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Kriegsherren, Erklärbären, Sunnyboys: Männer für die Krise
23. April 2020
Sie strahlen Selbstsicherheit aus, haben auf alles eine Antwort und fahren anderen über den Mund: Die Krise gebiert die Sehnsucht nach dem "starken Mann". Seit Mitte März gibt es davon auffallend viele in den Medien. Die weibliche Hälfte der Bevölkerung hat das Nachsehen.
tl;dr "Die Krise verstärkt, was schon vorher gut und was schlecht war" - sprich: auch die bekannten (schlechten) Mechanismen selbstverstärkender männlicher Dominanz, die nichts mit Kompetenz zu tun hat, sondern nur mit in den Vordergrund drängeln.
Ein paar Zitate, weil ich nicht weiss, wie lange der Artikel offen bleibt.
Zwar tut es allen leid, aber am Ende reproduziert sich das männlich dominierte System so immer wieder selbst: Männer empfehlen Männer, die dann auffallen und von Männern aufgegriffen werden. Die Medien sind dabei Helfershelfer der Ungleichheit.
Gerade in Krisenzeiten scheint sich diese Reproduktionsschleife noch zu verstärken: Männer ziehen die Macht an sich. "Die Väter gehen weiter in die Redaktion, die Mütter bleiben mit den Kindern im Home Office", sagt eine Redakteurin beim SWR. Auch das Home Office selbst ist offenbar abträglich für gleichberechtigte Entscheidungen. Die Pariser Gleichheits-Beauftragte Calvez erzählt, in vielen Redaktionen würden nun nicht mehr größere, diverse Gruppen über Titel und Themen entscheiden, sondern alleine die Ressortleiter. Auch die Diskussionen in Videokonferenzen seien von Männern geprägt.
Frauen treffen andere Entscheidungen
Die Ungleichheit gilt auch für die andere Seite des Mikrofons. Viele Medien tun sich schwer damit, Expertinnen zu finden. In der Coronakrise ist der Grund schnell ausgemacht: In vielen Berufen, besonders in den medizinischen, sind mehrheitlich Männer auf den Chefposten. Gabriele Kaczmarczyk, die Vizepräsidentin des Deutscher Ärztinnenbundes, hat nachgerechnet: Sie hat 25 Virologen und drei Virologinnen gefunden. "Das ist die übliche Verteilung in der Medizin", sagt die pensionierte Anästhesistin und Gastprofessorin an der Berliner Charité. Trotzdem müssten gerade die wenigen Virologinnen befragt werden — denn das mache nicht nur für die Gleichheit, sondern auch bei den Inhalten einen Unterschied.
Kaczmarczyk hat an dem von ihr gegründeten Lehrstuhl für "Frauenspezifische Gesundheitsforschung" an der Charité herausgefunden, wie unterschiedlich Frauen und Männer in der Medizin arbeiten. "Ärztinnen verabreichen beispielsweise seltener schwere Medikamente, raten häufiger von teuren Operationen ab. Und haben damit zumeist bessere Ergebnisse. Es ist für eine Epidemie unerlässlich, ihre Expertise anzuhören."
Für Redaktionen ist es aufwändiger, Expertinnen ausfindig zu machen. Aber viele machen es sich einfach — und laden immer dieselben Experten ein, die einmal als "sprechfähig" abgespeichert wurden. Eben die, die einmal im Karussell der Wichtigkeit sitzen. Verstärkt wird das noch, wenn weibliche Redakteure durch die Kinderbetreuung nicht voll arbeiten können.
"Tatsächlich müssen sich Redakteurinnen mehr anstrengen, um Expertinnen zu finden", sagt ProQuote-Sprecherin Heitkämper, die für das Gesundheitsmagazin "Visite" im NDR arbeitet. Es gebe exzellente Virologinnen und Infektiologinnen: neben Melanie Brinkmann oder Marylyn Addo zum Beispiel auch Dunja Bruder, Sandra Ciesek oder Katrin Leitmeyer vom European Centre for Disease Prevention and Control. "Wir müssen bewusst Frauen zu Wort kommen lassen, das sollte selbstverständlich sein — sonst erklären uns Männer die Welt, und wir Frauen nicken brav."
Fun-Fact: Die britische Virologin June Almeida hatte das Corona-Virus in den 1960er Jahren entdeckt und ihm seinen Namen verliehen. Ihre Leistung wurde zunächst lächerlich gemacht: Die Gutachter befanden, dass die von Almeida produzierten Fotos einfach nur schlechte Bilder von ganz normalen Grippeviren seien.
Wie "mansplaning" aussehen kann, lässt sich bei "Anne Will" beobachten. In den vergangenen vier Sendungen der Talkshow traten sechs Frauen und fünfzehn Männer auf.
Am 15. März, kurz vor der Kontaktsperre, war es noch formal ausgeglichener. Es saßen genau so viele Frauen wie Männer in der Runde: Cerstin Gammelin von der SZ, Angela Inselkammer, Chefin des bayerischen Hotelverbandes, und Claudia Spies, Leiterin der Intensivmedizin an der Charité.
Trotz der paritätischen Besetzung zeigt die Sendung, was Forscherinnen und Forscher schon lange beobachten: Die Selbst- und Fremdzuschreibung von Autorität ist bei Männern um ein Vielfaches höher. Anders ausgedrückt: Männer halten sich für kompetenter und werden von anderen als kompetenter eingestuft — unabhängig von ihrer tatsächlichen Weisheit.
In diesem Fall bemerkenswert: Der Auftritt von Alexander Kekulé, Mikrobiologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der Wissenschaftler tourt gerade durch die Talkshows. Kékulé, so viel sagen schon mal die Sekundenzähler, spricht in der Sendung von Anne Will rund elf Minuten. Die Berliner Anästhesie-Professorin Spies spricht weniger als acht Minuten. Schwerer als der Redeanteil wiegt aber die dominante Haltung von Kekulé: Er gibt den Erklärbär der Runde.
Als SZ-Wirtschaftsexpertin Gammelin sagt, niemand könne vorhersagen, wie lange die Einschränkungen in der Epidemie andauern würden, ruft Kekulé ungefragt: "Doch doch, ich kann das." Und prophezeit — "aber nageln Sie mich nicht fest" —, dass mit den Osterferien alles vorbei sein dürfte. Das ist zwar nicht so gekommen, aber spielt letztendlich auch keine Rolle: Kekulé hat sich behauptet und den starken Krisenmanager markiert.
Am Ende der Sendung fährt Kekulé sogar seiner Kollegin Spies über den Mund: Als diese die Symptome für Corona aufzählt — Husten, Fieber, Gliederschmerzen, Schnupfen — unterbricht er sie mit einem lauten: "Nein, das stimmt nicht. Schnupfen gehört nicht zu den typischen Symptomen." Was faktisch falsch ist, denn Schnupfen ist laut Robert-Koch-Institut sehr wohl ein Indiz und tritt in rund 22 Prozent der Fälle als Symptom auf.
Aber egal, Anne Will entzieht nun der Ärztin Spies das Wort und erteilt es Kekulé. "Dann sagen Sie doch einmal, was richtig ist." Kekulé: "Also, Schnupfen ist eher sekundär." Letzter Wortbeitrag der Sendung. Am Sonntag den 19. April war Kekulé übrigens wieder bei Anne Will, nicht Claudia Spies oder eine ihrer Kolleginnen.
Die Moral dieser Geschichte: Wissenschaftler verkaufen sich erfolgreicher als Wissenschaftlerinnen in den Medien. Was nicht heißt, dass ihr Produkt, also ihr Wissen größer ist. Allein die Verkaufe ist besser.