Ostwind
Ostwind - # 7

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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online52
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Re: Ostwind

Post 91 im Thema

Beitrag von online52 »

Möchte mich hiermit für die Schöne geschichte bedanken,ich warte immer ungeduldig auf die nächste fortsetzung!
Gruß
online
Bianca D.
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Re: Ostwind

Post 92 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Sie ist gerade eingeschlafen, da kommt Mechthild.
Moin Anne Mette,

du meinst sicher Adelheid :wink: Aber nichts desto trotz eine sehr schöne Geschichte.Freu mich auf jede neue Folge!

LG Bianca
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Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 93 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hedwig rechnet nicht damit, dass Willi kommt, aber schon um 8 klopft es heftig an die Türe: "nun komm, es ist Niedrigwasser".
Er hat die Schraube und seinen großen, unförmigen Werkzeugkasten aus Stahlblecht auf einer Schubkarre.
Hedwig gibt Ulli und Adelheid einen Kuss und fragt: "passt Du auf, bis Magda aufgestanden ist?"
"Ja, natürlich, kein Problem, vielleicht komme ich nachher mit Ulli an den Stand, um zu schauen, ob ihr es schafft oder ob wir schieben müssen!"
Sie lacht.
Hedwig nimmt sich ein Graubrot mit, das sie unterwegs isst. Mit der anderen Hand fummelt sie den Trägerknopf ihres Blaumanns in die metallene Öse.
Als sie auf einen Stein tritt, merkt sie, dass sie nicht einmal Schuhe anhat.
Egal!
Dem Kutter ist anzusehen, dass er längere Zeit unbeaufsichtigt halb auf dem Strand gelegen hat.
Zahlreiche Fußspuren aus getrocknetem Schlick zeigen, dass öfter mal Besuch an Bord gewesen ist.
Es war nicht nur Besuch da, den das Abenteuer lockte.
In der Kajüte liegen leere Bierflaschen und Zigarettenkippen.
Da hat wohl jemand ein Obdach gesucht.
Leider war auch Besuch da, der der Ansicht war, der Kutter wäre ein Wrack, das niemandem gehört oder allen und geplündert werden kann. Der Kompass fehlt!
Nein, das hat das Schiff nicht verdient; es muss wieder an seinen angestammten Platz gebracht werden.
Zu zweit macht es keine große Mühe, die reparierte Schraube zu montieren. Die Arbeit geht ihnen schnell von der Hand.
Trotzdem guckt Willi immer wieder auf die Uhr.
"Er will doch wohl nicht noch zum Weststrand mit seinem Karren?"
Willi gibt die Antwort noch bevor sie die Frage ausgesprochen hat: "Wenn wir fertig sind, fahre ich noch zum Strand!"
"Westwind ist heute". Hedwig hat ihre Nase wie ein Hund in die Luft gehalten. "Wenn wir Glück haben, kommt die Flut so hoch, dass der Kutter fast von allein aufschwimmt!"
Willi guckt wie ein Kind, dem man das Lieblingsspielzeug aus der Hand genommen hat.
Aber er sieht ein: allein kann Hedwig das mit dem Kutter nicht regeln.
Im Geiste rechnet er schon seinen Verlust aus.
"Hast ja Recht!"
So ganz überzeugt klingt das nicht.
Sie vertreiben sich die Zeit, indem sie das Deck reinigen und Klarschiff machen.
Wie gut, dass die Diebe nur den Kompass mitgenommen haben. Leinen und Anker sind ihnen wohl zu schwer und zu unhandlich gewesen.
Bis zum Hochwasser haben sie noch etwas Zeit und gehen zum Hafen.
Ernst ist auf seinem V-Boot zugange und Horst werkelt auf seinem kleinen eisernen Motorboot, auf dem vorne stolz das Wort MARIA II prangt.
"Blechmarie" nennen die Kameraden den "Dampfer" hinter vorgehaltener Hand.
Beide sind sofort bereit, Schlepphilfe zu geben.
"En beten Tied heppt wie noch".
Willi kann das gleich übersetzen; denn Hedwig guckt fragend.
Ja, natürlich gibt er erst einmal ein Bier aus in der Fährkantine.
"Das kommt gerade rechtzeitig", sagt Horst, "wir haben solchen Durst!"
Die Flut kommt gut und hoch in die Bucht.
Der Kutter schwimmt auf, sieht aus, als würde er nur kurz "parken".
Willi und Hedwig gehen vor.
Hedwig holt ihr Ruderboot, um die Leinen zu übergeben und Willi heizt den Glühkopfmotor an.
Die beiden Helfer sind da, nehmen die schweren Leinen ab und machen sie fest.
Willi hat bei Ebbe sorgfältig die Steine im Umkreis fortgeräumt, schließlich soll die neue Schraube nicht gleich beschädigt werden.
Holpernd bewegt sich der Kutter die ersten Meter.
Die Boote der beiden Helfer zeigen mit schwarzem Rauch aus dem Auspuff: volle Kraft!
Der Kutter ist wieder in seinem Element.
Willi holte die Leinen ein.
Hedwig ist mit ihrem Ruderboot längsseits gekommen und klettert an Bord.
Sie winken den Helfern zu.
Die antworten mit einer typischen Handbewegung, als würden sie eine unsichtbare Flasche zum Mund führen.
"Ja, ist gut", Willi greift in seinen Werkzeugkasten und fördert zwei Bierflaschen zutage.
Geschickt werden sie von den Kameraden aufgefangen.
Willi und Hedwig unternehmen eine kurze Probefahrt zur Kopfbarke. Sie sind überrascht; denn die Wellenanlage arbeitet viel ruhiger als früher.
Da hat die Werkstatt ganze Arbeit geleistet mit der Reparatur.
Die war ja auch teuer genug.

Sie vertäuen den Kutter.
Gut, dass er wieder an seinem Platz liegt!
"Hoffentlich haben wir morgen Ostwind", Hedwig kann es kaum erwarten, wieder auszulaufen.
Willi klingt nicht ganz so begeistert.
"Einen anderen Kompass habe ich noch liegen".
Das bedeutet immerhin so viel wie "meinetwegen".
Ulrike-Marisa
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Re: Ostwind

Post 94 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Moin Anne-Mette,

...da fehlt doch ein kleines Stück in der Geschichte, als Adelheit am Vorabend gleich ins Ohr flüsternd zu Hedwig ins Bett kommt... :wink:
(Die Freiheit der Literatur...Spannung...Neugier...)
Aber der Kutter ist ja jetzt wieder in Ordnung und der Ostwind kommt bestimmt wieder.

