"Elvira auf großer Fahrt"
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Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
Elvira
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"Elvira auf großer Fahrt"

Post 1 im Thema

Beitrag von Elvira »

Liebe Anne-Mette,
ich hab's mal hier reingestellt. Was meinst Du? Ist das hier richtig?
Vorbemerkung:
Hier geht es ja um Biographisches eines DWT. Aber das ist nur vordergründig so. Eigentlich geht es um eine Person, die von Beginn an "nicht Fisch, nicht Fleisch" war/ist.
Die einfach anders ist, als die Umgebung. Viel Kunst, Musik, ja, aber auch träumerisch, unfähig sich mit langweiligen Dingen (Schularbeiten) zu beschäftigen, da ist die Aufmerksamkeit gleich weg. Kein Draht zu den anderen Jungs, bis auf einen und der ist auf einmal nicht mehr da, weil wir umgezogen sind. Einsamkeit, verlorene Freundschaft, erfolglose Suche nach einem anderen Freund. Und dann eine süße junge Dame (spricht französisch, ich war hin und weg, das faible für alles Französische habe ich immer noch), aber auch das war nicht von Dauer, schon wieder Umzug. Gerade so weit weg, daß es für mich "zu" weit war.
Also so eine Stimmung zum Heulen. Aber Jungen weinen doch nicht! Ich aber schon, bin ich dann kein Junge?
Ich habe erst viel später Männer kennengelernt, die auch geweint haben:
-- ein Araber, Botschafter seines Landes, der eigentlich ein paar Grußworte zur Ausstellungseröffnung sagen sollte, vom Ud-Spiel des Musikers, der zum Auftakt gespielt hat, aber so überwältigt war, daß er tränenüberströmt ans Mikro trat und sich entschuldigte, er könne jetzt einfach keinen vernünftigen Satz herausbringen ...
-- ein Russe, Typ Kleiderschrank, steht da auf der Bühne und bedankt sich bei ein paar Sängern für ihren wunderschönen Gesang ...
Also können Jungs doch weinen und Jungen sein! Anderer Kulturkreis eben. Da wurde mein Interesse für "fremde" Kulturen geweckt (und die fremden Kulturen beginnen ja schon bei den Engländern).
Elvira
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 2 im Thema

Beitrag von Elvira »

Kapitel 1
Nachkriegsdeutschland.
Was war das für mich, für meine Kindheit? Politik begriff ich ja nicht. Die zerbombten Häuser in meiner Umgebung schon. Auch das Verbot, ja nicht in den Ruinen herumzuklettern, das war gefährlich! Blindgänger könnten doch noch hochgehen, Mauern doch noch einstürzen und wer weiß, vielleicht lagen noch tote Soldaten im Schutt, denen wollte ich nicht begegnen!
Graue Häuser, heute kaum noch vorstellbar, alles grau. Wie im Schwarzweißfilm. Bunte Autos? Nur die Feuerwehr war rot, für private Autos war rot in Deutschland verboten (Verwechslungsgefahr! Ernst, ja?). Gelb war für die Post, beige fürs Taxi. Blieb noch blau, schwarz und weiß. Nicht sehr bunt, das Ganze.
Mehr bunte Häuser gab es dann erst so gegen 1970. Da hatte ein Politiker sich durchgesetzt (Gerüchten zufolge hatte seine Frau eine Farbenfabrik geerbt) und Zuschüsse vom Staat ermöglicht, die Mehrkosten für farbige Fassadenanstriche zu bezuschussen.

Spielzeug? Passte in eine Zigarrenkiste. Ich hatte einen Ferrari (rot) von Schuko, ein englisches Polizeiauto (schwarz) Matchbox und einen weißen Krankenwagen. Ein paar Murmeln und einen Teddy-Bär. Den aber nur heimlich, wenn andere Jungs kamen, haben die gelacht, daß ich einen Teddy hatte.
Mein Vater hat dann einige Spielsachen selber gebaut: eine Eisenbahn zum Draufsitzen und ein Indianerfort (eigentlich Quatsch der Name, aber so hieß das Ding nun mal, eigentlich ein Fort der US-Kavallerie, aber bitte keine amerikanische Flagge!).
Und dann kam unsere Multimedia-Einheit, hieß damals Musikschrank. Teuer, vom kargen Lohn abgespart. Links Radio und Plattenspieler, rechts Fernseher. Fernsehen gab es immer nur eine Stunde, Kinderprogramm von 5 bis 6, aber Schallplatten und Radio durfte ich hören. Schallplatten: Catharina Valente und Co und im Radio Klassik.
Und der Fetisch?
Die Nylons meiner Mutter. Ich muß ihr wohl damals viel an ihren Beinen rumgefummelt haben. Hatten sie eine Laufmasche, durfte ich damit spielen. Das habe ich sehr genossen und sie mir in mehreren Lagen über den Kopf gezogen. Von Erotik hatte ich keine Ahnung, aber das Gefühl war toll. Plastiktüten kamen dazu. Das ging aber nur heimlich, man hatte Angst, ich könnte ersticken (was habe ich die Erwachsenen belächelt, die wußten ja so wenig über uns Kinder). So eine Plastiktüte wurde dann ein wertvolles Utensil und schwierig zu behalten, in einer Welt ohne Geheimnisse. Unsere Wohnung war ja fast leer, kein eigener Schrank, keine Versteck-Ecken. Blieb nur noch draußen, aber da konnte man auch nirgends Geheimnisse haben.
(wird fortgesetzt)
Lorelai74
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 3 im Thema

Beitrag von Lorelai74 »

Du schreibst sehr Bildlich und interessant,
sehr spannend.
VG
Lori
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lexes
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 4 im Thema

Beitrag von lexes »

Lorelai74 hat geschrieben: Fr 13. Mai 2022, 12:52 Du schreibst sehr Bildlich und interessant,
sehr spannend.
VG
Lori
finde ich auch .. würde sehr gerne mehr davon lesen.....
Klaudia
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 5 im Thema

Beitrag von Klaudia »

Lorelai74 hat geschrieben: Fr 13. Mai 2022, 12:52 Du schreibst sehr Bildlich und interessant,
sehr spannend.
VG
Lori
Zustimmung auch von mir. Der Bericht liest sich wunderbar und ich habe sofort Bilder im Kopf!

