Liebe Joe,
zunächst herzlichen Dank für Dein freundliches Statement:
Joe95 hat geschrieben: So 18. Aug 2019, 14:56
Liebe Diva, was ich dir noch sagen wollte:
Du bist ein ganz besonderer Mensch, viel mehr als nur dein Geschlecht.
Ich hoffe, du bekommst deshalb keinen (weiteren) Ärger, da meine Person offenbar ziemlich die hiesigen Gemüter spaltet. Es geht soweit, dass hier einige allen Ernstes nicht nur am Wahrheitsgehalt meiner Posts, sondern an der Existenz meiner Person zweifeln - lach. Leider hab ich Schwerwiegenderes zu stemmen, als mich mit solchen Witzigkeiten auseinanderzusetzen.
Heute kann ich mir den Titel deines Threads auch auf meine Fahne schreiben. Vom ersten August an bis gestern stand da noch:
"Ich hasse das Leben!". Genau - nicht nur meines, sondern allgemein diesen aufgezwungenen Zustand von Materie, gegen den man sich kaum wehren kann.
Joe95 hat geschrieben: So 18. Aug 2019, 14:56
In letzter Zeit habe ich vermehrt das Gefühl akzeptiert zu sein.
Es scheint da auch eine Wechselwirkung mit dem Outfit zu geben. Je mehr ich mich akzeptiert fühle, um so leichter finde ich ein wohlfühl-Outfit und je wohler ich mich (in meinem Outfit) fühle, um so akzeptierter fühle ich mich.
Und zwar als ich selber. Mag sein, dass mich nur die wenigsten als Frau sehen, aber ich sehe es als Teil der Akzeptanz wenn das Geschlecht gar kein Thema ist.
Mein erster Gedanke war "wie wärs mit akzeptieren?". Einfach gesagt, wenn man - wie ich - in der glücklichen Lage ist mit "Trans" leben zu können.
Aber es hat was. Kein Stress mit dem Passing. Kein Missgendern, weil ja beides gleichermaßen falsch wie richtig ist. Einfach frei sein, kein Zwang sich einem Geschlecht entsprechend verhalten zu müssen, denn meine Weiblichkeit ist die mir angeborene, da ist nichts antrainiertes oder gelerntes.
Liebe Joe, ich hatte dir schon vor etlicher Zeit ein ausführliches Kompliment für dein neues sympathisches Avatar-Foto und vor allem deine unglaubliche Zuversicht, Stärke und Zufriedenheit gemacht, wie du dein sicher keineswegs leichtes Leben meisterst. Ich wiederhole das gerne. Es wundert mich nur, dass du dich erst jetzt "angekommen" fühlst. Mein Eindruck war, dass du dieses Ziel bereits erreicht hättest.
Mit Trans leben wäre kein Problem, wenn die "normalen" Leute im Zwischenmenschlichen daraus kein Problem machen würden. Ich habe keine Schwierigkeiten im Alltag auszustehen, kein Missgendering, keine blöden Blicke oder gar Sprüche. Im Gegenteil: Ich erhalte mehrmals wöchentlich von fremden Männern auf offener Straße Komplimente (am Tage) oder werde spontan gegrüßt. Kein dumpfes Pfeifkonzert, nein, sehr respektvoll und nett formulierte Sätze von smarten Typen zwischen 30 und 50. Aber leider ist das nur eine Facette meines "Lebens". Ich nenne es lieber Dahinvegetieren, wenn auch nicht auf niedrigstem ökonomischem Niveau. Denn das Letzte, was mir dank meines unglaublichen Egoismus der Transiton blieb, war meine materielle Basis. Der Rest - also alles Menschliche - ist weg.
Ich kann mein Trans bislang nicht akzeptieren, weil es mir die Isolation beschert hat, mir täglich die Luft auf Arbeit vergiftet und beinahe jede Chance auf einen neuen Freundeskreis oder gar Partner nimmt. Immer wieder wird mir in diesen Bereichen auf brutalste Art und Weise gezeigt, wo ich hingehöre: in den Mülleimer der Gesellschaft. Darum gleicht es einem Wunder, dass ich vor 6 Wochen den Mann meines Lebens fand - oder er mich. Er ist überhaupt der erste Mensch, der mir begegnete, der mich rundum akzeptiert und obendrein liebt, wie ich bin, mit all meinen anstrengenden (Diva-)Allüren, Macken, Ansprüchen usw. - vor allem mit der "Erbsünde", in einem Geschlecht geboren zu sein, in dem ich nicht lebe.
Das hat mir bereits ein Stückweit geholfen, mich selbst besser anzunehmen und u.a. auch die GAOP unter einem neuen Blickwinkel zu sehen.
Aber unsere Krisen sind heftig. Wenigstens hab ich auf Arbeit 2 Freundinnen, die mir etliches im Verhalten der Kerle erklären können. Da ich selbst nie "richtig" Mann war, sind mir auch die typisch männlichen Verhaltensmuster unbekannt. Allerdings bekamen sie diese Art von Problemen erst nach einem Jahr Beziehung womit wir uns schon jetzt herumschlagen.
"Ich freue mich auf die Zukunft" wenn ich mit 160 km/h auf der Gegenspur auf einen Schwerlaster zupresche, die nächsten Tage deshalb unter Schock stehe, wenn ich tagelang im Hungerstreik bin, wochenlang mit 2 Stunden Schlaf auskommen muss (nicht wegen Parties wohlgemerkt und Alkohol trinke ich keinen) und über 180 Puls habe, wenn ich mir Abend für Abend den Arm aufschneide? Das waren meine letzten Wochen. Er hatte mich an meinem Geburtstag sitzen lassen, ich brach mitten in einer Schulung in meinem schönen weißen Retro-Kreuzfahrt-Kleid zusammen, lag ein paar Stunden später erneut mit einem kleinen scharfen Gegenstand im Bett ... Die Freude auf die Zukunft beschränkte sich darauf, dass
Zukunft auch zwangsläufig
Tod bedeutet.
Heute nun der Durchbruch nach dem Schlussmachen - ein Neuanfang. Wir haben beide viel aus dem Desaster gelernt, hoffe ich. Nach drei Wochen Hölle sehen wir uns wieder, planen unseren ersten kleinen Liebesurlaub. Aus einem Persönlichkeitstest der psychologischen "Big Five" weiß ich, dass ich angeblich zu den obersten 10% der Deutschen in Sachen Sensibilität, Impulsivität und Verletzlichkeit zähle. Das hab ich irgendwie geahnt und mein Liebster kann es zweifelsfrei allein aus den paar Wochen bestätigen, denke ich ...
Dazu kommt das Hormon-Chaos durch die HET, zusätzlich angeheizt durch extremste Verliebtheit, die selbst bei "Normalen" alles durcheinander würfelt.
Ich weiß, wie dumm es ist, alles auf eine Karte zu setzen. Aber ich hab nur die Eine und auf der steht zum Glück gerade im Moment dein Slogan:
"Ich freue mich auf die Zukunft" und ich hoffe, bete drum, dass es lange so bleibt.
Liebe Grüße
-Diva