Der Verein
-
Helga
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 1217
- Registriert: Sa 9. Mär 2019, 22:07
- Geschlecht: m, Feiertagsfrau
- Pronomen: fallabhängig
- Wohnort (Name): Norddeutschland
- Hat sich bedankt: 79 Mal
- Danksagung erhalten: 106 Mal
- Kontaktdaten:
Der Verein
Tim spielt im Fussballverein. Der Verein ist sehr bekannt, hält sich seit Jahrzehnten fast konstant in der Bundesliga und holt sich immer mal wieder auch den Titel als Deutscher Meister.
Tim weiß garnicht, wie lange er schon im Verein ist. Seine Eltern haben ihn irgendwann angemeldet, als er kaum laufen konnte. Er hat sich auch nie Gedanken gemacht, warum er im Verein ist. Sein Vater ist im Verein, sein Großvater war im Verein und vermutlich war es mit den Generationen davor genauso.
An Bundesligaspielen nimmt Tim leider nur als Zuschauer teil. Das absolute Highlight in seiner Fussballerkarriere war ein Testspiel in der zweiten Liga, bei dem er allerdings 85 Minuten auf der Reservebank verbracht hat. Den Umstand, dass die halbe Zweitliga- Mannschaft coronabedingt ausgefallen war blendet Tim in diesem Zusammenhang geflissentlich aus.
So oft hat er beim Spiel oder beim Training einen der Profitrainer am Spielfeldrand stehen sehen- auf Tim wurden die Headhunter nie aufmerksam.
Mit Ende zwanzig beginnt Tim sich zu fragen, ob Fussball wirklich seine Sportart ist. Ihm wird so langsam klar, dass er nur Fussball gespielt hat, weil dies von seinen Eltern und seinen Freunden so von ihm erwartet wurde. Schmerzlich wird ihm bewusst, dass er sich mit seinen Träumen von einer Fussballerkarriere sein Leben lang selbst etwas vorgemacht hat.
In Gedanken zappt er durch die Sportsender und bleibt bei einem Handball- Spiel hängen. Merkwürdig. Früher hat er bei Handball immer gleich weitergeschaltet, er hat dies nie als ernstzunehmende Sportart betrachtet. Jetzt ist er fasziniert von der Schnelligkeit dieses Spiels, das auf dem kleinen Spielfeld ein hohes Maß an Teamwork und Strategie erfordert.
Es fällt ihm wie Schuppen von den Augen: Natürlich- Handball ist seine Sportart. Je länger er dem Spiel zuschaut, das mit Leichtigkeit und Präzision geführt wird, desto mehr fällt ihm eine Last von der Brust und ein Entschluss festigt sich: Das ist sein Sport! Er will Handballer werden.
Bereits am nächsten Tag nimmt er Kontakt mit dem Vorstand des Fussballvereins auf, um diesem seinen Entschluss mitzuteilen. Mit weichen Knien gesteht er dem für Mitgliedschaften zuständigen Vorstandsmitglied, dass er beabsichtigt in den Handballverein zu wechseln. Mit Erleichterung nimmt Tim zur Kenntnis, dass dieser ihm keineswegs böse ist. "Wenn du lieber Handball spielen möchtest, kein Problem. Meinen Segen hast du! Ich gebe dir auch die im voraus bezahlten Mitgliedsbeiträge für den Rest des Jahres zurück. Dort wirst du bestimmt Karriere machen!"
Dermaßen beflügelt geht Tim nach Hause. So gut hatte er sich noch nie gefühlt. Im Geiste sieht er sich bereits mit seinem Verein auf dem Weg zur Europameisterschaft. Aber er ist natürlich Realist. Zuerst muss die Deutsche Meisterschaft gewonnen werden!
Der Handballverein hat seine Spielstätte nicht weit vom Fussballstadion entfernt. Die Halle ist dunkel, aber die Plakate verheißen für das kommende Wochenende eine Zweitliga- Begegnung mit einem krassen Außenseiter, bei dem die Punkte eigentlich im Schlaf zu holen sein sollten. Das wäre der ideale Rahmen für sein Handball- Debüt!