LG
Klaudia
Elvira
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 6 im Thema

Beitrag von Elvira »

Kapitel 1 Teil 2

Und noch eine Erinnerung, das muß nun aber schon sehr früh gewesen sein, noch vor der Kindergartenzeit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß ich noch Windeln getragen habe, Stoffwindeln, die mit so einer Gummi-(eieiei)Hose zusammengehalten wurden. Es hat mich immer (so meine Erinnerung) sehr gestört, daß ich mittags noch schlafen mußte, obwohl ich überhaupt nicht müde war.
Und ich habe mich total gelangweilt, ich war böse auf meine Mutter, daß sie mich so abschob, ich fühlte mich allein und ungewollt. Klar, sie hatte sich ja auch ein Mädchen gewünscht (ich hör' schon das Stöhnen, immer diese Klischees ;-) ) , ist aber so. Ich find's auch eigentlich nicht zum Lachen.
Zurück zum Mittagsschlaf. Da lag ich nun in einem Kinderbett und irgendwann habe ich vor lauter Langeweile das Bettzeug durchwühlt und bin auf die Gummimatte unter meinem Bettlaken gestoßen. DAS hat mir auch Spaß gemacht, die hatte so Noppen, wie heute die Verpackungsfolie mit so kleinen Luftkammern und die waren ganz weich und es hat mir ein sinnliches Vergnügen bereitet, sie zu streicheln, genau wie meine Ohrläppchen. Das sind so meine frühesten Erinnerungen und sie haben alle mit feinen Stoffen und weichen Materialien oder weicher Haut zu tun.

Etwas später haben dann meine beiden Schwestern und deren Freundinnen eine Etage tiefer auf mich aufpassen müssen. ich weiß nicht warum meine Mutter dauernd weg war, aber so war es. Wenn meine Schwestern und ihre beiden Freundinnen dann zusammen waren, hatte ich das reinste Paradies. Die hatten nämlich nur eines im Kopf: Klamotten tauschen, anprobieren, Nägel lackieren, Nagellack tauschen, sich schminken und zurecht machen. Damals waren Partys voll in Mode, privat, alle haben sich gegenseitig besucht. Beim Stylen hatten die Mädels keine Hemmungen vor mir in Unterwäsche herumzuhüpfen, ich war ja noch soo klein, aber ich habe es sehr genossen. Petticoats, Nylons, Pumps das volle Programm, welche Kleider sie dann anzogen weiß ich nicht, ich nehme mal an, wenn sie loszogen, wurde ich wieder nach Hause gebracht. Ich glaube auch, sie haben ein bißchen Schabernack mit mir gespielt, denn ich habe auch sie wohl gern befummelt, ich fand die Nylons einfach toll.

Weil ich noch so klein war, hatten sie aber keine Schamgefühle. Wir hatten übrigens auch einen großen Balkon und da kamen die Mädels von unten auch oft zum Sonnenbaden, da hatten sie aber keinen Bikini dabei, sondern da wurde sich einfach im BH gesonnt. Und unsere Mütter ebenso. Ich wieder mittendrin. Das hat mir auch sehr gefallen! :wink:

Der Kindergarten dann weniger. Der ging zwar nur bis mittags, aber auch da mußten wir zwischendurch schlafen (ohne tolle Gummimatte!). Ich kann mich nur positiv an das Singen besinnen, das fand ich auch sehr schön, aber ansonsten ging es da fürchterlich streng zu.