Sei gegrüßt, Ulrike-Marisa
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 95 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hedwig hat ein unbestimmtes Gefühl: etwas hat sich seit der Hochzeit von Hein verändert im Hause. Ihre Mutter scheint fast "über Nacht" älter, ja, sie würde sogar sagen, alt geworden zu sein.
Vielleicht ist auch nur der Kontrast so groß. Statt ihrer Festtagskleidung trägt sie wieder ihre Sachen für den "täglichen Tach", aber selbst da hat sie sich eher die dunkleren Sachen rausgesucht. Es ist doch noch nicht Herbst und Winter!
Auch Ulli hat sich verändert, ist richtig groß geworden.
Das Kind spielt mit Adelheid. Es juchzt und freut sich, als Hedwig in die Stube tritt.
Sie spielen zu dritt auf der Wolldecke, die auf dem Boden ausgebreitet ist.
Lauter kleine Spielsachen liegen dort verteilt.
"Hat Deine Mutter etwas?"
Adelheid berichtet, dass sie sich fast den ganzen Tag zurückgezogen hat, "sie spricht kaum ein Wort. Selbst Ulli konnte sie nicht aufmuntern!"
Das hat Hedwig gerade noch gefehlt. Sie braucht ihre Mutter, damit sie Ulli beaufsichtigen kann, wenn sie noch einmal zum Makrelenfangen auslaufen wollen.
Adelheid scheint ihre Gedanken erraten zu haben.
"Diese Woche habe ich noch Zeit und kann mich tagsüber um Ulli kümmern, aber nachts habe ich etwas vor!"
Sie lacht schelmisch.
Hedwig ist so sehr in Gedanken, dass sie den Spaß nicht versteht: "was hast Du nachts vor?"
Als der Groschen fällt, müssen beide lachen und selbst Ulli lacht, als hätte er alles verstanden.
Hedwig überlegt, wie sie die nächsten Tage gestaltet.
Falls es morgen tatsächlich aus Osten weht, dann muss sie auf alle Fälle noch einmal mit Willi los. "Wenn der weiterhin nur seine Sachen am Strand verhökert", denkt sie, "ist er bald für die Seefahrt und Fischerei verdorben".
Nach den Reusen muss sie auch dringend schauen — und den Räucherofen anheizen.
Es bleibt so viel zu tun, dabei ist sie müde.
Durch das offene Fenster ist die Brandung zu hören; ein sicheres Zeichen!
Magda macht keine Anstalten, aus ihrer Kammer zu kommen, als Hedwig sich Frühstück und Proviant fertig macht, aber Adelheid ist schon wach und ruft: "guten Reise und guten Fang!"
Sie wird gut auf Ulli aufpassen, da ist Hedwig sich sicher. Trotzdem macht sie sich Gedanken über ihre Mutter.
Willi ist mürrisch. Mit seinem klapprigen Fahrrad ist er gerade am Hafen angekommen.
"So ein schönes Strandwetter!"
Die Begrüßung fällt kurz aus.
Hedwig kontert: "So ein schönes Makrelenwetter!"
Willi mault herum. Er denkt an die ganzen Stunden, die er bei seinen Geschäften versäumt.
Sie knüppeln gegen die kurzen Wellen an. Wind und Strom arbeiten gegeneinander; aber der Strom zieht sie hinaus.
Es wird nass.
Als sie endlich nach Backbord abdrehen können und den Wind von achtern haben, als sie auf die offene Nordsee hinauslaufen, sind sie froh und packen ihre Stullen aus.
Dazu gibt es dampfenden Kaffee aus der Thermoskanne.
Willi ist etwas aufgetaut, meint, "den Verdienst vom Sommer solltest Du ins Haus stecken?"
"Verdienst?"
Hedwig muss erst einmal darüber nachdenken, was sie als Verdienst verbuchen kann.
"Durch die Vermietung ist doch ordentlich Geld reingekommen!" Willi hilft ihr gedanklich auf die Sprünge, "wenn Du mehr Zimmer hast, kannst Du mehr vermieten und es gibt noch mehr Geld".
Das leuchtet ein.
"Es gibt aber auch ein Risiko", ist Hedwig sich klar, "vielleicht kommen im nächsten Jahr keine Sommergäste".
"Gäste werden immer kommen, das wird immer besser".
Willi ist optimistischer. Er reibt sich schon die Hände und denkt an den Handel am Strand. Den will er im nächsten Jahr größer aufziehen.
"Wenn Du jetzt Geld ins Haus steckst, wird es sich hundertfach, ja tausendfach auszahlen!"
Hedwig staunt. Daran hat sie noch nicht gedacht.
"Nun ist gut, Willi, woher soll ich das Geld nehmen?"
"Von der Makrelenfischerei jedenfalls nicht", denkt Willi, "das wird wohl nichts mehr werden dieses Jahr".
Eine Weile schweigen sie.
"Sag mal", Willi zögert, "ist sie nun ein Gast oder eine Freundin?"
Hedwig errötet.
"Ein Gast; sie kam auf Empfehlung des Professors!
Wie kommst Du auf so eine Frage?"
"Nur so"¦".

Hedwig guckt sich fast die Augen wund; irgendwo müssen Möwen und Heringe doch sein und ihnen einen Makrelenschwarm anzeigen!
Die Möwen, die sie sieht, sind als Einzelgänger unterwegs oder fahren auf einem Stück Treibholz mit. Eine fast lethargische Stille zeigt sich inzwischen.
Selbst der Ostwind ist eingeschlafen.
Die Sonne brennt.
Hedwig hat inzwischen auf ihrem linken Arm einen gewaltigen Sonnenbrand — und auf der Nasenspitze.
Sie macht ihre Lieblingsangel klar. "Das hat keinen Sinn", ist Willi überzeugt, aber Hedwig drosselt die Maschine und wirft die Angel aus.
"Siehst Du?" wie zur Bestätigung zieht sie zwei Makrelen an Bord.
Willi macht immer noch keine Anstalten, ihr gleichzutun.
"Die haben sich verlaufen", meint Willi, "hier ist kein Schwarm!"
Damit hat er wohl Recht; denn längere Zeit tut sich nichts, dann beißt noch eine Makrele.
Sie holt die Angel ein.
Der Kutter nimmt wieder Marschfahrt auf.
Sie grasen alle Fanggründe ab, die sie kennen, aber es bleibt eine Fahrt, die nichts bringt. Gegen Nachmittag ist erst der Boden der kleinen Fischkiste mit Fischen bedeckt; das ist kaum mehr als eine Mahlzeit.
Da hält das Flugsicherungsboot auf sie zu, das sie schon länger beobachtet haben.
Es kommt dicht heran und die Besatzung will wissen, ob sie etwas gefangen haben.
"Nichts"- Willi zeigt seine leeren Handflächen.
Vom Decksmann des Flugsicherungsbootes kommt die gleiche Geste zurück.
"Ein ganz schlechtes Makrelenjahr, fast keiner hat"¦".
Die Reste des Satzes gehen im Grollen der Motoren unter; denn dem Flugsicherungsboot geben sie die Sporen. Sie fahren noch eine Runde um den Kutter und winken.
Die gewaltige Heckwelle, die sich aufgebaut hat, klatscht ins offene Cockpit des Kutters. Der legt sich gleichzeitig auf die Seite.
Hedwig verliert das Gleichgewicht und knallt mit dem Schienbein gegen die Poller, an dem sie sich gerade noch festhalten kann, sonst wäre sie über Bord gegangen.
Als sie sich endlich hochgerappelt hat und sämtliche Schimpfworte hervorkramt, die sie jemals gehört hat, ist es zu spät; drüben werden sie nichts mehr hören.
Mit der auflaufenden Flut fahren sie zurück. Beide sind in Gedanken versunken.
Hedwig überlegt, wie Willi das gemeint hat mit dem Haus, aber sie will ihn nicht direkt fragen.
Im Geiste baut sie aber an und um. Sie plant ein weiteres Gästezimmer und einen Extrabereich für ihre Mutter — und sie denkt insgeheim daran, ob nicht Adelheid bei ihr bleiben würde, wenn sie eine richtige Wohnung für sich hätten. Gleich verwirft sie den Gedanken. Zwei Frauen und ein Kind? Adelheid will doch bestimmt mal heiraten und nicht mit ihr auf der Insel leben.
"Der Sommer geht zu Ende", meint Willi, "das wird nichts mehr mit den Makrelen in diesem Jahr!
Wir sollten uns damit abfinden.
Hedwig will noch nicht zustimmen.
"Morgen noch einmal", bittet sie, aber Willi möchte ihr nicht zusagen.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 96 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Schon vor dem Abendessen kommt Willi.
Er will absagen, hat einen Behördengang zu erledigen und kann weder an den Strand noch zum Makrelenfischen auslaufen. Er muss sogar zur aufs Festland und bei der Kreisverwaltung vorstellig werden.
Das passt ihm überhaupt nicht. Er wäre gerne an den Strand gefahren, hätte aber auch noch etwas im Norddorf "zu regeln".
Er druckst ein wenig herum, "könntest Du vielleicht mit meinem Auto?"
Hedwig ist enttäuscht, sie wollte so gern noch einmal den Makrelen nachjagen; denn irgendwo müssen sie doch aufzuspüren sein.
"Ich denke, ich soll nicht so oft mit dem Auto herumfahren ohne Führerschein?"
Sie ist wenig begeistert.
"Vielleicht können wir zwei Fliegen"¦", er verbessert sich, "drei Fliegen mit einer Klappe schlagen".
Einen Moment muss er überlegen, "Du fährst mich zum Bahnhof. Um 10 kommt ein Bekannter, dem ich noch einen Gefallen schulde.
Ich fahre mit dem Zug um halb 11 — und Du fährst den Bekannten ins Norddorf. Auf der Ladefläche befindet sich eine größere Wanne. Die werdet ihr brauchen.
Im Norddorf haben sie schwarz geschlachtet und mein Bekannter kann sich ein halbes Schwein abholen."
Das ist Hedwig ein wenig suspekt — und die Angelegenheit wird sogar noch mysteriöser: "Du solltest die Passfotos, die Du hast machen lassen, mitnehmen!"
Hedwig kann sich keinen Reim darauf machen, aber Willi hat ihr schon oft geholfen, da will auch sie nicht zurückstehen.
"Ist gut", meint sie, bevor Willi sich verabschiedet, "ich komme um halb 10!"
Sie hofft, dass die Angelegenheit zügig zu erledigen ist; dann kann sie das Nachmittagsniedrigwasser ausnutzen, um ins Watt zu gehen.

