ich muss mir mal in dieser Runde etwas "von der Seele" schreiben und ich hoffe Ihr könnt mir folgen.
Es ist nicht nur eine Geschichte — nein — es ist meine Geschichte:
Ich blicke auf eine lange Crossdresser-Historie zurück und bis vor ein paar Wochen hätte ich noch vollmundig behaupten können, ich wäre sowohl als Mann als auch als Frau glücklich, halt in Teilzeit, als Christiane verschwiegen und außerhalb der Familie und fern der Nachbarschaft. Das kennt Ihr alle zur Genüge"¦
Hinzu kommt noch, dass ich mich als Christiane in einer männerdominierten Baubranche halt auch derzeit (noch) nicht vorzustellen vermag. Meine Gegenüber wären in der Baubesprechung viel zu sehr von meinem Äußeren abgelenkt und ich glaube, ich würde sie mit meinem Worten nicht erreichen. Auch hätte ich Angst, das ich trotz all meiner Kompetenzen und Expertise, die ich mir im Laufe der Jahre angeeignet habe plötzlich nicht mehr ernstgenommen werde und nur aufgrund von Äußerlichkeiten falsch behandelt werden würde. Wenn ich mich in meinem Job "austobe", denke ich auch keine Sekunde an Christiane. Da gehe ich männlich dominant und hartnäckig als Pragmatiker in meinem Wirken als Projektleiter auch total auf. Ich glaube da brauche ich auch die scharfe Trennung Mann/ Frau, um mich auf meine Aufgaben konzentrieren zu können. Ich habe da (noch) nicht das Gefühl als würde ich etwas vermissen. Das geht dann bis zum Feierabend oder Wochenende gut, aber dann schlagen die Sehnsüchte in mir Kapriolen"¦
Feminine Kleidung, elegante Schuhe, lange Haare (Perücke), Schmuck und Schminke sind meine zweite Haut, darüber spiegele ich meine wahre Identität nach aussen und so möchte ich wahrgenommen werden. Nur so fühle ich mich authentisch und glücklich. Ich schaue dann an mir herunter und höre mich sagen "Das ist das Richtige, alles andere ist nur Verkleidung""¦
Jetzt in Zeiten von Corona im Homeoffice seit Mitte März ist das Pendel Mann/ Frau zunehmend mehr und mehr in Richtung Christiane ausgeschlagen, die immerwährenden Sehnsüchte erwachen mehr und mehr zum Leben. Wenn morgens Frau und Kinder aus dem Haus sind habe ich mich geduscht, rasiert, geschminkt und Christiane kam zum Vorschein. Und sobald wieder Leben ins Haus kam, verschwand Christiane wieder in der Versenkung. Und es tat mir dabei richtig weh"¦
Bis mich vor gut 2 Monaten die Sehnsüchte nach Christiane irgendwann nicht mehr einschlafen oder durchschlafen ließen. Ich verspürte innerlich eine nie gekannte Unruhe und Rastlosigkeit, gemischt mit purer Verzweiflung, wie es mit mir weitergehen sollte. Das gipfelte in ein Gefühl wie in einem Dampfkochtopf. Ein immenser Druck lastete auf mir und ich spürte massiv, dass sich in meinem Leben etwas Großes verändern müsste... Das konnte auch nicht mehr länger warten, dem Leidensdruck konnte ich nun nicht mehr standhalten und ablenken ging schon gar nicht mehr. Und unter Ablenken zählt hier für mich auch das Spielen mit den Kindern. Und das spüren Kinder auch"¦
Wenn frau das Gefühl bekommt, das das Leben der eigenen Identität wichtiger wird als das bürgerliche Leben mit Ehefrau, 16 Jahren Ehe, Eigenheim, gutem Verdienst, interessantem Job und 2 Kindern (8 und 11 Jahre). Und wenn einem dann alles so egal wird, frau Ihr bisheriges Leben aufs Spiel setzt nur um dann endlich frei zu sein, endlich auch mal an sich zu denken, nicht nur Glück zu schenken sondern auch mal wahres Glück abseits aller materiellen Glücksbringer zu empfangen. Ich weiß, da kommen die Moralapostel: "Du hast willentlich 2 Kinder in die Welt gesetzt, dafür hast auch Du jetzt die Verantwortung." Aber wenn Dir das Ganze dann über den Kopf wächst und Du aus purer Verzweiflung, hin und hergerissen zwischen der Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen als Mann und Verantwortung als Vater und der Glückseligkeit, endlich so zu sein, wie ich immer schon sein wollte, dann kommen Dir irgendwann die Gedanken ein für alle Mal Schluss zu machen und deinem Leben ein Ende zu bereiten und allem zu entfliehen...
