Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt
Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt - # 4

ExUserIn-2026-04-08
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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 46 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Allein die Begriffe "Trans" und "Cis" schaffen doch schon Differenzen, um nicht zu sagen Ghettos. Und das schaffen wir uns zum großen Teil selber.

Wir sind alle in erster Linie Menschen, die in unterschiedlichen "Funktionen" (der Begriff "Rolle" passt mit nicht so richtig) leben. Anke nannte ja schon ein paar. Manchmal überschneiden sie sich sogar. Man kann "Mann" und "Frau" ebenfalls als solche verstehen. Sie können zeitlich wechseln und manchmal auch in einer Mischform auftreten.

Damit werden wenigstens keine Gräben weiter aufgerissen bzw. erhalten.

Andererseits sehe ich das Interesse vieler Menschen, sich mit dieser Materie zu beschäftigen. das ist dann auch nichts anderes als ein Musikinstrument lernen oder Dinge zu erfahren, wie die menschliche Interaktion funktioniert.

Entscheidend ist das Grundverständnis in der breiten Masse, dass wir alle Menschen sind und somit alle ein Recht auf ein würdiges Leben haben. Dann erübrigen sich viele Diskussionen, die wir heute noch führen können. In diesem Grundverständnis liegt doch eine wesentliche Hürde, dass viele ihr Schuld- und Schamgefühle nicht ablegen können. Der erste Schritt lautet: "Wir sind ok, wie wir sind". Wenn wir das erreichen, bekommen wir irgendwann von anderen auch ein "Du bist ok, wie Du bist". Alles andere ist für mich "Kleinkram", der aber viel Mühe macht.
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
nicole.f
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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 47 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Ich muss das mal vorweg schicken, tolle Gespräche hier! Das regt doch mal wirklich zum Denken an!
Anne-Mette hat geschrieben:Guten Tag,
Das Ganze könnte aber auch mittelfristig ein weiteres Problem erst erzeugen, nämlich das eine trans* Community dann als eine getrennte Gruppe wahrgenommen werden könnte, dass man damit ein "wir und ihr" erzeugt.
Ich glaube kaum, dass es vielen transsexuellen Menschen wichtig ist, dass sie sich "richtig" verhalten, damit die "Trans-Community" nicht geschwächt wird.
Gibt es die überhaupt als Einheit?
Nein - ich möchte keine Community-Diskussion vom Zaun brechen und auch keine Begriffe-Diskussion (888)
Zuerstmal zum "richtig oder falsch", so weit würde ich das gar nicht treiben wollen. Wer könnte das schon festlegen?
Zumindest mir geht es eher um grundsätzliche Überlegungen. Was könnten gute Handlungsstrategien sein? Was könnten guten Maximen sein? Ist es sinnvoll und/oder zielführend (welches Ziel?), von einer Gruppe zu sprechen? Von welcher Gruppe, trans* oder transsexuell? Was zeichnet dann diese Gruppe(n) aus? Was könnte dies bewirken, was nicht? Vor- oder Nachteile?

Gruppe begreife ich in dem Sinne auch nicht im Sinne einer aktiven Versammlung, sondern eher wie "alle rothaarigen", die sich ja auch nicht in einer Gewerkschaft der rothaarigen organisieren müssen, aber dennoch ist es eine identifizierbare Gruppe mit gemeinsamen Eigenschaften, Anliegen, Geschichte und sogar Problemen. So würde ich auch eine trans* Gruppe zunächst verstehen.
Anne-Mette hat geschrieben:
Egal was man anstellt und wie gut auch immer eine Angleichung klappt, es wird immer Situationen geben, in denen es auffallen wird, dass wir eben etwas anders als cis Menschen sind. Spätestens dann muss man eine Haltung dazu haben.
Und das ist eben für mich auch eine Frage: müssen wir "dazu" eine Haltung haben als trans- oder in meinem Fall als intersexueller Mensch?
Es kann immer Situationen geben, in denen ich auffalle, weil ich z.B. anders aussehe, anders spreche, eine andere Hautfarbe habe.
Warum muss/sollte ich dann eine "transsexuelle Haltung" haben? In den meisten Fällen reagiere ich als Individuum.
Nun, ich denke schon, dass man dazu eine Haltung haben muss, aber wie Du schon schreibst, eine individuelle Haltung. Wie gesagt geht es mir ja gar nicht darum irgendjemandem etwas vorschreiben zu wollen, bloss nicht. Es geht mir um eine Diskussion, was gute und nützliche Haltungen oder Strategien sein könnten, was sie bewirken könnten und was nicht etc. Wie dies jede_r selbst umsetzt, ist natürlich jedem_r selbst überlassen.

