Bin neulich nochmal auf Brautmodenschau gegangen. Das erste Geschäft ist mir zu öffentlich gewesen. Im zweiten bin ich abgeblitzt. Aber im dritten bin ich richtig toll aufgenommen worden.
Das erste Geschäft. Es liegt unweit einer stark frequentierten S-Bahn-Haltestelle. Es ist von überschaubarer Größe. Gemessen daran ist die Schaufensterfront riesig. Und die erlaubt Passanten leider das gesamte Geschäft von außen einzusehen. Ich weiß nicht so recht... Wenn ich da im Brautkleid aus der Kabine trete, stehe ich wie auf dem Präsentierteller.

Das mag manche Frau sicher nicht. Und mir als eher heimlichem Transvestiten bereitet so viel Öffentlichkeit noch viel mehr Unbehagen.
Wie ich das so denke, bleibt eine ältere Frau vorm Schaufenster stehen. Sie schaut mit mal von links nach rechts, mal auf und ab wippendem Kopf ungeniert zwischen den paar Schaufensterpuppen hindurch, was im Laden denn so los ist.

Gut, es könnte ein Heidenspaß sein, wenn so eine neugierige Dame schnallt, dass da ein Kerl im Brautkleid aus der Kabine stolziert.

Aber ich fühle mich derzeit eben noch sehr viel wohler, wenn die Zahl derer, die mich in Frauenkleidung sehen, klein bleibt. Und vor allem, wenn es nicht jeder x-beliebige Passant ist.
Das zweite Geschäft. Es liegt an einer großen Straße. Auf der wird gerade gebaut. Trotzdem fahren die Autos schnell vorbei. Der Gehweg vorm Geschäft ist breit, aber nirgends ein Passant zu sehen. Die Schaufensterfront ist lang, hineinblicken kann man von außen trotzdem nicht. Denn es ist saudunkel darin. Kein einziges Licht an! Stromsparen? Oder Stromausfall (wegen der Baustelle vielleicht)? Nur weil die Tür halb geöffnet ist, versuche ich trotzdem mein Glück.
Die Verkäuferin, womöglich die Inhaberin, sitzt direkt neben dem Eingang auf einem Sessel und telefoniert. Sie nimmt das Handy vom Ohr, hält eine Hand übers Mikro und schaut zu mir hoch. Wie sie mir helfen könne? "Ich suche nach einem Brautkleid", sage ich. Nein, das gehe nicht. Nicht ohne Termin. Und auch nur in Begleitung einer Frau. Männer allein bediene man nicht.

Das sagt sie freundlich, aber bestimmt. Ich bedanke mich für die Auskunft, verabschiede mich und gehe. "Ja, schade. Tut mir leid. Aber das ist nunmal so", sagt sie noch. Ob es ihr wirklich leid tut? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es ihr auch zu unsicher so ganz allein mit einem fremden Mann im fast stockdunklen Geschäft... irgendwie verständlich. Eine Freundin, die ich zum Brautkleid-Shopping mitnehmen möchte, fällt mir aber nicht ein. Also kann ich das Geschäft von meiner Liste streichen. Schade, denn die Auswahl scheint dort gewaltig zu sein.
Das dritte Geschäft. Ein kleiner Laden in einem alten Gebäude. Ein winziges Schaufenster mit drei oder vier Schneiderpuppen in Braut- und Abendkleidern. Leichter Druck an der Tür. Es klingelt, ich trete ein. Vorne hängen Abendkleider so, dass sie den Blick durchs Schaufenster hinaus auf den Gehweg verhindern. Umgekehrt natürlich genauso den Blick hinein. Das ist schon mal sehr angenehm.

Im hinteren Teil sind Brautkleider in einer für die Größe des Geschäfts durchaus beachtlichen Zahl.
Durch einen Türspalt in der Rückwand sehe ich schon vom Eingang aus eine attraktive, junge Frau - wie sich später herausstellt: die Inhaberin!