Nun kam die Schule. Die erste Klasse war einfach Spitze. Wir hatten eine sehr junge Lehrerin, die sehr lieb mit uns umging. Es war einfach alles toll an ihr, sie war sehr modern angezogen mit hohen Pumps und Nylons, schlank, ich war völlig in ihrem Bann. Ich konnte ihr auch den ganzen Morgen immer wieder auf die bestrumpften Beine schauen und wurde dafür nie zurechtgewiesen (so wie es meine Mutter immer tat, "starr den Frauen nicht so auf die Beine!", bekam ich immer zu hören). Dann geschah eigentlich etwas Trauriges: der Mann meiner Lehrerin verunglückte tödlich bei der Luftwaffe. Wir gingen alle zum Trauergottesdienst, die ganze Schule war da! Aber ich hatte einen neuen Hingucker. Erst einmal sah sie schon in der Kirche ganz aufregend bezaubernd aus, mit großem schwarzen Schleier und vor allem ganz in schwarz, Bleistiftrock, Kostümjacke, Handschuhe, so durchsichtige, sie tat mir zwar auch leid, aber ich war hin.
Sie kam dann auch ganz tapfer bald wieder in die Schule und nun hatte ich eine schwarz bestrumpfte Dame vor mir, jeden Tag, nicht so blickdichte Dinger, nein hauchzarte Nylons. Ich habe mich immer gefragt, wie sie so etwas herstellen konnten, es war nur schwarz am Rand, wenn man auf die Wade geschaut hat, war das Schwarze kaum zu erkennen.
Ich wurde Nylon-Anbeter und Nylon-Forscher. Schwarz gab es ja bei meinen Schwestern und deren Freundinnen nicht. Da war alles weiß (BH, Unterkleid , Schlüpfer, sagte man damals, und der Strumpfhalter, der heiß Tanzgürtel), Mutter in Hüfthalter, auch weiß. Die ersten blauen Miedersachen habe ich Jahre später bei einer meiner Cousinen zu Gesicht bekommen, da war blau auf einmal "modern". Strümpfe aber immer hell bis dunkelbraun.
So viel zur Wäsche. Zu den Plastiktüten habe ich nicht so viele Bilder im Kopf. Ich weiß, es gab sie, aber sie waren nur schwierig zu bekommen (und zu behalten!).
Aber ich habe noch einen Stoff-Fetisch gehabt, Luftballons. Gab es zwar auch nur sehr selten und waren etwas ganz besonderes, aber ich habe deutliche Szenen vor Augen.
Fernsehen war ja dann auf einmal nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. waren wir bei meinem Opa, dann wurde abends natürlich auch Fernsehen geguckt und ich durfte etwas länger aufbleiben. Ich lag dann immer auf dem Bauch und habe dem Programm von unten zugesehen und da habe ich wohl öfter einen Luftballon als Kissen benutzt und habe mich tief mit dem Gesicht hineingedrückt. Auch eine schöne Abendgestaltung, im Kreis der Familie; ich war glücklich dabei. Gedacht habe ich übrigens, ob es wohl möglich wäre, mit dem Kopf in so einen Luftballon hineinzukommen ...
Dann kam Hans in mein Leben ... (wird fortgesetzt)
Tina-K.
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 7 im Thema

Beitrag von Tina-K. »

Elvira hat geschrieben: Fr 13. Mai 2022, 19:48
Ich habe mich immer gefragt, wie sie so etwas herstellen konnten, es war nur schwarz am Rand, wenn man auf die Wade geschaut hat, war das Schwarze kaum zu erkennen.
Ich bin ja sonst kein Strumpf-Fan ...

aber diesen Effekt finde ich auch faszinierend.
Es erhöht den erotischen Reiz doch enorm. (yes) (smili)


( eigentlich ja klar, an den Seiten liegen ganz viele Maschen hintereinander ...
Desillusionierung aus )
Lorelai74
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 8 im Thema

Beitrag von Lorelai74 »

Hi Elvira,
Du hast als Kind Geborgenheit gebraucht und von dem Menschen der sie dir hätte geben sollen wahrscheinlich nicht ausreichend bekommen.
Dann hast du dir Surrogate gesucht- weiche angenehme Stoffe die sich angenehm anfühlen, umhüllen oder definieren. Und so eine Ersatzsicherheit und -Geborgenheit vermittelt haben. Das hat sich dann später mit der Sexualität verbunden"¦
Fetisch? Eine Sichtweise - eine andere ist: Stoffe und Materialien du du gerne trägst und die sich so gut anfühlen dass du sie gerne um dich hast - auch im Bett.

VG
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tina75
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 9 im Thema

Beitrag von tina75 »

hallo Elvira.

ich schließe mich da Lori an. Wir nehmen soviele frühkindliche Erfahrungen und Gefühle mit in unsere Entwicklung. Da diese später schwer mit zugeordneten Rollenbildern oder mit zur Norm erklärten Verhaltensmustern zu vereineinbaren sind, sucht man Erklärungen mit Begriffen wie Fetisch. Finde ich zu einfach gedacht, zu schnell geschossen.

Schreib weiter, ich denke das hilft dir. Für uns ist es faszinierend, diese Zeitreise mit dir machen zu dürfen. Das du Bilder in unseren Köpfen entstehen lassen kannst, ist eine schöne Gabe.

Vielen lieben Dank dafür, deine Tina 🍀
würde, wäre, wenn- einen Schritt nach dem anderen...🍀
Elvira
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 10 im Thema

Beitrag von Elvira »