Bis zum Wochenende gibt es noch viel zu erledigen. Tim kauft ein Trikot, eine Hose, Hallenschuhe, passende Strümpfe. Er ist gut im Training, aber da der Ball nicht mit den Füßen, sondern mit den Händen gespielt wird, schiebt er noch einige Lektionen am Rudergerät nach.
Voll Vorfreude macht er sich am Samstag auf den Weg zur Sportarena. Tim kennt sich nicht aus, doch zum Glück fährt gerade der Bus mit der gegnerischen Mannschaft vor. Die Spieler strömen auf einen Seiteneingang zu, Tim hängt sich einfach ran. Die gegnerischen Spieler gehen in die eine Umkleide, Tim geht in die andere. Freudig begrüßt er seine neuen Mannschaftskameraden mit den Worten: "Hallo, ich bin Tim!" Die anderen starren ihn nur entgeistert an. Der Mannschaftskapitän geht auf ihn zu und fragt: "Wer bist du, und was willst du hier?" Tim ist schockiert von soviel Feindseligkeit.
Zum Glück kommt in dem Moment der Trainer in die Kabine, der stirnrunzelnd den neuen Mitspieler betrachtet.Kurzerhand lotst er Tim in die Trainerkabine und trägt ihm auf dort zu warten bis das Mannschaftsbriefing abgeschlossen ist.
Nach einigen Minuten kehrt der Trainer zurück: "Erzähl! Ich habe nicht viel Zeit!" Tim ist verwirrt, sprachlos und fühlt sich unter Druck gesetzt. Trainer: "Du kannst jetzt reden oder gehen, ich muss gleich in die Halle!" Da sprudelt die ganze Geschichte aus Tim heraus. Von der falschen Fussballkarriere bis hin zu seiner wahren Leidenschaft für den Handball.
Der Trainer schüttelt nur den Kopf und fragt: "Bist du überhaupt im Verein?"
Trotzig antwortet Tim: "Der Fussballverein hat mich freigestellt!"
Der Trainer kräuselt die Stirn: "Und dadurch bist du automatisch bei uns Mitglied geworden?" Der Trainer weiter: "Ich kann deine Begeisterung verstehen. Im Vergleich zum Handball ist Fussball extrem langweilig und trotz der langen Spielzeit ein eher torarmer Sport. Aber wenn du bei uns mitspielen willst musst du zunächst einmal in den Verein eintreten und dein Können unter Beweis stellen!" Er drückt Tim eine Karte in die Hand. "Schau dir das Spiel an und dann stelle über die Internetseite einen Aufnahmeantrag. Aber auch wenn du es im Fussball bis in die zweite Liga geschafft hast, im Handball wirst du wie jeder andere ganz von vorne anfangen müssen!" Tim starrt den Trainer verwirrt an. "Und jetzt raus, ich muss an die Bande!"
Tim weiß garnicht, wie lange er schon im Verein ist. Seine Eltern haben ihn irgendwann angemeldet, als er kaum laufen konnte. Er hat sich auch nie Gedanken gemacht, warum er im Verein ist. Sein Vater ist im Verein, sein Großvater war im Verein und vermutlich war es mit den Generationen davor genauso.
An Bundesligaspielen nimmt Tim leider nur als Zuschauer teil. Das absolute Highlight in seiner Fussballerkarriere war ein Testspiel in der zweiten Liga, bei dem er allerdings 85 Minuten auf der Reservebank verbracht hat. Den Umstand, dass die halbe Zweitliga- Mannschaft coronabedingt ausgefallen war blendet Tim in diesem Zusammenhang geflissentlich aus.
So oft hat er beim Spiel oder beim Training einen der Profitrainer am Spielfeldrand stehen sehen- auf Tim wurden die Headhunter nie aufmerksam.