- auf einem Stuhl sitzen. Als die Klingel ertönt, sagt sie irgend etwas wie "Oh, Kundschaft!" zu irgend jemand. Sie dreht den Kopf zu mir, während ich ein paar Schritte auf sie zugehe. Sie ergänzt leicht irritiert: "Ein junger Mann?" - wieder zu irgend jemand im Hinterzimmer. Sie steht auf, kommt zu mir und fragt, was sie für mich tun könne. "Ich möchte gern mal nach Brautkleidern schauen." Sie erwidert, ob ich einen Termin für meine Zukünftige machen möchte. Oder für wen soll das Kleid sein? "Es soll für mich sein", gebe ich zu.
Ganz unaufgeregt fragt sie, ob ich schon eine Vorstellung habe, wie es aussehen soll. Welcher Schnitt? Welche Farbe? Um mir die Auswahl zu erleichtern, zeigt sie mir ein paar Farben (weiß, champagner, hellbraun, rosé, sogar blau!) und erklärt mir an Beispielkleidern auch, welche Schnittformen es gibt. Sehr umsichtig. Da fühle ich mich gleich ernst genommen und wirklich gut aufgehoben. Ein schönes Gefühl, willkommen zu sein.

Nun bin ich, seit ich so ein Kleid anprobieren durfte (siehe Posting weiter oben), ein ausgemachter Freund des Meerjungfrauen-Schnitts. Und champagner mag ich auch lieber als weiß. Das schränkt die Auswahl in meiner Größe (die sie übrigens ohne nachzufragen, exakt abgeschätzt hat!) auf ziemlich genau ein Kleid ein.
Bedauerlich ist das nur im ersten Moment. Denn das Kleid, das sie vom Ständer nimmt, ist schön. Traumhaft schön. Himmlisch schön. Zum Dahinschmelzen schön.

"Wenn Sie möchten, können Sie es gern mal anprobieren", sagt sie. Und winkt mich, ohne meine Antwort abzuwarten, hinter sich her zur Umkleide. Meine Augen haben beim Anblick des Kleides wohl dermaßen geleuchtet, dass ihr sofort sonnenklar war, wie sehr ich hineinschlüpfen möchte.
Die Kabine entpuppt sich als kleiner, fensterloser Nebenraum mit gefühlt sehr niedriger Decke. An der hängt eine schwache Lampe. Vom Verkaufsraum ist die Umkleide nur durch einen Vorhang getrennt. "Dann ziehen Sie ihre Sachen mal aus", sagt sie, während sie das Kleid zur Anprobe vorbereitet. Ich lege meine Jacke ab. Und ziehe meine Schuhe aus. Unterm Hosenbein blitzen meine halterlosen Feinstrümpfe hervor. Darauf sie: "Ah, ja." Damit wäre dann wohl auch geklärt, warum es gern ein chamagnerfarbenes Kleid sein soll, schließlich haben meine Strümpfe die gleiche Farbe. Erwischt.

Die Hose ziehe ich als nächstes aus. Mein schlichter, hautfarbener Slip mit violetten, gestickten Blümchen am Bund ist nur kurz zu sehen, dann rutscht das Shirt wieder drüber. Das lege ich als nächstes ab. Und stehe nun in zueinander passendem Bügel-BH und Slip sowie champagnerfarbenen Halterlosen vor ihr.
"Soso", sagt sie und lächelt ein wenig verschmitzt.

Mit "Dann wollen wir mal" streift sie mir das Kleid über. Ich soll es oben herum festhalten. Und sie beginnt, es im Rücken zuzuschnüren. Die Tür klingelt. Auweia, denke ich. Was nun? "Warten Sie kurz, ich sage nur schnell meiner Praktikantin, dass sie nach vorn gehen soll", sagt sie. Vorhang auf, Vorhang zu. Sie grüßt die Kundin, bittet sie, sich einen Moment zu gedulden. Und spricht dann kurz mit ihrer Praktikantin. Die Kundin hat nicht so viel Geduld und fragt einfach mal in den Raum hinein, ob man die Abendkleider auch ohne Termin anprobieren könne. Die Inhaberin eilt zurück zu der scheinbar doch recht forschen Kundin. Ein paar Minuten länger und die resolute Dame wäre wohl mit einem Kleid überm Arm munter zu mir in die Kabine gestiefelt. Ja, man könne die Kleider auch ohne Termin anprobieren, erklärt die Inhaberin ihr. Nur derzeit sei es ungünstig: "Ich habe gerade einen... Termin hier", kriegt sie elegant die Kurve, um nicht "einen Kunden" zu sagen. Sehr diskret, das gefällt mir.
Die Kundin verlässt das Geschäft. Die Inhaberin kommt zurück in die Kabine und schnürt das Kleid weiter zu. "Oben herum passt es wirklich toll. Da muss man nichts mehr dran machen", sagt sie. Ja, das stimmt. "Hier kann es ruhig etwas enger sein. Und hier. Und hier auch", erklärt sie und setzt gekonnt Wäscheklammern. Jetzt passt es überall.

