Erinnerungen neu interpretieren
Erinnerungen neu interpretieren

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HeavenWept

Erinnerungen neu interpretieren

Post 1 im Thema

Beitrag von HeavenWept »

Guten Abend,
ich hab gerade nichts zu tun (okay, ich gebs zu, ich drücke mich vor Arbeit :)) und da bin ich jetzt ein bisschen nachdenklich geworden...

Um mein Anliegen richtig rüberzubringen muss ich jetzt mal gaaanz weit ausholen.
Es ist ja nunmal so, dass ich in Zukunft als Frau leben will, was ich vor etwa zwei Jahren zum ersten Mal entdeckt habe. Für mein Umfeld war das damals recht schockierend, da ich nicht die typischen Anzeichen gezeigt hatte. Ich war nach aussen hin immer gern ein Junge, hatte männliche Hobbies usw.
Für mich selber war es eigentlich auch nicht schon immer klar, weswegen ich deren Meinung, ich hätte keine Anzeichen gezeigt, mal so übernommen hatte.

Jetzt bin ich in den letzten zwei Jahren, nicht zuletzt durch die Gesprächstherapie, aber immer mehr mit meinem eigentlichen Ich in Kontakt gekommen und da sehen viele Situationen im Nachhinein eben ganz anders aus.
Viele Sachen habe ich als Jugendlicher eben auch aus einem Gruppenzwang heraus getan. Und viele Sachen, die ich nicht getan habe wollte ich tun, konnte aber aufgrund meines Umfelds nicht. Ich hätte zum Beispiel gerne bunte Armbänder mit Herzchen drauf getragen, aber macht das mal in der 8. Klasse einer Knabenrealschule. Gut, manche machen das, aber ich war schon immer zu schüchtern, wollte es allen Recht machen. Dazu kam dann noch der Druck, dass ich nicht anders sein darf, weil ich sonst ein Aussenseiter bin.

Die Frage, die sich mir jetzt stellt ist die, inwiefern man sich auf solche Erinnerungen verlassen kann. Ein Einwand, den meine Freundin eingeworfen hat ist, dass ich unbewusst meine Erinnerungen fehlinterpretiere um mein jetziges Selbstbild zu untermauern. Ich finde den Einwand berechtigt, da die menschliche Psyche durchaus zu solchen Kunststückchen fähig ist.

Gleichzeitig machen manche Situationen aber erst jetzt wirklich Sinn, wo ich für mich akzeptiert habe, dass ich transsexuell bin. So habe ich zum Beispiel früher schon die ein oder andere Frau bewundert, wobei dieses Gefühl anders war als bloßes 'schön finden' oder 'heiß finden'. Damals hatte ich das trotzdem als ein Begehren der Frau (im sexuellen Sinn) hingenommen. Heute habe ich das Gefühl auch noch, erlaube mir aber endlich, es anders zu interpretieren, nämlich als 'so wie die sein wollen'. Genau so ein Gefühl hatte auch vor zwei Jahren dazu geführt, dass es bei mir geklickt hat und ich erkannt habe, dass ich eigentlich nicht die Frau haben will, sondern das Leben als Frau (falls das Sinn macht).
Von daher denke ich, kann nicht alles Einbildung und nachträgliches falsch interpretieren sein.

Ich hatte oben schonmal geschrieben, dass ich nicht gern Aussenseiter bin. Genau das bin ich jetzt aber ein bisschen, weil ich eben nicht die 'typische' Trans-Frau bin, mit langer Vorgeschichte, Kleider im Kindesalter etc. Das könnte ein weiterer Grund sein, warum ich mir meine Erinnerungen schönrede (falls ich das überhaupt tue).

