Die Erkrankungsfrage bei Trans* ist die gleiche, wie sie damals bei Homosexualität war. Da gibt es eine Normvariante, die als krankhaft eingestuft wird bzw. wurde. Krankhaft bedeutet aber auch gleich, dass dies ein fehlerbehafteter Zustand ist, der möglicherweise korrigiert werden muss. Das Verständnis der Korrektur ist dann das gleiche, wie es bei einem Beinbruch oder Blinddarmentzündung ist, das krankhafte soll in einen "gesunden", der Norm entsprechenden Zustand überführt werden. In unserem Fall bedeutet das, dass Trans* weg therapiert werden müsste, dass der Zustand Trans* als solcher ein falscher Zustand ist, eben krankhaft. Das ist eine Anschauung, die für mich inakzeptabel ist. Trans* Menschen sind eben nicht krankhaft gestört. Sie sind wie sie sind und das ist auch gut so. Sie haben nur ein Problem, nämlich individuelle Bedarfe nach Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Die Maßnahmen sollen gerade nicht zur "Heilung" eines krankhaften abnormen Zustands dienen, sondern sie sollen präventiv verhindern, dass aus der gültigen Normvariante keine krankhaften Störungen entstehen, wie bspw. Depressionen oder ähnliches. So herum wird ein Schuh daraus.Frauke hat geschrieben: Mi 8. Feb 2017, 14:16Wer sind denn "sich selbst pathologisierenden TS"? Transsexualität als Normvariante und nicht als Krankheit zu sehen, mag ja bei manchen sehr beliebt sein und vielleicht auch dem Zeitgeist entsprechen. Wirklich durchdacht ist das aber nicht. Für die transsexuelle Menschen wird das auf jeden Fall mehr Nach- als Vorteile bringen. Denn genau das von Dir jetzt schon beschriebene tritt. KV: geht uns doch nichts an. Und dann? TS sollte nicht als Psychokrankheit gelten, soweit ok, aber ein "Hobby" ist dies mit Sicherheit nicht.nicole.f hat geschrieben: Di 7. Feb 2017, 21:00 Wir werden dieses und nächstes Jahr noch einige große Unruhe in den Trans* Communities erleben, wenn die neue S3 Leitlinie und ICD-11 veröffentlicht und dann wirksam werden. Die sich selbst pathologisierenden TS werden schimpfen, weil ihnen die Krankheit abhanden kommen wird und sie es deshalb schwerer haben werde an Leistungen der KV zu kommen und sie werden den nicht-pathologisierenden Trans* vorwerfen, _sie_ hätten es ihnen weggenommen. Das wird übel werden, ich sehe es schon kommen. Die KVen beginnen ja jetzt bereits sich vor Leistungen zu drücken wo sie können, unter Verweis auf die Entpathologisierung - jetzt schon, obwohl noch gar nichts verabschiedet wurde. Das wird noch sehr unschön. An dieser Stelle gleich noch zu fordern, wir sollen "Transsexualität" als seltene Erkrankung aus dem SGB streichen und das TSG wegmachen etc., würde möglicherweise ein erhebliches Loch für Trans* Menschen aufreißen, wenn nicht alle anderen dafür notwendigen Änderungen der Rechtsgebiete gleichzeitig mit erfolgten.
Ich muss bspw. auch offen gestehen, dass ich schon jetzt nicht mehr genau weiß, ob ich mich öffentlich gegen Pathologisierung von Trans* aussprechen soll, wenn ich von KVen höre, die dies genau als Argument vor Gericht vorbringen, Maßnahmen nicht mehr zu bezahlen - ist ja nicht krank, zahlen wir nicht. Ich kann es dann vor mir nicht verantworten, die Entpathologisierung nicht zu fordern und kann es vor meiner Peer Community nicht verantworten, es doch zu tun - weil sie dann Gefahr läuft, keine Leistungen mehr zu bekommen...
Aus Angst vor zwischenzeitlichen Problemen in der Durchsetzung von Ansprüchen gegenüber den Kostenträgern klein bei zu geben und die eigene Psychopathologisierung und allgemeine Pathologisierung hinzunehmen, anstatt für die eigene Selbstwahrnehmung, Selbsteinschätzung und die eigenen Rechte einzustehen, ist schon fast Schizophren. Auf der einen Seite sagen alle Trans* Menschen zu Recht, sie seien normal und eben gerade nicht krankhaft gestört, aber auf der anderen Seite will man sich selbst für krank erklären? Das passt nicht zusammen.
Doch egal wie, die Depathologisierung wird kommen, egal wie wir uns entscheiden, denn die Wissenschaft sagt innerhalb der letzten gut 10 Jahre einstimmig genau dies aus, was sich dann auch im ICD-11 und den neuen Leitlinien widerspiegelt. Diese werden kommen, das steht außer Frage. Sich selbst wieder für krankhaft zu erklären, hilft nicht.
Was aber hilft ist, Rückgrat zu beweisen, für seine Bedürfnisse einzustehen, politischen Druck aufzubauen, damit der Gesetzgeber ein Recht auf Behandlung für Trans* Menschen endlich explizit verankert, ohne diskriminierende Zwangsmaßnahmen wie jahrelange Therapie, die von vorne herein sowieso nichts zu therapieren hat. Auch dies ist Stand der Wissenschaft und muss auch in Deutschland endlich anerkannt werden. Das hat auch nichts mit "beliebt" oder "Zeitgeist" zu tun. Es ist das Anerkennen einer Tatsache. Seit über 100 Jahren versuchte man uns und der Gesellschaft die Krankheit einzureden, bis einige es offenbar inzwischen selbst glauben. Doch diese Einschätzung entbehrt jedweder Grundlage. In diesen 100 Jahren konnte kein schlagkräftiger Beweis gefunden werden, dass es sich wirklich um eine Erkrankung handelt. Im Recht sagt man, in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten, also im Zweifel, weil es nicht anders belegbar ist, sind und bleiben wir gesund.
Liebe Grüße
nicole