Ein kleiner Schritt für die Menschheit...
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Aschenputtel
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Ein kleiner Schritt für die Menschheit...

Post 1 im Thema

Beitrag von Aschenputtel »

(Yet another "Mein erstes Mal draußen"-Post. Altgediente Forumsmitglieder stöhnen sicher schon auf. Einfach weiterklicken, hier gibt's nichts zu sehen. Aber für alle, die noch überlegen, ob sie sich mal raustrauen sollen, ist es hoffentlich ein kleiner Mutmacher)

... ein großer Schritt für mich. Eigentlich eher kleine Schritte. Bin doch sehr bemüht, nicht allzu plump drauflos zu stapfen. Plötzlich ist es wahr geworden. Im Strickkleidchen, mit hohen Winterstiefeln und schickem Biker-Style Jäcken stöckele ich zielstrebig durch die belebte Bahnhofshalle auf dem Weg zur Kosmetikerin. Wie kam es dazu?

Kennt Ihr eigentlich die Szene, wo Harry Potter die Einladung nach Hogwarts erhalten soll, sein Pflegevater dies aber verhindern möchte. Die erste Einladung zerreisst er. Es kommt eine neue. Auch die zerreisst er. Es kommt noch eine. Er klebt den Briefkasten zu. Es fällt eine Einladung durch ein Fenster. Er zerreißt sie und schliesst das Fenster. Einladungen purzeln aus dem Kamin ...

Jahrzehnte lang habe ich meine Sehnsucht nach Weiblichkeit verdrängt (siehe meine Vorstellung). Dann vor ein paar Monaten habe ich schließlich doch meine Einladung geöffnet und so stehe ich jetzt auf Gleis Neundreiviertel des Altonaer Bahnhofs und stecke meine Männerschuhe und den langen Mantel, der mein Kleidchen auf der Hinfahrt verborgen hat, in ein Schließfach.

Ich stöckele geradewegs durch Bahnhof und Fussgängerzone. Dabei bin ich erstaunlicherweise viel weniger aufgeregt, als ich es vorher erwartet hätte. Tatsächlich fühle ich mich prima. Im hektischen Großstadttrubel werde ich kaum wahrgenommen. Fast ein wenig schade. Ein klein wenig Zeit bleibt noch zum Schaufenstergucken und dann geht es weiter zur Kosmetikerin. Die begrüßt mich herzlich und fragt ob ich mir eher ein dezentes Tagesmakeup oder was Rockiges für eine Party vorstelle. Ich hatte mir ja vorgenommen, es erstmal etwas dezenter zu verlangen. Aber irgendwie rutscht mir dann doch "für eine Party" heraus. War wohl die richtige Antwort. Die Kosmetikerin lächelt erfreut und legt los. Ein wunderschönes Gefühl. Bin sehr zufrieden beim abschließenden Blick in den Spiegel. In der Einkaufspassage ziehen die roten Lippen dann doch wenigstens ab und zu mal einen Blick auf sich. Geht doch. Frohgemut stöckele ich durch die Stadt weiter zum nächsten Higlight des Tages: Dem Treffen der CD/TV-Gruppe Hamburg. Organisatorin Juliane begrüßt mich herzlich. Nach und nach tröpfeln fast zwanzig Mädels herein (auch einige hier aus dem Forum). Es wird munter geklönt. Ich lerne nette Leute dabei kennen. Schnell ist die Zeit rum. Zum Abschluss ist Paula noch so nett, ein Foto von mir zu machen. Jetzt kann ich endlich ein Avatarbild basteln (bisher hatte ich nur unbrauchbare Selfies). Viele von den Mädels ziehen danach noch zum Abendessen ins Falkenstein weiter, doch ich verabschiede mich. Für's "erstes Mal" habe ich genug erlebt und mache mich zufrieden auf den Heimweg.

Vor dem Schließfach auf Gleis Neundreviertel packt mich dann noch ein wenig Wehmut als ich mich der lange dunkle Mantel wieder verhüllt. Es war ein schöner Tag für mich und sicher nicht das letzte Mal "en Femme".

LG

Euer Aschenputtelchen

PS: Ein Posting im Crossdresser-Forum ist ungültig, so vermute ich zumindest, wenn nicht an mindestens einer Stelle eine Absatzhöhe in Zentimetern angegeben wird. Sicherheitshalber reiche ich diese unverzichtbare Information hier nach: 5,3 cm
"Ich glaub', eine Dame werd' ich nie." (ob die Knef das wohl so gemeint hat)
Inga
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Re: Ein kleiner Schritt für die Menschheit...

