Seit Jahren besuche ich dieses Forum in unregelmäßigen Abständen und versinke dann stunden- , ja tagelang, in Euren tollen Reflexionen, Erfahrungen, und Ratschlägen.
Nun möchte ich mein Dasein als stille Beobachterin beenden und ein wenig von mir erzählen. Warum? Das kann ich Euch nicht wirklich sagen, da so viele Impulse, Gefühle, Gewissheiten und Wünsche als riesiger Wirbelsturm um mich und durch mich tosen. Immer wieder gelingt es mir einzelne Fragmente oder in die Hände zu bekommen und etwas genauer zu begutachten, nur um dann festzustellen dass das für sich keinen Sinn ergibt und ich es wieder ins Treiben entlassen muss.
Mit meinen 42 Jahren hätte ich allen Grund zufrieden zu sein. Ich habe einen Beruf der mich erfüllt und der mir Spaß macht. Mein Leben wird komplettiert von einer Ehefrau die ich liebe und unserer kleinen Tochter die bei allem Stress so unglaublich viel Lebensfreude, Aufregung und Liebe zurückgibt, dass ich mir gar nicht vorstellen kann wie es ohne sie wäre.
Dennoch oder vielleicht genau deshalb ist vor etwa einem Jahr die glimmende Glut meiner weiblichen Seite zu einem kleinen Feuerchen entfacht, das ich nicht austreten konnte, wenn ich ehrlich bin nicht austreten wollte.
Diese Glut ist schon sehr lange in mir. Irgendwie war ich immer der Eigenartige, Schüchterne, liebe, verständnisvolle, der nichts auf die Reihe bekommt. Der Kleiderschrank meiner Mutter und meiner Schwester war ein magischer, verbotener Ort dessen Verlockungen ich gelegentlich ich nicht widerstehen konnte. Ich konnte nicht verstehen warum ich so ein schrumpeliges Ding zwischen den Beinen hatte während bei meiner Schwester alles schön glatt und sauber war. Mit den Mädels konnte ich besser. Aber da war nicht im Geringsten eine Gewissheit, nur ein diffuses Gefühl der Eigenartigkeit, Einsamkeit und Scham.
Seit der Pubertät gab es Perioden in denen ich meinem Leben nur zugeschaut habe, was in meinen Zwanzigern ziemlich traurig war weil ich wochenlang kaum aus dem Bett gekommen bin wegen objektiv nicht erklärbarem Selbsthass und Hoffnungslosigkeit. An eine Beziehung, obwohl verzweifelt ersehnt, war die ganze Zeit nicht im entferntesten zu denken. Ich nahm mich nicht als sexuelles Wesen war. Mädchen und Frauen waren transzendente Wesen, die sich niemals mit etwas wie mir ernsthaft abgeben würden. Träume und Fantasien waren oberflächlich. Von Verwandlungen ging eine seltsame Faszination aus. Ab und zu gab ich einem unerklärbarem Druck nach und enthaarte mir die Beine auf jede erdenkliche Arten. Das faszinierte mich. Es entspannte mich und - natürlich - erfüllte mich mit Scham. Also schnell alle Utensilien versteckt oder weggeschmissen und die Beine versteckt.
Irgendwie habe ich es dann auch Dank unermüdlicher Aufmunterungen meiner tollen Freundinnen geschafft, mich aufzuraffen, das Studium irgendwie abzuschließen und mich ins Arbeitsleben zu stürzen. Es folgte eine Zeit des "work hard play hard" quer durch Europa mit sehr bedenkenswerten Trinkgewohnheiten. Am besten kam ich auch hier mit den Mädels aus. Auch hier war ich der sehr geschätzte und gemochte Sonderling der sehr viel Mühe in Dinge legen musste die anderen scheinbar einfach so von der Hand gehen. Die Selbstzweifel wurden rational durch Erfolge widerlegt. Die nagende Angst morgen als fauler Dilettant enttarnt zu werden hat mich trotzdem bis heute nicht verlassen. Abends allein im Hotelzimmer hätte man ja seine Weiblichkeit ja ausleben können. Aber die Frauenklamotten aus dem Lidl kleiden einen leicht übergewichtigen Mitdreißiger mit schütter werdendem Haar nicht sonderlich, also schnell wieder ausziehen und in die Mülltonne damit. Die Scham blieb.