Kapitel 1 Teil 3
Hans war plötzlich da, er in der ersten Klasse ich in der zweiten, ging aber auf eine andere Schule. Unsere Eltern hatten sich kennengelernt. Ihn hatten sie von der schönen Mosel in die laute Stadt verfrachtet, nicht ohne Folgen. Sein Zimmer ging zur Straße, erster Stock, direkt gegenüber der Straßenbahn. Er hatte das Etikett "lärmkrank" bekommen. Wir waren unzertrennlich (so oft wir durften). Seine Mutter war viel schlimmer als meine, er durfte nicht man mireinmal Freunde (mich) mitbringen. Er hat mich dann immer nur heimlich mit in die Wohnung genommen. Aber meistens haben wir den großen Park gegenüber "bespielt". Erotik gab es nicht, aber innige Freundschaft, durch dick und dünn. Tja und dann kam der Tag, wo wir umzogen. Mir war hundeelend. Aus und vorbei. Wir haben uns bis auf eine schlimme Begegnung nicht mehr wiedergesehen. Und die war schon bemerkenswert "zufällig". Mitten in Berlin, treffe ich ihn und habe ihn sofort wieder erkannt, zehn Jahre später (!). Aber, es war nicht schön, wenigstens ehrlich war er mit mir, er war dem Heroin verfallen, aber er sagte ganz ruhig, wir leben in total unterschiedlichen Welten, er wollte auch nicht, daß ich ihn besuche, offensichtlich hat er sich geschämt, in welchen schlimmen Umständen er lebt. Adresse wollte er mir nicht sagen. "Ist besser für Dich", sagte er zum Abschied und ließ mich extrem verzweifelt zurück. Was sollte ich tun? Der zweite Abschied. Noch schlimmer, als der erste! Irgendwie ging es zwar weiter, das berühmte "Leben", aber mehr schlafwandelnd, als sehr bewußt.
Noch mal zehn Jahre zurück. Wir waren auf das schlimmste Kaff meines Lebens gezogen! Ich, der ich so gerne in der Stadt Rollschuh gelaufen war, kam in ein Dorf, wo es gar keinen (KEINEN) Bürgersteig gab. Auf der Straße durfte ich natürlich nicht laufen. Eisstadion gab es natürlich auch nicht. "Warte ab, im Winter kannst Du auf den Teichen Schlittschuh fahren", sagte man mir. Als der Winter kam, kam der aber mit so viel Schnee, daß der See von einer merkwürdigen Schnee-Eis Mischung bedeckt war, zum Schlittschuhlaufen absolut ungeeignet.
Die Dorfschule war eine einzige Katastrophe. Vier Klassen in einem Raum, dann ein tyrannischer Lehrer, ganz jung, aber sehr, sehr streng. Denke ich heute zurück, so war es meine beste Schule überhaupt, mit einem sehr engagierten Lehrer. Der konnte nämlich gar nicht anders, als mit strengem Regiment die Dorfjugend zu bändigen. Die hätten ihn sonst gar nicht ernst genommen, die waren ja von zu Hause auch nichts anderes gewohnt. Zwei Lichtblicke gab es : der Pfarrerssohn, war auch Karl-May-Leser so wie ich, die Mutter war auch sehr nett und ich war gerngesehener Gast, aber dann Monika! Enkeltochter vom Schreiner, der Vater hatte in Frankreich bei der Armee gedient, Mutter Französin, die Tochter wie im Märchen schwarze Haare, blaue Augen, weiß wie Schnee die Haut und die Lippen? Wir haben uns nicht geküsst! Wir sind aber schon sehr zufrieden gewesen mit Händchenhalten. Meine erste Freundin mit zehn Jahren.
Was kam? Erneuter Umzug, gerade so weit weg, daß es ZU weit war. Nie wieder gesehen. Noch ein Verlust.
Nun war ich ständig allein, meine Mutter war immer unterwegs und ich saß zu Hause und habe stundenlang über den Hausaufgaben gesessen. Eigentlich hatten wir nicht viele Hausaufgaben, aber es war mir so langweilig dabei.
In dieser zeit habe ich dann begonnen, die Nylons nicht mehr nur über den Kopf zu ziehen (Plastiktüten waren jetzt auch fester Bestandteil, denn im neuen Haus hatte ich genug Verstecke), sondern nun entdeckte ich auch die Wäsche meiner Mutter für mich. Allerdings kein BH, die passten ja auch nicht. Aber die Mieder, Hüfthalter und die Strümpfe, die passten schon.
Allerdings führte das schließlich auch zu Entdeckung, allerdings ohne weitere Konsequenzen, ich wurde halt nur vorsichtiger und habe die Sachen meiner Mutter heimlich weiter angezogen.
(wird fortgesetzt)
Elvira
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 11 im Thema

Beitrag von Elvira »

Kapitel 1 Teil 4

Irgendwie machten sich meine Eltern ja Sorgen, was mit mir los war, aber es redete halt keiner mit mir ...
Ich hatte so etwa 10 Nylons meiner Mutter und die trug ich manchmal alle 10 (über dem Kopf) in der Nacht. Ich habe aber nur ein einziges mal von meinem Vater ein besorgtes "bekommst Du denn noch genug Luft?" zu hören bekommen, da war er wohl in mein Zimmer gekommen, als ich schon schlief (und hat mich dann damit geweckt).
Das war's aber.
"Draußen" gingen inzwischen spannende Sachen vor. Die meisten Nachbarmädchen durften inzwischen auch Nylons tragen und was für welche! Da waren wohl gerade glänzende, helle Sorten in. Sonntags allerdings nur. In der Schule nur Söckchen. Aber dann kam der Wechsel aufs Gymnasium. Oh, da gab es viel zu sehen. Pfennigabsätze nannte man das damals und die Oberstufenmädels waren ganz wild drauf. Die Schule mußte natürlich wieder in die Suppe spucken!
Es kam ein Erlaß! Mit solchen Dingen wurden wir immer per Lautsprecheranlage belästigt: "Das Tragen von sogenannten Pfennigabsätzen ist im gesamten Schulgebäude untersagt" oder so ähnlich.
Der Marmorboden würde leiden.
Na, haben sich die Mädchen gedacht, dann eben ein zweites Paar Schuhe mitgebracht.
Und jetzt gab es morgens noch mehr zu sehen. Kurz vor Schulbeginn wurden auf dem Pausenhof vor Betreten des Gebäudes die Pumps gegen irgendwelche flachen Treter ausgetauscht. Da gab es dann manchen Blick aufs bestrumpfte Bein mehr, als sonst. Hübsche Mode war das. Viele Petticoats, manche trugen mehrere übereinander. Mittags das gleiche Spektakel umgekehrt. Viele wohnten ja vor Ort, aber einige fuhren auch mit der Bahn, ich auch. Und da wurden dann die Beine mit den verbotenen Schuhen ebenfalls im Zug fleißig präsentiert. Kein Mädchen, das älter als 13,14 war lief damals in Hosen herum, höchstens mal zum Wandern, aber auch da traf man mehr Frauen in Röcken mit bestrumpften Beinen, als in Hosen.