Post 2 im Thema

Beitrag von Inga »

Hallo, Aschenputtelchen,

nun keine falsche Bescheidenheit. Das ist ein schöner Bericht und ich finde dich ausgesprochen mutig, zumal es erst das erste Mal ist. Ich kann mir die Örtlvihkeiten so richtig vorstellen, und vielleicht treffen wir uns mal bei der CD/TS-Gruppe in Hamburg-Altona.

Liebe Grüße
Inga
Ines
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Re: Ein kleiner Schritt für die Menschheit...

Post 3 im Thema

Beitrag von Ines »

Hallo Aschenputtel,

wirklchc ein schöner Bericht. Ich wünschte, ich würde mich das auch trauen, aber bisher... . Na, mal sehen, was die Zukunft bringt?

Liebe Grüße
Ines
Ulrike-Marisa
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Re: Ein kleiner Schritt für die Menschheit...

Post 4 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Hallo Aschenputtel,

jeder Weg beginnt mit em ersten Schritt. Du hast ihn getan. Es werden weitere folgen. Trotzdem gehört immer Mut dazu und die Aufforderung zu sich selbst zu stehen.

LG, Ulrike-Marisa :wink:

...was ich mache ist für mich und nicht für andere...
Aschenputtel
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Re: Ein kleiner Schritt für die Menschheit...

Post 5 im Thema

Beitrag von Aschenputtel »

Und jetzt auch noch das Avatarbild dazu. Check.
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Aschenputtel
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Re: Ein kleiner Schritt für die Menschheit...

Post 6 im Thema

Beitrag von Aschenputtel »

Hallo Anja,

klar hätte ich Lust dazu. Ich glaube ja, das Stubentransendasein ist nichts für mich. Ich möchte auf jeden Fall mal wieder was unternehmen.

Habe auch schon überlegt, was ich anziehe, falls ich komme ;-)

Leider muss vorher noch die Babysitting-Frage geklärt werden. Noch ist alles offen.

Viele Grüße

Aschenputtelchen
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ReaGirl

Re: Ein kleiner Schritt für die Menschheit...

Post 7 im Thema

Beitrag von ReaGirl »

Finde super das es so toll geklappt hat :) Das Avatar läßt tatsächlich schon auf ein gutes passing schließen wirklich schöne zusammenstellung :) freu mich ebenfalls auf den nächsten Eintrag :)
Julia65

Re: Ein kleiner Schritt für die Menschheit...

Post 8 im Thema

Beitrag von Julia65 »

DURFTE ich weiterklicken, oder SOLLTE ich weiterklicken?
Ich lese solche Berichte immer gern und kann das sehr gut mitfühlen. Auch wenn meine ersten Schritte in die Öffentlichkeit schon ein Weilchen her sind.
Ich finde besonders mutig, gleich beim ersten Mal zu einer Kosmetikerin zu gehen. Also in einen Laden und dann auch noch SPRECHEN. Also dafür brauchte ich etliche Anläufe mehr.
Ich ringe immernoch mit mir, ob ich am 7.12. auf unseren Stammtisch in Kiel verzichten soll (ich habe bisher seit fast 2 Jahren noch KEINEN ausgelassen), und stattdessen anfragen soll, ob ich am 7.12. auch beim Weihnachtsmarktbummel mitkommen darf. Tja, hm.
LG
Julia
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Re: Ein kleiner Schritt für die Menschheit...

Post 9 im Thema

Beitrag von Aschenputtel »

Liebe Julia!
DURFTE ich weiterklicken, oder SOLLTE ich weiterklicken?
Ich freue mich auf jeden Fall, dass Du weitergelesen hat.
Ich finde besonders mutig, gleich beim ersten Mal zu einer Kosmetikerin zu gehen. Also in einen Laden und dann auch noch SPRECHEN. Also dafür brauchte ich etliche Anläufe mehr.
Hier haben mir andere mit ihren Erfahrungsberichten auf die Sprünge geholfen, Anja und ihr House of Beauty, die Berichte von Ulli und das Buch von Jula. "Hach, es wäre so schön, sich mal so richtig hübsch machen zu lassen", habe ich mir gedacht. Und das ist es auch :-)