Das konnte ich meiner Therapeutin, die mich jetzt schon über 4 Jahre begleitet auch sehr gut erklären aber halt meiner Frau gegenüber habe ich halt total immer die berühmten Muffensausen, eine Mischung aus Scham und Angst vor Verachtung und womöglich verstoßen zu werden (trotzdem sie eigentlich meine Entwicklung kennt und ich Sie mit meiner Neigung nicht überfallen habe). Meine Frau kennt meine feminine Seite, seitdem wir zusammengekommen sind. Als ich zum ersten Mal die Hosen heruntergelassen habe, stand ich in einer Feinstrumpfhose vor Ihr. Ich habe Ihr damals auch meine Schuh-Regale und meine Klamotten gezeigt, frei nach dem Motto "Akzeptiere es oder ziehe die Konsequenzen für Dich (meine Frau gemeint)". Auch habe ich nie ein Hehl daraus gemacht, dass meine Beziehung und meine weibliche Seite in der Rangfolge auf einer Stufe stehen. Wir haben uns in dieser Hinsicht viel aneinander gerieben und dennoch stehen wir heute seit gut 20 Jahren Seit an Seit beieinander.
Bisher habe Ich Christiane Ihr gegenüber immer nur heimlich genossen. In der Öffentlichkeit oder in der SHG, fern von Familie, Freunden und Beruf bewege ich mich wie selbstverständlich als Christiane, da habe ich überhaupt keine Scheu und noch nie negative Erfahrungen gemacht. Ich begegne den Menschen offen als sei es für mich das natürlichste auf der Welt Frauenkleidung zu tragen. Oder ich hole Sie z.B. mit einem Kompliment aus Ihrer kurzen Verlegenheit, wenn Sie mit einem Fragezeichen auf der Stirn vor mir stehen, nicht wissend, "in Schublade sie mich hineinstecken sollen"¦"
Aber nun spürte ich deutlich, dass es mit diesem zwiespältigen Verhalten und dem inneren Konflikt zwischen den Welten Familie und Gesellschaft so nicht mehr weitergehen konnte. Irgendwann hatte ich alleine im Auto so einen dermaßen Wutausbruch, ich schrie mich im Rückspiegel an "Ich will mich nicht mehr verstecken müssen" und war kurz vor einem mentalen Zusammenbruch. Aus dem starken Gefühl heraus, jetzt irgendetwas bewegen zu müssen habe ich einen gemeinsamen Gesprächstermin mit meiner Therapeutin und Ehefrau vereinbart. Vorher war eisiges Schweigen zwischen uns, es lag was in der Luft. Für mich hatte ich mir schon ausgemalt, das Gespräch wird eskalieren und wir fahren getrennt heim. Nie war ich mir mehr bewusst, dass ich vor den Scherbenhaufen meiner bisherigen Existenz stand.
Aber irgendwie haben sich die Dinge im Laufe des Gesprächs dann ganz anders entwickelt, aus dem Schwarzweiß blühte im Laufe des Gesprächs irgendwann ein Pflänzchen Hoffnung und es eröffneten sich plötzlich neue Möglichkeiten, die ich nie für möglich erachtete"¦ Als ich unter Tränen meiner Frau irgendwann meine abgrundtiefe Verzweiflung mit der Situation offenbaren konnte, nahm Sie mich in den Arm und bestätigte mir Ihre Liebe mit einem tiefen Kuss. Sie hat mich seit Sie mich kennen gelernt hat immer für meine feminine Ader und Ansichten sehr geschätzt. Ich war schon immer sensibler, feinfühliger, empathischer aber auch "zickiger" als die Anderen. Das hat Sie mir in meiner schwersten Stunde auch ganz klar noch einmal vor meiner Therapeutin bestätigt. Ich glaube Sie hat es für den Erhalt der Familie schließlich akzeptieren "müssen", dass ich meine feminine Seite mehr und mehr auch nach Aussen hin zeigen muss. Ich glaube Sie konnte in diesem Moment ehrlich nachvollziehen, dass es mich sonst in den Abgrund ziehen würde und dann gäbe es nur Verlierer.
Der Deal ist nun folgender:
Zuhause im Kreise der Familie keine Perücke, keine Strumpfhose und kein Kleid. Ab Oberkante Hals sollte ich weiterhin als Ehemann und Vater erkennbar bleiben. Meine Kinder sollen mich weiter Papa nennen dürfen und für Sie bleibe ich der Christian. Aber zum Beispiel sind Ballerinas, Langschaftstiefel, lila DocMartens mit Plateau, Skinny-Jeans oder Leggins, schmale lange Trägertops, Cardigans oder Blusen in untersch. Farben und leichtes Tage-Make-Up für Sie jetzt akzeptabel. Wenn ich denn als Christiane alleine das Haus verlassen wollte, dann könnte ich mich zuhause auch komplett umziehen & schminken und muss mich dafür nicht mehr auf einem dunklen Parkplatz verstecken. Ihre Worte waren: "Die Nachbarn werden zwar erst dumm gucken, aber irgendwann werden auch sie es nicht mehr besonders finden — man gewöhnt sich halt an alles, lass sie doch reden"¦".
Aber wir sagen wir es den Kindern ? Sie bemerken natürlich auch meinen Veränderungen, sehen mich aber dabei wesentlich glücklicher als zuvor. Wie gehen wir damit um, wenn Sie über Andere mit meiner Veränderung negativ konfrontiert werden ?
Liebe Grüße
Christiane