Liebe Christina,
ich denke ich kann Dir versichern, dass solche Gedanken inhaltlich keinesfalls ungewöhnlich sind, wenngleich in der von Dir geschilderte Schwere aber doch eher selten. Ich bin davon überzeugt, und damit bin ich auch nicht alleine, dass es für trans* auch eine Nachsorge geben muss. Mit einer mehr oder weniger erfolgreichen Transition ist die Geschichte für viele noch lange nicht abgeschlossen. Ich halte dies sogar für äußerst wichtig und auch richtig, denn es wäre töricht und blind einfach zu meinen, dass man dieses vorherige Leben einfach so ablegen und ruhen lassen könne. Völlig selbstverständlich werden einen immer wieder Gefühle, Bilder und Situation der Vergangenheit einholen und immer wieder wird man sich damit auseinandersetzen müssen. Und mal ganz ehrlich, in dieser Zeit "davor" war auch nicht immer alles völlig schrecklich, oder? Also wird man sich schon ab und zu mal fragen, ob man diese guten Momente nun für immer aufgegeben hat? Oder ob es nun nur einfach andere Momente sein werden?
Wir haben zu einem bestimmten Punkt in unserem Leben eine recht bewusste Entscheidung getroffen, nämlich die Entscheidung, uns über das zugewiesene Geschlecht hinweg zu setzen und stattdessen unserem Geschlechtsempfinden Ausdruck zu verleihen. Wir haben damit etwas getan, was sonst keiner macht und uns damit auch selbst eine Möglichkeit geschaffen, die sonst keiner hat. Ich finde es dann ganz natürlich, auch unter Umständen darüber nachzudenken, diese Möglichkeit auch nocheinmal zu nutzen, oder anders zu nutzen oder anders zu deuten. Wir möchten uns ja schließlich mit Hilfe dieser Möglichkeit nicht aus dem einen Gefängnis befreien, um direkt darauf in das nächste einzutreten. Für manche reicht der eine erste Schritt vielleicht, aber das muss ja nicht automatisch für alle gelten? Auch in dieser Frage plädiere ich für größtmögliche Offenheit und auch Ehrlichkeit, vor allem sich selbst gegenüber. Wenn es da männliche Anteile gibt, die auch gelebt werden wollen, na dann bitte sehr, warum denn auch nicht? Das muss ja nicht gleich die gesamte Existenz in Frage stellen.
An anderer Stelle erwähnte ich bspw. die schwangeren Transmänner auch schonmal, die gerade zahlreich in den Medien portraitiert wurden. Wie großartig ist das denn?! Das wohl weiblichste, was man sich überhaupt nur vorstellen kann, ein Kind auszutragen und zu gebären, aber trotzdem seine Männlichkeit zu bewahren - wow! Ganz großer Respekt. Das sind für mich die großartigen Beispiele, wie zwei scheinbar völlig gegensätzliche Konzepte doch vereint werden können. Ich wünsche mir, dass viel mehr Menschen diesen Mut aufbringen, scheinbare Widersprüchlichkeiten auszuhalten.
In anderen Aspekten kann es auch etwas mit Trauerarbeit und aktivem Loslassen zu tun haben, um nach einer Transition mit der neuen Situation zurecht zu kommen und die alten Zeiten mit ihren guten Momenten auch zu wertschätzen, aber als vergangen anzuerkennen. Gelingt dies nicht, dann ist da vielleicht doch noch etwas, was, vielleicht auf eine andere Art, erhalten werden muss. Auch das ist ja völlig in Ordnung. Ich halte wenig von geschlechtlichen Dogmen. "Den Mann" gibt es ebenso wenig wie "die Frau". Wir sind ein großes Konglomerat von so vielem und dies alles unter einen Hut zu packen ist oft anstrengender, als einen Sack Flöhe zu hüten. Entspannung hilft oft. Manchmal auch, Dinge einfach mal passieren zu lassen und zu schauen, wohin es führt. Mit Bedacht und guter Selbstreflexion natürlich...
Hach ja, das Leben ist schon eine harte Nuss
Ich wünsche Dir von Herzen viel Freude zu neuen Erkenntnissen und so wenig wie möglich Frust auf dem Weg dorthin!
Liebe Grüße
nicole