Das mit dem SPRECHEN war an dem kein Tag kein Problem, denn die Kosmetikerin wusste bereits, wer da kommt. Die Atmosphäre war entspannt. Schwer gefallen ist mir die Terminvereinbarung ein paar Tage vorher, als ich (als Mann) in das Kosmetikstudio kam und meinen Wunsch aussprechen musste. Ein wenig wie im Märchen: Die Fee erfüllt den Wunsch nur, den man auch ausspricht. Habe dann allen Mut zusammengenommen und bin zum Tresen. Als ich dann sagte, dass ich gerne weiblich geschminkt werden möchte, schauten mich die Mädels am Empfang zwar ein wenig verdutzt an, haben dann mir dann aber schnell und freundlich geholfen, einen Termin zu bekommen.
Ich ringe immernoch mit mir, ob ich am 7.12. auf unseren Stammtisch in Kiel verzichten soll (ich habe bisher seit fast 2 Jahren noch KEINEN ausgelassen), und stattdessen anfragen soll, ob ich am 7.12. auch beim Weihnachtsmarktbummel mitkommen darf. Tja, hm.
Ich freue mich schon auf den Weihnachtsmarktbummel und hoffe sehr, dass der kommende Sturm uns keinen Strich durch die Rechnung macht wird. Vielleicht sehen wir uns dann ja am Jungfernstieg.

))):s

Aschenputtelchen
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Bärlin und so (Freitag)

Post 10 im Thema

Beitrag von Aschenputtel »

Es hatte nicht gut angefangen. Eigentlich hatte ich alles vorbereitet, die Fahrkarte war gekauft, das Hotel gebucht, die Tasche gepackt. Nach dem Zähneputzen griff ich ganz routinemäßig nach dem Ehering. Doch ich griff ins Leere. Da war nichts. Auch nach zwanzig Minuten hektischer Sucherei blieb er verschwunden. Ich musste ohne Ring los und fühlte mich besc...ähem...suboptimal. Wer alte Filme von Woody Allen kennt, hat jetzt das richtige Bild im Kopf.

Tarnsocken kennt Ihr, aber auch Tarnhosen? Nein, ich meine nicht die im olivfarbenen Erbsensuppendesign! Einerseits mochte ich nicht en Femme zum Bahnhof gehen, andererseits wollte an diesem Wochenende so viel Zeit wie nur möglich in schönen Klamotten verbringen. Ich habe ja so selten Gelegenheit dazu. Deshalb die Tarnhose. Über meine hautenge skinny Jeans passte ohne weiteres noch eine Herrenjeans (slim fit). Über mein Top ein leichter Regenmantel, Handtasche und Stiefeletten in eine Tüte und los ging's. Superman wäre vor Neid erblasst, hätte er mich sehen können, wie ich als hässliches Entlein hinter einer Säule verschwand und auf der anderen Seite als schöner Schwan wieder herauskam. Vielleicht hat er's ja gesehen. Die Säule war ja nicht aus Kryptonit. Normalerweise hasse ich ja diese ganze Heimlichtuerei, aber das hat Spass gemacht. Mir ging es schon wieder etwas besser.

Zwei Stunden später, im Hotel angekommen, will ich mein Halstuch wechseln, ziehe am Zipfel in der Handtasche und "Pling, Pling, Plong": Der Ehering kullert über den Boden. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Erleichtert stöckele ich in das sommerliche Berlin hinaus.

Die Neigungsgruppe treffe ich dann vor dem Sonntagsclub. Das Wetter ist schön und es bleibt noch etwas Zeit zum Plauden, bis der Workshop zur Gewaltprävention beginnt, den Leo hält, ein Transmann, der diese positive Gelassenheit ausstrahlt, die jenen Transmenschen eigen ist, die "angekommen" sind.

Danach ziehe ich mich zum Umziehen ins Hotel zurück. Das klingt banal, aber ich habe das sehr genossen. Eine hektischer Beruf und eine vierjährige Tochter - da sind ruhige Momente rar. Ich habe mich ohne Zeitdruck geschminkt und so lange umgezogen, bis es mir gefallen hat. Ein schickes Outfit in grau und schwarz, mit ein wenig Glitzer. Mehr androgyn als feminin. Perfekt für diesen Abend. Zurück zum Sonntagsclub. Die Neigungsgruppe ist inzwischen hungrig geworden. Ein China-Restaurant wird als nächste Ziel erkoren. Wir sitzen draussen, plaudern und lassen es uns bei gutem Essen wohl ergehen.

