Mein letzter Roman: Thriller über eine Trans*Kommissarin in Paris
Mein letzter Roman: Thriller über eine Trans*Kommissarin in Paris

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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Exuser-2018-07-15

Mein letzter Roman: Thriller über eine Trans*Kommissarin in Paris

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Beitrag von Exuser-2018-07-15 »

Paris 2016: Stadt der Liebe, des Terrors, des Ausnahmezustands und des Umbruchs - mitten drin die 31-jährige Kommissarin* Lou Laurent.
Nach außen hin versucht sie, stark zu sein, nicht zu zerbrechen an den Härteproben, die ihr Job täglich mit sich bringt. Doch ihr Herz ist voller Zweifel, weil sie nicht weiß, was sie ist. Lou redet sich den Wunsch nach einem 'normalen' Leben ein, klammert sich an falsche Ziele.

Als ihre jüngere Schwester Gabrielle beim schrecklichen Terroranschlag auf die Konzerthalle Bataclan getötet wird, verliert sie den Boden unter den Füßen. Lou spielt ihre Rolle zunehmend schlechter, wird von den Eltern indirekt für Gabrielles Tod verantwortlich gemacht und droht, von ihren inneren Konflikten überschwemmt zu werden. Dazu kommen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der Ermordung ihrer Schwester. Selbst im Staatsdienst beschäftigt, muss sie feststellen, wie sie selbst von staatlichen Institutionen belogen und hintergangen wird. Die Wahrheit ist scheußlich, doch im Privaten wie im Beruf will sie den eingeschlagenen Weg bis zum Ende gehen.

Ihre Chefs und Kollegen haben längst gemerkt, dass sie anders ist. Lou erfährt sexistische Schikanen wie auch tiefe Sympathien. Eine Serie von rätselhaften Frauenmorden bringt die junge Kommissarin nicht nur in Lebensgefahr bei der Suche nach dem Täter, sondern beschert ihr eine Rebellion der Gefühle, als sie bei ihren Ermittlungen die reife Ginette kennenlernt, die als Aktmodell in der Akademie der Schönen Künste arbeitet. Es wird ein Kampf, der ihr alles abfordert, denn es geht um ihre wahre Identität und Leidenschaft - und einen intelligenten Mörder, der in Paris und der Provence eine unübersehbare Blutspur hinterlässt ...

Der Impressionist - Lou Laurent und der 'Renoir-Killer'

Ich habe schon einige Jahre zuvor als Mann geschrieben, zwangsneurotisch angetrieben von der Verdrängung etwas Ungeheuerlichem, das ich über vierzig Jahre lang nicht wahr haben wollte. Immer wieder griff ich die Themen Transsexualität, weibliche Dominanz und Identitätszweifel auf, ohne dabei auch nur eine Sekunde lang zu reflektieren. Nachdem ich endlich schlagartig die Erkenntnis erlangte, im Inneren eine Frau zu sein, hörte das Schreiben auf. Das ist mein letzter Roman, den ich bis zur Hälfte fertiggestellt hatte. Er erscheint mir zu schade zum Wegwerfen, denn irgendwie haben mir alle diese Sätze unbewusst dabei geholfen, endlich die Scheuklappen zu verlieren. Indem ich über eine Frau schrieb, die im Inneren ein Mann ist, erkannte ich mein eigenes Schicksal. Es kommt mir so vor, als wäre dadurch der Zweck des Schreibens erfüllt. Ich habe das schon zum Teil in meinen 'Tagebuchblättern' in einem anderen Thread erwähnt.
Aber falls sich eines Tages meine emotionalen Wogen etwas geglättet haben sollten, erwacht vielleicht eine nicht zwangsneurotische Autorin, die sich meiner tapferen Lou erneut annehmen kann.

Genug der Vorrede, auf zum ersten Kapitel. Wer kann wissen, wie viele noch folgen werden ...

*in Frankreich entspricht das dem Rang Capitaine, ein Commissaire ist eine Art Abteilungsleiter
27. / 28. Februar 2016, Bourron-Marlotte , Region ÃŽle-de-France, Département Seine-et-Marne, Arrondissiment Fontainebleau

Es war die Mordlust, die das Schöne schuf. "ºChasse à courre"¹, die Hetzjagd auf alles, was sich mit Fell oder Geweih aus dem Dickicht herauswagte. Widerwillig blicke ich auf die Prachtfassade des Schlosses, die sich wie eine Kulisse im trüben Novemberdunst erhebt. Der mürrische Laut des Kutschers lässt die beiden Pferde im Gespann anziehen. Fabrice schenkt mir ein schiefes Lächeln. Eines von denen, die er seit einem Jahr unaufhörlich an mich verteilt. Eine Mischung aus enttäuschter Liebe und Mitleid — mit mir und vor allem mit sich selbst.

-»Lou, chérie, ist es nicht wunderbar, die ganze Kutsche nur für uns allein zu haben?-«

Schüchtern drückt er mich an sich. Ich sitze starr im weichen Polster, ziehe die Wolldecke bis zum Kinn. Lou — kaum jemand nennt mich bei meinem richtigen Namen. Es ist ein scheußlicher Name. Er steht für die Unfähigkeit meiner Eltern, sich dazu durchgerungen zu haben, den Entschluss zwischen einem Louis oder einer Louise zu fassen. Spätestens seit dem Tage, als ich in der zweiten Klasse mit einem Jungen die Sachen tauschte und in diesem Aufzug freudestrahlend nach Hause rannte, war ich für Mutter und Vater nur noch eine Last, eine Bestrafung. Noch nie hatte ich mich derart glücklich und frei gefühlt. Als Papas Ledergürtel auf mich nieder zischte, habe ich noch nicht einmal geschrien. Ich verstand ihre Wut nicht, dachte, alles wäre ein Missverständnis. Oh ja, mein ganzes Leben war seitdem ein Missverständnis.

-»Der Sonnenkönig ließ hier allein im Jahre 1716 über sechstausend Hektar Wald neu anpflanzen.-«

Fabrice beginnt einen seiner sterbenslangweiligen Monologe über die Vergangenheit. Das Einzige, das bis in meine Gedanken vorzudringen vermag, ist die steigende Aversion gegen die Künstlichkeit. Der Wald wirkt nicht weniger unwirklich auf mich wie das pompöse Jagdschloss. Baumriesen bemühen sich, möglichst pittoresk auszusehen. Entweder strecken Eichen helle, kahle Äste in den grauen Himmel oder Kiefern präsentieren Nadeln in stumpfen Braun- und Grüntönen. Der allgegenwärtige Sandstein bietet groteske Formen, die an Hunde, Menschenköpfe, Figuren erinnern. Ich wehre mich gegen das Aufbäumen meiner Phantasie, will nicht manipuliert werden. An einigen Hängen leuchten bunte Flecken. Das sind besonders harte oder verrückte "ºBleausards"¹, die das Schicksal als Freikletterer sogar in dieser Kälte herausfordern.

