Ich weiß irgendwie nach insgesamt 20 Jahren noch immer nicht so ganz was ich denn nun bin.
Erstmals gespürt habe ich da was um 1999/2000 mit 14, als ich einen Internetzugang bekam. In einem Forum zu meiner damaligen Lieblingsshow habe ich mich als Frau angemeldet. Ich weiß gar nicht warum. Weder wollte ich damit Leute trollen noch anbaggern. Ich habe mir dennoch dieses Alter Ego geschaffen und war nach der Schule immer glücklich, wenn ich meine normale Existenz ablegte um sie zu sein. Das Thema Transsexualität existierte in meiner Wahrnehmung gar nicht. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, da kam man damit nicht in Berührung und im Fernsehen stieß ich nie auf eine Sendung. Auch wenns sich blöd für eine damals heranwachsende anhört: Ich wusste gar nicht, dass geschlechtsangleichende Operationen möglich sind.
Leider schlief dies irgendwann ein, auch weil mir meine Eltern den Zugang strichen, nachdem ich 3 Mal in Folge die Telefonrechnung gesprengt hatte (wir haben wir nur ohne Flatrate überleben können...).
Das nächste Mal, dass ich was für mich erkannt hatte, war dann um 2005. Immer öfter kam mir der Gedanke, dass ich lieber eine Frau wäre. Wenn ich über eine Beziehung mit einer Frau nachdachte, sah ich mich dabei eigentlich immer ebenfalls in einer weiblichen Rolle, nie männlich.
In einem Hilfeforum für jüngere Transgender hatte ich andere Betroffene kennengelernt, mich auch mit mehreren getroffen um Erfahrungen auszutauschen. Ich ging damals auch erstmals zu einem Psychotherapeuthen und hatte das Ziel vor Augen eine Frau zu werden. 2007 sollte dann der ganz große Schritt kommen. Mein Studium in einer neuen Stadt sollte der nächste entscheidene Schritt zur Frau sein, von Tag eins an wollte ich weiblich auftreten. Tja, es wäre so schön gewesen, denn dann brach alles in sich zusammen. Ich ging am ersten Tag zu den Einführungsveranstaltungen und entdeckte dabei den letzten Menschen, dem ich begegnen wollte. Ein klassischer Bully-Typ, der mich in den letzten 2 Schuljahren auf dem Kieker hatte und das Leben irgendwo zur Hölle machte. Ausgerechnet der begegnete mir am anderen Ende des Bundeslandes. Bemerkt hatte er mich damals zwar nicht, aber bevor er mich ins Visier nehmen konnte sperrte ich die Frau in mir ein und war ab Tag 2 so wie in den Jahren davor.
Parallel dazu habe ich mein zweites Outing an die Wand gefahren, denn ich wollte wenigstems im Internet nur noch Frau sein. Ich registrierte mich mit weiblichem Namen in einer damals beliebten Social Media-Plattform für Studenten und schrieb dann eben auch Freundschaftsanfragen an ehemalige Mitschüler, engeren Freunden schickte ich einen langen Text über das warum und weshalb mit. Leider kam das nur mittelprächtig an. Wie schon erwähnt stamme ich halt vom Land und viele waren durch so ein Outing wohl verwirrt/überfordert/whatever. Letztendlich hat mich die Aktion den halben Freundeskreis gekostet. Bei der anderen Hälfte bin ich froh, dass sie damals keine Nutzer dieser Plattform waren, daher kam das vermutlich nie bei ihnen an. Dennoch hatte ich jahrelang auch immer wieder Bedenken, dass da über Klatsch und Tratsch etwas hinüber schwappen könnte. Ein ehemaliger Mitschüler der sich als Transsexuell outet, das ist doch ein ziemlicher Tratschhammer... Natürlich kann man jetzt sagen "Besser so, wer das nicht akzeptiert, den sollte man nicht als Freund/in haben wollen", aber so leicht ist es nicht, wenn du mit der Hälfte der dir bekannten Menschen nicht mehr oder nur noch verkrampft reden kannst. Das wirft einen massiv zurück, wenn man so einen Weg gehen will.
Danach schloss ich die Frau in mir komplett weg, war wohlmöglich in einer ziemlich depressiven Phase. Ich hatte zwar nie akute Selbstmordgedanken, aber ich ließ mich ziemlich gehen. Ich nahm drastisch zu, vernachlässigte die Körperpflege total. Selbst sowas seit der Kindheit eingebranntes wie Zähne putzen machte ich nicht mehr. Wie geschrieben hatte ich nie den konkreten Gedanken an das "Ende", aber irgendwo habe ich mich damals aufgegeben und Folgen wie das Gewicht habe ich bis heute nicht in den Griff bekommen.
Ich bin da eigentlich nur heilfroh, dass ich niemals Kontakt zu Drogen hatte und auch kein Bedürfnis besaß mich im Alkohol zu ertränken
Zwischendurch folgten immer wieder Phasen in denen sich meine weibliche Seite befreien konnte, aber das beschränkte sich dann eher auf einzelne Dates, die mich aber letztlich auch nicht glücklich machten wenn ich da irgendwo zwischen CD und TV unterwegs war.
Nun bin ich nach so vielen Jahren wieder an einem Punkt an dem ich mich nicht einordnen kann. Ich bin kein glücklicher Mensch, schon lange nicht. Ich sehe mich in meinen Gedanken aber wie damals noch immer als weiblich, ich mag es wenn ich mich etwas weiblicher kleide. Ich fühle mich dabei nicht sexuell erregt, sondern befreit. Das ist eine Sache die mich glücklich macht. Allerdings sehe ich mich nicht mehr auf einem Weg zu einer geschlechtsangleichenden OP. Ein Punkt unterschied mich von den meisten Transfrauen die ich kennengelernt habe: Ich hatte und habe kein großes Problem damit einen Penis zu besitzen, er hat mich psychisch nie belastet.
Dazu habe ich nach meinen horrenden Outing-Erfahrungen nur wenig interesse daran derartiges zu wiederholen, gerade im Alleingang... Rein vom Klischeedenken her (viele verbinden nun leider noch immer bestimmte Klischees mit Trans*) würde vermutlich niemand glauben das ich TS sein könnte, was dann wieder Leute vor den Kopf stoßen würde. Nicht, dass ich irgendwie ein besonders männliches Auftreten oder irgendwelche "Macho-Allüren" hätte, aber meine meisten Hobbys sind ein Widerspruch zu den dämlichen, in der Gesellschaft etablierten, Ansichten... Ich liebe bspw. American Football. Ich liebe den Sport mit jeder Faser meines Körpers, schaue jedes Spiel das mit unter die Finger kommt, egal ob NFL am Fernseher oder deutsche Football-Regionalliga und betreibe den Sport sogar selbst aktiv! Natürlich gibt es auch einige Frauen die den Sport mögen, die Sportart boomt in den letzten 3-4 Jahren ja ziemlich. Genauso gibt es Frauen-Mannschaften (und ich meine nicht die in den USA bekannten Ligen mit halbnackten Models). Aber die Klischees denken noch anders...
Sofern sich das so einkategorisieren lässt, würde ich sagen, dass ich zwischen beiden Geschlechtern stehe, wenn auch psychisch mit einer klaren Tendenz zur Frau
Soviel jedenfalls zu meiner Person, hoffentlich ist das jetzt nicht zu viel Text