben die Not überstanden, die der Winter gebracht hat!
Aber dann gibt es doch noch einen Tiefschlag.
Als Willi zum Hafen radelt, sieht er schon von weitem: der Kutter liegt viel zu tief im Wasser!
Auch scheint er sich gedreht zu haben, liegt nicht mehr mit der Steuerbordseite an der Pier.
Willi lässt seien Fahrrad einfach fallen und rennt wie noch nie in seinem Leben.
Was ist da passiert? Er sieht es erst, als er auf der Mole steht.
Die Vorleine ist gerissen.
Die Strömung hat dem Kutter gedreht, er hat den vorbeitreibenden Eisschollen nicht mehr die geschützte Seite zugewandt, sondern die ungeschützte.
Der Muschelfischer hat ihn öfter gefragt: "Willi, willst Du die Vorleine nicht doppelt setzen oder eine Spring?"
"Nein, das ist nicht nötig, der Kutter liegt fest im Eis!"
Nun liegt er wieder fest, aber auf dem Grund.
Ebbe und Flut regeln den Wasserstand in seinem Rumpf.
Der schwere hölzerne Lukendeckel hat sich schon verabschiedet, wurde fortgespült.
Willi, der alte Fahrensmann hat Tränen in den Augen.
"Das war wohl zu viel für die morschen Planken", ruft der Muschelfischer, der das Elend hat kommen sehen, "ob Du den jemals wieder flott bekommst?"
Willi weiß es nicht.

Er geht in die Fährschenke.
Die übliche Runde ist schon wieder versammelt.
"Ist ganz gut, wenn der Kutter wegkommt", sagt einer der Männer, "der hat gestern Abend sogar unter Wasser geleuchtet; das geht nicht mit rechten Dingen zu!"
Willi ist außer sich.
Er schreit: "Du hast schon gestern gesehen, dass der Kutter sinkt und sagst nichts?"
"So genau habe ich das auch nicht gesehen von meinem Fenster", antwortet der Mann kleinlaut.
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