Ich brauche mein Schicksal nicht herauszufordern. Das haben bereits schwarzbärtige Männer getan, die am 13. November des vergangenen Jahres mit Kalaschnikows ins Konzerthaus "ºBataclan"¹ stürmten und neunzig Menschen ermordeten. Darunter befand sich auch meine kleine Schwester Gabrielle. Einundzwanzig Jahre alt durfte sie werden. Blond und blauäugig war sie der ganze Stolz meiner Eltern, die sich mit ihr über mich missratendes Kind hinwegtrösteten. Dennoch empfand ich niemals Neid oder Missgunst. Als große, zehn Jahre ältere Schwester liebte und beschützte ich Gabrielle mit voller Hingabe. Doch als es darauf ankam, hatte ich versagt.

Modergeruch steigt mir in die Nase. Ungeachtet der Temperaturen um den Gefrierpunkt ist der Schnee bisher ausgeblieben. Erbarmungslos setzt der Nachtfrost dem schutzlosen Boden zu, lässt Blätter und Erde erstarren, um sie tagsüber im schwachen Schein einer kraftlosen Sonne im Eiswasser zu baden. Ein Wechselspiel endloser Quälerei, das ein Erschauern durch meinen durchgefrorenen Körper jagt. Wenigstens die Natur kann, wenn auch nur für kurze Zeit, erlöst werden, indem eine weiße Decke alles unter sich schirmt. Sogar der Dreck auf den Straßen von Paris verschwindet dann für ein paar Monate, um im Frühjahr aufs Neue stinkend hervorzubrechen.
Die Nüstern der Pferde stoßen Dampf aus, laut schlagen die Hufe auf den harten Boden. Zum Glück ist die Kutschfahrt nach zwanzig Minuten vorbei. Fabrice umarmt mich linkisch, stößt an meine Dienstpistole, die verborgen unter dem Mantel im Schulterhalfter steckt. Nach den Terroranschlägen 2015 ging der langgehegte Wunsch von Republikanern und Front National in Erfüllung, dass die Polizei ihre Waffen zum Feierabend nicht mehr abgeben muss. Für mich stellt das jedoch keine bahnbrechende Änderung dar. Seit meinem Dienstantritt in der Brigade Criminelle ist Feierabend ein Fremdwort geworden. Ohne meinen Freund, der sich seit Jahren darum bemüht, mein Geliebter zu werden, hätte ich vermutlich noch nicht einmal Urlaub genommen.

Als Gabrielle von Kugeln durchsiebt wurde, lag er mit mir im weißen Sand und wir lauschten der Brandung des Atlantiks. Nichts hatte ich gespürt. Mein Kopf war so leer, wie er meistens ist, wenn ich mit Fabrice zusammen bin. Stets hat er versucht, mich abzulenken, auf andere Gedanken zu bringen. Doch seine Nähe schafft ein Vakuum, das mich lähmt, wenn für eine Weile die Bilder von Blut und Gewalt verdrängt sind. Nach dem Abendessen herrschte helle Aufregung im Hotel. Alle redeten von Anschlägen in Paris. Wir rannten in unser Zimmer, schalteten den Fernseher ein, sahen die ersten Bilder: Menschen in Panik und Todesangst.

-»Mon ange, du bist ja völlig durchgefroren!-«

Fabrice tippt mir vorsichtig an die Nasenspitze. Fürsorglich steckt er eine schwarze Haarsträhne unter meinen Mützensaum, schält sich behäbig aus dem Mantel und legt ihn mir um die Schultern. Seit dem Tode meiner Schwester behandelt er mich erst recht wie eine Porzellanpuppe. Ich hasse es, umsorgt zu werden, wenn im Hintergrund Erwartung auf die Erfüllung geheimer Sehnsüchte lauert. Dennoch lasse ich es dieses Mal geschehen. Abwesend lausche ich dem Hufgetrappel der Pferde, die sich langsam entfernen.

-»Lass uns ins Schloss gehen. Dort ist es sicher warm.-«

Fabrice legt die Hand auf meinen Rücken und schiebt mich voran. Widerstandslos steuere ich meine Schritte zum Prachtbau, der stumm und emotionslos vom Größenwahn seiner Erbauer kündet. Die Hoffnung, mich aufwärmen zu können, übersteigt die Abneigung gegen eine Führung, bei der ohnehin nur unzählige Namen und Jahreszahlen genannt werden, die an mir abprallen wie die Bemühungen meines Freundes, mich endlich gewinnen zu können.


-»Lou, es war heute ein schöner Tag. Und du hast kein einziges Mal von der Arbeit gesprochen.-«
Fabrices Stimme klingt wider von aufgesetztem Optimismus. Erfolgreich verdrängt er, dass ich eigentlich überhaupt nicht geredet hatte. Sein Pfeifen dringt aus der Dusche und das Wasser beginnt zu rauschen. Wir haben uns eine knappe Woche lang in einem Hotel im Dorf Bourron-Marlotte einquartiert, nur sechzig Kilometer südlich von Paris entfernt. Er überraschte mich mit dieser Reise, die bequem per Auto zu bewältigen war. Außerdem beginnt gleich nördlich des Ortes der große Wald von Fontainebleau. Fabrice meint es gut mit mir, sorgt sich und ich benehme mich wie eine Zicke.