Speziell zu trans* wird man zu seinem trans* Sein eine Haltung entwickeln müssen, denn man kann es schlecht auf etwas anderes schieben. Wenn bei einer urologischen Untersuchung, selbst nach einer GaOp, eine Prostata im Ultraschall auftaucht, dann wird genau dies zum Thema werden und werden müssen und genau dann braucht es eine eigene Haltung dazu. Wie reagiere ich dann? Wie gehe ich damit um? Trans* Menschen geraten in andere Situation als Rothaarige, daher braucht es dann auch für trans* Menschen eine andere Haltung und andere Maxime - die aber natürlich individuell nicht verbindlich sind. Aber man kann sich doch darüber Gedanken machen, was wohl wohin führen könnte und welche Ziele man mit welchen Maximen und welcher Haltung erreichen oder nicht erreichen kann?

Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass ich in ganz vielen Situation nach wie vor schwimme. Wo möchte ich offen damit umgehen? Wo wehre ich Offenheit ab? Was gebe ich preis? Wo sind meine Grenzen? Was bewirke ich damit bei meinem Gegenüber? Kann ich mit meinen Handlungen etwas bewirken, was über meine persönliche Situation hinaus geht?

Vor ein paar Wochen hatte ich Thekendienst bei einer Party im LSBT Zentrum andersROOM in Siegen. Ich kam mit einer Gästin ins Gespräch, sehr sympathisch, wir redeten über einiges und es stellte sich eine gewisse Vertrautheit ein. Dann fragte sie mich recht direkt "Du Nicole, warst Du mal ein Mann?". Sie meinte dies keinesfalls abwertend, infragestellend, diskriminierend oder sonst irgendwie negativ, sondern aus einem positiven persönlichen Interesse. Wie geht man mit soetwas um? Stehe ich dazu und sage "Fast, ich habe als Mann gelebt, ich bin trans*, das ist Teil meiner Vergangenheit, aber ich bin Frau und möchte heute auch als solche anerkannt werden." oder weise ich die Frage ab "Nein, ich bin Frau.". Oder noch etwas anders? Das ist ein Beispiel für das, was ich mit Haltung meine. Es sind solche und viele ähnliche Situationen, die viele trans* Menschen kennen werden und daher denke ich, ist es schon sinnvoll, sich allgemein einmal darüber Gedanken zu machen, welche Haltung man möglicherweise in dieser und ähnlichen Situationen einnehmen kann? Die eine Haltung ist, dies nicht zu verheimlichen und offen damit umzugehen, wenn es eben mal Thema wird. Die andere ist, es nicht auszusprechen, es zurückzuhalten oder es gar zu negieren oder abzuweisen. Beides zweifelsfrei möglich, doch was ist vielleicht sinnvoller? Und warum und wofür?
Anne-Mette hat geschrieben:Allerdings finde ich schon wichtig, als Gruppe politisch zu arbeiten und Bewegungen mitzugestalten.

Gruß
Anne-Mette
Und auch diese politische Gruppe braucht eine Haltung zu dem Thema, dass sie politisch vertreten möchte ;)

Hach ja, nicht einfach.

