Gefahr des Minderheitenbewusstseins
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Lebensplanung, Standorte
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ExuserIn-2020-07-10
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Gefahr des Minderheitenbewusstseins

Post 1 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2020-07-10 »

Am Wochenende habe ich ein Seminar zum Thema Queer-sein besucht.

Dabei wurde eine Methode angewendet, bei dem sich die Gruppe zu zwei Aussagen positionieren sollte. HAB ICH und HAB ICH NICHT.

Die erste Frage war, ob man Geschwister hat. Alle positionieren sich. Nach ein paar weiteren Fragen ging es dann zu Geschlechterspezifischen fragen weiter.
HAST DU MIT AUTOS GESPIELT?

Ich wusste schon wie die nächste Frage lauten würde und da kam sie auch schon.
HAST DU MIT PUPPEN GESPIELT?

Ich stellte mich zu der Gruppe wo ich dachte die steht für HAB ICH.

Nach weiteren fragen wie, HAST DU PINKE SACHEN und HAST DU MAL EIN KLEID ODER ROCK GETRAGEN, wurden die Fragen wieder Geschlechtsunspezifischer. Aufeinmal fällt mir auf das ich mich immer zu HAB ICH NICHT gestellt hab. Was nicht stimmte und ich dachte ich stehe richtig.

Ich war komplett durch den Wind.

Was war passiert?

Ab dem Moment der ersten Geschlechterfrage mahte es bei mir klick und ich stellte mich immer zu der Gruppe wo ich meinte die steht für ICH HAB ... pinke Sachen, Kleider getragen. Die Gruppe war kleiner als die andere und ich hab geglaubt die größere Gruppe würde sich eben immer zu der HAB ICH NICHT Antwort stellen.

Anscheinend habe ich mich automatisch als Minderheit gesehen.

Das zeigte mir aber noch etwas, die Mehrheit (also der Mainstream) ist viel weiter als ich gedacht hab.

Gerade in der Onlineszene rumzuhängen hat in mir so ein falsches Bild von der Umwelt geliefert, dass ich ganz vergessen hab wie weit eigentlich die reale Umwelt ist. Und in mir hat sich so ein starkes Minderheitenbewusstsein etabliert das ich quasi mit gebalter Faust durch die Gegend gehen.

Das erinnert mich an Big Brother UK mit Courtney Act und India. India ist eine trans Frau und fühlte sich von jeden Angegriffen. Dabei waren die Promis überwiegend sehr tollerant und respektvoll. Während India also mit gebalter Faust sich in einem unnötigen Verteidigungsrolle brachte, hat sie sich von der Gruppe distanziert, und hat damit selbst ihre Opferrolle bestätig.

Courtney hingegen hat durch ihre soziale, offene und positive Art dir Leute sogar etwas aufklären können.

Ich hab mich also gerade durch die Beschäftigung innerhalb der Transcommunity selbst in eine Verteidigungsrolle gebracht und dabei übersehen das ich mich gar nicht verteidigen muss.

Das ist auch ein Grund warum ich mich von solchen Communityseiten zunehmend zurück ziehen werde.
ExuserIn-2019-12-18
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Re: Gefahr des Minderheitenbewusstseins

Post 2 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2019-12-18 »

Toni Smith hat geschrieben: Sa 13. Apr 2019, 10:19 Ich hab mich also gerade durch die Beschäftigung innerhalb der Transcommunity selbst in eine Verteidigungsrolle gebracht und dabei übersehen das ich mich gar nicht verteidigen muss.

Das ist auch ein Grund warum ich mich von solchen Communityseiten zunehmend zurück ziehen werde.
Hallo,

spannend von Deiner Erfahrung und Selbstreflexion zu lesen. Danke für das Teilen. Was Du da entdeckt hast, ist aber wohl kein typisches Trans*Ding, meine ich. Insofern kann ich Deine Schlussfolgerung nur teilweise nachvollziehen.... denn, offensichtlich liegt das "Problem" ursächlich ja bei Dir und nicht bei der Community. Durch ein Zurückziehen löst Du Dein Selbstwertproblem (?) nicht, sondern vermeidest nur darauf hingewiesen zu werden ... das werden dann früher oder später wahrscheinlich Andere übernehmen.
Dennoch kann es für Dich gut sein, Konflikten aus den Weg zu gehen und für Dich auch mal wieder zur Ruhe zu kommen! Außerdem ist eine Community nur solange wichtig und interessant, solange man ein gemeinsames Thema hat. Wird das Thema weniger präsent, wird vermutlich auch die Verbindung in die Community lockerer .... ganz normal, meine ich.

Liebe Grüße
Vanessa
Vincent
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Re: Gefahr des Minderheitenbewusstseins

Post 3 im Thema

Beitrag von Vincent »

Hallo Toni,
ich finde dein Erlebnis recht spannend, gerade weil ich mir vorstellen kann, selbst in eine ähnliche Situation zu geraten.

Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht, und trotzdem bin ich immer leicht angespannt, wenn ich das Gefühl habe, mein Aussehen könnte Kritik hervorrufen, weil es nicht der gesellschaftlichen Norm (wie ich sie interpretiere :roll: ) entspricht. Ich versuche das zu ändern, aber so ganz gelingt es mir noch nicht.

Auf der anderen Seite verändern Foren und Gemeinschaften wie diese auch den Blick auf die Realität. Leute und Situationen, die in anderen sozialen Gruppen u.U. tagelang Gesprächsstoff liefern, fallen mir oft erstmal nicht auf, erst wenn ich darüber nachdenke, oder die Reaktion anderer Leute bemerke, kommt mir wieder in den Sinn, wo die Mehrheitsmeinung liegt.