Nervös taste ich in der Schublade des Nachtschränkchens, ziehe eine Zigarette aus der Schachtel und stecke sie in den Mund. Ich schalte die kleine Lampe aus, lasse das Feuerzeug schnippen und rauche. Wie oft hatte ich bereits aufgehört damit? Es wäre sinnlos, das zählen zu wollen. Tief sauge ich das Nikotin in meine Lungen und schließe die Augen. Das Gepfeife aus dem Bad vereint sich mit dem Plätschern des Wassers zu einer eigenartigen Melodie.
Fabrice ist die letzte Verbindung zu einer "ºnormalen"¹ Welt, die mir noch geblieben ist. Meine Eltern haben nach Gabrielles Ermordung den ohnehin spärlichen Kontakt abgebrochen. Rufe ich an, nimmt niemand ab. Stehe ich manchmal vor ihrem Haus, bleibt die Tür verschlossen. Sie können es nicht verstehen, dass der Tod ihnen ausgerechnet das liebste Kind genommen hat. Wie viel leichter wäre es für sie zu ertragen gewesen, wenn ich an diesem Abend beim Konzert der "ºEagles of Death Metal"¹ gewesen wäre, um niemals mehr zurückzukehren.
Dann sind da die Schuldzuweisungen. Auf einmal nehmen sie zur Kenntnis, dass ich die harte Polizei-Ausbildung als eine der Jahrgangsbesten abschloss, weil sie es als Vorwurf gegen mich verwenden. Nun bin ich schon bei der Pariser Mordkommission und war nicht dazu in der Lage, meine Schwester zu beschützen. Sie sind zu stur zu begreifen, dass noch nicht einmal die Ermittlungen in meinen Zuständigkeitsbereich fallen, sondern von Spezialisten bei der Gendarmerie durchgeführt werden.
Steif wie ein Brett liege ich auf der Matratze. Ich bewege nur den Arm, um ab und an die Zigarette aus dem Mund zu nehmen und die Asche in den Becher auf der Kommode zu klopfen. Meine Gedanken reißen mich fort. Ich habe nicht bemerkt, dass die Symphonie aus der Dusche längst verstummt ist. Als ich hochblicke, sehe ich den Widerschein der aufglühenden Zigarette in einem Augenpaar, das mich aus der Dunkelheit anstarrt. Sofort reiße ich die Pistole unter dem Kopfkissen hervor und halte sie der Bedrohung mit ausgestreckten Armen entgegen.

-»Erschieß mich, ma chérie! Ich könnte mir kaum etwas Schöneres vorstellen. Dann müsste ich mich von dir wenigstens nicht langsam zu Tode quälen lassen.-«
Selbst entsetzt von meinen eigenen Reflexen nehme ich die Waffe herunter.
-»Verzeih mir, Fabrice. Ich wollte dich nicht erschrecken. Meine Nerven ... sind nur unendlich angespannt.-«
Sein Seufzen vibriert durch das finstere Zimmer.
-»Selbstverständlich verzeihe ich dir, Lou, wie ich dir alles, einfach alles verzeihe. Dass du seit dem Tode deiner Schwester praktisch ebenso gestorben bist, in ... Selbstmitleid versinkst, keine Hilfe annimmst und den Wenigen, die es gut mit dir meinen, vor den Kopf stößt.-«

Er schnauft. Solche offenen Worte bekomme ich selten zu hören. Fabrice scheint am Ende seiner Leidensfähigkeit angelangt zu sein. Ich mag mich nicht streiten, denn er hat recht. Die Sitzungen beim Psychologen hatte ich nach dem ersten Termin abgebrochen. Wie sollte ich es auch ertragen, wenn ein Fremder in meinen Erinnerungen herumwühlte, die ausschließlich mir allein gehören? Anstatt das Trauma zu behandeln, das ich durch die Ermordung Gabrielles erlitten hatte, fing er an, genüsslich die Themen Transgender und Crossdressing auszubreiten. Er unternahm den sinnlosen Versuch, meine Seele vermessen zu wollen, eine passende Schublade für das zu finden, was da vor ihm auf seiner Couch lag und Hilfe erwartete. Ich bin irgendwann aufgesprungen, hab ihn angebrüllt, dass ich in keine seiner Schablonen hineinpasse und stürmte aus der Praxis, um niemals zurückzukehren.

-»Willst du den Grund wissen, weshalb ich all das überhaupt aushalte?-«
Fabrices Stimme reduziert sich zu einem Hauchen. Mein Kopfschütteln kann nicht verhindern, dass er es ausspricht.
-»Weil ich dich liebe! Ich schaffe es nicht, dich ... uns aufzugeben.-«

Das Bett knarrt, als er sich zu mir setzt. Ich puste den letzten Rauch an die Zimmerdecke und drücke die Zigarette in den Ascher. Während ich noch überlege, ob ich diesen fünfundvierzigjährigen, korpulenten Mann mit dem schütteren Kopfhaar jemals geliebt habe, schaltet er die Nachttischlampe ein. Sein Körper ist behaart wie ein Affe und der Bauch wölbt sich unter einem dichten Geflecht schwarzer Locken. Damals, vor zwei Jahren, traf er mich in einem sehr schwachen Moment und ich fand eine starke Schulter, an die ich mich anlehnen konnte. Das war, nachdem ich zum ersten Mal mit einem Mordfall konfrontiert wurde. Das kostete mich alle Kräfte. Doch die labile Phase ging bald vorüber — und Fabrice blieb.
Er blieb, als er merkte, dass ich eher ein Louis als eine Louise war. Er blieb, als ich ihn wochenlang aushungerte. Er verließ mich selbst dann nicht, als ich vor drei Monaten in das tiefe Loch stürzte, in dem ich noch jetzt gefangen bin.
Mit zitternder Hand zieht er die Bettdecke von meinem Körper. Ich beginne, unter seinen verlangenden Blicken zu frieren. Wenn ich Fabrice erneut nicht gewähren lasse, verliere ich ihn. Davor habe ich Angst. So erdrückend und unausgewogen unser Verhältnis auch sein mag: Es ist das Einzige, das mir neben der Arbeit mit Mördern und Leichen im Leben bleibt.
-»Dreh dich um!-«
Seine Worte klingen heiser. Noch ehe ich gehorchen kann, wälzt er mich ungestüm auf den Bauch. Ich presse das Gesicht ins Kissen, drücke die Augen zusammen und versinke in Grübeleien, während er sich austobt: wütend, gierig und rücksichtslos.


Ich kann nicht einschlafen. Durch das geöffnete Fenster dringen eisige Luft und dumpfes Bassdröhnen von entfernter Musik. Plötzlich meine ich, das Aufheulen einer Säge zu vernehmen. Verdammtes Dorf — haben die noch nie etwas von Nachtruhe gehört? Fabrice schnarcht. Offenbar ist er befriedigt, nach langen Monaten endlich erneut an das Ziel seiner Wünsche gelangt zu sein. Stundenlang wälze ich mich schlaflos neben ihm. Mir wird übel, ich muss aufstehen und wanke ins Bad. Kaum habe ich den WC-Deckel hochgeklappt, übergebe ich mich. Danach sitze ich rauchend auf der Toilette. Ich habe Schmerzen. Hypnotisiert fixiere ich die Blutstropfen, die in das Papier gesickert sind. Fabrice hat sich gerächt und ich hatte es verdient. Darum biss ich mir auf die Lippen und ließ mir nichts anmerken.