Mit Ende zwanzig beginnt Tim sich zu fragen, ob Fussball wirklich seine Sportart ist. Ihm wird so langsam klar, dass er nur Fussball gespielt hat, weil dies von seinen Eltern und seinen Freunden so von ihm erwartet wurde. Schmerzlich wird ihm bewusst, dass er sich mit seinen Träumen von einer Fussballerkarriere sein Leben lang selbst etwas vorgemacht hat.
In Gedanken zappt er durch die Sportsender und bleibt bei einem Handball- Spiel hängen. Merkwürdig. Früher hat er bei Handball immer gleich weitergeschaltet, er hat dies nie als ernstzunehmende Sportart betrachtet. Jetzt ist er fasziniert von der Schnelligkeit dieses Spiels, das auf dem kleinen Spielfeld ein hohes Maß an Teamwork und Strategie erfordert.
Es fällt ihm wie Schuppen von den Augen: Natürlich- Handball ist seine Sportart. Je länger er dem Spiel zuschaut, das mit Leichtigkeit und Präzision geführt wird, desto mehr fällt ihm eine Last von der Brust und ein Entschluss festigt sich: Das ist sein Sport! Er will Handballer werden.
Bereits am nächsten Tag nimmt er Kontakt mit dem Vorstand des Fussballvereins auf, um diesem seinen Entschluss mitzuteilen. Mit weichen Knien gesteht er dem für Mitgliedschaften zuständigen Vorstandsmitglied, dass er beabsichtigt in den Handballverein zu wechseln. Mit Erleichterung nimmt Tim zur Kenntnis, dass dieser ihm keineswegs böse ist. "Wenn du lieber Handball spielen möchtest, kein Problem. Meinen Segen hast du! Ich gebe dir auch die im voraus bezahlten Mitgliedsbeiträge für den Rest des Jahres zurück. Dort wirst du bestimmt Karriere machen!"
Dermaßen beflügelt geht Tim nach Hause. So gut hatte er sich noch nie gefühlt. Im Geiste sieht er sich bereits mit seinem Verein auf dem Weg zur Europameisterschaft. Aber er ist natürlich Realist. Zuerst muss die Deutsche Meisterschaft gewonnen werden!
Der Handballverein hat seine Spielstätte nicht weit vom Fussballstadion entfernt. Die Halle ist dunkel, aber die Plakate verheißen für das kommende Wochenende eine Zweitliga- Begegnung mit einem krassen Außenseiter, bei dem die Punkte eigentlich im Schlaf zu holen sein sollten. Das wäre der ideale Rahmen für sein Handball- Debüt!
Bis zum Wochenende gibt es noch viel zu erledigen. Tim kauft ein Trikot, eine Hose, Hallenschuhe, passende Strümpfe. Er ist gut im Training, aber da der Ball nicht mit den Füßen, sondern mit den Händen gespielt wird, schiebt er noch einige Lektionen am Rudergerät nach.
Voll Vorfreude macht er sich am Samstag auf den Weg zur Sportarena. Tim kennt sich nicht aus, doch zum Glück fährt gerade der Bus mit der gegnerischen Mannschaft vor. Die Spieler strömen auf einen Seiteneingang zu, Tim hängt sich einfach ran. Die gegnerischen Spieler gehen in die eine Umkleide, Tim geht in die andere. Freudig begrüßt er seine neuen Mannschaftskameraden mit den Worten: "Hallo, ich bin Tim!" Die anderen starren ihn nur entgeistert an. Der Mannschaftskapitän geht auf ihn zu und fragt: "Wer bist du, und was willst du hier?" Tim ist schockiert von soviel Feindseligkeit.
Zum Glück kommt in dem Moment der Trainer in die Kabine, der stirnrunzelnd den neuen Mitspieler betrachtet.Kurzerhand lotst er Tim in die Trainerkabine und trägt ihm auf dort zu warten bis das Mannschaftsbriefing abgeschlossen ist.
Nach einigen Minuten kehrt der Trainer zurück: "Erzähl! Ich habe nicht viel Zeit!" Tim ist verwirrt, sprachlos und fühlt sich unter Druck gesetzt. Trainer: "Du kannst jetzt reden oder gehen, ich muss gleich in die Halle!" Da sprudelt die ganze Geschichte aus Tim heraus. Von der falschen Fussballkarriere bis hin zu seiner wahren Leidenschaft für den Handball.