Wider Erwarten habe ich dann per Internet meine Frau kennengelernt. Sie ist bestimmt bis herrisch, aber ein offenes Buch. Das gefiel mir. Hier bekomme ich die Rechnung gleich auf den Tisch und nicht erst im nächsten Streit. Für einen Menschen mit Hang zur Paranoia (vermutlich da ich selbst so viel vor mir und anderen verheimlichte) war das eine Offenbarung. Wir hatten sofort eine Verbindung und kamen zusammen und haben uns verliebt. Stück für Stück habe ich mich offenbart dass ich es mag keine Haare an den Beinen zu haben, dass ich mir oft wünsche eine Frau zu sein (das konnte ich mir erst da eingestehen) aber immer dazugesagt dass sie ihren Mann nicht verliert. Jede Offenbarung war eine schwere Prüfung für sie und unsere Beziehung. Sie war immer kurz davor die Beziehung, später Ehe, zu beenden. Das erfüllter mich mit Panik, sie zu verlieren. Ich hatte ein unermessliches schlechtes Gewissen dass ich ihr das zumute. Deshalb habe ich meine Träume unterdrückt und so gut es ging vor ihr verborgen. Es gab einen Deal: Im Winter durfte ich die Beine rasieren.
Wir wünschten uns über alles ein Kind. Vor der Heirat wechselte ich zu einem Job bei dem ich nicht mehr so viel reisen musste und nach ihrer Schwangerschaft in der ich mich völlig ungerechterweise irgendwie ausgeschlossen gefühlt habe kam, bumm, unsere Tochter zur Welt. Ich war sofort von so viel Liebe erfüllt. Mit ihr hatte ich komischerweise immer das Gefühl, zu wissen was ich tun musste und wie. Irgendwann dann beim Windeln wechseln durchfuhr es mich: Warum darf ich eigentlich keine Frau sein. Ein ganz ungewöhnlicher Zorn kam in mir auf und dann sofort die Realisierung dass dieses Gefühl so stark und klar ist wie nie zuvor. Sofort kam die Angst alles zu verlieren wieder. Meine Frau war am Boden zerstört als ich es ihr erzählte. Wir vereinbarten dass ich Hilfe brauchte. Also begann ich eine Psychotherapie mit einem Therapeuten der sich leider nicht so sehr mit der Thematik auskennt. Trotzdem hilft es mir, bestimmte Dinge einfach mal aussprechen zu können.
Meine Frau stimmte zu dass ich meine weibliche Seite etwas mehr erkunden musste. Wir haben zusammen Pullis und Hosen aus der Frauenabteilung bei H&M bestellt: Einer der aufregendsten und glücklichsten Momente meines Lebens. Leider passen auch die Sachen von H&M einem übergewichtigen 40 jährigen nicht so prickelnd, vor allem nach dem ersten Waschen. Ausserdem hat meine Frau bemerkt dass sie das nicht kann. Es zerstört ihr Bild von mir, mich so zu sehen. Auch sich vorzustellen dass ich es mache wenn sie mich nicht sieht ist ein NoGo. Also haben wir das abgebrochen. Das hat mich sehr traurig gemacht.
Ich bin teilweise wie besessen von dem Thema Weiblichkeit, lese viel auf Reddit und hier und schaue Youtube-Videos. Aber ich drehe mich im Kreis. Bin ich transident oder genderfluid? Wird meine latente Depression dadurch verursacht dass ich diese Spannung zwischen meiner Geschlechtsidentität und meiner gelebten Rolle in der Welt nicht auflösen kann? Könnte ich das lindern indem ich mich ab und zu weiblich anziehe (Lidl ist immer noch ab und zu mein Freund)? Muss ich letztendlich vielleicht weiter gehen und Hormone nehmen, öffentlich als Frau leben und eine GaOP machen? Das alles macht mir Angst aber ich kann und will das nicht ausschließen. Wenn ich mir aussuchen könnte ob ich als Mädchen oder Junge geboren werden wollte, ich würde sofort Mädchen wählen.
Aber ein Erkunden würde dazu führen dass mich meine Frau verlässt. Das hat sie mehrmals sehr klar geäußert. Das kann und will ich nicht riskieren. Ein Leben ohne sie und meine Tochter kann ich mir nicht vorstellen. Auch meine Frau ist untröstlich dass sie damit nicht umgehen kann. Und ich habe ein unendlich großes schlechtes Gewissen dass ich das Thema nicht einfach begraben kann. Ich tue meiner Frau so viel Leid an mit meinem Egoismus und Unvermögen zur Beherrschung!
Nach der letzten Krise vor zwei Wochen habe ich es auch erstmals meiner Schwester erzählt. Sie hat sehr gelassen reagiert und meint nur dass sie mich unterstützt. Sonst weiss niemand davon.
Meine Frau und ich haben verabredet dass wir eine Paarberatung beginnen wollen denn die Spannungen steigen. Hier wollen wir aber jemanden suchen der sich mit dem Thema auskennt.
Wenn ihr Tipps habt wie ich/wir jetzt weitermachen bin ich sehr, sehr dankbar!
Jetzt bin ich deutlich übers Ziel hinausgeschossen und es gibt noch so viel was ich vergessen habe und los werden möchte. Bitte entschuldigt die Wirrheit, Schreibfehler und einen eventuell unpassenden Ton in meinem Beitrag. Ich übe noch
Ganz liebe Grüße
Heike