Ja Anke, diese Entspannung kenne ich auch

Das fing bei mir schon mit den Antiandrogenen an (in meinem Fall Spironolacton) und ich empfand dies als äußerst angenehm.
Grundsätzlich bin ich das ganze Thema Hormone völlig ergebnisoffen angegangen. Ich hatte keinerlei konkreten Ziele oder Wünsche, die ich erreichen wollte und entsprechend auch keine Vorstellung wohin mich das alles führen würde. Mit den Antiandrogenen hatte ich angefangen, weil ich selbst wissen wollte, praktisch als Experiment, wie das denn mit weniger wirksamem Testosteron sein würde. Versprochen habe ich mir davon nichts. Bekommen habe ich Beruhigung, größere Gelassenheit, Entspannung eben. Es war wie Druck vom Kessel zu nehmen, in allen Lebenslagen. Oftmals ärgerte ich mich selbst über meine Aktionen und Reaktionen in bestimmten Lebenslagen. Es kam mir manchmal fast so vor, als handelte ich nicht wirklich selbst. Es platzte einfach heraus, mit viel Druck und Macht, aus dem ständig brodelnden Kessel. Oft genug wusste ich schon im Moment als die Worte meinen Mund verließen, dass es falsch war, wusste aber nicht, warum ich es dennoch tat. Mit dem geringeren Druck auf dem Kessel ist dies nun sehr angenehm, entspannt eben, ich habe die Ruhe abzuwägen, halte mehr aus und kann auch einfach mal den Mund halten, um des Friedens willen. Das ist großartig!
Damit war dann recht bald für mich klar, dass ich das Testosteron loswerden musste. Es war ein Fremdkörper in mir, tat mir nicht gut, machte mich zu einem schlechteren Menschen. Ohne Testosteron-Substitution, also ganz ohne Geschlechtshormone, ist aber auch nicht gut, nicht gut für den Stoffwechsel, den Knochenbau und vieles mehr. Also war dann recht bald klar, dass sobald das Testo endgültig weg ist, ein Ersatz zugeführt werden muss und das waren dann eben Östrogene. Auch dies habe ich wieder völlig ergebnisoffen begonnen, ohne Wünsche, Hoffnungen oder konkrete Ziele. Nunja, natürlich schon mit der gewissen Hoffnung, dass sie irgendwelche positiven Auswirkungen haben würden, hielt mich aber selbst mit konkreteren Vorstellungen dazu sehr zurück, denn dann können sie auch nicht enttäuscht werden
Der Prozess der Veränderungen ist langsam und schleichend, weshalb es mir selbst immer schwer fällt, diese Veränderungen überhaupt zu bemerken. Es fällt immer dann erst auf, wenn man mal wieder etwas vergleichbares aus der Vergangenheit hat, wie eben diese ganz zu Anfang beschriebene Renovierungsaktion oder wenn sich auf einmal unter der Kleidung auch ohne entsprechende Wäsche Formen abzeichnen, wo vorher keine waren - Ihr wisst, was ich meine

Aber auch das geht alles so irre langsam von statten, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, Monat zu Monat. Zumindest mir fällt es extrem schwer, die tatsächlichen Veränderungen konkret zu benennen, bis auf die praktisch messbaren.
Doch das aller wichtigste bei der ganzen Sache ist auch gar nicht irgendeine spezielle der ganzen Veränderungen, nicht ein spezielles Gefühl oder eine spezielle neu gefundene Eigenschaft oder Eigenheit. Das aller aller wichtigste ist aber, dass ich mich damit gut fühle. Es geht mir gut, viel besser als zuvor und das ist alles, was für mich dabei zählt. Dafür verzichte ich gerne auf etwas körperliche Kraft und Ausdauer, dafür gewann ich seelisch-geistige Kraft und Ausdauer. Aber nicht nur das. Es geht mir auch körperlich besser, meine ich feststellen zu können. Mein Immunsystem war nie das beste, ich habe eine ganze Reihe von Allergien, Neurodermitis. Erkältungen und grippale Infekte haben mich regelmäßig für einige Tage außer Gefecht gesetzt, nur ein wenig erkältet zu sein, gab es bei mir nicht, es wurde fast immer fiebrig.