Ihr seht, ich bin verwirrt. Habt ihr ähnliche Erfahrungen, dass Situationen, die früher eben so waren, heute einen neuen Sinn machen? Oder bilde ich mir das ein, weil ich dazugehören will?
HeavenWept

Re: Erinnerungen neu interpretieren

Post 2 im Thema

Beitrag von HeavenWept »

Hm... (bewusste) Zweifel habe ich nicht mehr, was mein Geschlecht angeht. Aber mein Umfeld hat diese zum Teil noch, deswegen kommt das Thema zum Teil auch auf. Da kommen dann so Sachen wie "Ich hatte mir auch schonmal überlegt, ob es nicht besser wäre [das andere Geschlecht] zu sein" und unterstellen zum Teil eine 'Phase'. Sowas beschäftigt mich eben, weil ich gerne voller Überzeugung sagen können will, dass ich das schon immer wollte. Wahrscheinlich lasse ich mich von anderen Menschen zu sehr beeinflussen (nicht in meinen Überzeugungen, aber in meinen Gefühlen).

Aber du hast ja Recht. Im Endeffekt kommt es nicht darauf an, die anderen zu überzeugen oder ob ich schon immer der Überzeugung war. Wichtig ist, dass ich jetzt weiss, wer ich bin und wer ich in Zukunft sein will.

So rein aus wissenschaftlichem Interesse würde mich aber immer noch interessieren, inwiefern es möglich ist, dass meine Erinnerung von mir unterbewusst manipuliert wird.
Inga
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Re: Erinnerungen neu interpretieren

Post 3 im Thema

Beitrag von Inga »

Hi, HeavenWept,

ich laube jede hier ist etwas anderes gestrickt als die anderen. Das solltest du nicht als "Außenseiter" darstellen, sondern nur als sich selbst entdecken, die eigene Position finden.

Ich kenne sehr wohl das Gefühl, "dazu gehören zu wollen und doch nicht so richtig schon dazu zu gehören". Dies Gefühl hat mich immer wieder bewegt, und heutzutage weiß i c h von mir ganz genau, dass mich dies Gefühl in manchen Entscheidungen stark gedrängt hat, mich falsch zu entscheiden. andere mögen es nicht so nachvollziehen oder anders interpretieren. aber ich weiß es durch Nachforschen und Lauschen in mich hinein.

Wie es bei mir mit dem CrossDressing war, ist vielleicht auch bei dir mit dem "Frau sein".
Bei mir war es so, dass sich bei mir Cross Dressing hauptsächlich im Kopf abgespielt hat. Nach außen hin war ich Mann und habe nur Kleidung getragen, die in der Herrenabteilung zu kaufen war. Meine heimlichen Sehnsüchte hat keiner gekannt und ich sah auch jahrelang keinen Grund und auch keinen Weg, sie zu leben.

Erst in den letzten zehn Jahren hat es sich dank Internetforen wie diesen, Selbsthilfegruppen und dem Vergnügen an Selbstversuchen geändert. CD gehört zu mir, was ich aus dem gewachsenen Bekanntenkreis kaum jemand erklären kann, weil die mich damit auch ar nicht kennen. (Das belastet mich zunehmend und irgendwie wird sich da mit der zeit auch eine Lösung anbahnen) Inwieweit es mir auch darum geht, auch weibliche Anteile in mir auszuleben, wird sich noch zeigen. Inwieweit ich jenseits aller Ops Teil oder dauerhaft Frau sein will, als Frau leben will, hne eine andere Frau zu kopieren zu wollen, weiß ich noch nicht.

Den Weg jedenfalls habe ich angefangen zu gehen. Wohin er führt weiß ich nicht, und wer aus meinem Bekannten- und Freundesskreis mich begleiten will, weiß ich ebenfalls nicht. Ja, ich fürchte, mich bei einem Outen so zu isolieren, und habe die altbekannten die Sorgen, wieder mal mit mir und meinen Gefühlen unter vielen Leuten um mich herum allein da zu stehen. Mich wieder mal zu isolieren.

Ich bin mir sicher. Bei mir wird sich noch einiges entwickeln. Das wird sich noch zeigen.
Geduld ist angesagt, bis sich bei mir das nötige Selbstbewusstsein gebildet hat.