Erneuter Umzug (ja, Papa war beim Bund). Wieder in einem Dorf gelandet. Diesmal etwas zivilisierter, aber nur etwas. Müllabfuhr gab es keine, da mußte Klein-Elvira ran und mit der Schubkarre zum nahen Müllplatz. Hatte aber auch Vorteile, da gab es nämlich einiges zu finden, was sonst unerreichbar war. Z.B. Warenhauskataloge, mit den tollen Unterwäsche-Seiten. Da bin ich dann manchmal länger geblieben.
;-)
Die älteren Schwestern waren ja außer Haus, aber meine Brüder kamen öfter zu Besuch mit ihren jungen Frauen. Da bekam ich dann wieder hautnahe Einblicke in modernere Kleidung. Es kamen die engen etwas kürzeren Röcke in Mode. Wenn meine Brüder ihre Frauen mitbrachten waren die immer im Sonntags-Staat, wie man so sagte. Kostüm, Handschuhe, weiße und natürlich immer Nylons, Nylons. Beim Kirchgang war dann immer die reinste Modenschau. Klar damals "mußte" man in die Kirche, aber ich hatte so den Eindruck, die Mädels haben sich ganz gerne dort präsentiert. Sonst war ja kaum Gelegenheit, auf dem Dorf die schickeren Sachen anzuziehen.

Im Bad (wir hatten nur eins für alle) konnte ich dann auch genau die "Unausprechlichen", die Wäsche meiner Schwägerinnen inspizieren. Sehr sexy Tanzgürtel und Unterkleider (alles in weiß!) und die Nylons hingen dann immer über der Badewanne. Die wurden abends mit der Hand im Waschbecken gewaschen und waren dann am anderen Morgen wieder trocken. Praktisch! Und ich konnte sie in aller Ruhe begutachten. Sehr dünne Strümpfe, immer hell- bis leicht dunkelbraun, je nach Mode.

In der Schule war aber dann nur noch Jungen-Welt. Die Mädchen hatten ihr eigenes Gymnasium, nannte sich Lyceum (kurz Lyz genannt) und wurde von Nonnen geleitet. Da war Hosenverbot. Ja, mittlerweile brach die "neue Zeit" aus. Alle Gleichaltrigen liefen jetzt fast nur noch in Jeans herum. Die waren aber im Lyz verboten, die Mädchen haben sich dann vorm Unterricht einen Rock über die Hose ziehen müssen, Sachen gab's damals, zum Schreien.
I
Aber es gab auch wieder Lichtblicke. Mary Quant revolutionierte den Alltag. Der Mini war geboren. (Im Lyz mußten sie jetzt entweder einen Papierstreifen an die zu kurzen Röcke machen oder einen längeren drüberziehen) "draußen" aber gab es das Mini-Fieber UND Strumpfhosen. Klar manche Röcke waren so kurz, das ging nicht mit Strapsen, das wäre zu unanständig gewesen, wenn die rausgeblitzt hätten.
Dazu bunte Strümpfe bis unters Knie und oberhalb viel Bein in (dünnen) Strumpfhosen, habe ich sehr gemocht.

Stiefel plus Mini-Rock war auch sehr beliebt.

Ich war also in einer reinen Jungenschule gelandet! Wenn wir Mädchen zu Gesicht bekommen wollten, mußten wir uns nach der Schule beeilen und uns vors Lyz stellen und warten, wer alles so rauskam.
Stampede nannten wir das. War aber unergiebig. Die Gleichaltrigen hatten schon ältere Freunde und die Jüngeren wollten wir nicht. "Unsere" Zeit kam später. Am Nachmittag. Einmal hatten dann die Internatsschülerinnen zwei Stunden Ausgang und die anderen Mädchen gingen dann auch flanieren, Eis essen, aber am besten war der "Tanztee" von 4 bis 6, sonntags am Nachmittag. Da war dann Kennenlernen und vor allem Tanzen zu Live-Musik. Die Jungs im Anzug und Schlips, die Mädchen im Kleid oder Rock, Hosen keine. Die Auswahl war aber ziemlich klein, wie gesagt, die Gleichaltrigen kamen gar nicht, hatten ältere Freunde und wir haben nur mit den Jüngeren tanzen können.

Die Freude über die Mini-Röcke währte übrigens nicht sehr lange, die Flower-Power Bewegung kam und alle hatten entweder lange Kleider an oder Cord-Jeans, selber auf Figur umgenäht.

Da gerieten wir einmal in den Verdacht, Orgien abzuhalten.

Kurze Exkursion zum Schmunzeln:
Nähen war nicht so unsere Stärke, aber die Mädels waren damals ganz nett und hielfen uns. Treff bei Dave (englische Namen waren in, der hieß natürlich David). Fünf, sechs Jungs, zwei oder drei Mädchen. Eine Nähmaschine. In einem Raum wurden die Cordjeans auf links abgesteckt, damit die hinterher hauteng saßen und dann im anderen Raum umgenäht. Plötzlich steht die Mutter vom Dave mit dem Priester im Zimmer. Da war was los, der arme Dave.
Allerdings war der Penner auch selbst schuld, der hatte nur vergessen, daß der Priester an dem Tag das neue Haus segnen wollte (dafür muß er in jedes Zimmer).
Und wir Jungs standen alle in der Unterhose rum. Oh jeh!

Aber die Zeit der schönen bestrumpften Beine war vorbei und ich hatte noch immer keine richtige Freundin gehabt! Wieder ein Verlust.