Ich recke mich nach meinem Rucksack, den ich an ein kleines Regal mit Kosmetikartikeln gelehnt habe. Andere Frauen benutzen Handtaschen — richtige Frauen, solche, die sich Eltern als Töchter wünschen. Aus einem Innenfach ziehe ich ein dünnes Heft. Die Seiten sind mit Zeitungsausschnitten beklebt: Anschlag im Bataclan, Nacht des Terrors in Paris. Ich kenne die Artikel auswendig. Die Texte verfolgen mich in meinen Träumen.
Ich zögere, als ich zurück ins Zimmer gehe. Nein, keinesfalls will ich mich zu ihm ins Bett legen. Ich muss raus, brauche frische Luft. Lautlos ziehe ich mich an, lege das Halfter um die Schulter und stecke die Waffe hinein. Inzwischen bin ich derart paranoid, dass ich außerdem nicht ohne Munition und taktische Taschenlampe auf die Straße gehe. Stand ich vor dem 13. November 2015 noch einen Meter vor dem Abgrund, war ich seit diesem Datum einen Schritt weiter.
Leise schließe ich von außen die Tür, schlüpfe in die wattierte Winterjacke. Der Nachtportier feixt herüber, als ich an ihm vorbei eile. Vermutlich denkt er, ich würde in eine der wenigen Bars hier verschwinden, um mir irgendeinen One-Night-Stand zu organisieren. Leider ist meine kleine kaputte Welt zu kompliziert, als dass so eine Aktion Erleichterung versprechen könnte.
Die flachen Pumps berühren den gefrorenen Boden, ohne ein Geräusch zu verursachen. Bald fühle ich mich selbst wie ein Schatten, nicht anders als die, welche Giebel und geparkte Autos klobig verzerrt vor meine Füße werfen. Die wenigen Laternen reißen gelbliche Kreise aus der Finsternis. Ich begegne keinem einzigen Menschen. Nur ein paar Katzen blitzen mich an, die ihrem nächtlichen Jagdinstinkt folgen. Kalte Luft strömt in Nase, Mund und Lungen. Das Chaos in meinem Kopf dreht sich langsamer. Nachdem ich die letzte Laterne passiert habe, blicke ich auf zum Sternenhimmel. Dort oben funkelt es hell und widernatürlich. Der Wald bildet eine pechschwarze Wand, die sich unheilvoll am Ende des Weges erhebt. Ich weiß noch nicht, wie weit ich gehen werde.
Im Lichtkegel meiner Taschenlampe tauchen Wurzeln und Steine auf, die aus dem Boden ragen. Ich muss achtgeben, nicht darüber zu stolpern. Plötzlich knackt es neben mir wie brechendes Geäst. Sofort ziehe ich die Pistole, ziele mit vorgehaltener Lampe in die Dunkelheit. Nichts.

-»Ist da jemand?-«

Ich lausche der eigenen Stimme. Wieder ein Knistern. Da wippt ein Zweig. Oder war es nur eine Täuschung? Mein Herzschlag dröhnt in den Ohren, der Puls rast. Ich schwenke Waffe und Lampe hin und her, bis etwas Helles reflektiert. In Zeitlupe nähere ich mich an, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Es sieht aus wie ein Mensch, ich meine, einen nackten Arm zu erkennen.

-»Bleiben Sie stehen. Wer sind Sie?-«

Derjenige verharrt, sagt kein Wort. Ich wehre mich dagegen, endlich zu erkennen, was mein Licht aus der Nacht herausreißt. Schließlich stehe ich direkt davor, stoße den Lauf gegen einen blutüberströmten, entkleideten Körper. Erneut höre ich, dass sich irgendetwas im Gebüsch bewegt, dieses Mal nur wenige Meter entfernt.
-»Halt, hier geblieben, Polizei! Stehenbleiben oder ich schieße!-«
Panisch drücke ich ab, ein Mal, zwei Mal. Die Schüsse krachen. Zitternd stehe ich breitbeinig im Gras. Die Geräusche sind verschwunden.

-»Nehmen Sie die Waffe runter, legen sie langsam auf den Boden und knien nieder mit den Händen hinter dem Kopf!-«
Das ging schnell. Ich tue, was verlangt wird. Grob werde ich durchsucht. Ich erkenne das Abzeichen der Police municipale an einem Arm. Gummigeschosse sind das Mindeste, was ich von denen erwarten kann. Doch seit einigen Monaten tragen auch viele von ihnen scharfe Waffen.
-»Capitaine Lou Laurent, Brigade Criminelle, Paris. Ausweis und Marke sind in der Innentasche des Mantels.-«
Einer zieht die Papiere heraus.
-»Was will ein Flic aus der Stadt hier draußen in unserem schönen, friedlichen Marlotte?-«
Ich stehe auf, drehe mich um und blicke in die Mündungen zweier Schnellfeuergewehre. Gendarmerie, vermutlich Reservisten, die seit der Verlängerung des Ausnahmezustandes überall auf dem Lande stationiert worden sind. Grinsend nehmen sie die Waffen herunter. Der Landpolizist reicht mir Ausweis und Marke. Ich bücke mich nach meiner Pistole.
-»Kaum will ich ein wenig frische Landluft schnuppern, rieche ich Blut. Das scheint bei euch genauso ein Scheiß zu sein wie in Paris, das ihr immer verflucht.-«


Ein Wagen rollt heran und beleuchtet in erbarmungsloser Deutlichkeit, was ich vorhin nur schemenhaft erkannte. In einem viereckigen Rahmen aus starken Ästen, die mit Kiefernzweigen umwickelt sind, wurde ein nackter Körper aufgespannt. Doch dieser ist in der Mitte zertrennt, hat nur einen Arm und ein Bein. Sogar der Schädel wurde entlang der Nase gespalten. Weiß glänzen aus dem Inferno von offenliegenden Muskeln, Organen und Blut dort Gehirn und Zähne hervor. Obwohl ich bereits einige Scheußlichkeiten gesehen habe, überkommt mich ein Würgereiz. Nur der Umstand, dass ich mich bereits vor kurzem übergeben habe, bewahrt mich vor dieser Blöße. Ungeachtet der Verstümmelungen erkenne ich an Brust und Hüften, dass es sich zweifelsfrei um eine Frau handelt. Abgesehen von den Verletzungen in der Körpermitte wirkt sie wie — frisch gewaschen. Kein Blutspritzer bedeckt die weiße Haut. Im langen, schwarzen Haar stecken rote Bänder.
-»Welcher Teufel richtet eine solche Sauerei an?-«
Ich schlucke einen bitterschmeckenden Kloß herunter.
-»Der oder die Täter müssen noch ganz in der Nähe gewesen sein, als ich die Leiche entdeckte. Ich habe es mehrfach im Gebüsch dort drüben knacken gehört. Deshalb ... die Schüsse.-«
Die jungen Gendarmen schütteln die Köpfe.
-»Typisch Frau — kaum hört sie ein Geräusch, wird aus allen Rohren gefeuert. Wenn es nun ein Wanderer oder Pilzsammler gewesen wäre?-«
Typisch Frau hämmert es in meinem Kopf. Was für ein Blödsinn. Das sind die kleinen Momente, die sich im Laufe der Jahre in meinem Inneren zu einem riesigen Geschwür aufgebläht haben, das bald platzen und mich auffressen wird. Die beiden Polizisten der Police municipale durchsuchen vorsichtig die Sträucher. Sie finden niemanden, weder einen Wanderer noch den mutmaßlichen Killer.
-»Ich habe vorher gewarnt. Es kam keine Antwort. Welcher Pilzsucher sollte sich im Dunkeln bei einem Mordopfer herumtreiben?-«
Ich verschränke die Arme vor der Brust, verberge ein erneutes Erschauern und blicke in den Dampf meines Atems, der als feiner Nebel ins Scheinwerferlicht stößt.