Zu den Transsisters nehmen mich Isabel und Sylvia mit. Nach ein paar Runden in erdnaher Umlaufbahn um das Voyage finden wir endlich ein Parklücke und landen in der kuscheligen Bar. Deren Räume sind durch einen kleinen Torbogen verbunden. Das ist hübsch. Wie eine kleine Bühne für die Passierenden. Und es gab dann auch ein paar großartige Outfits zu sehen.

Es war ein wunderschöner Abend. Doch irgendwann wurde ich müde. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass Andrea im selben Hotel wohnte, so dass wir die nächtliche Bahnfahrt gemeinsam antregen konnten. Das war auch ganz gut so, denn ich wäre wahrscheinlich munter bis an die Ostsee weitergestöckelt, wenn Andrea mich nicht gebremst hätte als ich am Hoteleingang vorbeilief.

Beim Aufwachen kam mir als erstes die Frage Frage in den Sinn "Und nun Maj-Britt, fühlst du fühlst du dich jetzt als Frau? So nach einem ganzen Tag und einer ganzen Nacht en Femme.". Die Antwort kam gleich hinterher: "Nö. Eher verkatert". Hatte wohl zwei oder drei von diesen Alkohols getrunken. Dann drehte ich mich wieder auf die Seite, um noch etwas Schlaf zu bekommen.

Etwas später wachte wieder ich auf. Erneut schossen mir Fragen in den Kopf: "Was ziehe ich mir jetzt an zum Frühstück? Ziehe ich mich nochmal um, für den Ausflug? Und abends das lange Kleid? Oder doch lieber den kurzen Rock?". Na, ein kleines bißchen weiblich fühle ich mich wohl doch.

))):s

Maj-Britt
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Bärlin und so (Samstag, Sonntag)

Post 11 im Thema

Beitrag von Aschenputtel »

"Ich kann auch Rock!", denke ich mir, als die Morgensonne durchs Fenster scheint. Bin ja sonst eher ein Hosentyp. Auf jeden Fall eine prima Gelegenheit, meine neuen Sandaletten einzuweihen. Also schnell die Fußnägel lackiert und ab in den Sonntagsclub. Dort sind Marielle und Sandra gerade dabei, das Frühstück vorzubereiten. Bald füllt sich der Club. Über angeregten Gesprächen vergesse ich die Zeit. Plötzlich ist es Nachmittag. Ich wollte doch eigentlich die Prinzessinengärten besuchen und außerdem brauche ich noch Souvenirs für meine Lieben. Ich beschliesse, die Gärten zu streichen, aber wenigsten Souvenirs zu kaufen. Also schnell ins Hotel und in Sneakers und eine weiße Jeans schlüpfen: 1a Touristinnenoutfit. Auf zum Shoppen. Unerwartet schnell werde ich fündig und finde ein niedliches Mitbringsel für meine Tochter. Ich freue mich und beschließe spontan, dass ich die Prinzessinengärten doch noch sehen möchte.

Das Gelände ist direkt an der U-Bahnstation. Ich trete durch den Eingang. Kein Mensch zu sehen, dafür alte Container und rostige Fahhräder. Bin ich hier falsch? Sind die Gärten woanders? Wurde das Projekt eingestellt? Neugierig gehe ich weiter und entdecke die ersten Pflanzungen. Ein kleines Feld aus Pflanzen in riesengroßen weissen Plastiksäcken. Ein Stück weiter Pflanzen in roten Getränkekisten. Das Konzept sieht Pflanzungen im urbanen Raum vor und zwar an Orten, die dafür eigentlich nicht gedacht sind. Hinter den Plantagen höre ich Stimmen. Dort sind mehr Menschen. Ein lichter Wald aus schlanken Bäumen findet sich dort. Lose dazwischen verteilt finden sich einzelne Stühle, Bänke machmal auch Tische. Menschen dösen, lesen, reden, trinken Kaffee. Die Sonne malt durch das Laub leuchtende Flecken auf dem Boden. Renoir hätte seine Freude daran. Es ist wunderschön. Ich hole mir Kaffee und Kuchen, setze mich und geniesse den Moment.