Hedwig muss ihre Fotos suchen.
Der Umschlag, den sie vom Fotografen bekommen hat, steckt in ihren alten Schulbüchern im Regal. Als sie die Bilder betrachtet, kommt Adelheid hinzu.
"Schenkst Du mir ein Bild?"
Ein Foto kann sich sicherlich entbehren.
"Wir sollten ein Foto von uns beiden machen lassen!"
Adelheid weiß auch gleich, wer sie fotografieren könnten: "der Professor macht das bestimmt gern!"
Der ist in seiner Kammer zugange und räumt auf.
Er ist von der Idee begeistert, verlangt allerdings eine Gegenleistung: sie sollen auch ihn fotografieren; denn er möchte ein Erinnerungsfoto.
"Erinnerungsfoto?"
Ja, es wird Zeit, dass er wieder zurück an seinen Platz an der Uni geht. Seine Untersuchungen sind abgeschlossen. Hedwig muss zugeben, dass ihr der Gedanke an einen Abschied schwer fällt. Sie hatte sich richtig an das Zusammenleben mit diesem zuerst fremden Menschen gewöhnt.
Ob auch Adelheid das Haus verlassen wird?
Nein — sie kann Hedwig beruhigen, noch bevor sie die Befürchtung ausgesprochen hat, "ich bleibe noch eine Weile; denn auf dem Heimgelände gibt es noch keine Dienstwohnung für mich.
Zuerst wird eine Wohnung für das Heimleiter-Ehepaar hergerichtet; aber auch die ist noch nicht fertig. So stellt sich die Frage, ob sie erst einmal hier im Hause ein Quartier finden können, bis die Bauarbeiten abgeschlossen sind.
Das wäre nicht schlecht: der Professor verlässt sie — und am nächsten Tag ziehen neue Gäste ein!
"Ich möchte euch gern einladen!"
Der Professor möchte seiner Zufriedenheit mit dem Quartier gerne Ausdruck verleihen. Sie sollen sich am nächsten Abend in der Fährschenke einfinden und mit ihm Muscheln essen.
Nun nutzen sie erst einmal das Abendlicht, um ein paar Fotos zu machen.
Sie verknipsen einen ganzen Film, fotografieren sich gegenseitig — und der Professor macht Fotos von Adelheid und Hedwig zusammen.
Auf einem Bild nehmen sie Ulli in die Mitte.
"Ich werde euch die Bilder mit der Post schicken!"
Sie hoffen, dass er sein Versprechen wahr macht.
Ein Schulheft liegt noch auf dem Tisch.
Hedwig schlägt es auf. Sie schaut sich ihre Zeichnungen an, sie sie vor einem Jahr gemacht hat. Im Geiste verlängert sie einige Linien, nimmt schließlich einen Bleistift und zeichnet aus freier Hand, wie ihr Traumhaus aussehen könnte.
"Was machst Du denn da?"
Adelheid schaut ihr über die Schulter.
"Nichts — nur so!"
Hedwig errötet und schlägt das Heft zu.
Sicherlich sind ihre Träume zu gewagt.
Pünktlich steht sie bei Will vor der Haustür.
Er öffnet — und sie hat Mühe, ihn zu erkennen. Er hat sein gutes "Sonntagszeug" an.
"Willi, wie haste Dir verändert!"
Hedwig kann ihr Staunen kaum unterdrücken.
Willi fühlt sich unbehaglich in dem kratzigen Zeug und überhaupt — so ein Behördentermin ist nicht seine Sache. Lieber hätte er seinen Blaumann angezogen und wäre mit Hedwig mit dem Kutter unterwegs. Noch lieber wäre er mit seinem Verkaufskarren am Strand.
Aber es hilft nichts.
Sie fahren los.
In den Kurven rutscht und rumpelt die Blechwanne auf der Ladefläche hin und her.
Sie hätten sie festbinden sollen.
Anm Bahnhof springt Willi aus dem Auto und spricht kurz mit seinem Bekannten, der schon gewartet hat.
Der kommt ins Auto und nimmt seinen Platz auf dem Beifahrersitz ein.
"Wird schon gutgehen", hat Willi ihr noch zugerufen.
Was soll schon gutgehen?
Er wird sie doch wohl hoffentlich nicht in eine kriminelle Aktion verwickelt haben?
Der Bekannte von Willi stellt sich kurz vor. "Müller", sagt er, "kannst aber auch Horst sagen".
Zum Hof Friedrichsen soll es gehen.
Hedwig kennt den Weg.
Herr Müller stellt komische Fragen. Der kennt sich wohl nicht aus mit dem Autofahren.
An der Kreuzung mit dem großen STOP-Schild fragt er sogar, warum sie dort anhält.
Auch will er sonst so einiges wissen, erzählt aber fast nichts von sich.
Es riecht nach Bauernhof, noch bevor sie das reetgedeckte Haus erreicht haben.
"Seeluft gefällt mir besser", denkt Hedwig und hofft, dass sie die Angelegenheit zügig erledigen können.
Der Bauer, bei dem ihr die blutverschmierte und dreckige Schürze ins Auge sticht, kommt und hilft, die Wanne von der Ladefläche zu ziehen.
Die beiden Männer verschwinden mit dem rostigen Teil in einem Stallgebäude.
Eine Viertelstunde später kommen sie wieder.
Sie laufen gebeugt, tragen schwer an der unhandlichen Last.
Hedwig kann nicht sehen, was in der Wanne ist; denn Tücher wurden darübergelegt.
Sie nimmt ihre Hände aus den Hosentaschen, um den Männern zu helfen, die Wanne auf die Ladefläche zu heben.
"Und der Motorroller?"
Herr Müller kratzt sich am Kinn, wühlt sich durch einen imaginären Bart.
"Der passt wohl nicht mehr auf die kleine Ladefläche; da muss ich wohl noch einmal kommen!"
Schließlich fragt er Hedwig: "hast Du schon mal auf einem Roller gesessen und ihn gefahren?"
Nein, sie schüttelt den Kopf - das hat sie nicht, aber mit einem Moped war sie schon unterwegs.
Eigentlich redet sich nicht so gerne über Verbotenes und über Angelegenheiten, die nur gut ausgehen, will sie keiner bemerkt oder verfolgt, aber die beiden Männer werden sie nicht verraten, die haben selbst einiges zu verbergen.
"Das Moped eines Nachbarn habe ich ausprobiert", sagt sie schließlich und fügt schnell hinzu: "aber nur auf dem Hof!"
"Wenn Du Moped fahren kannst, dann kannst Du auch Roller fahren", ist Herr Müller sich sicher.
Der Bauer ist inzwischen mit dem Fahrzeug gekommen.
Sie bewegen den Roller ein wenig hin und her.
Es gluckert im Tank. "Bis zum Bahnhof wird das Benzin reichen, was ist nun?"
Der Bauer will sie wohl loswerden.
Er wirft die Maschine an.
Herr Müller zeigt Hedwig die wenigen Handgriffe, die sie beherrschen muss: Bremse, Gas, Kupplung, Schaltung.
"Ich fahre langsam vorneweg!"
Ob es Willi recht ist, wenn sein Bekannter das Auto fährt?
Hedwig kann nicht lange darüber nachdenken; denn gleich darauf sitzt er im Auto und fährt los.
Sie muss sich beeilen.
Zuerst würgt sie den Motor ab; denn die Kupplung ist ruppig.
"Hat lange gestanden", meint der Bauer, bevor er wieder im Haus verschwindet.
Neuer Versuch.
Hedwig lässt die Kupplung ganz langsam kommen.
Der Roller setzt sich hoppelnd in Bewegung.
Herr Müller ist schon an der Einmündung zur Nordchaussee, aber hat dort angehalten, um auf sie zu warten.
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Re: Ostwind

