Sandys Geschichte
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Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
Sandy22

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Beitrag von Sandy22 »

Hallo, ich bin Sandy und 22 Jahre alt. Angemeldet habe ich mich hier im Forum bereits vor einigen Wochen, war allerdings zunächst skeptisch — völlig zu Unrecht! Ich freue mich sehr, endlich zu wissen, dass es gleichgesinnte Menschen gibt. Die Offenheit hier ist bewundernswert. Also habe ich mich entschlossen, auch meine Geschichte beizutragen.
Natürlich könnte ich mit meiner derzeitigen Lebenssituation beginnen, das wäre jedoch zu kurz gefasst. Im Grunde begann meine Geschichte bereits vor 10 Jahren — Ich war damals gerade 12 Jahre alt. Meine Freizeit verbrachte ich entweder mit meinen Freunden oder mit meiner Playstation. Meine Lust auf Schule hielt sich in Grenzen. Es war also alles normal, wie bei jedem Jungen meines Alters.

Kapitel 1: Anna und ich

Hin und wieder, immer wenn meine Eltern am Wochenende arbeiten mussten oder meine Mutter meinen Dad auf Geschäftsreisen begleitete, verbrachte ich diese Zeit bei unseren Nachbarn. Als die eines Tages berufsbedingt wegzogen, suchten meine Eltern nach einer anderen Lösung für die Wochenenden und wurden fündig. Fortan brachten sie mich zu meiner Tante Daggy, die mit meiner Cousine Anna in der nahegelegenen Kreisstadt wohnte. Natürlich war zunächst alles andere als begeistert, ließ es aber zwangsläufig auf mich zukommen.
Schnell merkte ich, dass es bei Daggy und Anna nicht so übel war, wie ursprünglich angenommen. Meine Tante ließ Anna und mir sprichwörtlich die lange Leine. Wir konnten gehen wann und wohin wir wollten, mussten nur spätestens zum Abendessen zurück sein. Am ersten Tag zeigte mir meine Cousine ihren Lieblingsplatz, eine verwilderte alte Obstplantage. Das war ein wirklich toller Ort, denn man konnte so viele Äpfel vom Baum holen und essen, wie man wollte, und es gab eine alte Blockhütte, die ein perfekter Unterschlupf bei schlechtem Wetter war.

Nach der Erforschung der Blockhütte und der näheren Umgebung wollte ich weiter in die wilden Büsche vordringen. Das fand Anna nicht so cool, denn sie hatte Angst sich die Beine an Dornen zu zerkratzen. Auf meinen Einwurf, sie solle sich nicht so anstellen, konterte sie und meinte, wenn ich mit ihr Klamotten tausche, kann ich ja selbst merken, wie das wehtut, aber dazu wäre ich auch nicht hart genug. Mit langer Hose könne ja schließlich jeder eine dicke Lippe riskieren. Das, dachte ich, lasse ich mir nicht vorwerfen und ging in der festen Überzeugung, mir würde es nichts ausmachen, mit teils nackten Beinen durch das Gestrüpp zu waten, auf ihren Vorschlag ein.

Wir gingen ins Blockhaus und entledigten und unserer Klamotten. Anna bekam meine Jeans, mein T-Shirt, mein Basecap und meine neuen Nike-Sneakers. Mir gab sie ihr weißes ärmelloses Kleid, das am unteren Saum und am Halsausschnitt jeweils mit bunten Blumenmotiven bedruckt war, ihre rosa Strickjacke und fast gleichfarbigen Schuhe. Mir passen die Sachen ganz gut, sie hätten vielleicht sogar eine Nummer kleiner sein können, aber es war ok. Anna hatte allerdings etwas Pech, denn bei ihr drückten meine Schuhe. Sie ist zwar ein ganzes Jahr jünger als ich, war aber damals einige Zentimeter größer und hatte etwas größere Füße.

Da wir nun fertig getauscht hatten, begann ich mit der Umsetzung des Vorhabens, ins Dickicht der Sträucher vorzudringen, und schritt forsch zu Werke. Bereits nach wenigen Metern wich mein Enthusiasmus und ich trat jaulend den Rückweg an. Dornen irgendwelcher Sträucher und eine nicht geringe Zahl von Brennnesselpflanzen hatten sich meiner Beine bemächtig und nun pikte es und brannte unerträglich. Anna lachte nur und meine, das hätte ich jetzt davon.