Bei Sonnenaufgang kommen meine Kollegen aus der 36, quai des Orfèvres, des Pariser Polizei-Präsidiums, in dem auch die regionale Direktion der Brigade Criminelle untergebracht ist, in zwei Streifenwagen und einem VAN angefahren. Es war nicht schwer für meinen Vorgesetzten, Commissaire Jacques Luc, den hiesigen Chef des Kommissariats davon zu überzeugen, dass wir den Fall aufgrund der außergewöhnlichen Grausamkeit haben müssten. Immerhin hatte ich die Leiche entdeckt und auf einen möglichen Täter geschossen. Vielleicht war er verletzt und wir würden Blutspuren finden. Ich bat die Police municipale um Unterstützung, indem sie das Gelände weiträumig abriegeln, denn noch fehlt die andere Hälfte des verstümmelten Körpers.

-»Lou, du solltest doch Urlaub machen und nicht auf Leichensuche gehen!-«

Lieutenant Marq Morin schüttelt meine Hand. Gewohnheitsgemäß beugt sich Marq leicht herab, wenn er zu mir spricht. Mit seinen athletischen ein Meter und neunzig ist er nicht nur der körperlich Größte in meinem Team, sondern auch derjenige, der mir nach wie vor die größten Vorbehalte entgegenbringt. Eine Frau als Chef passt keinesfalls in sein patriarchalisches Weltbild.
Mit grauen aufmerksamen Augen mustert er die schwerbewaffneten Gendarmen, die ins Dorf abziehen. Er streicht sich durch das zurückgekämmte schwarze Haar, das an jedem Tag von einer weiteren weißen Strähne durchzogen zu sein scheint, obwohl er erst Ende vierzig ist. Der Job fordert uns alle bis zum Äußersten. Niemand fragt nach der Zumutbarkeit von Überstunden, ständiger Bereitschaft, daraus resultierenden unhaltbaren Familienzuständen und erst recht nicht nach grauen Haaren.

-»Ich wollte nur ein wenig saubere Luft atmen, wenn ich schon mal für ein paar Tage dem Mief von Paris entkommen kann.-«

Ich schaue zu Marq auf. Sein Seehundsschnauzer glänzt feucht in der kalten Luft.
-»Ist Fabrice auch hier?-«
Ich nicke stumm und blicke auf meine Schuhspitzen. Den Kontakt zu Fabrice habe ich nach außen hin stets wie eine ganz normale Liebesbeziehung dargestellt. Niemand ahnt, wie merkwürdig unser Verhältnis tatsächlich ist, das jedes Mal komplett in Frage gestellt wird, um danach ebenso zäh weiter dahinzufließen. Meine Gefühle gehen keinen etwas an, auch wenn das ewige Versteckspielen viel Kraft kostet.

-»Er wird wohl inzwischen bemerkt haben, dass er alleine im Hotelzimmer ist. Garantiert rennt er bereits durch den Ort und macht die Leute verrückt. Ich habe mein Handy auf dem Nachttisch liegen lassen.-«

-»Chef, was verstehst du denn unter Urlaub?-«
Brigadier Nicolas Fontaine stürzt auf mich zu. Er ist erst fünfundzwanzig, der Jüngste von unserer kleinen Truppe, mit dem niedrigsten Dienstgrad und den höchsten Ambitionen. Von allen Angehörigen der Police Nationale, die ich bisher näher kennengelernt habe, scheint er als Einziger ein intaktes Privatleben bewahren zu können. Seine bildschöne Frau Lucia schenkte ihm bereits zwei Kinder, die sein ganzer Stolz sind. Vor diesem Glück habe ich Respekt, bewundere es wie eine exotische, zerbrechliche Blume, die nur durch eine millimeterdünne Schicht vor der umgebenden Pestilenz geschützt wird, die alles um sich herum gnadenlos erstickt.

-»Ich hatte ein paar Tage. Das reicht. Es ist ohnehin kein Wetter, um Urlaub zu machen. Jedenfalls nicht hier, in diesem verdammten Wald, so nahe bei Paris.-«
Er schlägt den Kragen hoch, drückt die Mütze auf sein braunes Lockenhaar. Alle, außer die Kollegen von der Spurensicherung, sind in Zivil gekommen. Doch die schlüpfen rasch in ihre weißen Overalls und spannen großzügig Absperrband um den Holzrahmen mit seinem erschreckenden Inhalt.
-»Da, dieses Gebüsch dort sollte ebenfalls untersucht werden. Vielleicht findet ihr zwei Projektile. Die sind von mir-«, rufe ich ihnen zu und deute auf die Sträucher, von denen noch vor einigen Stunden eine vermeintliche tödliche Gefahr ausgegangen war.
-»Verdammter Wald? Du machst Witze. Menschen kommen von weit her, um sich das Schloss, die Felsen und die Bäume anzuschauen.-«
Nicolas haucht in seine Finger und reibt die Handflächen aneinander.