Liebe Grüße
nicole
Ich bin trans* - und das ist gut so!
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Blog: http://www.dpin.de/nf/category/trans/
Anne-Mette
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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 48 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

nun kann ich fortsetzen; gestern bin ich um halb 6 los zum Gruppentreffen - und ich wollte nicht noch irgendetwas schreiben und dann nicht antworten können, falls sich noch jemand meldet )))(:

Wie wir schon an anderer Stelle festgestellt haben, wird es "die Transsexuellen" nicht geben; denn jeder Weg, jedes Einzelschicksal ist anders, ebenso der Umgang mit der eigenen Transsexualität und die Bereitschaft, mit anderen oder für andere etwas zu machen, sich vielleicht sogar zusammenzuschließen, um gemeinsam etwas zu erreichen.

Auch für Gruppen - und für BeraterInnen ist es schwierig, auf dem schmalen Grat, zwischen effektiver Hilfe und Bevormundung zu wandeln.
Ebenso sehe ich das in Hinblick auf solche und ähnliche Veranstaltungen und Tagungen.

Gruß
Anne-Mette
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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 49 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
dass man dazu eine Haltung haben muss, aber wie Du schon schreibst, eine individuelle Haltung.
Sehr schnell wird einem allerdings eine Jacke angezogen, die doch nicht so ganz passt (888) (damit meine ich nicht Dich, Nicole, sondern ich komme auf kürzlich erlebtes zu sprechen)

Ich war vor gut einer Woche auf einer Veranstaltung - auch aus dem Grunde, ein "Wir-Gefühl" denjenigen zu geben, die während der Veranstaltung Workshops abgehalten haben und Informationsstände bereithielten. Ich kam auch mit vielen Menschen ins Gespräch und ich fand die Atmosphäre freundlich und die Angebote informativ.

In einem persönlichen Gespräch wurde allerdings ein Satz "ihr..." begonnen. Das fand ich im Nachhinein für mich nicht passend; denn ich war als ICH dort, nicht als Vertreterin einer Organisation oder eines Vereines. Mich hat die Angelegenheit noch ziemlich lange beschäftigt und ich bin später noch einmal per Nachricht darauf zurückgekommen und habe beschrieben, wie ich mich dabei gefühlt habe: von einem "optimalen und gewünschten/von mir gefühlten WIR" über ein (immerhin individuelles) "Du" zu einem "ihr".
Das "ihr" war auch noch, so sage ich mal, leicht negativ gefärbt.
Leider diente meine Nachricht nicht zur Aufnahme eines Gesprächsfadens, sondern ging erst einmal in Leere.

Gruß
Anne-Mette
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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 50 im Thema

Beitrag von Marielle »

Guten Tag zusammen,

Ich möchte einen Aspekt aus Nicoles Beiträgen aufgreifen:
Nur einmal als Gedankenexperiment angenommen, jegliche Unterschiede menschlichen Seins würden sozial betrachtet keinerlei Rolle mehr spielen, wäre es dann noch wirklich relevant zu unterscheiden, wann trans* beginnt und ob es irgendwann endet? (Absatz) Das können wir vermutlich aktuell nur sehr schwer beurteilen, da wir eine solche Gesellschaft und einen solchen Raum bisher nicht erfahren können.
Zumindest ist ein solcher Raum oder Zustand aber denkbar. Die Fragestellung, ob und wann trans*-Sein beginnt, endet oder ob es unter allen Umständen relevant ist, geht ja quasi selbst von diesem denkbaren Zustand aus. Und alles was denkbar ist ......


In der kleinsten Einheit sozialen Miteinanders, einer Partnerschaft oder einer Freundschaft zwischen zwei Personen ist dieser Raum auch schon real verwirklicht worden. Partnerschaften bzw. Freundschaften, die auf individuellen Eigenschaften basieren und in denen Unterschiede ohne negative Wirkungen bleiben, sind Beispiele dafür, dass dieser Zustand real existieren kann und nicht nur ein Phantasiezustand ist.


Ich glaube nach wie vor, dass man ein paar Fragen stellen und beantworten muss, wenn man verstehen will, warum es überhaupt ein Problem gibt:

Welche Mechanismen führen dazu, dass trans*-Sein zu einem wirksamen Unterschied wird? Worauf basieren diese Mechanismen? Warum sind sie nicht immer und überall wirksam?