(wird fortgesetzt)
Wally
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 12 im Thema

Beitrag von Wally »

Super zu lesen, weil es neben der persönlichen Geschichte auch das kulturelle Umfeld einer längst vergangenen Zeit so schön plastisch beschreibt. Bin gespannt auf jedes neue Kapitel!
Herzliche Grüße
Wally
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 13 im Thema

Beitrag von Elvira »

Freut mich sehr, liebe Wally! Bei mir haben sich schon eine Reihe lieb bedankt, tut mir natürlich auch gut. Eines ist mir aber besonders wichtig: wir reden so viel über Toleranz in dieser Welt. Aber das ist gar nicht so leicht, etwas beim anderen zu tragen (ertragen, mitzutragen). Zu ertragen, was man in sich hat und das überall aneckt, ist noch viel schwerer. Da kommt schon der vorauseilende Gehorsam ins Spiel, wenn der andere nur mal leicht mit der Augenbraue zuckt! Und man verbiegt sich ohne Ende.
In den 50er Jahren war es zum Beispiel den Gummi-Liebhabern kaum möglich, auch nur die Sachen zu kaufen, die es gab. Reden konnten sie nur mit einem ganz kleinen Kreis von Auserwählten. Gleichgesinnte finden, war auch sehr schwer. In Zeiten des Internets ist vieles leichter geworden. Aber es gibt auch noch viele alte Strukturen, die mit dem Wandel nicht klarkommen.
Elvira
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

Post 14 im Thema

Beitrag von Elvira »

Kapitel 2 Teil 1

Immer noch keine Freundin in Sicht. Warum eigentlich?
Jahre später hat man mir mal gesagt, ich hätte so eine arrogante Ausstrahlung gehabt, als wäre mir keine "gut genug". Interessante Interpretation meiner Situation. Ich war total schüchtern und habe mich sehr nach einer liebevollen Beziehung gesehnt. Aber Sex? Irgendwie wollte ich und dann auch wieder nicht. Meine erste Freundschaft mit 15 kam noch nicht mal zum Küssen. Kurze Zeit später stellte sich heraus, sie wollte eindeutig Sex, war dann mit so einem echten Macho unterwegs, wurde schwanger (Verhütung unbekannt?) und flog in hohem Bogen von der Schule (so etwas wollten die Nonnen natürlich nicht). Puh, habe ich da gedacht, noch mal Glück gehabt, das war auf gar keinen Fall, was ich wollte.
Dann kamen die Sommerferien und ich kam zu Verwandten nach Amrum in die Sommerferien. Tja, da wimmelte es von Gleichaltrigen und Älteren. Ich mit 15 landete bei einer 18-Jährigen, aber nicht im Bett, aber geküßt wurde endlich. Mensch war die süß! Drei Wochen schmusen und keine "Gefahr" zu mehr, etwas tun zu müssen, was ich nicht wollte. Ich war im siebten Himmel. Wir schrieben uns noch eine lange Zeit.
Im nächsten Jahr Amrum gab es dann mehr. Eher nicht so mein Typ, ziemlich groß, aber schlank und voll in mich verliebt, wollte dauernd mit mir ins Bett. Diesmal hatte ich auch gar keine Probleme damit und sie ging auch ab wie eine Granate. Die erste Frau im Bett und dann hat sie auch einen Orgasmus nach dem anderen (ich bin mir ganz sicher, dass da nichts gespielt war, denn sie hatte eine Besonderheit, die ich nie wieder so erlebt habe, bei ihr fingen sich die Brüste an zu verkrampfen und wurden regelrecht steif, wenn sie kam und waren "danach" wieder ganz entspannt). Ich fühlte mich wie der King.
Aber kurz nach dem Urlaub war sie auch schnell wieder mit ihrem vorherigen Freund zusammen, fand ich zwar etwas seltsam, aber es war nur ein kurzer Schmerz. Kurze Zeit später waren wir mit der Klasse in Frankreich, da hat man mir erklärt "une perdue, dix connues" (Eine verloren, zehn kennengelernt). Aber es hat mich nicht so sehr berührt, wie meine Monika aus Frankreich und meine erste Liebe auf Amrum.

Da war sie wieder, die merkwürdige Unbeteiligtheit (also DAMALS war mir das nicht bewußt, das wurde mir erst später klar). Ich schwamm so mit dem Strom , aber manche Dinge gingen gar nicht bei mir. Fußball z.B. und das ewige Sportschau-Gegucke. Trotzdem machte man irgendwie mit, war dabei, in der Clique.

Anstatt Fußball habe ich dann lieber Gitarre gelernt, Musik mit anderen zusammen gemacht, eine "band" gegründet, gelesen, klassische Musik gehört, Ausstellungen (eine Filmretrospektive 100 Filme von 1900 bis zur Gegenwart). Irgendwie bin ich dann auf so einen Presseverteiler gekommen und bekam von da ab zu jeder Vernissage im Raum von Z. eine Einladung. Kostenlose Getränke, Häppchen und jede Menge interessante Leute. Ich war im Himmel!

Schöne Zeit, aber von Liebe keine Spur. Meine Freundin, ja wir hatten Sex, aber es prickelte nicht. Sie war eine nette Begleitung, interessierte sich auch für Kunst und sie war lieber mit mir zusammen, als allein. Aber mehr war da nicht. Heute würde man vielleicht sagen "Wolke 4".

Meine Leidenschaft für Nylons wurde verdrängt. Merkwürdig genug. Als ich dann für ein dreiviertel Jahr nach West-Berlin ging, bin ich nicht ein einziges Mal auf die Idee gekommen mir Nylons zu besorgen, anzuziehen o.ä.