Post 97 im Thema

Beitrag von Joe95 »

Na, da hat sie wohl bald ihren Führerschein... ;-)
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...
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Re: Ostwind

Post 98 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Moin,

... guter Tipp, damals lief manches anders in der Beschaffung vieler dinge des täglichen Lebens und der Herr Müller...

Gruß, Ulrike-Marisa :wink:
Bianca D.
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Re: Ostwind

Post 99 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Na, da hat sie wohl bald ihren Führerschein... ;-)
Moin,

jupp,den Gedanken hatte ich beim Lesen,hihi... Früher war eben manches unkomplizierter.

LG Bianca
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Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 100 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Mechthild und Hein haben sich sehr zurückgezogen. Die große Hochzeitsfeier hat Eindruck hinterlassen, obwohl einige Neider schon kurz danach sagen: "Ja, wenn sein Chef nicht so viel spendiert hätte, da wäre die Feier wohl sehr viel kleiner ausgefallen".
Missgunst und Neid gibt es auch in den kleinen aufstrebenden Dörfern und sie sind weit verbreitet.
Immer wieder macht auch die Geschichte "von dem, der aus dem Krieg kam und dann erst einmal mit seiner Schwester"¦" die Runde.
Sie werden nicht müde, die Geschichte zu erzählen, finden immer noch neue Zuhörer und lenken gern von eigenen Angelegenheiten ab.
Hein und Mechthild machen den Leuten es auch nicht einfach, ja, man könnte sogar sagen, er sorgt sogar dafür, dass seine Frau nicht unter Leute kommt und Teil der Dorfgemeinschaft werden kann.
Aber auch sie hat schon gesagt, dass sie ihre Ruhe braucht und dass sie keinesfalls der olen Hex begegnen will.
Ja, sie möchte nicht "so ein Kind", sondern ein wohlgeratenes, bei dem jeder sofort weiß, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist.
Hein und Mechthild meiden sogar den kleinen Dorfladen.
Vieles kann er nach der Arbeit in den anderen Dörfern besorgen. Mechthild legt ihm die Einkaufszettel auf den Küchentisch. In der ersten Zeit steht noch "Ich hab Dich lieb" unter der Liste, was bei Hein einen kleinen, wohligen Schauer verursacht, wenn er das liest, aber das hält nicht lange an.
Schon bald enden die Einkaufslisten mit "nicht vergessen!"
Ja, auch zwischen ihnen hat es sich abgekühlt.
Mechthild muss viel liegen; da sind sich Hebamme und Arzt einig.
Hein darf sie auch nicht mehr berühren.
Dabei hat ein Kollege erzählt: "auch in der Schwangerschaft muss man regelmäßig mit seiner Frau zusammensein; denn so kann der Mann seinen Beitrag zur Fütterung des ungeborenen Kindes leisten!"
Einige Kollegen lachten, andere sagten: "Du Spinner".
Hein sagte nichts.

Tagsüber ist Mechthild allein, hat fast nie Besuch.
Die Frauen aus dem Dorf sehen keinen Anlass, nach ihr zu sehen.
Sie strickt für das Kind und kümmert sich, so gut es geht, um den Haushalt.
Sie ist einsam und bereut fast, die Stadt verlassen zu haben, aber eine Frau mit Kind und ohne Mann hat es auch dort sehr schwer. Das wollte sie ihren Eltern nicht zumuten.
Nun ist sie "gut verheiratet auf der Insel" und ihre Eltern können ein wenig stolz auf sie sein.
Aber ist sie gut verheiratet?
Der Wind macht sie verrückt — und es ist immer windig.
Wenn es trocken ist und es aus nördlichen Richtungen weht, dann krisselt der feine Sand, der von den Kiesgruben hinübergetragen wird, den ganzen Tag an den Fenstern.
Jeden Tag muss sie mit dem Staubtuch die Fensterbänke von Sand und Staub befreien.
In manchen einsamen Stunden spürt sie den Sand am ganzen Körper, schmeckt ihn — und er knirscht sogar zwischen den Zähnen.
Eigentlich könnte sie froh sein, wenn Hein von der Arbeit kommt, aber sie ist es nicht.
Das Abendessen verläuft meistens schweigsam.
Was Hein zu erzählen hätte, das interessiert Mechthild nicht.
Sie hat nicht viel zu erzählen — und ihre ständigen Klagen haben Hein müde gemacht.
So ist es besser, sie sagt nichts.
Ein Kollege will ihm einen Radioapparat besorgen; der könnte dafür sorgen, dass es keine Grabesstille wird.
Nach dem Abendessen setzt Mechthild sich mit ihrem Strickzeug in die Stube.
Eine Weile hört sich Hein das Klicken und Klacken der Stricknadeln an und blickt in die Zeitung, die er mitgebracht hat. Die ist aber schnell ausgelesen; denn das kleine Käseblatt ist nicht sehr umfangreich.
Hein hält die stille Nähe nicht mehr aus, traut sich aber auch nicht, ein Gespräch anzufangen und sie zu durchbrechen.
"Ich gehe noch in die Werkstatt!"
Dort hat er sein Rückzugsgebiet und kann sich sicher sein, dass Mechthild ihm nicht folgt.
Die schmale Stiege kann sie nicht hinabsteigen.
Hein hat hölzerne Fensterläden in Arbeit; denn der Winter könnte hart werden.
Er kann sich nicht recht auf seine Arbeit konzentrieren; dabei kommt es auf Genauigkeit an, wenn die Verbindungen passen und stabil sein sollen.
Erst einmal holt er sich ein Feierabendbier und setzt sich in den alten Korbsessel, für den sie oben keinen Platz hatten.
Auch er ist unzufrieden.
Ihm fehlt das Zusammensein mit seiner Schwester.
Mechthild ist so ganz anders.
Nun gut, sie ist schwanger, aber wird es schön mit ihr, wenn das Kind da ist?
Hein ist skeptisch, würde das nicht unterschreiben wollen.
Er denkt wieder an seine Schwester.
Ist es das Bier, das ihn leicht einlullt, oder sind es seine Gedanken?
Ein wohliges Gefühl durchströmt ihn. Seine Hose wird ihm eng.
Er öffnet den Knopf und den Reißverschluss.
"Ein schöner Stab", denkt er, "nur schade, dass er so selten benutzt wird!"
Er muss grinsen.
Er fasst sich selbst an, erst schüchtern, als hätte er es verlernt.
Zaghafte Bewegungen.
Immer fester, immer schneller.
Er stöhnt und entlädt sich in ein Taschentuch.
"Hein, hast Du was?"
Mechthild hat oben an der offenen Kellertür gestanden; das hat er nicht bemerkt.
"Nein, ich habe wohl nur falsch gemessen!"
Obwohl er sicher sein kann, dass sie nicht in den Keller kommt, verstaut er seinen Stab schnell wieder in der Hose.
"Ich geh ins Bett!"
"Ist gut, gut Nacht".
"Ich habe Dir noch einen Zettel hingelegt für morgen".
Was auch sonst.
Hein wartet, bis sie eingeschlafen ist.
Dann geht er nach oben.
Das Bier und sein Tun in der Werkstatt haben ihn müde gemacht.
Er ist gern müde.
Leider kann er jede Nacht nur kurz schlafen.
Oft wird er von seinen schrecklichen Träumen geweckt; manchmal ist es auch nur eine Bewegung von Mechthild, die ihn aufschreckt.
Seine toten Kameraden erscheinen ihm immer wieder, auch die Menschen, die sie in den Tod geschickt haben, weil sie Feinde waren.
Feinde!
Menschen!
Muss man Feinde nicht kennen, um zu wissen, dass sie Feinde sind?
Hein hat keinen gekannt.
Er hört ihre Schreie immer noch.
Er sieht ihre weit aufgerissenen Augen die zu fragen scheinen: "warum hast Du das gemacht? Ich möchte so gerne noch leben, möchte heim zu meiner Frau und meinem Kind!"
Ja, warum hat er das gemacht?
"Das war ein Befehl; ich konnte nicht anders!"
Wenn er sich selbst richten sollte, dann wäre das Urteil trotzdem "schuldig".
Er möchte nicht schuldig sein; er hat das Gefühl, ewig mit dieser Schuld leben zu müssen.
Davor hat er Angst.
Er wünscht sich, dass er doch eines Tages aufwachen könnte — und dann wäre alles vergessen.
Dazu müsste er wohl lange und traumlos schlafen, sehr lange.