Manches Problem löst sich ganz von allein in Wohlgefallen auf, wenn man ihm eine einzige Annahme entzieht. Und manches Problem wird durch die Fliehkräfte immer größer, wenn es fortdauernd im Kreis gedreht wird.


Aber genug der Wiederholung, habt es gut

Marielle
As we go marching, marching, we bring the greater days
For the rising of the women, means the rising of the race
No more the drudge and idler ten that toil where one reposes
But the sharing of life's glories, Bread and Roses, Bread and Roses.
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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 51 im Thema

Beitrag von Anke »

nicole.f hat geschrieben:
Anke hat geschrieben: Ein Fachmedium? Das ist eine interessante Idee. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob damit Cis in nennenswertem Umfang erreicht werden können. Vermutlich wird sich die Zielgruppe auf die beschränken, die mittelbar oder unmittelbar betroffen sind, als Transsexuelle und Menschen, die mit ihnen in Beziehung stehen.
Bei diesem Fachmedium ginge es mir auch nur in zweiter Linie um ein sehr breites allgemeines Publikum, sondern eher darum, erstens uns selbst aus unterschiedlichen Quellen zu informieren - auch mit Fachbeiträgen aus den entsprechenden Fachkreisen wie Medizin, Recht etc.. Es gibt eine Menge Artikel in anderen Fachpublikationen, die viele von uns einfach nicht kennen und damit dann gar nicht mitreden können - hier schließe ich mich völlig mit ein, denn ich kann es mir nicht leisten, aus diesen Fachzeitschriften alle Artikel zu kaufen. Doch es gibt auch einige freie Artikel und bekannte Autor_innen, die man ansprechen könnte, ob sie ihre Artikel auch parallel bei "uns" veröffentlichen würden. Auch in unserer Community gibt es große Fachlichkeit! Diese könnten wir nutzen, damit auch diese publiziert und zitierbar wird. Und sicherlich noch ganz viele weitere Dinge, die wir damit bewirken könnten - vielleicht auch noch mehr cis Menschen erreichen. Ich denke schon, wenn das gut aufbereitet und gemacht ist, dass ein solches Magazin oder wie auch immer es heißen könnte, auch von den Fachkreisen aufmerksam betrachtet würde.

Liebe Grüße
nicole
Hallo,

ja, so etwas wünsche ich mir auch. (ap) Ich frage mich nur, wie so etwas zu finanzieren ist. Denn die Qualität, die solch ein Medium braucht, ist nicht umsonst zu haben. Dabei denke ich vor allem an die redaktionelle Arbeit. Und ein professioneller Verlag wird sich auf so etwas nur dann einlassen, wenn sich das selbst trägt.
Vicky-Rose hat geschrieben:Allein die Begriffe "Trans" und "Cis" schaffen doch schon Differenzen, um nicht zu sagen Ghettos. Und das schaffen wir uns zum großen Teil selber
Das muss nicht zwingend so sein. Aus meiner Sicht kommt die Ghettoisierung nicht aus den Begriffen, sondern daraus, wie die Begriffe emotional wertend aufgeladen werden. Bei Ghetto fallen mir immer gleichen die Juden ein und das ist hier ein passendes Beispiel. Juden leben eine andere Religion, haben andere Riten, Feste und Kultur. Sie unterscheiden sich damit von Andersgläubigen. Dieser Unterschied ist erst einmal neutral. Erst dann, wenn das Anders-Sein gesellschaftlich missbraucht wird, entsteht ein Problem und die Ghettoisierung.

Und um im Beispiel zu bleiben, Juden sind eben auch vieles anderes und in vielen Kontexten spielt ihr "Jude sein" auch gar keine Rolle. Wenn ich mit Juden musiziere, dann ist mir ihre Religion herzlich egal.