Liebe Grüße
Inga
Julia65

Re: Erinnerungen neu interpretieren

Post 4 im Thema

Beitrag von Julia65 »

Hallo HeavenWept,
Es gibt keinen "typischen" Weg. Auch wenn es viele Parallelen gibt. Ich glaube, du versuchst bewusst oder unbewusst deine Transexuallität mit HIlfe deiner Erinnerungen zu belegen. Das brauchst du nicht. Es ist nicht schlimm, wenn du in deiner Vergangeheit kaum oder gar nichts davon gemerkt hat. Und wenn du jetzt in den Erinnerungen wühlst, dann ist es schwer zu sagen, ob du sie heute besser verstehst, oder ob dir wirklich die Psychen den Streich spielt, dass du sie dir zurechtbiegst. Letztlich ist es zweitrangig. Obwohl die Erinnerung "wie diese schöne Frau SEIN WOLLEN" für mich dann doch sehr "typisch" ist. So ein Gefühl kenne ich selber gut, sehr gut. ;-)
Die Frage ist nun vielleicht: War deine Transsexualität schon von Anfang an da und durch Erziehung, Umstände und Gruppenzwang wurde sie unterdrückt, oder hat sich deine Transsexualität erst entwickelt ?
Ich las einige Berichte von Fachleuten, die eine ENTWICKLUNG einer Transexualität durchaus für real halten. Wodurch sich das auslöst ist aber wohl unbekannt.
LG
Julia
exuser-06-09-2013

Re: Erinnerungen neu interpretieren

Post 5 im Thema

Beitrag von exuser-06-09-2013 »

Hallo HeavenWept,

gut schaust aus, aber das war ja net das Thema.

Da ich sehr früh wusste, a Madel zu sein, habe ich mich trotzdem anfangs dagegen gewehrt. I wollt halt a Bub sein. Dazu passen zwei Erlebnisse.

Bei uns daheim streiten sich bekanntlich die Gelehrten, ob wir zuerst Skifahren oder zuerst gehen können, lach, ich bin halt a Werdenfelserin.
Jedenfalls wollte ich ja net ein Mädel sein, sondern unbedingt ein Junge sein, zumindest so scheinen. Also fuhr ich die gewagtesten Abfahrten ziemlich riskant runter. Wie ein echter "Mann" halt. Einmal hats mir die Beine weggehauen, je nach Witterung und Bewegung spüre ich heut noch etwas.

Das andere, da war ich Anfang 17 und sollte ein neues Zimmer bekommen. Ich suchte mir eins aus, was ich zwar schön fand, aber ich vermied jeden Anschein, es könnte ein Mädchen-Zimmer sein. Als meine Eltern fragten, och ich nicht auch einen großen Spiegel fürs Zimemr haben wollte, habe ich ziemlich energisch Nein gerufen. Ich wollte eben kein Mädchen sein, obwohl ich es besser wusste.

Liebe Grüße
Anna
HeavenWept

Re: Erinnerungen neu interpretieren

Post 6 im Thema

Beitrag von HeavenWept »

Hihi, Danke für das Kompliment anna_maria ^^

Ich denke auch, dass ich viele frühere Anzeichen einfach weghaben wollte und deshalb damals falsch interpretiert haben. Natürlich werden aber im Nachhinein auch Situationen anders aussehen, die ich jetzt erst falsch interpretiere. Ich werde mal versuchen, mir da keinen großen Kopf mehr drum zu machen.

liebe Grüße,
Lara
exuser-06-09-2013

Re: Erinnerungen neu interpretieren

Post 7 im Thema

Beitrag von exuser-06-09-2013 »

Servus Lara,
also, du kannst gerne Anna sagen.

Bei mir wars so, dass andere feststellten, also die Frage aufwarfen, damals mit 15, 16, ob ich nicht eher eine transsexuelel bin, satt einem Bub. I glaub schon, dass wie damals sehr viel falsch interpretiert haben, wenn ich das so lese mit dir und dich mit mir vergleiche.


Liebe Grüße
Anna
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