Nachdem ich nun gekniffen hatte, schlug ich vor, die Klamotten zurückzutauschen. Anna meinte, darauf hätte sie jetzt keine Lust. Cool, wie ich war, entgegnete ich, es würde mir nichts ausmachen, ihre Kleidung länger anzubehalten — und das war nicht mal gelogen, denn irgendwie gefiel es mir, Mädchensachen zu tragen. Wir blieben noch eine Weile im Blockhaus und unterhielten uns über Schule, Freunde und was uns noch so einfiel. Dann schlug sie vor, nach Hause zu gehen und unterwegs noch ein Eis an der Eisdiele zu holen. Gute Idee, dachte ich. Also brachen wir auf.

Im Eisgeschäft empfing uns der Verkäufer freudestrahlend und fragte: "Na, Mädels, was kann ich euch Gutes tun?" Mädels? Ach ja, ich hatte immer noch Annas Klamotten an und mit meinen langen blonden Haaren ging ich offenbar problemlos als Mädchen durch. Aber warum er Anna trotz meiner Jungenkleidung für ein Mädchen hielt, ließ mich zunächst stutzen. Wahrscheinlich war sie schon öfter dort und deshalb bekannt. Wir bestellten 2 Portionen Softeis und setzten den Heimweg fort. Zum Glück gab es einen Hintereingang und wir konnten unbemerkt in Anna Zimmer vordingen. Während wir unsere Sachen zurücktauschten, meinte Anna, es war ein schöner Nachmittag und sie ist traurig, dass ich nicht immer ihre Freundin sein kann. "Warum?", fragte ich. "Ich komme doch noch öfter und wir können das wiederholen, denn ich fand es auch ganz gut". Dann klatschten wir ab, lächelten uns an und der Pakt war geschlossen.

Nun kann sich wahrscheinlich jeder denken, wie aufgeregt ich in der folgenden Zeit war, denn immerhin dauerte es drei unendlich lange Wochen, bis ich wieder ein Wochenende Daggy und Anna verbringen "musste". So lange wird es sicher nicht dauern, bis ich meine Geschichte weitererzähle, aber für den Anfang war es das erst einmal.
Zuletzt geändert von Sandy22 am Mo 3. Okt 2016, 19:07, insgesamt 2-mal geändert.
Johanna Dornal
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Re: Sandys Geschichte

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Beitrag von Johanna Dornal »

Die Geschichte ist echt toll. Wenn sie so stimmen sollte (nicht bös gemeint) hätte ich solch ein Erlebnis in meiner Kindheit auch gerne gehabt.
Bin gespannt, wie es weitergeht. (ap)
Ruby1992
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Re: Sandys Geschichte

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Beitrag von Ruby1992 »

tolle geschichte ich frag mich schon wie dein weg weiter ging
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Sandy22

Re: Sandys Geschichte

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Beitrag von Sandy22 »

Kapitel 2: Zurück im Glück

Während der nächsten Wochen ging mir das Erlebnis mit Annas Klamotten einfach nicht mehr aus dem Kopf, was mich völlig verwirrte. Bei meinen Kumpels war ich damals als tight und cool bekannt, war inoffizieller Anführer unserer Clique. Und nun das: Ich träumte davon, endlich wieder Annas Freundin zu sein.

Dann kam der Tag, an dem mich meine Eltern endlich wieder zu Tante Daggy brachten. Sie warteten direkt nach der letzten Stunde an der Schule auf mich und los ging es. Am Ziel angekommen verabschiedeten wir uns, meine Mutter drückte mir meine Reisetasche in die Hand und drückte mich noch mal zum Abschied. Dann fuhren die beiden weiter und ich ging ins Haus, wo mich meine Tante bereits freudig erwartete. Sie begrüßte mich und sagte, dass Anna in ihrem Zimmer ist. Daraufhin ging ich zu ihr. Sie saß auf ihrem Bett und las ein Buch, als ich an der Tür klopfte, und sagte dann "Da bist du ja! Komm rein, ich habe dich schon erwartet" Also trat ich ein und setzte mich zu ihr.