-»Das war vielleicht vor dem 13. November. Jetzt gibt es kaum noch asiatisches Blitzlichtgewitter, nur noch diese verrückten Freikletterer, denen außer ihrem Kick alles scheiß egal ist.-«
Berthe Durand winkt mir zu, bahnt sich mit ihrem behäbigen, untersetzten Körper einen Weg durch Unkraut und Gesträuch. Im Mundwinkel glimmt die ewige Kippe. Als langjährige Gerichtsmedizinerin zählt das Kettenrauchen noch zu ihren harmloseren Lastern. Sie lacht oft darüber, dass man ihr bereits vor zwanzig Jahren deshalb den Krebstod prophezeite. Nun ist Berthe Anfang fünfzig und besitzt eine schwarze Lunge aus Teer. Es muss unerträglich sein, die Resultate menschlicher Bestialität und Grausamkeit nicht nur anschauen, sondern auch aufschneiden und analysieren zu müssen. Mir reichen schon die wenigen Mordopfer, die ich bisher gesehen hatte.
Am Ende des Weges, wo der Dorfkern beginnt, steht ein Polizeiwagen quer und rotweißes Band flattert von einer Seite zur anderen im kalten Wind. Ich erkenne Fabrice. Nicht am Gesicht, dafür ist er zu weit weg, sondern an seiner Haltung: enttäuscht, hoffnungslos und verbittert.

-»Ich muss kurz etwas erledigen. Es dauert nur einen Augenblick.-«
Meine Kollegen nehmen es nickend zur Kenntnis, ohne Fragen zu stellen. Ich zwinge mich zu einem besonders entschlossenen, festen Schritt. Die Rundumleuchte des Einsatzfahrzeuges taucht seine finstere Miene rhythmisch in blaues Licht. Je näher ich komme, desto tiefer scheint er seine Hände in den Manteltaschen zu vergraben. Wir stehen uns gegenüber. Mein Atemhauch berührt seine Nasenspitze. Ich hole stark Luft. Fabrice hebt plötzlich die Arme, macht eine beschwichtigende Geste.
-»Lou, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich bin nur gekommen, um mich von dir zu verabschieden — für immer. Ich reise sofort ab. Das Zimmer ist im Voraus bezahlt. Leb wohl.-«
Meine Worte ersterben auf den Lippen. Er dreht sich einfach um und geht. Rasch ist er hinter den Neugierigen verschwunden, die sich gegen die Absperrung drängen. Anscheinend hat dieser Ort doch mehr als das Dutzend Einwohner, denen ich bisher begegnet war. Ich fühle mich, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Jahrelang hatte ich geglaubt, es wäre allein meine Entscheidung, unsere Beziehung zu beenden, wenn ich endlich die Kraft dazu gefunden haben würde. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass er mich verlassen könnte. Jetzt habe ich nur noch die Arbeit, die mich davor schützt, mit meinem Schmerz, den Ungereimtheiten über die Ermordung Gabrielles und meinen unterdrückten Emotionen in der Einsamkeit zu versinken.
-»Chef, du siehst grauenhaft aus. Nimm einen Schluck heißen Café!-«
Marq hält mir einen dampfenden Plastikbecher in seiner Pranke entgegen. Dankbar trinke ich, fühle mich besser, werde ein wenig wärmer. Ich umschließe das Getränk mit beiden Händen, puste hinein und gehe zu Berthe. Die kritzelt mit ernstem Gesicht ihr kleines Notizbuch voll. Von elektronischen Geräten hält sie nicht besonders viel, besitzt noch nicht einmal ein Handy.

-»Tja Süße, hier hat sich jemand richtig Mühe gegeben. Die Leiche ist praktisch gefroren. Das liegt nicht am Wetter, denn wir haben nur ein paar Grad unter Null. Ich vermute mal, auf diese Art hat er den Körper besser halbieren können. Der Täter muss einen großen Kühlschrank besitzen, denn Trockeneis hätte unweigerlich das Gewebe angegriffen. Offenbar legte er großen Wert darauf, dass sie ... sauber blieb. Er hat sie vermutlich sogar gereinigt.
Allem Anschein nach war die Frau bereits tot, als ihr die Verstümmelung zugefügt wurde. Eine Todesursache kann ich noch nicht erkennen. Außer dem Schnitt durch die Körpermitte gibt es keine sichtbaren Verletzungen. Genaueres lässt sich erst sagen, wenn ... wir die zweite Hälfte gefunden und sie im Labor untersucht haben.-«
Die Gerichtsmedizinerin steckt Stift und Notizen in die Kitteltasche, um ein Skalpell hervorzuziehen. Rasch wende ich mich ab. Etwa einhundertfünfzig Meter hinter dem Fundort des Leichnams ragt das Dach eines flachen Gebäudes mit einem großen Schornstein aus dem nebligen Morgengrauen. Ein schmaler Pfad windet sich von hier aus in diese Richtung.

-»Marq, Nicolas, lasst uns dort drüben einmal nachschauen. Es ist das nächstliegende Haus.-«
Lieutenant Morin reicht eine rote Polizeiarmbinde herüber, die ich rasch anlege. Dann folge ich festen Schrittes dem Weg. Die beiden Kollegen ziehen ihre Waffen und gehen hinter mir her. Es ist merkwürdig: Ich kann mich schlecht fühlen, am Boden sein und voller Zweifel, doch wenn es im Dienst gilt, einen kühlen Kopf zu bewahren, schaffe ich das. Es ist wie eine willkommene Abwechslung, die für die Dauer der Situation alles andere ausblendet.
Reif bedeckt das dürre Gesträuch. Ein paar kahle Bäume strecken ihre Äste in den trüben Himmel, der sich zögernd mit einem schwachen Licht überzieht. Hinter einem Drahtzaun lagern Bretter, gestapelt in meterhohen Türmen, verrottet, einsturzgefährdet. Eine Trümmerpiste aus Beton führt vom Dorf zum Gebäude.
-»Scheint ein altes Sägewerk zu sein-«, zischt Nicolas mir zu.
Nun hole ich ebenfalls meine Pistole hervor. Beim geduckten Vorwärtsgehen versuche ich, der geraden Linie zu Fenstern und Maueröffnungen auszuweichen. Vielleicht hält sich der Täter dort versteckt und nimmt uns bereits ins Visier. Da ist der Eingang. Im Sprint erreiche ich die Tür, werfe mich mit dem Rücken gegen die Wand. Ein Schild verkündet, dass es sich um eine "ºHobbywerkstatt für Jedermann"¹ handelt. Der junge Brigadier lehnt sich an die gegenüberliegende Seite. Marq schleudert einen wuchtigen Tritt gegen die Tür. Die Konstruktion ist nicht sonderlich stabil. Sein Fuß rutscht von der Klinke ab, durchstößt die Füllung und er bleibt hängen, verliert das Gleichgewicht.
-»Nicolas, hilf ihm! Ich geb dir Feuerschutz.-«
Verdammt, was für ein Missgeschick. Der große Kerl flucht und windet sein Bein heraus. Ich ziele abwechselnd in alle Richtungen, aber es regt sich nichts. Wie leicht kann so ein Zwischenfall das Leben kosten. Kaum hat Marq festen Stand, rennt er die lose Tür einfach ein, rollt sich nach vorne ab. Wir sind dicht hinter ihm, richten die Waffen nach links und rechts. Mit einer Hand schlage ich wahllos auf ein paar Schalter hinter mir, bis das Innere von flackerndem, gelbem Neonlicht erhellt wird.

