Hallo Katrin,
sieht so aus, als wären wir uns einig und als ich hätte mich missverständlich ausgedrückt
Mit 'freier geschlechtlicher Selbstbestimmung' meine ich nicht, dass es dabei um eine Auswahl aus unbegrenzt vielen, individuell frei verfügbaren Möglichkeiten geht, die lediglich eine rationale Entscheidung erfordern. Freie geschlechtliche Selbstbestimmung meint zunächst, dass man gegenüber
anderen, auch gegenüber der Gesellschaft ('dem Staat'), selbst bestimmt, ob man ein Geschlecht hat und wenn 'Ja' welches das ist. Es geht dabei um die Entmachtung von Zuweisungen. Ob, wie und mit welchem Ergebnis man den ganzen Komplex mit sich selbst aushandelt oder eben nicht aushandelt, sondern Gegebenheiten zur Kenntnis nimmt oder (vielleicht*) nehmen muss, ist eine ganz andere Frage.
Wogegen ich aber streite ist die Festlegung auf eine irgendwie geartete biologische, allgemeinverbindliche und, von 'Unfällen' abgesehen, eindeutig dichotome Geschlechtsfestlegung, die quasi äquivalent zur biologischen Bestimmung durch die Fortpflanzungsfunktion als erwiesenermaßen existent dargestellt wird. Dieses
'Muss' wäre letztlich nichts anderes, als eine Zuweisung, deren Zuweisungsmerkmale nur (noch) nicht bekannt sind. Dazu fehlen m.E. bis heute jegliche tragfähigen Erkenntnisse, was sich in der Feststellung ausdrückt, dass Transsexualität nicht direkt diagnostizierbar ist. Diesbezüglich habe ich gegen das "muss" in deinem Beitrag argumentiert, weil ich glaube, dass es falsch und gefährlich ist, auf Basis des derzeitigen Wissensstandes von einer Art 'biologischen Genders' als menschliche Eigenschaft auszugehen. Dieses 'biologische Gender' wäre nämlich auch gegenüber anderen nicht mehr selbstbestimmt, sondern exakt wie das bisherige Geschlecht von bestimmten (messbaren) Eigenschaften abhängig und damit irgendwann im Regelfall zuweisbar. Wenn das eines Tages so kommen sollte: OK, dann werd ich persönlich es relativ gelassen zur Kenntnis nehmen können. Aber bis dahin: No go.
Das heisst nicht, dass es nicht auch auf die biologische Disposition eines Individuums ankommt, wenn es um die eigene (interne) geschlechtliche Selbstbestimmung geht. Diese Selbstbestimmung läuft m.E. aber bestimmt nicht in den Kategorien 'Mann' oder 'Frau' ab, sondern in Abhängigkeiten von sämtlichen menschlichen Eigenschaften bzw. der jeweiligen individuellen Summe dieser Eigenschaften. Und sie steht auch in Beziehung zur Wirkung und Bedeutung dieser Eigenschaften innerhalb einer Gesellschaft. Meiner Meinung nach werden sie erst dort, im Diskurs, zu 'Mann' oder 'Frau' oder 'Weissnicht' verdichtet; auch wenn manche Menschen noch so oft (auch und grade hier) eindringlich auf die 'natürliche' Definitionsmacht von menschlichen Eigenschaften verweisen, wozu dann aber immer! nur ausreichend widerlegte Stereotype gebracht werden. Deshalb hege ich grundsätzliche Vorbehalte gegen die gängigen Geschlechtsbegriffe, weil sie (abseits der Beschreibung einer Fortpflanzungsfunktion) eben doch konstruiert sind.
Wenn ein Mensch sagt, er sei ein Mann, eine Frau oder keines von beiden, dann stimmt das eindeutig und zweifelsfrei. Wenn ein Mensch zuweisend sagt, jemand anderer sei ein Mann, eine Frau oder keines von beiden, weil .......
(hier kann man irgendeines der üblichen Stereotype oder auch den Satz 'Ich weiss, dass das so ist weil ich es auch bin.' einsetzen) ist das nichts weiter als grober Unfug von Leuten, denen ihre eigenen Kategorien (back to topic: ihre Frauen- oder Männerbilder), aus welchen Gründen auch immer, wichtiger sind, als die Menschen selbst.
Hab es gut
Marielle
*) Das 'vielleicht' steht für das Problem, das sich aus dem Zusammenspiel von 'müssen' und dem (eventuell ja doch vorhandenen) freien Willen des Menschen ergibt. 'Müssen' würde immerhin auch bedeuten, dass es das Tun von Transmenschen vor der korrekten Selbstbestimmung eigentlich gar nicht geben dürfte. Sie hätten ihr Geschlecht nicht ignorieren oder verleugnen können, wenn es das 'müssen' als Imperativ gäbe. Es besteht offenbar die freie Wahl; zumindest zwischen den Möglichkeiten sich selbst zu verleugnen und dabei seelisch krank zu werden oder sich selbst richtig zu beschreiben.