Du arbeitest dich hier an Fragen ab, die so ähnlich auch für Gleichgeschlechtlichkeit diskutiert wurden. Inklusive des Biologismus und Reduktion des Menschen auf die Reproduktion. Fakt ist, dass es bei etlichen Arten eine natürliche Bandbreite an Abweichungen vom Ideal der Cis-Hetero-Norm gibt. Die Evolution ist sie nicht los geworden und wir können getrost die Ursachenforschung ignorieren. Wir können in der Jetztzeit erst mal nur damit leben.
Inzwischen geben auch traditionelle Biologen und Verhaltensforscher zu, dass viele Tierarten eigene Aufgaben und sogar Partnerrituale für homosexuelle Individuen entwickelt haben. Sie wirken als Ammen, Ersatzeltern für Waisen, halten die Gruppe zusammen, etc. Man muss nur mal hingucken. Die einzige Art, die ihre Homosexuellen bis hin zur Tötung ausgrenzt, sind die Menschen.
Die Frage ist eigentlich nicht, wie wichtig Geschlecht ist, sondern a) wie wichtig sie dem Individuum ist und b) wie restriktiv die Umwelt auf die individuelle Einstellung einwirkt.
Die ganzen biologischen Argumente, die vielleicht gerade noch in der letzten Eiszeit gegolten haben, sind heutzutage jedenfalls Quark. Körperliche Kraft, Schnelligkeit, etc. sind weitgehend irrelevant. Gebärfähigkeit bei 1,6 Kindern in über 80 Jahren Lebenszeit ebenso wie Versorgung durch Partner und Kinder. Stattdessen sind soziale Fähigkeiten zunehmend wichtig für eine nur durch Kooperation, Abstimmung, Kompromiss und Rücksichtnahme wirklich funktionierende Gesellschaft. Das einzige, was da noch nicht mit der modernen Lebensweise Schritt gehalten hat, sind unsere anerzogenen Rollenbilder. Technisch-praktisch brauchen wir die unterschiedlichen Rollen nicht mehr. Und sozial brauchen wir sie auch nicht. Im Gegenteil ist es sogar eher hinderlich, wenn nur die eine Hälfte der Menschen sich auf Kindererziehung und Ernährung spezialisiert und die anderen auf Kampf und Technik - um die Klischees mal zu strapazieren.
Das Biologische tritt gegenüber der Erziehung und Sozialisierung in den Hintergrund. Siehe die unterschiedlichen traditionellen Normen, Werte und Verhaltensweisen für Männer und Frauen in Japan vs. Türkei vs. Schweden. Oder auch einfach grün-alternativem Berlin Prenzlberg vs. südöstlich-bayrischen Dorf. Wir Menschen können eine fantastische Bandbreite von Rollen und Stilen leben. Und das sogar parallel in der gleichen Stadt. Oder als ein und die selbe Person zu unterschiedlichen Zeiten und Gelegenheiten. Jedenfalls solange wir uns deswegen nicht gegenseitig an die Gurgel gehen.
Die Frage einer "natürlichen Geschlechtlichkeit" stellt sich aus meiner Sicht nicht, weil sie a) immer noch zu stark von der Umgebung vorgeschrieben wird, b) aber (Biologie!) immer wieder Individuen erscheinen, die damit nicht zurecht kommen. Aus humanistischer Sicht gibt es da nur eine Lösung, oder?
Deine Frage mit der Einheitskleidung löst übrigens das eigentliche Problem nicht, sondern verlagert es. Denn was könnten diejenigen tun, die nicht in Jeans, T-Shirt, Turnschuhen rumlaufen wollen?
Ich möchte die Frage aber mal umdrehen. Gerade weil ich immer wieder gegen binäre Denke, Schubladen und unsinnige Verhaltensvorschriften gegenüber anderen wettere.
Wenn jemand ein bestimmtes Selbstbild hat und das nun mal mit dem Label "Frau" oder "Mann" in welcher Kultur und Epoche auch immer übereinstimmt, dann bitte. Viel Spass im Leben und meine besten Wünsche, dass körperliches Empfinden, Präsentation, Gruppen-, Familien und Sexualleben damit in Deckung gebracht werden. Nur ist ihre Sicht auf Geschlechtlichkeit aus meiner Sicht und für mich kein Stück wertvoller, wahrer oder erstrebenswerter, als irgendein anderes, mit dem jemand glücklich wird. Und demzufolge möchte ich auch nicht, dass jetzt statt traditioneller Rollenklischees, ob jetzt von Cis- oder Transmenschen, plötzlich die Auslöschung aller Stile und Klischees als allein seelig machende Art propagiert wird.
So ein bisschen können wir von der Evolution doch lernen, dass Monokulturen anfällig sind. Es ist die Vielfalt und Varianz im Genpool, die eine Art robust durch Anpassungsfähigkeit macht. I.D.I.C
(Hm, okay. Ich könnte, müsste, sollte hier eigentlich noch was zu mehr oder weniger guten Lebensweisen schreiben. Stattdessen nur ein paar Links.
The Moral Landscape und
Hoffnung Mensch (und die neueren Bücher von M.Schmidt-Salomon))