-»Polizei! Kommen Sie heraus mit erhobenen Händen!-«
Meine Stimme verliert sich in der Weite der Halle. Niemand antwortet. Marq deutet auf den Estrich. Dort erkenne ich Blutspuren, viele kleine Tropfen, eingesickert in den Beton. Wir sind auf dem richtigen Weg. Hier drinnen ist es ebenso eiskalt wie draußen. Geheizt wird in diesem Werk wohl schon lange nicht mehr. Die verbeulten Blechteile einer weit verzweigten Abluftanlage, die sich durch das Gebäude windet wie eine vielköpfige Hydra, ächzen über uns, als wollten sie jeden Moment herabstürzen. Gespenstisch fangen sie das Heulen des Windes, der an einigen der verrosteten Maschinen Sägespäne aufwirbeln lässt.
Konzentriert setze ich einen Fuß vor den anderen, versuche, alles vor mir im Blick zu behalten. Mindestens jede zweite Lampe ist defekt, die anderen gehen in zunehmend schnellerem Rhythmus an und aus. Ich fürchte, dass wir bald im Halbdunkel stehen könnten, denn das schwache Morgenlicht dürfte kaum genügen, den riesigen Raum auszuleuchten. Doch rechts vorne ist ein greller Schein. Ich deute die Richtung an und wir bewegen uns in breiter Linienformation darauf zu.
Die Blutflecken auf dem Boden werden dichter, vereinigen sich zu kleinen Lachen, die noch nicht getrocknet sind. Dort stehen zwei metallische Scheinwerfer mit kreisrunden, silbrigen Reflektoren. Vorsichtig umgehen wir diese, um dann gleichzeitig von drei Seiten hervorzuschnellen.

-»Polizei!-«
Das Rufen bleibt mir in der Kehle stecken. Ich schaffe es gerade noch, den Kopf zur Seite zu beugen, um mich sofort zu übergeben.
-»Was für ein Teufel. Das kann kein Mensch gewesen sein, der so etwas Widerwärtiges anrichtet.-«
Marqs Stimme zittert. Im Hintergrund röhrt es, gefolgt von einem ekelhaften Geplätscher. Dem jungen Nicolas erging es wohl nicht besser als mir. Ich stütze mich an einem Eisenteil ab, geschüttelt von Übelkeit. Die Metalloberfläche beginnt, mir die Wärme aus dem Körper zu ziehen. Rasch lasse ich los und sehe nach vorn. Mein Blick fällt auf einen rostigen Tisch aus Stahl, der von Blut überschwemmt ist. In der Mitte sind die Platten getrennt und ein rotgefärbtes, langes Sägeblatt ragt von dort hinauf in einen Schlitten mit einem Elektromotor, der parallel darüber in einer Führungsschiene gelagert ist.
-»Hier wurde sie verstümmelt-«, krächze ich mühsam hervor.
Der Brigadier wischt sich mit dem Ärmelaufschlag über den Mund, kommt heran und schlägt sofort die Hände vors Gesicht.
-»Wie soll ich diese Bilder jemals aus meinem Kopf bekommen?-«
Er jammert.
-»Gar nicht mehr. Du träumst davon, Nacht für Nacht, so lange, bis du es eines Tages ertragen kannst, ohne zu kotzen.-«
Marq klopft ihm auf die Schultern. Ganz langsam wende ich mich der zweiten Hälfte des Leichnams zu, die wie auf einer Bühne von den grellen Lampen in Szene gesetzt wurde. Der Haken eines Kettenzuges steckt in ihrem Nacken und reicht wahrscheinlich tief in den Hinterkopf hinein, denn sie baumelt mit erhobenem Kinn vor uns. Trotzdem hat der Mörder die Frau erneut mit einem Rahmen umgeben, nur dass dieser nicht wie am Waldrand eine statische, sondern eine — ausschmückende ? — Funktion innezuhaben scheint. Er ist aus gehobelten Brettern sauber zusammengezimmert, sogar mit einer goldglänzenden Farbe überzogen.
-»Eine feine Hobbywerkstatt haben die hier. Vielleicht hätten sie besser nicht "ºfür Jedermann"¹ auf das Schild schreiben sollen.-«
Keiner kann über die Bemerkung des Lieutenants lächeln. Er ist selbst weiß wie eine Wand und atmet die Luft in tiefen Zügen.
-»Merde, ich hab diese verschissene Säge gehört!-«
Nervös reiße ich den Ärmel meiner Jacke hoch und schaue auf die Uhr.
-»Ich lag im Hotelbett und konnte nicht einschlafen. Das Fenster stand offen. Es muss ungefähr gegen Mitternacht gewesen sein. Danach bin ich irgendwann raus und fand die Leiche am Wald.-«
Die beiden schauen mich erstaunt an.
-»Dann haben das auch andere gehört. Der Täter hätte wenigstens damit rechnen müssen, dass er Besuch von der Police municipale bekommt.-«
Ich erinnere mich an die laute Musik.
-»Nicht dann, wenn alle zu diesem Zeitpunkt kräftig gefeiert haben. Von irgendwoher kam laute Musik. Die Bässe dröhnten bis zum Hotel.-«

