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Mehr als dreissig Jahre nachdem in Deutschland Schwangerschaftsabbrüche unter gewissen Bedingungen entkriminalisiert sind, steht dieses scheinbar erkämpfte Recht wieder infrage. Im Zuge eines politischen Rechtsrucks geraten gesellschaftliche Fortschritte in Bedrängnis. Das süddeutsche Bundesland Bayern zeigt dabei exemplarisch, wie konservative Parteien Positionen der extremen Rechten aufnehmen – und wie Feministinnen versuchen, dagegen anzukämpfen.
Wie verbreitet solche Erfahrungen sind, zeigt eine 2025 veröffentlichte Studie zu Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland, die sogenannte Elsa-Studie. Bayern war hier bundesweit das Schlusslicht in Bezug auf die Anzahl an Einrichtungen pro Frau im Alter zwischen 15 und 49 Jahren, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Während es in Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern eine Stelle pro rund 6000 Frauen gab, lag die Quote in Bayern bei einer Praxis pro 31’000. In der Oberpfalz rund um Regensburg gibt es sogar nur eine Praxis pro 113’000 Frauen.
Doch statt die Situation zu verbessern, verschlechterten das bayerische Gesundheitsministerium und das Abgeordnetenhaus sie 2024 und 2025 noch: Die neuen Regeln verbieten Telemedizin für medikamentöse Abbrüche, die Praxen müssen rund um die Uhr erreichbar sein oder mit einem Krankenhaus kooperieren.
In Regensburg allerdings lehnen die katholischen Träger der Krankenhäuser solche Vereinbarungen ab. Alkofer schüttelt den Kopf: «Solche Regelungen sind reine Schikane.»
Das bayerische Gesundheitsministerium hingegen sieht darin kein Problem. Es gebe derzeit keinen Versorgungsmangel, schreibt es auf Anfrage, da der Gesetzgeber lediglich verlange, dass für den Gang zu einer entsprechenden Praxis nicht mehr als ein Tag beansprucht werden dürfe. Dies sei sogar im Interesse der Frauen, «da sie einen gewissen Abstand und damit mehr Anonymität vorziehen», lässt sich das Ministerium zitieren.
Es war die Elsa-Studie, die erstmals bundesweit darauf aufmerksam machte, wie schwierig der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen ist. Der ehemalige Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sie 2019 in Auftrag gegeben, um die «seelischen Folgen» eines Abbruchs untersuchen zu lassen. Das Ergebnis fiel anders aus: Die Wissenschaftlerinnen stellten fest, dass fehlende Zugänglichkeit, Zugangsbarrieren und Stigmatisierung die grössten Probleme für ungewollt Schwangere sind.
Spätestens seit 2024, als mit der Ampel aus SPD, Grünen und FDP die letzte progressiv ausgerichtete Regierungskoalition scheiterte, dominieren zunehmend rechte und rechtsextreme Argumente die öffentliche Debatte.
So kam 2025 die Wahl der Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin im Deutschen Bundestag nicht zustande. Dass sie forderte, Schwangerschaftsabbrüche zu entkriminalisieren, war für viele Abgeordnete ein Grund, sie abzulehnen. Insbesondere die AfD und konservative Kreise der CDU wetterten gegen sie.
Für die Politikwissenschaftlerin Laila Riedmiller ist dies Teil eines rechten Diskurses, der in den letzten Jahren Brüche mit dem gesellschaftlichen Konsens normalisiert hat. Die AfD habe über Jahre «auf eine Verschiebung des Sagbaren hingewirkt», sagt sie.
Riedmiller ist über die Erosion des liberalen Konsenses der 1950er-Jahre besorgt. Selbst für die CSU sei es lange möglich gewesen, Schwangerschaftsabbrüche in einem gewissen Rahmen zuzulassen, ohne ihre konservative Grundhaltung aufzugeben. Doch nun versuchten AfD und Teile der CDU/CSU, das Recht auf Abbrüche enger zu definieren – erlaubt sein sollen sie nur noch etwa nach einer Vergewaltigung oder wenn die Gesundheit der Mutter gefährdet ist. Es bestünden zudem genaue Vorstellungen, «wer Kinder haben und wer lieber weniger Kinder gebären soll», sagt Riedmiller.
Gefördert werde die Rolle der «weissen Ehefrau», die je nach Radikalität der Position mal arbeite und Kinder bekomme, mal nur fürs Gebären zuständig sei. Queere oder muslimische Familien hingegen würden als Bedrohung für die Gesellschaft betrachtet.
Aus Angst vor der AfD gehe die CDU/CSU nicht entschieden genug gegen solche Tendenzen innerhalb der Partei vor und lasse sich dabei von den Rechtsextremen vor sich hertreiben, sagt Riedmiller. Dabei befürworten 80 Prozent der Bevölkerung eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, wie 2024 eine Umfrage ergab, die das Bundesfrauenministerium in Auftrag gegeben hatte.
In der Mensa der Universität Regensburg sitzen vier Studentinnen, die Teil der «Medical Students for Choice» in Regensburg sind, und kritisieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche nur rechtlich und ethisch lernen, nicht aber praktisch. Dies widerspricht der aktuellen Approbationsordnung für Ärzte, die vorschreibt, dass «medizinische, rechtliche und ethische Aspekte des Schwangerschaftsabbruchs» gelernt werden müssen.
Dass dies in Regensburg nicht geschieht, hat einen einfachen Grund: Der Lehrstuhl für Gynäkologie wird von der erklärten Abtreibungsgegnerin Angela Köninger besetzt, und die beiden auf Frauenheilkunde und Geburtshilfe spezialisierten Krankenhäuser haben katholische Träger. «In der Vorlesung werden Schwangerschaftsabbrüche nur rechtlich und ethisch behandelt, praktisch können wir sie nicht lernen», sagt eine Studentin. Die Gruppe glaubt, dass neben moralischen Vorstellungen auch ein fehlendes Bewusstsein über die Bedeutung von Schwangerschaftsabbrüchen dazu führt, dass deren Lehre wenig Beachtung erhält.
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Als Professorin und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe war Köninger 2024 besonders aktiv, um Bundestagsabgeordnete davon zu überzeugen, den Paragrafen 218 beizubehalten, der Schwangerschaftsabbrüche generell verbietet. Sie rief persönlich die Abgeordneten an und warnte in einem offenen Brief vor einer Aufhebung des Paragrafen.