Sprachliche Differenzierungen halte ich für sehr wichtig, damit wir uns auch ausdrücken und in die Lage versetzt werden, etwas zu benennen. Und es gibt Kontexte, in denen die Unterscheidungen wichtig sind, und andere, in denen das nicht der Fall ist. Als transsexuelle Frau habe ich beispielsweise Bedürfnisse nach Maßnahmen wie HRT oder GAOP, die eine Cis-Frau eben nicht hat. Probleme entstehen doch dann, wenn in Kontexten unterschieden wird, in denen die Unterscheidungen keine Rolle spielen und keinen Platz haben sollten.
Nicole.f hat geschrieben:Das Ganze könnte aber auch mittelfristig ein weiteres Problem erst erzeugen, nämlich das eine trans* Community dann als eine getrennte Gruppe wahrgenommen werden könnte, dass man damit ein "wir und ihr" erzeugt. Fügen wir uns nahtlos (stealth) in die cis Gemeinschaft ein, sind wir auf jeden Fall Teil davon. Bleiben wir trans*, dann gäbe es cis und trans*. Könnte das schädlich werden? Hier wiederum, glaube ich, gibt es genügend positive Gegenbeispiele. Es gibt so viele Gruppen, die eindeutig als solche auftreten oder sogar erkennbar sind, und denen dies überhaupt nichts ausmacht. Warum sollte dies ausgerechnet für uns ein so großes Problem sein?
Mit dem Stealth Modus tue ich mich sehr schwer. Wenn einzelne das für sich entscheiden so zu leben, fein! Und ich möchte auch gar nicht in Frage stellen, ob das funktioniert oder nicht. Bei einigen, wie auch bei mir selbst, wird das nicht funktionieren. Allein meine bisherige Lebensgeschichte verhindert das. Und diese Geschichte möchte ich auch nicht verleugnen. Sie ist Teil meines Lebens und den versuche ich bestmöglich anzunehmen. Eine Cis-Frau wird niemals solch eine Geschichte und solch einen Weg haben.

Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt. Trans zu sein ist Teil meiner Person und Persönlichkeit. Und ich möchte das nicht verleugnen oder verstecken. Wie Nicole es geschrieben hat, es soll nicht als Monstranz vor mir her getragen werden und ich möchte auch nicht ständig darüber sprechen. Aber es ist immer da und gehört auch zu mir. In diesem Punkt bin ich anders als andere Frauen. Trotzdem erlebe ich zu meiner großen Freude, dass ich da jetzt einfach dazu gehöre, trotz meines Anders-Seins.

Deshalb sehe ich wie Nicole kein Problem, wenn die die, die sich als trans* kennzeichnen, als eigene Gruppe wahrgenommen werden.
Anne-Mette hat geschrieben:Ich habe etliche Menschen, die ich getroffen habe, so verstanden, dass sie irgendwann ihre Transsexualität für sich erkannt haben. Dann sind sie "ihren Weg" gegangen - und sind für sich angekommen.
Sie sind ganz Frau - ganz Mann.
Wenn sie das wollen, dann ist ihre Vergangenheit zu "löschen" - und es geht niemanden mehr etwas an, ob sie mal transsexuell gewesen sind oder "dem anderen Geschlecht" angehört haben.
Meine Gedankengänge spielen auch eine Rolle in Hinblick auf Interessenvertretungen. Wie lange sollen welche Interessen vertreten werden? - sicherlich nur, so lange jemand transsexuell ist (?). Danach "greifen" andere Interessenvertretungen wie "Frauen gegen Gewalt", "Männergruppen".

Anders ist es natürlich, wenn jemand für sich sagt und bestimmt: "ich bin transsexuell, auch wenn ich meinen Weg zuende gegangen bin oder es keinen transsexuellen Weg, sondern einen Lebensweg gibt".
Ich verstehe, was Anne-Mette damit sagen möchte und ich kenne auch beide Sichtweisen. Ein Teil von "ich lasse mein Trans-Sein hinter mir" erlebe ich gerade selbst. Wie ich an anderer Stelle geschrieben habe, wird es immer weniger wichtig und mit dem Thema Feminismus und Frauenrechte beschäftige ich mich auch gerade.

