Hallo Anke, Hallo zusammen,
Diesen Punkt verstehe ich nicht. Individualität ist doch nicht gleichbedeutend mit völliger Entscheidungs- und Wahlfreiheit. .....
So meinte ich das nicht. Individualität (im Sinne von 'verschiedene Eigenschaften haben') ist natürlich nicht gleichbedeutend mit völliger Entscheidungsfreiheit über eben diese Eigenschaften. Das was ich mit Individualität meinte, ist vielmehr die Möglichkeit des freien (aber auch nicht unbedingt frei wählbaren) Umgangs mit den eigenen individuellen Eigenschaften, d.h. die Möglichkeit der Entwicklung, oder eher der Einnahme (Besetzung, Eroberung), einer eigenen, individuellen Position, die den individuellen Eigenschaften entspricht und als gültig anerkannt ist, ohne durch Zuweisungen beeinflusst bzw. beschränkt oder durch Kategorien bedingt zu werden.
Um dein Beispiel aufzugreifen: Aus deiner individuellen Eigenschaft
'Körperlänge Einsachtzig' entsteht für dich vielleicht keine Beschränkung bei der Entwicklung deiner Individualität im obigen Sinn, d.h. bei der Einnahme der für dich besten Position. Das sieht für einen sehr kurzen, kleinwüchsigen Menschen,
'Körperlänge Einszehn', aber u.U. ganz anders aus. Und welchen Beschränkungen bei der Einnahme ihrer Position mancher Mensch mit der Eigenschaft
'Frau; Länge egal' in manchen Gesellschaften unterliegt, muss man wohl nicht extra ausführen. Es trifft aber nicht nur Frauen, sondern auch Männer und auch nicht nur in landläufig eher als archaisch angesehenen Gesellschaften, sondern auch hier, im selbstgefühlt fortschrittlichen Mitteleuropa. Die Grundlage dafür sind Zuweisungen anhand z.T. unbeeinflussbarer (trotzdem individueller) Eigenschaften, die als gruppierende Merkmale (Norm) benannt werden und dadurch gegen das abweichende Individuum wirken, das dabei hier und heute allzuoft unter die Räder kommt. Das das keine Ideologie ist, sondern ein wirksamer und belegbarer Umstand, wissen wir beide aus eigener Anschauung.
Und, versteh mich bitte nicht falsch, es ist im Hinblick auf den Ursprung dieses Threads
grade nicht wichtig, ob jemand als Frau determiniert ist oder sein könnte und wie dieser Mensch diesen Umstand individuell gestaltet. Wichtig ist, dass daraus keine unbelegbaren oder individuell falschen Zuweisungen und Erwartungen entstehen und damit keine gruppierenden Merkmale begründet werden, die irgendjemandes Möglichkeiten beschränken; weder die Möglichkeiten desjenigen Menschen selbst, noch die Möglichkeiten anderer Menschen.
Von daher (aber das ist vielleicht doch ideologisch) sehe ich in dem Versuch von Baron-Cohen und anderen, auf der Grundlage von dünnen Erkenntnissen Kategoriebegriffe und zugehörige Eigenschaften zu postulieren, durchaus das Bestreben der Normierung. Erkenntnisgewinne, grade dünne, könnte man nämlich auch sehr viel neutraler kommunizieren, wenn man seit Jutta Kleinschmidt und Jörg Haider weiss, das Frauen nicht nur einparken und Männer doch nicht Autofahren können.
Ich weiss, dass wir bezüglich der Existenz oder Nicht-Existenz von determiniertem, mithin auch kategorischem Geschlecht ziemlich gegensätzlicher Ansicht sind und es sieht ein wenig danach aus, als ob diese Diskussion dort hinführen könnte. Es scheint aber breitere Übereinstimmung darin zu geben, dass es bis dato keine hinreichenden Kriterien für die zweifelsfreie, kriterienbasierte Fremdzuweisung zu einer eventuellen Kategorie gibt, wenn man nicht die üblichen Kriterien anwenden will,
an denen wir selbst schonmal 'gescheitert' sind, die an uns schon mal gescheitert sind.
Insofern sollten wir diese Frage beiseite legen bis sie akut wird (ich kann sie eh nicht beantworten, sondern allenfalls laut und dilettantisch darüber nachdenken) und uns bis dahin damit beschäftigen, wie die derzeitige Unwissenheit so gestaltet werden kann, dass ein Maximum an Individualität bzw. an der Inanspruchnahme und Gestaltung individuell richtiger Positionen möglich wird.
Habt es gut
Marielle