Neukölln or not Neukölln? Ich hatte da so einen kleinen Laden ergoogelt, der schöne handgefertigte Dinge verkauft. Den wollte ich mir ansehen. Der Stadtteil hat wohl eher einen ambivalenten Ruf. Als Auswärtige kann ich das schwer einschätzen. Ich schwanke: Should i stay or should go? Den Ausschlag geben schließlich das Wetter und meine Neugierde. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und es weht ein angenehmer leichter Wind. Ich bin gut drauf und die Hauptstadtbewohner sind es offensichtlich auch. Also, auf zum Herrmannplatz! Marktstände, Dönerduft und orientalische Musik. Etwas stehen weiter ein paar Demonstranten und eine große Menge von Polizisten. Aber auch die wirken entspannt. Das Wetter eben. Zwei Strassen weiter finde den Laden und kaufe noch ein paar schöne Souvenirs.

Zurück im Hotel schaue ich nicht auf die Uhr und lasse mir reichlich Zeit beim Umziehen und Schminken. Ich genieße das. Kurz bevor ich wieder zum Sonntagsclub aufbreche, werfe ich noch einen Blick in den Spiegel ... ich lächle mich an und bin zufrieden. Nein, nicht schön, aber ich gefalle mir, wie ich bin. OK, das klingt jetzt wie Margarinewerbung, aber es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich in einen Spiegel schaue und mich dabei so gut fühle.

Es ist kurz vor sechs, als ich den Sonntagsclub erreiche. Man wartet auf Christian(e) Seidel. Wird er kommen? Wird sie kommen? Kommt übehaupt jemand? Es ist Christiane, die kommt. High Heels und schier endlose Beine entsteigen dem Taxi und lassen daran keinen Zweifel aufkommen. Die Lesung ist interessant und es gibt viel Raum für Fragen und Diskussion. Als nächstes liest der Schriftsteller Ahne Texte aus "Zwiegesprächen mit Gott" und "Wieder kein Roman". Ahne ist sehr schlecht fürs Makeup. Ich habe Tränen gelacht. Gut, dass ich wenigstens kein Kajal aufgetragen hatte. Zum Abschluss gibts noch was zum Mitsingen. Dazu Saxofonbegleitung durch Sieglinde (fka Cher). Und zum Abschluss des Abschlusses "Marmor, Stein und Eisen bricht" mit Inga. Der alte Ohrwurm klingt mir immer noch nach, wenn ich an das Forumstreffen denken. Inzwischen vertiefe ich mich mit einem neuen Forumsmitglied in eine philosophische Diskussion darüber, ob eine Welt ohne Lügen besser wäre, und ob das überhaupt möglich wäre. Aber ich bin müde und wir können diese Frage nicht mehr letztgültig klären. Vielleicht auf dem nächsten Forumstreffen. Es wird Zeit für den Abschied.

Bärlin und so (Sonntag)

Beim gemeinsamen Frühstück im Sonntagsclub bin ich nicht mehr dabei, da ich den Sonntagnachmittag mit meiner Familie verbringen möchte. Also mache ich mich auf den Weg Zum Bahnhof. Meinen Platz im Wagon finde bereits belegt vor, und zwar durch einen Trolley von enormen Ausmaßen. Ihm gegenüber sitzt eine außerordentlich hübsche junge Dame, die sich umgehend entschuldigt. Ich wuchte das unfassbar schwere Teil herunter. Wahrscheinlich ist die junge Dame Uranschmugglerin. Im Laufe der Bahnfahrt kommen dann immer mal wieder andere Reisende vorbei und bitten sie um ein Autogramm oder ein gemeinsames Foto. Hmmm, wohl doch keine Uranschmugglerin. Ich traue mich nicht, sie nach ihrem Namen zu fragen und werde wohl nie erfahren wer die schöne Unbekannte war.

Das Schöne am Aufschreiben ist ja, dass man sich das Geschehene erneut ins Gedächtnis ruft. Es war ein fantastisches Erlebnis für mich, zwei ganze Tage lang en Femme unterwegs sein zu können. Ich war ja noch nicht oft "Outdoor". Es war ein wundervolles Forumstreffen. Es war toll, die großartigen Menschen hinter den Forumsavataren kennen lernen zu dürfen. Ich konnte viele interessante Gespräche führen, mich ein wenig in Berlin umsehen und das unterhaltsame Abendprogramm genießen. Ich möchte mich deshalb noch einmal ganz herzlich bei allen bedanken, die dieses Treffen möglich gemacht haben.

(he)

Mai-Britt
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