"Das Kleid steht Ihnen richtig gut. Der Schnitt passt zu Ihnen. Auch die Länge ist mit kleinem Absatz okay", sagt sie. Ein Blick in den Spiegel bestätigt ihren Eindruck.

"Welche Schuhgröße haben Sie?" 40 in etwa. "Probieren sie die mal mal", sagt sie und reicht mir ein paar offene Pumps mit vielleicht drei oder vier Zentimeter Absatz. Ich hebe den Rock ein wenig an und steige mit meinen bestrumpften Füßen in die Schuhe. Sie macht die Verschlüsse am Fußgelenk zu. Blick in den Spiegel: Jetzt sieht das Kleid an mir noch gleich viel besser aus!
"Wenn Sie möchten, können Sie mal mit nach vorn kommen. Dann sehen Sie auch, wie es im Rücken aussieht", sagt sie. Ich nehme all meinen Mut zusammen: "Ja, gern." Und folge ihr aus der Kabine nach vorn. Zu den Abendkleidern. Direkt am Eingang. Da ist eine große Spiegelwand. Die Geschäftsinhaberin positioniert einen zweiten Spiegel, so dass ich sehen kann, wie gut das Kleid im Rücken dank der Klammern sitzt. Ich fühle mich, wie eine richtige Braut - einfach großartig.
Wir gehen zurück zur Kabine. Sie hilft mir aus dem Kleid. "So, dann können Sie sich jetzt wieder anziehen", sagt sie, verlässt die Kabine und zieht den Vorhang hinter sich zu. Das Shirt habe ich schon wieder an, da kommt sie mit einem anderen Kleid zurück: "Das wäre vielleicht auch noch etwas für Sie?" Ein schönes Kleid. "Das erste gefällt mir viel besser. Darauf habe ich mich jetzt irgendwie schon festgelegt", sage ich. Sie lächelt wissend.

Wieder angekleidet komme ich aus der Kabine. Ob sie mal eben durchrechnen soll, wie teuer mein Kleid kommt? "Ja, gern." Mit 30 Prozent Nachlass wegen des Sommerschlussverkaufs (wie krass ist das denn: SSV bei Brautmoden!) läge es bei gut 560 Euro. Ob die Änderungen im Preis inbegriffen seien, frage ich. "Leider nein. Aber wissen sie was? Ich gebe es Ihnen für 500 Euro." Mit Änderungen läge es dann wohl bei 540 Euro, meint sie.
Das kommt schon deutlich anders als im ersten von mir besuchten Brautmodengeschäft, wo damals für kein Kleid unter 1000 Euro (ohne Änderungen!) aufgerufen worden sind. Das hier ist wirklich ein Superpreis.

Trotzdem empfiehlt mir die Inhaberin, mich nicht sofort zu entscheiden: "Schlafen Sie erstmal drüber. Und schauen Sie sich ruhig noch woanders um." Wenn ich das Kleid dann immer noch haben möchte, bekomme ich es für den vereinbarten Preis, versichert sie mir. Toll von ihr!
Was soll ich sagen? Das Kleid ist wirklich ein ganz, ganz heißer Kaufkandidat. Nicht zuletzt weil ich in dem Brautmodengeschäft wirklich das Gefühl hatte, als Mann absolut willkommen zu sein.