Ich denke allerdings, dass egal wie wir es bezeichnen, etwas vom transsexuell sein immer übrig bleibt. Ich kann zwar meine Vergangenheit für andere verändern oder unsichtbar machen. Aber in mir drin, bleibt sie wie sie ist. Es sind doch auch die besonderen Erfahrungen die mich zu dem machen, was ich bin. So eine Transition wirbelt alles durcheinander, kaum ein Stein bleibt auf dem anderen. Und auch das Leben vor der Transition hat seine Spuren hinterlassen. Das werde ich nie abschütteln können.

Nach der Transition ganz Frau (oder auch Mann) zu sein, sehe ich nicht im Widerspruch zu meinem eigenen Bekenntnis transsexuell zu sein. Letzteres spielt bereits jetzt in meinem täglichen Leben eine immer geringere Rolle und wird sich weiter verflüchtigen. Trotzdem bin ich es einfach.

Wenn jetzt jemand Transsexualität mit dem Abschluss der Transition enden lässt, dann ist das nichts weiter, als eine besondere Definition von Transsexualität. Die Tatsache, als Frau mit einem männlichen Körper (oder umgekehrt) geboren worden zu sein, bleibt. Was sich für mich mit Abschluss der Transition zusehends endet ist die Bedeutung des "als Frau mit männlichem Körper geboren seins".

Liebe Grüße

Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.

Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)

https://www.transcuisine.com

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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 52 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Aus meiner Sicht kommt die Ghettoisierung nicht aus den Begriffen, sondern daraus, wie die Begriffe emotional wertend aufgeladen werden.
Danke für die Präzisierung. Ich meinte das in diesem Sinne. Auch der Begriff der "Monstranz" finde ich gut, wobei ich zwei Fragen sehe. Erstens trage ich die Monstranz vor mir her ? und zweitens wird mir die Monstranz aufgedrückt ?

Der erste Fall scheint relativ einfach zu sein, da ich es selber bestimmen kann. Aus meiner Sicht wird er aber von vielen gelebt, da Trans in den persönlichen Mittelpunkt, ja zur Lebensfrage wird.

Der zweite Fall scheint tragischer zu sein, da es nur schwer ist, sich dagegen zu wehren. Aber ich muss mir die Probleme anderer nicht zu eigen machen, auch wenn ich darunter zu leiden habe.

Letztlich ist an beiden zu arbeiten. Sowohl die persönliche Entwicklung als auch die Öffentlichkeitsarbeit sind wichtig und gehen oft Hand in Hand. Aber aus meiner Sicht kann die Lösung nicht sein, sich vollkommen in der Cis-Welt unsichtbar zu machen und die eigene Vergangenheit auszulöschen. Das ist für mich Verrat an sich selber. Die Trans-Komponente ist Teil meines Lebens, egal wie ich sie lebe. Der wünschenswerte Zustand ist für mich, das die "Monstranz" (warum denke ich hier immer an Monster ? :wink: ) in den Hintergrund tritt und nicht mehr von Bedeutung ist, sowohl für mich selber, als auch in der Öffentlichkeit. Wenn die Kategorien Mann/Frau/Trans* nicht mehr von großer Bedeutung, sondern nur als eine Art menschliche Eigenschaft wie die Körpergröße gesehen werden kann, wird doch das Leben viel entspannter und ich kann mich auch anderen Dingen widmen, die mir von Bedeutung ist.

Sowohl Verdrängen, wie auch Überhöhen werden meinem Leben nicht gerecht. Es gibt für mich Wichtigeres. Leider ist Trans* immer noch auf Platz-Nr. 1.
Viele Grüße
Vicky