Der Trainer schüttelt nur den Kopf und fragt: "Bist du überhaupt im Verein?"
Trotzig antwortet Tim: "Der Fussballverein hat mich freigestellt!"
Der Trainer kräuselt die Stirn: "Und dadurch bist du automatisch bei uns Mitglied geworden?" Der Trainer weiter: "Ich kann deine Begeisterung verstehen. Im Vergleich zum Handball ist Fussball extrem langweilig und trotz der langen Spielzeit ein eher torarmer Sport. Aber wenn du bei uns mitspielen willst musst du zunächst einmal in den Verein eintreten und dein Können unter Beweis stellen!" Er drückt Tim eine Karte in die Hand. "Schau dir das Spiel an und dann stelle über die Internetseite einen Aufnahmeantrag. Aber auch wenn du es im Fussball bis in die zweite Liga geschafft hast, im Handball wirst du wie jeder andere ganz von vorne anfangen müssen!" Tim starrt den Trainer verwirrt an. "Und jetzt raus, ich muss an die Bande!"
Was bin ich?- Zunächst einmal bin ich ein Mensch!
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
-
Annette
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 1380
- Registriert: Mo 22. Jun 2020, 17:58
- Geschlecht: weiblich
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Luxemburg
- Hat sich bedankt: 91 Mal
- Danksagung erhalten: 297 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Der Verein
Guten Abend Helga
Ich nehme an, die Geschichte stammt von dir. Passende Metapher und gut geschrieben. Allerdings erinnert mich das sehr an meine eigene Jugend. Wie alle anderen auch bin ich im Fussball gewesen, dann eine Saison Handball und danach wieder Fussball. In beidem habe ich es nicht allzu weit gebracht, im Gegenteil... ich erlebte dort Unglaubliches und extremes Mobbing, eine der schlimmsten Phasen meines Lebens die mit dem gewaltsamen Tod eines anderen gipfelte. Mehr möchte ich mich nicht zu deinem Beitrag äussern, wegen der auf mich einwirkenden Triggerwirkung.
Ansonsten aber, ich mag solche zweideutigen Short-Stories, und ich wünsche dir viel Zuspruch.
Liebe Grüsse,
Annette
Ich nehme an, die Geschichte stammt von dir. Passende Metapher und gut geschrieben. Allerdings erinnert mich das sehr an meine eigene Jugend. Wie alle anderen auch bin ich im Fussball gewesen, dann eine Saison Handball und danach wieder Fussball. In beidem habe ich es nicht allzu weit gebracht, im Gegenteil... ich erlebte dort Unglaubliches und extremes Mobbing, eine der schlimmsten Phasen meines Lebens die mit dem gewaltsamen Tod eines anderen gipfelte. Mehr möchte ich mich nicht zu deinem Beitrag äussern, wegen der auf mich einwirkenden Triggerwirkung.
Ansonsten aber, ich mag solche zweideutigen Short-Stories, und ich wünsche dir viel Zuspruch.
Liebe Grüsse,
Annette
-
Juliane
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 1515
- Registriert: Di 5. Okt 2021, 11:53
- Geschlecht: Teilzeitfrau
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Hamburg
- Hat sich bedankt: 819 Mal
- Danksagung erhalten: 945 Mal
- Kontaktdaten:
Re: Der Verein
Annette hat geschrieben: Mo 16. Jan 2023, 20:20 Guten Abend Helga
Wie alle anderen auch bin ich im Fussball gewesen,
Liebe Grüsse,
Annette
Liebe Anette,
da bin ich dann sogar noch anders als alle anderen. Ich habe nie Fussbal gespielt. War noch
nie mein Ding, .... und auch heute kann ich mich überhaupt nicht für Fussball begeistern.
Das nur so am Rande
Die mich kennen mögen mich. Die mich nicht mögen können mich. Frei nach Konrad Adenauer