Ich bin als Mann aufgewachsen. Ich habe es gelernt mit lauter Stimme zu sprechen, energisch zu sein und mich durchzusetzen. Nützliche Sache. Ich schätze Männerfreundschaften. Mit meinem besten Kumpel auf der Kaimauer sitzen und Bier trinken, ohne ein einziges Wort dabei zu wechseln. Großartig. Mich total lässig quer auf ein Sofa fläzen. Herrlich. All das müsste ich mir schleunigst abgewöhnen. Es ist Gift für das Passing.
Bin ich der einen Schublade nur entflohen, um mich in der Nächsten gleich wieder wegzusperren?
Manchmal träume von einem Leben außerhalb der Kommode. Heels, ein Top aus Seide, vielleicht sogar eine Blüte im Haar, weil es meine feminine Seite so schön unterstreicht. Aber keine Sillies, keine Perücke. Ich täusche nicht vor, "Bio" zu sein. Die vom vielen Windsurfen muskulös gewordenen Oberarme würde ich mit stolz zeigen, anstatt zu grübeln, welche Bluse das am besten kaschiert. Und falls mal Flaute ist, geh' ich Cupcakes backen.
Dann wünsche ich mir ein Passing als Mensch. Als Mensch mit femininen und maskulinen Eigenschaften. Nicht als Teilzeitfrau, sondern als Vollzeitmensch.
Freiheit oder Passing? Wie fühlt Ihr Euch?I have a dream that my child will one day live in a nation where they will not be judged by having a penis or not but by the content of their character.
I have a dream today!
(frei nach Martin Luther King)
Aschenputtelchen