Ich nehme jetzt wieder meinen ganzen Mut zusammen und schreibe hier ins Forum. Ich bin einfach zu schüchtern, um mich groß zu beteiligen, aber langsam fällt mir die Decke auf den Kopf.
Wegen den Ausgangsbeschränkungen, die momentan aufgrund vom Coronavirus/COVID-19 herrschen, habe ich viel Zeit über alles nachzudenken und das ist nicht unbedingt gut. Ich werde oft von depressiven Gedanken heimgesucht, die mich dann nicht mehr los lassen. Eigentlich bin ich schon recht weit gekommen - für meine Verhältnisse. Bei meinen Freunden und meinem Bruder habe ich mich als transsexuell geoutet und bekomme sowohl von meinen Freunden als auch von meinem Bruder viel Unterstützung. Vor allem meinem Bruder bin ich sehr dankbar dafür. Wir gehen durch dick und dünn.
Was mir jedoch noch bevorsteht ist das Outing bei meinen Eltern und meinen Verwandten. Das werde ich allerdings erst nach diesem Sommersemester angehen, weil ich gerade sehr viel Stress mit meinen Abschlussprüfungen habe und ohnehin mental sehr schwach bin gerade. Aber ich muss trotzdem bei jedem Telefonat mit meinen Eltern daran denken, dass ich sie enttäuschen werde, wenn ich nicht der "Bilderbuch-Mann" werde, den sie sich wünschen; mit Frau, Kindern und einem gemeinsamen Haus für die komplette Familie.
Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema: Habt oder hattet ihr auch mal Schuldgefühle euren Familien gegenüber? Wie geht ihr damit um? Warum schäme ich mich dafür, dass ich transsexuell bin?
Dazu möchte ich euch noch ein paar Informationen zu meinem Hintergrund geben. Ich bin in einem familiären Umfeld groß geworden, das eine Kombination aus den mitunter homophobsten und transphobsten Kulturen ist. Meine Mutter kommt aus Russland und mein Vater aus Tadschikistan, einem religiösen islamischen Land. Themen wie Transsexualität waren immer ein Tabuthema, meine Familie hat mir immer das Gefühl gegeben, dass es verwerflich ist, wenn man trans, schwul oder nichtbinär ist. In Russland ist es ein Verbrechen. Wobei ich ehrlich gesagt das Gefühl habe, dass meine Verwandten noch negativer dem Ganzen gegenüber stehen als meine Eltern.
Dennoch ist mir klar, dass ich es nicht mehr lange verschweigen kann. Obwohl ich noch so jung bin, habe ich genug davon eine falsche Rolle zu spielen. Ich weiß, dass ich nie glücklich werde, wenn ich mich verstelle. Und dennoch quälen mich Gewissensbisse. Ich liebe meine Eltern, auch wenn sie mich nicht immer gut behandelt haben, und ich will sie nicht enttäuschen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie verlieren werde oder meine Verwandten und meine Eltern auf ewig mit der "Schande" leben müssen. Tut mir leid für die harte Wortwahl, aber genau solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, weil ich in so einem Umfeld groß geworden bin. Ich habe sogar von meiner Mutter schon mehrfach gehört, dass sie transsexuelle und homosexuelle Menschen ekelhaft findet. Es tut einfach sehr weh so etwas von der eigenen Mutter zu hören und das bremst mich sehr in meiner Entwicklung aus.
Ich weiß, dass ich jetzt den richtigen Weg gehe, ich bin in Therapie, aber ich habe Angst vor der Zukunft. Ich fühle mich nicht gut genug und schäme mich. Was kann ich tun?