Manchmal finde ich es schon fast etwas schwierig. sich die Realitäten vor Augen zu halten, sich aber nicht davon auf der anderen Seite selbst wieder einschränken zu lassen.
LG

Vincent
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Re: Gefahr des Minderheitenbewusstseins

Post 4 im Thema

Beitrag von sbsr »

Kurz zum Verständnis, war es bekannt, wo man sich hinstellen sollte bzw. welche Gruppe für was steht, oder musste man die Anderen einschätzen und daraus selbst folgern, welche Gruppe welche ist?
LG, Svenja

Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Joe95
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Re: Gefahr des Minderheitenbewusstseins

Post 5 im Thema

Beitrag von Joe95 »

Ich versuche mal das ganze zu verstehen.

Bei der Frage ob du etwas genderspezifisches besitzt oder tust/getan hast denkst du nicht einmal daran einfach zu antworten was zutrifft, sondern du antwortest was du vermutest was wohl die erwartete Antwort sein könnte.
Mit anderen Worten:
Bei all deinen Gedanken um Transition/Detransition geht es dir garnicht um dich, sondern darum, das du tun möchtest was du vermutest was jemand von dir erwarten könnte...

Auch wenn diese Gedanken jetzt nicht genau richtig sind, es wundert mich nicht mehr das du Probleme damit hast.
Nichts gegen Zweifel, sie gehören dazu und festigen, wenn sie dann beseitigt sind, deinen Weg. Zweifel werden immer wieder kommen und ich halte es eher für gefährlich wenn sich jemand seiner Sache zu sicher scheint.
Aber Transition und Detransition vertragen sich nicht mit dem Bedürfnis sich überall anzupassen, denn sie sind das genaue Gegenteil, sie sind das loslösen von Erwartungen, die von aussen kommen.
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...
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Re: Gefahr des Minderheitenbewusstseins

Post 6 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Mir sind auch schon einige Menschen mit "der Faust in der Tasche" begegnet, aber auch Menschen, bei denen ich die Faust in der Tasche geballt habe.

Bei ersteren steckt nach meinen Beobachtungen oft eine lange Geschichte von Demütigungen und Gewalt aller Art dahinter. Dinge, die ich nie erlebt habe, abgesehen vielleicht vom Mobbing in der Schule und das ist lange her. Ich habe die ständige Verteidigungshaltung aber auch als negativ für mich wahrgenommen. Es zieht mich runter und verhindert, dass ich mich positiv engagieren kann. Ich dosiere deshalb inzwischen auch, wie viel davon ich mir antue.

Bei den anderen vermutlich fehlt oft einfach das Verständnis, wie blöde Bemerkungen, ständig die gleichen "Witze", Mikroaggressionen und plattes, unsensibles Unverständnis einen Menschen zermürben können, bis der Kragen irgendwann platzt. Die haben entweder nie erlebt, bei irgendwas ausgegrenzt, abgewertet, an den Rand geschoben zu werden, oder sie haben sich damit abgefunden - oder sie kompensieren es dadurch, dass sie sich an anderen austoben. Ich übe aber auch noch, diese Typen auseinander zu halten und flexibel darauf zu reagieren.
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Re: Gefahr des Minderheitenbewusstseins

Post 7 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Toni Smith hat geschrieben: Sa 13. Apr 2019, 10:19 Gerade in der Onlineszene rumzuhängen hat in mir so ein falsches Bild von der Umwelt geliefert, dass ich ganz vergessen hab wie weit eigentlich die reale Umwelt ist. Und in mir hat sich so ein starkes Minderheitenbewusstsein etabliert das ich quasi mit gebalter Faust durch die Gegend gehen.
Hi Toni,

ich denke, Du beschreibst ein Phänomen, dass nicht unbedingt mit Onlineszenen, sondern eher mit fehlender Distanzierung zu tun hat. Wenn man intensiv online unterwegs ist, ist die Gefahr groß, dass man alleine schon aus der zeitlichen oder gedanklichen Präsenz in einer Gruppe zu dem unbewussten Schluss kommt, dass das der Realität nahe kommt. Mir ist schon oft aufgefallen, dass transmenschen mit geballter Faust in der Tasche durch die Gegend gehen oder besser gesagt, dass sie sehr sensibel reagieren. Mir geht es nicht anders. Eine scherzhafte Bemerkung meiner Frau über Trans werte ich sofort als Kritik.

Das Problem liegt aber nicht bei meiner Frau, sondern bei mir und meinen Wertungen. Als mir das klar wurde, konnte ich auch daran arbeiten, nicht mehr so empfindlich zu reagieren. Ich lasse mich heute nicht mehr so leicht verletzen. Aber ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, mich von meiner Frau zu distanzieren.
Toni Smith hat geschrieben: Sa 13. Apr 2019, 10:19 Während India also mit gebalter Faust sich in einem unnötigen Verteidigungsrolle brachte, hat sie sich von der Gruppe distanziert, und hat damit selbst ihre Opferrolle bestätig.
Ich kenne zwar die Sendung nicht, aber genau so ist es. Man bringt sich selber in die Opferrolle oder anders gesagt, "die Anderen sind schuld, dass ich mich schlecht fühle". Das bedeutet, die Verantwortung für das eigene Empfinden auf Andere abzuwälzen. Auch ein Weglaufen ist keine Lösung, da das grundsätzliche Problem nicht beseitigt wird. Onlineszenen können sehr hilfreich sein, da man in sehr kurzer Zeit viele Dinge für sich selber erkennen kann. Aber es geht auch darum, eine kritische Distanz einzuhalten, die mir erlaubt, das heraus zu filtern, was mich weiter bringt.
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
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