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Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 101 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Manchmal, wenn Mechthild tief und fest schläft, dann schleicht Hein sich doch aus dem Haus, lässt sie für einige Zeit allein zurück.
Ihn zieht es zu seiner Schwester, wohl wissend, dass er nicht zu ihr kommen darf.
Das Gefühl ist fast stärker als jegliche Vernunft, aber es ist jedes Mal ein vergeblicher Versuch, weil er immer umkehrt, wenn das Haus seiner Schwester in Sichtweite kommt.
Was hätte er gemacht, wenn er gewusst hätte, dass auch sie in manchen Nächten draußen war, um ihm näher zu sein?
Nein, sie sind sich nah, aber bleiben doch so fern.
An einem Abend sieht er sogar eine Frauengestalt unter der großen Linde stehen.
"Magda!" will er rufen, sieht aber im letzten Moment, dass es die ole Hex ist.

In der Nähe des Bahnhofs steht ein alter rostiger Bus.
Er wird nicht mehr von seinen Rädern getragen, sondern ist aufgebockt, steht auf stabilem Pallholz.
Ein dünnes Ofenrohr, das sich aus einem zugenagelten Fenster etwas windschief und zaghaft dem Himmel entgegenstreckt, zeigt an, dass der Wagen wohl als Behausung dient.
Wer mag da wohnen? Nach einer Fleischerei, die das halbe Schwein weiter verarbeiten soll, sieht es eher nicht aus.
Hedwig ist dort noch nie gewesen, aber Herr Müller, der so flott vorangeeilt war, dass sie ihm mit dem Roller kaum folgen konnte, ist zielgerichtet, darauf zugefahren.
Er steigt aus Willis Auto und klopft an die Fahrertür des Busses.
Knarrend wird sie von innen geöffnet.
"Ach, Du bist es!"
"Ja, ich komme, um den Roller ein paar Tage bei Dir unterzustellen!"
Hedwig hat inzwischen den Motor ausgemacht.
Der Busbewohner kommt mit zum Wagen; denn Herr Müller will ihm zeigen, was er geladen hat.
Die Männer tuscheln.
"Kannst Du mal gucken, ob der Zug schon auf dem Bahnsteig steht?"
Das könnte der Müller doch wohl eigentlich selbst machen!
Hedwig muss nur ein paar Schritte aus der Einfahrt herauszutreten und einen Blick hinüber zum Bahnhof zu werfen.
Der Zug steht schon bereit, dabei soll er erst in einer halben Stunde fahren.
Als Hedwig sich wieder den Männern zuwendet, sieht sie, dass der aus dem Bus rasch etwas in seine Behausung trägt.
Die haben wohl schnell ein Nebengeschäft erledigt.
Zu dritt steigen sie in Willis Auto; denn sie brauchen jemanden, der beim Tragen der schweren Wanne hilft. Die wenigen Meter zum Bahnhofsvorplatz sind schnell zurückgelegt.
Herr Müller scheint ziemlich viele Leute zu kennen; denn der Gepäckwagen öffnet sich für ihn fast wie von magischer Hand in Gestalt eines Eisenbahners, der ihn wie einen alten Bekannten begrüßt.
Er hilft sogar auch noch mit, die schwere Wanne in den Wagen zu heben.
Hedwig will schon gehen; denn Herr Müller lässt sie einfach stehen und kümmert sich nur um seinen Bekannten von der Bahn und den Busbewohner.
Schließlich ruft er aber doch: "Willi sagte mir, Du hast noch etwas für mich?"
Hedwig muss überlegen, "ja die Fo"¦".
Herr Müller deutet an, sie soll nichts darüber sagen, greift aber nach dem Briefumschlag, den sie ihm entgegenhält und steckt diesen in die Innentasche seiner Jacke.
"Du hörst von mir!"
Warum sollte sie jemals wieder von ihm hören; für sie ist die Angelegenheit erledigt, sie hat genau das getan, was sie Willi versprochen hat — und sogar noch etwas mehr, wenn man die Fahrt mit dem Motor-Roller hinzurechnet.
Der Busbewohner springt aus dem Wagen.
Der Zug fährt los.
Hedwig ist froh, dass die Aktion beendet ist.
Was passiert eigentlich mit der Blechwanne?
Das ist Hedwig erst einmal egal. Soll sich doch Willi darum kümmern.
Sie fährt nun nach Hause.

