Hier sind die beiden Artikel. Lohnt sich, die mal zu lesen, aber auch, die im Archiv zu lesen, also ohne Klicks für Welt
- "Warum Elon Musk auf die AfD setzt — und warum er dabei irrt" hat den Originaltext von Musk und darunter eine (scheinbare) Gegenrede von von Jan Philipp Burgard, der ab 1.1. "Welt" Chefredakteur ist
- "Warum ich diesen Beitrag nicht gedruckt hätte" von Franziska Zimmerer, Ressortleiterin Community & Social, die hauptsächlich Meinungsartikel schreibt
Das interessante an den beiden Beiträgen ist, wie sie inhaltlich reagieren. Sie kritisieren nämlich Musk nur in Details oder in der Form. Sie widersprechen nicht seiner "Analyse". Und die lautet, zusammengefasst: "die Wirtschaft ist im Eimer, zu viel Zuwanderung, Verlust nationaler Identität, Atomaustieg war falsch, Unternehmen müssen 'befreit' werden". Burgard: "In Bezug auf Deutschland hat Musk recht, wenn er unser Land wirtschaftlich und kulturell in der Krise sieht. Die verfehlte Migrations-, Energie- und Sozialpolitik der Merkel-Ära und der Ampel-Koalition haben unseren Wohlstand in Gefahr gebracht".
Das ist die Standard "Welt"-Erzählung. Sehr praktisch, dass Musk das mit seiner Prominenz adelt; nicht mit Fach- und Sachkunde, denn sowohl Musks "Analyse" als auch die ständige Erzählung der "Welt" sind weder vollständig, noch stichhaltig. Das ist höflich für "Welt lässt absichtlich wichtige Dinge weg und ihre Behauptungen sind mindestens einseitig, aber vielfach einfach falsch".
Burgard arbeitet sich nicht so sehr an Musk ab, sondern am Programm der afd, aber ist grundsätzlich auf Musks Seite, "die Wirtschaft" maximal zu deregulieren, was nach guter Welt-Tradition heisst: Schutzregelungen für Beschäftigte, Umwelt und Kundys abbauen, Steuern und soziale Verantwortung beseitigen, Umverteilung von unten nach oben. Nichts zu den Ursachen oder Lösungen aktueller Großprobleme, nichts zur Sozialkrise, zu den aufgehäuften technischen Schulden, Klimakrise, usw.
Seine Kollegin Zimmerer stört sich mehr an Musks Benehmen und dass ein plumper Wahlaufruf zu dieser Zeit veröffentlicht wurde. Zum Inhalt selbst, "Analysen" und "Schlussfolgerungen" äussert sie sich gar nicht. Sie ist eher sauer, dass er mit allem durchkommt. Mit dem Unfug, den er schreibt, dass er so viel Reichweite hat und dass er mit Medien quasi spielt, weil die ihn hofieren, und sich gleichzeitig über sie lustig macht. Sprich: Ihr journalistisches Ego ist verletzt.
Inhaltlich hätte sie vermutlich nicht so viel zu kritisieren. Ihre anderen Meinungsartikel sind nämlich so "konservativ", anti-woke, anti-Klima, anti-alles, dass sie Musk, wenn er geschniegelt wie Maassen daher käme, wohl eher feiern würde.
Was ich aber besonders faszinierend finde: Das ist Insgesamt ein genial gelungener Coup der "Welt"! Sowohl politisch, als auch als PR.
Ein toller Aufreger, der die "Welt" in den Aufmerksamkeitsfokus bringt (also auch Klicks und damit Geld). Eine prominente Galionsfigur, bei der es egal ist, ob sie Unfug schreibt, und die Gelegenheit, die eigenen Erzählungen noch mal an mehreren Stellen zu wiederholen. Das wird jetzt überall diskutiert, aber nicht die problematischen (unterkomplexen und tw falschen) Behauptungen, sondern allein der afd-Bezug, der allüberall skandalisiert wird.
Der "Welt" gelingt damit, sich selbst über die scheinbaren Gegenreden als gemässigt hinzustellen, obwohl sie die (unsinnigen) Grundbehauptungen von Musk gar nicht in Frage stellen. Gleichzeitig verschieben sie das
Overton-Fenster massiv in Richtung rechts-libertär, denn nachdem die Diskussion abgeklungen sein wird, kann die Welt mühelos Artikel inhaltlich zwischen Burgards Schein-Gegenrede (also "Welt"-Standpunkt) und Musk publizieren. Warum nicht mal einen Massen? Eine Meloni? Einen Orban? Eine Einschätzung von Le Pen oder Kickl zur deutschen Politik? Ich prognostiziere, dass wir das ab demnächst sehen werden.
Heisst: Alles erreicht.
Ich persönlich empfehle, an solche Dinge nicht mit Bauchgefühl heranzugehen, sondern genau zu hinterfragen, wer eigentlich was sagt, warum, ob das wirklich stimmt oder nur gut klingt, bzw mit der persönlichen Stimmung übereinstimmt. Und ich empfehle genau zu gucken, was nicht erwähnt wird (also ausgeblendet), bzw was wahr angenommen wird, und wo Tiefgang, Ursachen und Zusammenhänge fehlen.
Da geben alle drei Beiträge, wie immer bei "Welt", wirklich eine Menge kritikwürdige Punkte her.