Nachdem wir eine Weile von den Erlebnissen der letzten Wochen berichteten, fasste ich mir ein Herz und fragte Anna, on wir wieder Klamotten tauschen wollen. Darauf erwiderte sie, dass sie keinesfalls noch einmal meine Klamotten anzieht. Sie hatte beim letzten Mal von den zu engen Schuhen eine Blase am Hacken und der Rest des Outfits gefiel ihr auch nicht sonderlich. Für mich hatte sie trotzdem ein paar Sachen raus gelegt und sagte, ich kann diese anziehen, aber nur wenn ich wirklich will. Natürlich wollte ich — unbedingt sogar - versuchte aber, mir das nicht anmerken zu lassen und stammelte irgendwas, wie "Okay, probieren kann ich es ja mal. War immerhin ganz cool letztes Mal."

Dann betrachtete ich die Kleidung, die Anna für mich vorgesehen hatte. Diesmal war das Outfit komplett. Ich fand nicht nur ein strahlend gelbes Kleid mit kurzen Ärmeln, das bis kurz über die Knie reichte, sowie eine kurzgeschnittene Jeansjacke mit Stickereien und passende flache Schuhe im Jeanslook. Sie hatte auch weiße Söckchen mit gelben Ringeln und weiße Unterwäsche bereitgelegt, weil ich ja schlecht meine dunklen Sachen unter dem hellen Kleid tragen konnte. Schnell schlüpfte ich in die Wäsche und zog das Kleid an. Anna musterte mich und stellte fest, dass da noch etwas fehlt. Dann kramte sie einen Moment in einer Schublade und zog eine goldene Kette mit Herzanhänger hervor, die sie mir dann um den Hals legte. "So, jetzt bist du komplett", stellte sie fest und fragte: "Gefällt es dir?" Ich sah erst mal an mir herunter, dann trat ich vor den Spiegel des Kleiderschrankes und begutachtete mich von allen Seite. Es war faszinierend. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass es sich bei der Person im Spiegel um einen Jungen handelt. Aber das war ich — und ich gefiel mir so.

Als ich mich wieder zu Anna umdrehte, sagte sie: "Wow, du siehst echt hübsch aus. Aber wie soll ich dich jetzt nennen?" Ich antwortete: "Du kannst mich weiter Sandy nennen, schließlich ist das ein Jungs- und Mädchenname. Diese eine blonde Sängerin von den No Angels heiß doch auch so." Damit war also auch die Frage beantwortet. Auf meine Frage, was wir denn jetzt unternehmen wollen, sagte Anna, ich soll mich überraschen lassen, denn sie hat bereits etwas geplant. Nun schlichen wir uns zum hinteren Ausgang. Ich zuckte zusammen, als Anna plötzlich laut durch den Flur rief: "Mama, wir gehen jetzt raus. Bis später!" Zum Glück kam Tante Daggy nicht aus ihrer Küche und rief nur: "Ist gut, bis später ihr zwei." Mein Herz pochte sehr, den ich dachte schon, von meiner Tante erwischt worden zu sein. Aber das ging gerade noch mal gut.

Nachdem wir außer Sichtweite des Hauses waren, fragte ich Anna erneut, was wir denn nun wohl vor hatten. Sie verriet mir, dass wir mit einer Schulfreundin verabredet sind, bei der es immer selbstgebackenen Kuchen zum Kaffee gibt. Danach sollte es noch zum Schaufenstergucken in die Stadt gehen. Das klang ganz gut und ich freute mich drauf. Hier würde sich nun zeigen, ob ich wirklich als Mädchen wahrgenommen werde, oder ob jemand bemerkt, dass ich eigentlich ein Junge bin.

Am Ziel angekommen, klingelte Anna. Die Mutter ihrer Freundin öffnete die Tür und bat uns herein. Da stand auch schon Isabel (so heißt die Freundin) im Flur und begrüßte uns mit den unter Mädels üblichen Küsschen. Anna stellte mich vor: "Das ist Sandy, meine Cousine. Ich hab dir ja schon von ihr erzählt." "Freut mich, dich endlich kennenzulernen", entgegnete Isa, wie sie von Anna genannt wurde. Dann folgten wir ihr in ihr Zimmer, wo bereits eine Kanne Kakao und Muffins auf uns warteten. Nach dem Essen setzten wir uns im Kreis auf Isas Bett und unterhielten uns über Gott und die Welt. Nebenbei lief das Album von Tokio Hotel, Isas Lieblingsband. Ich fand die Gruppe auch ganz gut und antwortete auf die Frage, ob ich auch Fan wäre, spontan: "Ja, total. Ist doch ne coole Band mit coolen Liedern." Isa war echt erfreut, in mir eine Gleichgesinnte gefunden zu haben und setzte meine Befragung umgehend fort. Sie wollte alles wissen, vom Lieblingsfach, über Lieblingsfarbe bis hin zum Lieblingsessen. Sie ließ nichts aus, verriet mir aber auch gleich ihre Antworten auf diese Fragen. Allein bei der Frage, auf welche Jungs ich stehe, vermochte ich nicht zu antworten. Damals war diese Frage für mich echt absurd.