In Berlin fing ich stattdessen an, nachzudenken warum ich auf Frauen genauso wirkte, wie ich NICHT war. Zwei Beziehungen bin ich da eingegangen. Die eine fing auch gleich zu Beginn an, in mir den Macho rauskitzeln zu wollen, hat dann auch nicht lange gedauert (Kitzeln erfolglos). Ja, und die nächste? Die fraß mich mit den Augen förmlich auf, das hätte ein Blinder mit einem Krückstock sogar gemerkt. Und dann, dann stellt sich raus, sie hatte mich dazu auserkoren, sie zu entjungfern. Hat dann auch nicht geklappt. Schade eigentlich, sie war auch sehr hübsch (Ihr wißt schon, schwarzes Haar, blaue Augen, roter Mund diesmal).

Ich wurde ziemlich nachdenklich. Berlin habe ich dann, so schnell es ging, den Rücken gekehrt, obwohl es, mit heute verglichen, das reinste Paradies war. Aber so eine Mauer um die ganze Stadt und nur mit Schwierigkeiten rein und raus. Nein, ich bin wieder zurück zu meinem alten Freundeskreis und weiter so im Trott marschiert.

Dann kam sie! Ich habe gedacht, die ist die Richtige, Heirat und ein Kind, während dem Studium, war allerdings nicht so ideal. Aber der Hintergrund war, daß ich nicht so spät wie mein Vater Kinder bekommen wollte. Also in die Ehe hineingeschliddert! Obwohl, es hätte eigentlich gut gehen können, aber dann kam der Unfall.

Meine Frau war in den letzten 6 Wochen ihres Anerkennungsjahres als Erzieherin mit fest zugesagter Anschlußstelle als Leiterin eines Kindergarten bei uns in der Nähe. Und da fährt sie aus einem Seitenweg auf dem Rückweg von der Arbeitsstelle auf die Hauptstraße und nimmt einem sehr schnellen Auto die Vorfahrt. Der fährt ihr fast ungebremst hinein und sie schwebt drei Wochen zwischen Leben und Tod im Koma und danach? Da war sie nicht mehr wiederzuerkennen. Ein Jahr später die ersten epileptischen Anfälle, zum Schluß wog sie keine 40 Kilo mehr und ist letztlich an zu wenig Muskeln zum Atmen gestorben.
Das ganze hat fast 20 Jahre gedauert mit zwischendurch wieder Lichtblicken, aber die Rückschläge kamen gnadenlos und waren ja auch vorprogrammiert durch die Unfallsverletzungen des Gehirns.

Was macht man dann so? Neue Liebe neues Glück? Ich habe es jedenfalls versucht.
(wird fortgesetzt)
Elvira
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Re: "Elvira auf großer Fahrt"

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Beitrag von Elvira »

Kapitel 2 Teil 2

Das mit dem "versucht" stimmt eigentlich nicht so ganz. Gesucht habe ich überhaupt nicht. In der Zwischenzeit waren ja trotz Epilepsie noch zwei Jungs mehr geboren worden. Da hatte ich nicht nur alle Hände voll zu tun mit der kranken Frau, sondern auch noch mit den 3 Kindern. Wir waren eben viel allein unterwegs, meine Söhne und ich, beschäftigt, abgelenkt, abends todmüde ins Bett gewankt und am nächsten Tag wieder früh raus, Kinder zur Schule fertig machen, Kochen, nachmittags meinen Job so gut es ging über die Bühne bringen und dann noch "nebenbei" versuchen, endlich meinen Berufsabschluß hinzukriegen.

Und da saß SIE auf einmal im Auto der Fahrgemeinschaft (zur berufsbegleitenden Abendfortbildung) neben mir. Ich muß sie zwar ganz schön angehimmelt haben, aber als Familienvater wäre ich nie auf die Idee gekommen, eine Affäre zu beginnen.
Aber dann besuchten wir gemeinsam die ganzen Vorträge und Seminare ... und dann sucht SIE auf einmal meine Hand, als wir nebeneinander saßen.
Da ist etwas explodiert, so heftig wie ich noch nie etwas empfunden hatte. Nur die Hand und es traf mich wie ein Blitz.

Ich weiß nicht, wie es anderen Verliebten so geht und ging, aber ich hatte noch nie eine solche Berührung erlebt, warm, weich, ging durch den ganzen Körper wie ein Lauffeuer (passt nicht ganz, aber so ähnlich). Irgendjemand hatte mich angeknipst.

Auf einmal merkte ich, ich war ja wie tot gewesen. Auf einmal war da der Himmel! Blau, weiße Wolken, so neu als hätte ich noch nie den Himmel gesehen. Und dann einfach neben ihr liegen, draußen in der Natur, den Wind spüren auf der Haut, ihre Haare spüren, wie der Wind mit ihnen spielte und mir ins Gesicht wehte, einfach so, komplett angezogen, ohne innige Umarmung.
Es war um mich geschehen. Mir liefen die Tränen, vor Glück und weil ich mich lebendig fühlte, überwältigt vom Gefühl, lebendig zu sein und jemanden neben mir zu wissen, der auch fühlt, wie lebendig ich auf einmal war, verglichen mit "vorher".

Wir haben manchmal telefoniert, ohne ein Wort zu sagen. "Du" vielleicht, und dann Stille, nur den Atem hörend am anderen Ende der Leitung. Wenn wir zusammen waren, gingen wir ins Kaffee und haben uns die meiste Zeit nur angeschaut. Nie nebeneinander gesessen, da hätten wir uns ja nicht in die Augen schauen können.
Geredet haben wir kaum, manchmal wurde der Kaffee kalt und wir haben es nicht bemerkt. Oder die Bedienung kam und sagte:"Wir schließen jetzt!". Und wir waren total überrascht, wie schnell die Zeit vergangen war.