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Re: Ostwind

Post 102 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Geschäftige Betriebsamkeit.
Der Professor räumt seine Kammer auf und verstaut das Gepäck, das er in seinem Auto unterbringen kann. Zwei große Holzkisten hat er für den Rest besorgt. Er bittet Hedwig, den Versand per Bahn zu übernehmen.
Dann setzen sie sich an den Küchentisch, um die Abrechnung zu machen.
Das gestaltet sich wesentlich komplizierter, als Hedwig es sich gedacht hat.
Sie bekommt weniger Geld, als sie sich ausgerechnet hat. Außerdem fragt der Professor nach ihrem Konto.
So etwas hat sie nicht. Sie ist doch keine Geschäftsfrau!
Allerdings ist sie auf das Geld angewiesen.
Der Professor bezahlt nur seinen Eigenanteil; den Rest wird die Buchhaltung der Universität überweisen.
Hedwig findet sich damit ab.
Sie soll auch eine Rechnung schreiben; aber die kann handschriftlich sein. In groben Zügen erklärt er ihr, wie das Schriftstück auszusehen hat.
Langsam wird es Zeit, die Fährschenke aufzusuchen.
Der Professor hat einen Tisch bestellt.
Magda möchte nicht mit ihnen gehen; sie passt auf Ulli auf.
Am runden Tisch plätschert das Gespräch dahin.
Hedwig ist mit ihren Gedanken bei der Konto-Eröffnung.
Schade, dass sie nicht gleich die ganze Miete bekommen hat.
Sie wird aus ihren Gedanken gerissen. Der Professor fragt sie, wie es mit Ulli weitergehen soll.
Ja, wie soll es weitergehen, wie meint er die Frage?
Ulli entwickelt sich prächtig, wieso sollte sie sich ohne Not solche Gedanken machen?
Der Professor drängelt. Der Wein hat seine Zunge gelöst.
Er wird mutiger mit seinen Vorstößen, kommt sogar noch einmal auf den jungen Arzt zu sprechen.
Das hätte er nicht tun sollen.
Dunkle Wolken verfinstern Hedwigs Gedankenhorizont.
Wie gut, dass die Muscheln kommen und das Gespräch unterbrochen wird.
Sie müssen auf dem Tisch Platz machen für Teller, Schüsseln und den Brotkorb.
Adelheid will vermitteln, sagt: "zu einem Kinderarzt könnten wir mal gehen!"
Hedwig bleibt skeptisch. Außerdem kennt sie keinen Kinderarzt, der auf der Insel praktiziert.
Der Arzt, den sie kennt, ist eigentlich Militärarzt und behandelt alle, egal ob groß oder klein.
Sogar Emmas Hund hat er wieder gesund bekommen.
Sie kann sich auch nicht erinnern, dass jemals jemand aus dem Dorf mit seinem Kind bei einem Kinderarzt gewesen ist.
Hedwig bleibt zurückhaltend im weiteren Verlauf des Abends.
Sie macht sich weiter Gedanken über den nächsten Tag.
Gleich morgens will sie zur Sparkasse; dann kann sie dem Professor die Kontonummer gleich mitgeben. Außerdem muss sie dringend ins Watt. Die Reusen hat sie einige Tage vernachlässigt. Sie hofft, dass die Krebse nicht allzu große Schäden angerichtet haben.
Sie denkt an die Aale in den Ofenrohren. Die werden sich häuslich eingerichtet haben.
Hedwig schmunzelt bei dem Gedanken, wie sie ihrer fast mühelos habhaft werden kann.
Die leeren Muschelschalen füllen eine große Schüssel.
Hedwig musste den beiden Festländern erst zeigen, wie die Muscheln gegessen werden und warum kein Besteck benötigt wird.
Sie machen sie auf den Rückweg.
Es ist fast noch ein wenig hell; aber der Sommer scheint sich zu verabschieden. Eine drückende Schwere der letzten Sommernächte legt sich auf den Abend.
Hedwig bedankt sich artig für den Abend bei ihrem Gastgeber.
Der lässt es sich nicht nehmen, noch einmal "denk an Ulli" auf den Weg zu geben.
Ulli liegt ruhig in seinem Bettchen und schläft.
Adelheid und Hedwig brauchen wieder nur ein Bett. Sie kuscheln sich aneinander und unterhalten sich flüsternd.
Hedwig freut sich, dass andere Gäste kommen und sie weiterhin die Kammer teilen.
So stellt sich erst einmal nicht die Frage, ob Adelheid in die Gästekammer zieht.
Gleich als die Sparkasse aufmacht, steht Hedwig vor dem offenen Schalter.
Den Mann dahinter kennt sie; denn "KK" wie ihn alle nennen, Klaus Kass wohnt in ihrem Dorf.
Das Konto ist schnell eingerichtet. Klaus muss nicht viel schreiben.
Sie bekommt eine kleine Karte aus Pappe, auf der handschriftlich die Nummer eingetragen wird.
"Das ist alles?
"Ja, das ist alles, oder willst Du gleich etwas einzahlen?"
Hedwig überlegt einen Moment, entschließt sich dann: "ja, ich zahle zwanzig Mark ein!"
Klaus guckt etwas erstaunt, hat er mit mehr gerechnet?
Hedwig fragt: "ist das zu wenig?"
Nein, das ist nicht zu wenig, viele Menschen zahlen weniger ein.
Sie bekommt eine Quittung.
Der Professor hat gewartet.
Er liest die Kontonummer von der kleinen Karte ab und schreibt sie auf die Rechnung, die Hedwig gleich morgens geschrieben hatte, bevor sie sich auf den Weg machte.
Da ist ein gutes Sümmchen zusammengekommen.
Der Professor verspricht, dass die Zahlung umgehend erfolgt.
"Umgehend" — was für ein Wort.
Sie winkt dem VW hinterher. Irgendwie wird sie das vertraute Nähmaschinengeräusch vermissen.
Magda spielt mit Ulli.
Hedwig kann ins Watt gehen.
Sie ist froh, als sie endlich mit ihrem schweren Karren eine Stelle nach der anderen aufsuchen kann. Das Ergebnis bei den Reusen ist enttäuschend; außerdem sind viele Netze kaputt, da hat das Garn den unermüdlichen Angriffen durch die Scheren der Krebse nicht standgehalten.
Die Ausbeute ist klein.
Anders sieht es bei den Rohren aus.
An ihrem Wagen hat sie einen grobmaschigen Sack aufgehängt, dessen Öffnung durch einen Metallring offen gehalten wird. So kann sie den Inhalt der Rohre fast ohne Verlust entleeren. Ein Schwall von Wasser, Aalen, Aalquappen und einigen Krebsen ergießt sich in den Sack. Das Wasser fließt ab — und die Krebse sortiert sie mit der Hand aus.
Mit den Rohren macht sie eine gute Beute.
Die kaputten Reusen legt sie auf den Wagen. Die müssen alle geflickt werden.
Sie hat ihre Arbeit erledigt; auch ist es Zeit für das Mittagessen.
Den schweren Netzkarren schiebt sie zurück.
Beim Essen ist sie allein mit Magda und Ulli. Adelheid ist ins Heim gefahren, wo sie noch viel mit Vorbereitungen zu tun hat.
Die erste Kindergruppe wird bald kommen.
Ulli isst Kartoffeln mit Möhren, die Hedwig mit der Gabel zu einem feinen Mus gequetscht hat. Das Kind freut sich auf jeden Löffel, den sie ihm vor den Mund hält.
Ulli macht Mittagsschlaf.
Hedwig hat den Räucherofen angeheizt und kümmert sich um die Vorbereitung der Aale.
Sie ist vollkommen in ihre Arbeit vertieft und merkt kaum, wie die Zeit vergeht.
Nachmittags kommt Magda mit Ulli. Das Kind bleibt nur ungern in seinem Kinderwagen, als es seine Mutter sieht.
Klingeling — Adelheid ist mit ihrem Fahrrad gekommen, hat Feierabend gemacht.
Sie will sich erst einmal frisch machen und kümmert sich dann um Ulli.
Hedwig kann sich ganz in Ruhe um ihre Arbeit kümmern.
Abends liegen die Aale verkaufsbereit in den flachen Holzkisten — in Reih und Glied.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 103 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Die frische Ware findet schnell ihre Abnehmer und etliche Münzen klappern in der alten Dose, die sie immer noch als Kasse benutzt.
Eigentlich hätte Hedwig sogar die doppelte Menge verkaufen können, aber für die Fischerei ist erst einmal keine Zeit.
Adelheid und Hedwig müssen die Gästekammer für das Heimleiterehepaar fertig machen.
"Ich helfe Dir", hat Adelheid versprochen.
Wie schön, dass die Gästekammer wieder belegt wird; so können die beiden Frauen noch eine Weile zusammen in ihrem Zimmer bleiben.
"Von mir aus könnte alles ewig so weiter gehen", ist Hedwig vor ein paar Tagen eingefallen. Sie kann sich überhaupt nicht mehr vorstellen, dass es auch mal nicht so wäre: sie mit Adelheid zusammen, eine richtige kleine Familie mit Ulli!
Ihre Mutter darf sie nicht vergessen.
Es wird Zeit, dass sie sich wieder näher kommen.
Die beiden Frauen haben viel Spaß beim Saubermachen der Kammer.
"Ordentlich die Kissen und Decken aufschütteln!"
Sie übertreiben ein wenig, was Magda ihnen zugerufen hat und veranstalten eine Kissenschlacht.
Als die Nachttischlampe getroffen zu Boden fällt, hören auf mit ihrem Tun.
Gut, dass der Lampenschirm aus Stoff ist.
Den haltenden Drahtbügel muss Hedwig nur wieder ein wenig in Form bringen; dann sieht sie wieder aus, als hätte es diesen Sturz nie gegeben.
Das Zimmer ist bereit für die neuen Gäste.
Sie haben einen gemütlichen Abend; denn der Professor hat eine Flasche Wein im Zimmer hinterlassen, die sie sich gönnen. Gern sitzen sie abends bei Kerzenlicht am großen Küchentisch.
Die leicht flackernde Flamme wirft ganz unterschiedliche Schatten an die Wand — und 1000 kleine Sterne kann Hedwig erkennen, die sich in Adelheids Augen spiegeln.

