Hallo Trischa,
danke für deine Bereitschaft zum Austausch. Ich hoffe, dass es gelingt unsere Standpunkte klar, auch sachlich hart, zu vertreten und wir es am Ende uns gegenseitig und der Leser_innenschaft überlassen können, was wir/sie damit anfangen. Ich kann nicht zusichern, immer umgehend zu antworten, werde mich aber nicht sang- und klanglos aus der Diskussion verabschieden. Es dauert aber manchmal, bis ich Zeit dazu finde.
Du schriebst:
Die Existenz einer Minderheit und das deutlich machen von bestimmten Problemlinien ist unabhängig von anderen Minderheiten.
Das erklärt den von mir dargestellten Widerspruch noch nicht. Ich bin auch nicht sicher, ob wir diesen Satz gleich auffassen.
Da sich alle hier in Rede stehenden Minderheiten in derselben Mehrheits- bzw. Gesamtgesellschaft befinden, kann es m.E. zumindest keine unbegrenzte Unabhängigkeit geben. Aber es ist natürlich richtig, dass Minderheiten nicht deswegen aufeinander Bezug nehmen, kooperieren oder gar fusionieren müssen, nur weil sie Minderheiten sind und (vielleicht auch nur von aussen betrachtet) ähnlich zu sein scheinen.
Die in dem Satz auch enthaltene Aussage das, bzw. die Frage ob, es tatsächlich mehrere Minderheiten sind, über die wir reden, kann erstmal offen bleiben, obwohl es am Ende vermutlich um genau diese Frage gehen wird.
Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass keine Gruppe, egal ob Mehr- oder Minderheit, und kein einzelner Mensch einen Anspruch darauf hat, die eigene Position gegenüber der Gesamtgesellschaft durch ab- und ausgrenzende Differenzdefinitionen darzustellen. Das wäre (ist) auch nicht mehr unabhängig, sondern klar negativ bezugnehmend.
Diesen Grundsatz sehe ich aber grade nicht erfüllt, wenn durch die dichotome Unterscheidung zwischen "
(uns) wenigen Transsexuellen" und "
Herren, die sich gerne gelegentlich als Damen verkleide(n)" Menschen ausgeblendet werden sollen, die sich keineswegs nur zur Selbsterheiterung verkleiden, sondern (wie du es beschrieben oder zitiert hast) nicht in der Lage sind, "
in eine (biologisch-funktionale) Männerrolle zu kommen", daraus aber nicht oder noch nicht den (bewussten) Schluss ziehen, Frauen zu sein. Vereinfacht: Das du eine Frau bist, macht mich nicht zum Mann.
Es ist vor dem Hintergrund der eigenen Forderung nach Anerkennung der Selbstbestimmung widersprüchlich, und eben auch nicht unabhängig von anderen Minderheiten (sofern es überhaupt 'andere' sind), diesen Menschen ein Geschlecht ('Herren') zuzuweisen und daraus eine (Differenz-)Definition der eigenen Position ('wir wenigen Transsexuellen' (Frauen)) abzuleiten.
Für diese, den eigenen Ansprüchen widersprechende Zuweisung und die negative Bezugnahme auf andere,("weil die anders sind, wollen wir .....") müsste es einen sachlichen und gegen die Interessen der 'Anderen' abwägbaren Grund geben, damit man sie akzeptieren könnte. Den sehe ich aber genausowenig, wie sich mir der lockere Umgang mit dem zugrundeliegenden, letztendlich diskriminierend wirkenden, Widerspruch erschliesst.
Marielle