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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 53 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
Aber aus meiner Sicht kann die Lösung nicht sein, sich vollkommen in der Cis-Welt unsichtbar zu machen und die eigene Vergangenheit auszulöschen. Das ist für mich Verrat an sich selber.
Für mich kommt es darauf an, wo ich bin und welche meiner Eigenschaften von meiner Umwelt wahrgenommen werden. Oft bin ich (zu) sehr in die "anderen Gesprächsthemen" involviert, sodass ich nicht auf die Idee käme, in so einer Situation auf Inter- und Transsexualität einzugehen oder Gesprächsthemen (unbedingt) in diese Richtung umzuleiten. Ich bin sicherlich nicht unsichtbar und lösche auch nicht (m)eine Vergangenheit aus, aber bin Teil von Menschen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen zu den unterschiedlichsten Themen treffen. Da bin ich dann mehr Familienmitglied, KundIn, ÜberbringerIn, GesprächspartnerIn, NachbarIn. Nur in seltenen Fällen dreht es sich (bisher) um Geschlechtsidentität und verwandte Themen.
Der Umgang mit mir ist "normal". Eigentlich ist das doch wünschenswert; oder sollte ich enttäuscht sein, weil keine(r) mich auf "meine Themen" anspricht?
So sind Hundebesitzer vielleicht enttäuscht, wenn sie vor einiger Zeit erzählt haben, dass sie einen neuen Hund haben - und nun fragt keiner, wie es mit ihm geht und wie er sich entwickelt (smili) So ist es bei mir nicht.

Ich verstecke mich dabei nicht. Wie andere von ihren Erlebnissen erzählen, so berichte ich davon, was ich erlebt habe.
Da spielen "meine Themen" eine, aber keine Hauptrolle. Natürlich versuche ich, wenn es angebracht erscheint, aktuelle Informationen unterzubringen, erzähle z.B. von einem Film, den ich sehen möchte oder berichte kurz von einer Veranstaltung, die ich besucht habe.
Aber ich möchte das Thema nicht zu meinem Hauptthema machen und meinen GesprächspartnerInnen auch nicht vermittel, es MUSS immer auch um die Thematik Trans*- und Inter* gehen, damit ich mich nicht langweile )))(:
Anders ist es, wenn ich unterwegs bin und sozusagen einen "Auftrag" habe, z.B. auf Veranstaltungen und Treffen.

Gruß
Anne-Mette
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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 54 im Thema

Beitrag von ab08 »

Anne-Mette hat geschrieben:Für mich kommt es darauf an, wo ich bin und welche meiner Eigenschaften von meiner Umwelt wahrgenommen werden. Oft bin ich (zu) sehr in die "anderen Gesprächsthemen" involviert, sodass ich nicht auf die Idee käme, in so einer Situation auf Inter- und Transsexualität einzugehen ...
Danke Anne-Mette,

geht mir genauso:
-> Wenn ich unterrichte, dann geht es um Mathematik/Physik, bzw. um Erziehung, oft auch um private Probleme der Schüler bzw. Konflikte mit Mitschülern.
-> An anderer Stelle berate ich Kollegen, da geht es um dienstliche Themen.
Sichtbar bin ich, selbstverständlich - Dass ich transsexuell bin, ist bekannt. - Aber wie meine Haarfarbe oder die Körpergröße spielt es im beruflichen Alltag überhaupt keine Rolle.
Außer es handelt sich um eine spezielle Fortbildung oder es tauchen anderweitig Fragen zum Thema auf, dann werde ich ev. gefragt.( Kommt aber im Alltag inzwischen nur noch sehr selten vor.)

Liebe Grüße
Andrea

P.S. In Briefen an Zeitungsredakteure ging ich letzte Woche allerdings auf meiner Transsexualität ein, da es mir sinnvoll erschien. :wink:
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Anne-Mette
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Re: Konferenz über Theologie und Transsexualität an der Uni Frankfurt

Post 55 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

nun gibt es das angekündigte Buch zur Konferenz, der Verlag de Gruyter hat die Vorträge in einem Sammelband veröffentlicht.

Bemerkungen dazu von evangelisch.de:

http://www.evangelisch.de/inhalte/13936 ... erschienen

Das Buch ist in den unterschiedlichsten Ausführungen und "Darreichungsformen" (smili) ab knapp 40 Euro zu erhalten: https://www.degruyter.com/view/product/460383?format=G

Gruß
Anne-Mette
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