Oder wir haben am Wasser gesessen und nur den Wind gespürt und geschwiegen.

Das Schlimmste war, wir hatten nie Krach, kein Ablösevorgang, keine Distanz.
Plötzlich war es zu Ende.
Sie hatte Angst um meine Kinder. Sie hat wohl gespürt, daß ich beides nicht hätte zusammenbringen können.
Mir wäre ein Eklat lieber gewesen, wenn ich zurückblicke. Da hätte ich wenigsten eine Distanz zwischen und bringen können. Aber so?
Die Nächte waren das Schlimmste, die Träume! Ich wurde wach und hatte die ganze Zeit geträumt, wir wären noch zusammen. Ganz überrascht schaute ich neben mich, daß sie nicht da war, habe ich erst nach einigen Augenblicken gemerkt. War sie mir doch so nah gewesen im Traum.
Die Tage gingen durch den Alltag einigermaßen erträglich ab. Man war ja abgelenkt. Papa hier, Papa da. Papa , Mama krampft wieder!
Meine Schwiegermutter sagte mal zu mir (es ließ sich ja kaum verbergen, was mit mir los war!): "Ich kann Dich gut verstehen".
Das Verständnis hat mir aber nichts genutzt.

Nun war alles aus, wie man so sagt. Die kranke Fau an meiner Seite, die Kinder, die Geldsorgen (die berufsbegleitende Ausbildung hatte leider nicht zu einer festen Anstellung geführt!) und ich wandelte wie schlaftrunken durch die Welt, hin und her geworfen von den Bedürfnissen meiner Umwelt an mich.

Dann kam dieser Hammersatz meiner Frau:" Du machst mich krank!" Keine Ahnung, woher sie das hatte. Es kam mir wie nachgeplappert vor. Sie, die mindestens einen "grand mal"-Anfall pro Monat hatte, tagelang kaum bei Bewußtsein war, die sonstige Zeit nur mehr oder weniger apathisch auf dem Sofa lag, sagte, ich mache sie krank. Schön, Dankbarkeit hatte ich nicht erwartet, mehr so meine "Pflicht" getan, aber "ich mache sie krank"?

Irgendwie machte das den Abschied einfach, denn sie reichte die Scheidung ein.
"Wollen wir mal sehen, ob sie jetzt gesund wird, wo doch der Verursacher ihrer Krankheit, identifiziert war", dachte ich.

Natürlich wurde es nicht besser. Ich war nur im Weg gewesen, sie hatte einen Lover gefunden. Der war zwar nach vier Wochen wieder weg, aber unsere Trennung war vollzogen.
So gut es ging, habe ich mich noch um die Kinder gekümmert, aber die waren natürlich die Hauptleidtragenden.

Und die Damenwäsche? Ja, die hatte uns "mehr schlecht als recht" begleitet. Meine Frau hatte ein paar Wäschestücke, die sie ab und zu mal anzog (eher mir zuliebe), ja, wir hatten Sex zusammen, aber nach meiner "ganz großen Liebe", kam mir alles nur wie lauwarmes Wasser vor.
Meine "Liebe", zog meine Favoriten wie selbstverständlich an, wohl wissend, wie erotisch, die auf mich (und andere Männer) wirkten, mit einer unglaublichen, damenhaften Souveränität; sie war einfach "sophisticated"! Sie lebte ihre Erotik, sie war Erotik!
Umso schlimmer der Absturz. Wieder aus dem Nest gefallen!

Lange später hat mir ein sehr hübsches Mädel mal gestanden, daß sie sehr verschossen in mich gewesen war, in jener Zeit, aber ich hätte wie blind gewirkt und sie hatte sich schon Sorgen gemacht, was mit mir los sei. (Ach ja, unsere Affäre war streng geheim, da gab es Berührungspunkte zu unseren Arbeitsstellen, von "uns" wußten nur ganz wenige Menschen. Das "hübsche Mädel" jedenfalls nicht.)

Und dann? Allein? Ich fand bei einem Trödler wahre Schätze meiner Lieblingswäsche. Zufall? Gesucht? Eher nicht! Wollte eigentlich Werkzeug kaufen.
Gefunden habe ich, jede Menge alte Nylons (originalverpackt), Mieder und Unterkleider (immer noch keine BH's!) getragen habe ich die Sachen aber nur ab und zu. "Draußen" drunter? Nein.

Stattdessen war ich auf der Suche nach Lösungen. Teilnahme an einer Männergruppe über viele Monate. Genutzt hat es wenig. Man sagte mir (die Erfahreneren) ich müßte mal den Druck abbauen, ich sollte auf ein Kissen einprügeln, das konnte ich nicht nachvollziehen.
Stattdessen auf der Suche nach anderen Frauen zum Reden und Beisammensein. Begegnung mit einer Lesbengruppe. Die fand ich total süß, haben mich an meinem einsamsten Geburtstag mal alle besucht. Es kam dann auch zu richtigen Freundschaften (ohne Sex), allerdings hat mich dann etwas fertig gemacht, welche Probleme die hatten. Alle waren in Therapie und deren Achterbahnfahrten waren verglichen mit meiner schon ein anderes Kaliber (Selbstmordversuche, Mobilar zerdeppert, stalking, extreme Eßstörungen).
Was war bloß mit dieser Welt los?

Dann die nächste "Liebe"
(wird fortgesetzt)
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