Das Heimleiterehepaar kommt schon früh am Morgen.
Erst muss Hedwig überlegen, was wohl die fremden Leute von ihr wollen; aber als sie die ärmlichen, mit Bindfaden zugebundenen Koffer der beiden sieht, die ganz und gar nicht wie Urlaubsgepäck von reichen Leuten aussehen, schaltet sie schnell: "herzlich willkommen im Haus am Watt!"
Die beiden Gäste nicken sparsam, gucken "umme Ecke" und wollen sich einen Eindruck von ihrem Quartier verschaffen.
Endlich bittet Hedwig sie ins Haus.
Sie sind zufrieden mit der kleinen Kammer, sind bescheiden, wie sie mehrmals sagen.
Schließlich wollten sie recht bald in ihre Dienstwohnung ziehen und sich hier nicht lange ausbreiten und dafür die Miete bezahlen.
Ihre Fahrräder müssten noch vom Bahnhof abgeholt werden, ob das jemand übernehmen könnte?
Ja, natürlich, Hedwig verspricht, das am Nachmittag zu erledigen, wenn sie zum Einkaufen fährt.
Willi ist wohl ziemlich erfolgreich gewesen mit seinem Behördenbesuch auf dem Festland.
Stolz zeigt er Hedwig eine Bescheinigung, abgestempelt und besiegelt vom Kreis Nordfriesland.
"Willst Du verreisen?" fragt Hedwig ihn.
Nein, das will er nicht, das heißt nur "Reisegewerbe", erzählt er ihr.
Jemand hatte ihn angeschwärzt mit seinem Handel am Strand, aber nun ist er auf der sicheren Seite.
"Kaufleute sind keine Seeleute!", sagt Hedwig nachdenklich, "da muss ich mich wohl nach einem anderen Partner umsehen, wenn Du nun ganz offiziell unter die Händler gegangen bist!"

Sie kommen nicht dazu, das weiter zu besprechen; denn Willi muss los.
Er fragt noch, ob das Abholen des halben Schweines geklappt hat.
"Ja schon — aber ein wenig komisch ist Dein Bekannter schon", kann Hedwig berichten.
Willi sagt nicht viel dazu und denkt sich seinen Teil.
Natürlich darf Hedwig sich den Wagen nehmen, um die Fahrräder vom Bahnhof abzuholen.
Sie soll sich aber beeilen; denn Willi will schon bald zum Strand. Er hat viel eingekauft — und das soll alles unter die Leute gebracht werden.
Es wäre allerdings nett, wenn sie bei "Plünnenheinrich" noch "das für ihn Bestellte" abholt.
Kaum hat Willi seinen offiziellen Schein in der Tasche, da redet er schon so kompliziert.
"Das für ihn Bestellte", war ist das für ein Schnack?
Das hat nicht lange gedauert.
Hedwig kann alles zügig erledigen.
Im Plünnenladen bekommt sie eine große Papiertasche in die Hand gedrückt.
"Wenn es nicht passt, kann Willi es umtauschen!"
Sie verspricht, es ihm auszurichten.
Willi nimmt die Tasche, als würde in ihr ein Geheimnis stecken.
Kaum hält er sie in den Händen, da bringt er sie in seine Werkstatt.
"Na — was bringst Du?"
Willis Frau ist an die Tür gekommen.
"Weiß ich nicht", kann Hedwig nur antworten.
"Ach, wieder etwas für die Werkstatt, was könnte es auch sonst sein!"
In die Diskussion, die entstehen könnte, will Hedwig sich nicht einlassen und verabschiedet sich: "ich muss los, dann man tschüss!"
Die neuen Gäste freuen sich über ihre Fahrräder.
Gleich am nächsten Morgen wollen sie zur Einrichtung radeln, um sie zu inspizieren.
Adelheid wird ihnen den Weg zeigen.
"Jeder Gast erzählt (s)eine Geschichte — selbst wenn er nichts erzählt", hat Jonny, der Wirt von der Fährschänke einmal geäußert, als er seinen philosophischen Tag hatte.
Die neuen Gäste erzählen noch nicht so viel; sie sind sparsam mit Worten und Gesten und halten sich zurück.
Hedwig hat ihnen Räucherfisch angeboten; aber sie haben abgelehnt, wollen möglichst alle Nebenkosten vermeiden. Dabei hat Hedwig sie eingeladen.
Selbst ein Bier lehnen sie ab.
Später sitzen sie in der Küche und kratzen sich dünn Rama auf Graubrotscheiben und bestreuen sie leicht mit Salz.
Schüchtern fragt die Frau, ob es etwas extra kosten würde, wenn sie einmal etwas kocht.
Nein — das kostet nichts extra.
Die beiden sehen sich ziemlich ähnlich, haben beide braune Haare und fast den gleichen Haarschnitt. Vorgestellt haben sie sich als Frau und Herr Lehenhusen.
Einen Ehering tragen sie nicht.
"Den werden sie sich auch gespart haben", denkt Hedwig insgeheim.
Sie hätte gerne einen Ring.
Ob Adelheid den gleichen Ring tragen würde wie sie — als Zeichen der Verbundenheit?
Hedwig errötet bei dem Gedanken,
"Was hast Du?" fragt Adelheid.
"Ach — nichts — nur so!"
Hedwig denkt daran, dass sie mal wieder in die Stadt fahren sollte.
Frau Lehenhusen erzählt, dass sie bei der Fürsorge arbeitet und dass sie sich um viele Kinder kümmern muss, die in den Nachkriegsjahren in Not und Elend leben.
"Wie gut haben es dagegen hier die Kinder", sagt sie: "saubere Luft und sauberes Wasser und viele liebe Menschen um sich!"
Ja, das stimmt.
"Allerdings ist es hier wohl mit der ärztlichen Versorgung nicht zum Besten bestellt", setzt die Frau nach.
"Bisher sind wir noch ganz gut zurechtgekommen", kann Hedwig entgegnen, "aber bisher hatte auch noch niemand etwas Schlimmes!"
"Ja und wenn man ein besonderes Kind hat"¦". Die Frau kann ihren Satz nicht beenden, da fährt ihr Hedwig über den Mund: "hier gibt es kein besonderes Kind!"
Richtig wütend schaut sie drein.
"Da habe ich eine andere Meinung gehört!"
Die Frau lässt nicht locker.
"Was können Sie schon gehört haben, wo sie nur so kurz hier sind!"
Hedwig ist zornig.
"Lass gut sein", der Mann ergreift die Hände seiner Frau, "jeder hat sein"™s zu tragen.
Ich glaube, es ist Zeit zu gehen".