-»Hey, verdammt, wo treibt ihr euch rum? Wir haben den Staatsanwalt am Hals-«, rauscht es aus Marqs Funkgerät. Er nimmt es vom Gürtel und drückt die Sprechtaste. Das sind die Kollegen von der Spurensicherung.
-»Capitaine Laurent ist gleich da. Wir haben Arbeit für euch: die zweite Hälfte der Leiche in einem alten Sägewerk.-«
-»Wir kommen, sobald wir hier fertig sind, over.-«
Ich wende mich zum Gehen.
-»Dann haltet die Stellung, bis die Jungs eintreffen. Mich musstet ihr ja unbedingt zum Rendezvous mit dem schönen Staatsanwalt schicken.-«
Schnellen Schrittes durchquere ich die eiskalte Halle. Draußen ist es zwar nicht wärmer, aber weitaus weniger unheimlich. Da drinnen hätte ich es nicht lange ausgehalten. Fast habe ich unsere Leute erreicht. Berthe und die Spurensicherung packen bereits zusammen. Der Leichnam wurde abgenommen. Staatsanwalt Mathieu trotzt barhäuptig im langen Kaschmirmantel der Kälte. Sein sorgfältig frisiertes schwarzes Haar glänzt feucht vom Nieselregen, der begonnen hat, mit aufdringlicher Nässe vom Himmel zu fallen.
-»Monsieur de Procureur-«, grüße ich kleinlaut. Immer wieder lasse ich mich von diesem Mann einschüchtern. Dabei bin ich nicht der Typ, der leicht in Verlegenheit zu bringen ist. Er hat die unangenehme Eigenschaft, sich wie ein Raubtier anzupirschen und intuitiv Schwächen aufzudecken, die den Befragten oft genug Peinlichkeiten bescheren.
-»Capitaine, wie nett, dass Sie inzwischen auch die zweite Hälfte unserer Leiche entdeckt haben. Ich verzichte darauf, mir das Blutbad dort selbst anzuschauen. Außerdem muss ich mich dringend aufwärmen. Ich habe gehört, dass es selbst im lausigsten Nest außerhalb von Paris eine geheizte Polizeistube geben soll. Was meinen Sie?-«
Wir machen uns auf den Weg ins Kommissariat. Als wir die Absperrung passieren, um ins Dorf zu gelangen, halte ich unwillkürlich Ausschau nach Fabrice. Aber ich kann ihn nicht entdecken. Ist er tatsächlich abgereist, hat mich für immer verlassen? Ein lähmendes Gefühl von Leere droht mich zu überschwemmen. Nur wenige Schaulustige drängen sich noch vor den frierenden Beamten der Police municipale. Mathieu lässt sich von einem den Weg beschreiben.
-»Dort hinten am Haus links, dann am Baum wieder rechts.-«
Er lacht und stößt Kaskaden weißen Hauchs in die Luft.
-»Wir hätten ebenso gut einfach drauflos marschieren können. Ich glaube kaum, dass wir es schaffen würden, uns hier zu verlaufen.-«

Der Nieselregen wird stärker und wir beeilen uns, ins Gebäude des Kommissariats zu gelangen. Von draußen ist kein Licht zu sehen, doch die Tür ist nicht abgeschlossen. Ich drücke alle Klingeln der Sprechanlage und ohne eine Antwort abzuwarten, treten wir ein. Mathieu pustet sich in die Handflächen und reibt sie aneinander.
-»Kein Licht, keiner da — aber immerhin geheizt.-«
Ich klopfe gegen einige Türen, beginne zu rufen. Endlich schaltet jemand die Deckenbeleuchtung ein. Ein großer korpulenter Polizist in schlecht sitzender Uniform schlendert auf uns zu.
-»Ah, Sie sind sicher der Kopf der Delegation aus Paris, die sich freiwillig des menschlichen Schlachtopfers angenommen hat.-«
Weder Mathieu noch ich können über diese respektlose Bemerkung lächeln. Der Beamte merkt, dass sein Scherz gründlich misslungen ist, setzt eine ernste Miene auf und gibt uns die Hand.
-»Ich bin Commissaire Gagne. Wie kann ich Ihnen helfen?-«
Eine betäubende Alkoholfahne weht uns entgegen.
-»Ich bin Staatsanwalt Mathieu und das ist Capitaine Laurent von der Brigade Criminelle, die übrigens auch den Leichnam gefunden hat. Stellen Sie doch bitte zuerst Ihre Fragen, Capitaine.-«
Mathieu nimmt Abstand zum Commissaire ein, um nicht von dessen Atem gestreift zu werden. Unverzüglich beginne ich mit der Befragung.
-»Das Mordopfer wurde in zwei Teile geteilt und zur einen Hälfte am Ortsausgang vor dem Wald, zur anderen im alten Sägewerk jeweils auf einer Art Gestell drapiert. Der Täter benutzte eine Kühltruhe vom Schrotthaufen auf dem ehemaligen Betriebsgelände, um den Körper zu frosten. Anschließend zertrennte er ihn dort mit einer Bandsägemaschine.-«
Die gerötete Nase des Polizisten zuckt und ich kann gerade noch beiseite springen, als sich gewaltsam eine Nies-Attacke löst.
-»Ich habe kurz nach Mitternacht eine Säge gehört. Wenn man annimmt, dass es in diesem Ort nicht üblich ist, um diese Zeit Sägearbeiten zu verrichten, dann sollte es sich höchstwahrscheinlich um das Zerteilen der Leiche gehandelt haben.-«
Gagne zieht ein langes Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und schnäuzt ohrenbetäubend.
-»Ja, Sie haben vollkommen recht: Niemand sägt hier um diese Zeit.-«
-»Warum ist das dann nicht aufgefallen? Haben Sie etwa nichts gehört?-«
Verlegen stopft er die nasse Stoff-Wurst zurück.
-»Normalerweise wäre das zweifellos aufgefallen. Aber gestern fand ein großes Fest statt: Unser Bürgermeister hatte Geburtstag!-«
Mathieu rollt mit den Augen.
-»Commissaire, Sie wollen uns doch nicht allen Ernstes erzählen, dass die Wache nicht besetzt gewesen wäre?-«, frage ich hartnäckig weiter.
Gagne verfällt in heftiges Kopfnicken.
-»Doch, doch — selbstverständlich gab es hier die übliche Nachtbesetzung. Aber anlässlich der Feier wurden diese Kollegen nicht allein gelassen, sondern mit Musik und ein paar ... Partyhäppchen besucht.-«
Damit können wir die Hoffnung auf Zeugen wohl aufgeben. Die Unterstützung der Gendarmerie dürfte ebenfalls nichts bemerkt haben, denn sie wären der Sache in jedem Fall nachgegangen. Es grenzt an ein Wunder, dass am frühen Morgen überhaupt jemand meinen Schuss gehört hat.
-»Wissen Sie, wer die Hobbywerkstatt im alten Sägewerk benutzte? Wer könnte dort nachts gewesen sein?-«
Commissaire Gagne schiebt die Unterlippe vor.
-»Keine Ahnung, es war ja das Fest. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemand vorziehen könnte, stattdessen im kalten Sägewerk zu stehen. Ansonsten hat beinahe jeder Mann im Ort schon irgendwann einmal die Werkstatt besucht. Es ist niemals abgeschlossen dort, zu keiner Zeit. Es kommt hier nichts weg, wissen Sie. Das ist schließlich nicht Paris. Hier herrscht noch Frieden.-«
Mathieu schüttelt den Kopf.
-»Ein schöner Frieden, in dem eine junge Frau bestialisch verstümmelt wird, während der gesamte Ort feiert.-«
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