Jetzt ist das doch recht anders. Ob das etwas mit den anderen Hormonen zu tun hat? Keine Ahnung. Ich habe nach wie vor Allergien, aber fast keine Neuroderminitis mehr. Erkältungen habe ich auch noch, aber es bleiben Erkältungen, nach einem Tag Rotznase ist es wieder gut. Die Tage hatte ich einen grippalen Infekt, eine Nacht ordentlich Fieber und dann war auch dieser Spuk (fast) vorbei, was mich sonst mindestens eine Woche auf die Bretter geschickt hätte.
Man sagt ja, Frauen seien gesundheitlich etwas stabiler als Männer. Liegt das an den Hormonen? Oder liegt es speziell bei mir daran, dass mein Körper zuvor gegen die falschen Hormone anzukämpfen versuchte? Da waren und sind auch ein paar Dinge körperlich anders bei mir, denke ich. Oder rede ich mir das nur ein?
Es fing damit an, dass ich schon immer in der Familie auffiel. Aus meinem Bruder oder Vater hätte man jeweils locker zwei meiner Statur machen können. In der Pubertät schwollen meine Brustdrüsen stark an, das ging aber wieder zurück - zum Glück, ich hatte, damals völlig unwissend, große Angst, dass das etwas Schlimmes sein könnte. Trotz Sport und sogar explizitem Krafttraining konnte ich nie wirklich Muskeln aufbauen. Mein Stimmbruch verlief schleppend über Jahre, typisch männliche Köperbehaarung hatte ich immer schon nur wenig und auch der Bart war nie sonderlich dicht - es brauchte viele Jahre, bis es überhaupt Bart zu nennen war. Alles recht untypisch, wie es schien, und diametral zu meinem Bruder. 2014 kam dann ja auch noch das Untersuchungsergebnis nach der Orchiektomie, das ich hier beschrieb:
viewtopic.php?f=16&t=8792&hilit=intersex Hat das etwas zu bedeuten? Ich habe es nach dem Klinefelter-Ausschluss nicht weiter verfolgt. Es gibt noch Dutzende nachweisbare "Abweichungen", doch die Tests sind unerfreulich teuer und ohne konkreten Grund, wie körperliche Beschwerden, kaum zu rechtfertigen.
Alle Ärzte prophezeiten mir nach dem Wegfall des Testosterons Stimmungsschwankungen und Antriebslosigkeit bishin zu Depressionen. Mir ging es jedoch blendend, von den Hitzewallungen und plötzlichen Schweißausbrüchen abgesehen. Nach dem Ersatz durch Östrogene sind die Hitzewallungen verschwunden, doch die gute Stimmung blieb. Meine Epilations-Behandlerin ist etwas "enttäuscht" von mir, sie sagte mir gerade, mit mir wird sie leider nicht reicht werden. Wir haben jetzt 32 Sitzungen mit nicht einmal 40 Stunden innerhalb von 16 Monaten, die letzten nur noch mit 30-45 Minuten, weil danach einfach nichts mehr zu finden ist. Nächstes Jahr werden wir es auf monatliche Nachbehandlungen reduzieren, sonst lohnt sich die Anfahrt nicht mehr. Sie macht das seit vielen Jahren und findet das schon sehr ungewöhnlich. Oder möchte sie mir damit einfach nur etwas nettes sagen?
Gibt es da vielleicht doch einen physiologischen (körperlichen) Grund für das alles? Wer weiß.
Und wer will das schon wissen? Muss ich das wissen? Warum nur mache ich mir darüber überhaupt Gedanken?
Liegt bestimmt nur an der dunklen Jahreszeit
Liebe Grüße
nicole