Selbst im Bett ist Hedwig noch aufgeregt und aufgebracht.
"Was die sich einbildet; ich mag es nicht mehr hören: besonderes Kind — so ein Quatsch!"
"Psst", Adelheid will Hedwig beruhigen, greift ihre Hand und führt sie über ihren Oberkörper, ihren Bauch"¦
Das Nachthemd ist hochgerutscht — oder hat sie es mit Absicht nach oben gezogen?
Als Hedwigs Hand im Dreieck zwischen den Beinen angekommen ist, zieht sie sie erschrocken zurück, nur um gleich noch einmal zu fühlen.
"Wo sind Deine Haare?"
Adelheid flüstert: "die habe ich ganz kurz geschnitten, dann kommst Du besser ran!"
Hedwig muss lachen.
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Re: Ostwind

Post 104 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Die neuen Gäste sind früh aufgestanden. Ungeduldig warten sie auf Adelheid.
Wo sie nur bleibt?
Wenn die nur wüssten; sie zeigt Hedwig gerade, wie sich ihre Schnittkunst bei Tageslicht zeigt.
Doch sie haben keine Ruhe dabei.
Sie haben mitbekommen, dass draußen auf sie gewartet wird.
"Wann kommt sie endlich?" Das war nicht zu überhören.
Ulli regt sich im Kinderbettchen.
Zeit zum Aufstehen.
Die neuen Gäste wollen wissen, ob es einen Bäcker gibt, wo man "Kuchen und Brötchen von gestern" kaufen kann.
Hedwig gibt ihnen einen Tipp, wo sie es versuchen können.
Endlich radeln sie los.
Adelheid hat ihr einen Abschiedskuss gegeben, was die neuen Gäste verwundert zur Kenntnis nehmen.
Hedwig spielt mit Ulli. Wie groß das Kind geworden ist!
An ihren Fingern, hält es sich fest und will aufstehen.
"Du bist schon ein besonderes Kind", sagt Hedwig, versuchst schon den Erwachsenen gleichzutun und zu laufen".
"Mit wem sprichst Du?"
Magda ist in die Kammer gekommen.
Sie will gerne "große Wäsche" machen und fragt, ob Hedwig helfen kann.
Sie selbst hat oft kein Glück mit dem Anheizen des Waschkessels, aber Hedwig hat dafür ein gutes Händchen.
Hedwig sagt gleich zu und fragt bei der Gelegenheit, ob Magda nachmittags auf Ulli aufpassen kann; denn sie will ins Watt.
Auch das geht klar; die Frauen verstehen sich meistens ohne große Worte und wissen, dass sie beide voneinander profitieren und aufeinander angewiesen sind. Die Arbeit geht ihnen gut von der Hand — und nach mehreren anstrengenden Arbeitsgängen hängt die Wäsche an stabilen Leinen im Wind und wiegt sich im Takt der Windstöße. Ulli scheint es zu gefallen, freut sich immer wieder, wenn ein starker Windstoß die großen Laken anhebt.
Hedwig wartet immer ab — und wenn so ein Windhauch kommt, dann pustet sie, als würde sie den Wind machen. Ulli ist begeistert und macht es ihr nach.
Sie kann sich kaum von ihrem Kind lösen; aber sie muss sich beeilen.
Das Wasser hat fast seinen niedrigsten Stand erreicht; sie muss los.
Da sie noch keine Zeit hatte, die guten Reusen zu flicken, nimmt sie diejenigen, die sie eigentlich nur für Notfälle aufgehoben hat; denn die sind aus hellem Garn, viel zu hell, um Aale zu fangen; aber Aalquappen gehen gerne hinein.
"Abends werden die anderen Netze geflickt", nimmt sie sich vor.
Die Ofenrohre sind gut gefüllt; wenn nicht gerade Wäsche draußen hängen würde, könnte sie den Räucherofen anheizen, aber das muss sie auf den nächsten Tag verschieben.
So wird sie sich nachher lieber um das Flicken der Netze kümmern.
Ihr ist richtig warm, als sie ihre Arbeit erledigt hat.
Sie setzt sich zu Ulli auf die Decke, auf der er mit den Wäscheklammern spielt, die er sich aus dem großen Eimer stibitzt hat.
Hedwig zieht ihre warme Hose aus.
Auch Ulli ist viel zu warm angezogen.
Hedwig befreit auch das Kind von unnötigen Kleidungszwängen.
Freddy ist vorbeigeradelt, hat das Brot abgegeben, das Magda bestellt hat.
Er schenkt Hedwig zwei Brötchen.
Ulli freut sich über die unerwartete Gabe.
Erst höhlen sie die Brötchen aus und essen die weichen Bestandteile, bevor sie sich an der Hülle gütlich tun.
Endlich: blechernes Schutzblechgeklapper.
Adelheids Fahrrad ruft nach einer kundigen Hand, die mal alle Schrauben nachzieht, aber so wie es jetzt ist, braucht sie jedenfalls keine Klingel.
Die neuen Gäste sind entsetzt: "so ein Kind wird hier nackig zur Schau gestellt?"
Hedwig hat nicht bemerkt, dass die Windel aufgegangen ist und Ulli nun ganz ohne Bedeckung seiner Blöße auf der Decke sitzt.
Nun hat Hedwig aber genug.
"Das machen wir hier alle so", ruft sie und streift sich die Unterhose ab.
Der Mann kann vor Erstaunen kaum seinen Blick abwenden. Die Frau ist entsetzt — und Adelheid muss lachen.
"Komm Karl-Heinrich" — der Mann wird förmlich vom Ort des Geschehens fortgezogen.
"Die bleiben bestimmt nicht lange hier wohnen, wenn Du so einen Unfug machst!"
So ein Tun kann Magda nur missbilligen!
Aber irgendwie versteht sie ihre Tochter auch.
Ja, die Gäste würden das Haus gerne sofort verlassen, aber sie können noch nicht; denn sie haben kein Geld. Die letzten Groschen haben sie für die Bahnfahrt ausgegeben, obwohl sie es auf den harten Holzbänken der dritten Klasse sehr unbequem hatten.
Erst in einigen Tagen sollen sie ein Handgeld ausgezahlt bekommen, von dem sie auch das Zimmer bezahlen wollen.
Sie lassen sich den ganzen Abend nicht mehr blicken.
Adelheid fragt vorsichtig, ob sie die Schere nicht auch bei Hedwig einsetzen sollte.
Hedwig soll es recht sein, aber denkt noch an den unangenehmen Zwischenfall. Die Worte wollen ihr nicht aus dem Kopf gehen: "so ein Kind nackig zur Schau stellen".
Sie haben doch niemanden zur Schau gestellt — und was heißt schon so ein Kind?
Natürlich: Ulli sieht nicht aus wie sie oder Adelheid — und er sieht auch nicht aus wie der junge Wanderfischer, aber er ist doch nicht "so ein Kind!"
Sie denkt die ganze Zeit darüber nach, während Adelheid ihr die Haare schneidet.
"Nun mach mal die Beine Breit, wie soll ich denn da rankommen?"
Hedwig öffnet die Schenkel.
Die Haare sinken wie Schneeflocken hinunter auf das alte Gemeindeblatt, das Adelheid aufgeklappt auf den Boden gelegt hat.
Hedwig muss an den Pastor denken, der im Konfirmandenunterricht immer erzählt hat, wie gut und wichtig das Gemeindeblatt ist.
Damit hat er Recht.
Sie muss lachen.
"Was ist?" Adelheid guckt sie mit großen Augen an.
"Es kitzelt!"
Sie legt die Schere beiseite und pustet die restlichen Haare fort.
"Ich kann Dich gleich noch mehr kitzeln".
"Nur zu!"
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Re: Ostwind

Post 105 im Thema

Beitrag von online52 »

Danke für die Geschichte, und bitte weiter so.
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