Als nächstes machten wir uns auf den Weg in die Stadt und bewunderten die Auslagen der vielen Geschäfte. Besonders das Schaufenster des Juweliers hatte es meinen beiden Freundinnen angetan. Während wir den funkelnden Schmuck und die tollen Uhren bewunderten, gesellten sich zwei Jungs und ein Mädchen zu uns. Wie sich herausstellte, Klassenkameraden von Isa und Anna. Nachdem ich auch denen vorgestellt wurde, verabschiedeten sich Anna und ich und begannen den Heimweg.

Was nach unserer Rückkehr passierte, erfahrt ihr im nächsten Kapitel.
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Re: Sandys Geschichte

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Beitrag von Ruby1992 »

wird immer spanender die geschichte ich bin schon auf die weiteren kapitel
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Sandy22

Re: Sandys Geschichte

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Beitrag von Sandy22 »

Kapitel 3: Eine Entscheidung

Auch diesmal schlichen Anna und ich uns durch den Hintereingang ins Haus und huschten ins Kinderzimmer. Natürlich wurde der Nachmittag intensiv ausgewertet. Ich sagte zu Anna, dass ich begeistert davon bin, wie toll ihre Freunde sind. Darauf stellte sie fest, dass es nun auch meine Freunde seien. Dann umarmte sie mich und sagte Danke. Auf die Frage, wofür sie sich bedankt, antwortete Anna. "Dafür, dass du für mich wie eine Schwester bist, so wie ich sie mir schon immer gewünscht habe". "Ich bin auch sehr froh", erwiderte ich.
Nach einer Weile hörten wir Tante Gabys Stimme durchs Haus schallen: "Kommt ins Wohnzimmer, das Abendbrot ist fertig!" Es war tatsächlich schon halb acht, wie hatten also völlig das Zeitgefühl verloren. Schnell stieg ich aus dem Kleid, zog meine Jeans und mein Kaputzenshirt über. Die restliche Wäsche ließ ich aus Zeitgründen an und folgte Anna ins Wohnzimmer, wo ihre Mutter bereits am Esstisch auf uns wartete. Sie hatte gekocht. Es gab Schnitzel mit Bratkartoffeln und Gurkensalat. Nach dem Essen half ich Anna beim abräumen, dann begaben wir uns Richtung Annas Zimmer. "Moment!", rief Tante Daggy. "Sandy, bleib bitte noch kurz hier. Ich möchte etwas mit dir besprechen. Anna, geh doch schon in dein Zimmer, Sandy kommt gleich nach." So geschah es.

Meine Tante bat mich, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Sie setzte sich auf den Sessel und begann zu reden: "Sag mal, kann es sein, dass du gern Annas Sachen anziehst?" "Wie kommst du darauf?", fragte ich mit hochrotem Kopf. "Ganz einfach. Ich habe zufällig aus dem Fenster gesehen, als ihr euch vor drei Wochen ins Haus geschlichen habt. Und heute warst du wieder in Mädchensachen unterwegs." Mein Kopf wurde immer heißer, ich fühlte mich ertappt und peinlich berührt, aber Tante Daggy war echt cool und sagte, dass es doch nicht schlimm sei und ich keine Angst haben brauche, dass sie mir Vorwürfe macht. Im Gegenteil: "Wenn es dir gefällt und Anna nichts dagegen hat, dir ihre Sachen zu leihen, kannst du hier anziehen, was du möchtest." "Aber meine Eltern dürfen davon nichts wissen", stammelte ich. "Keine Angst, wenn sie das erfahren, dann höchstens von dir." Mir viel echt ein Stein vom Herzen. Tante Daggy nahm mich in den Arm und schickte mich dann zu Anna.

Bei meiner Cousine angekommen, erzählte ich ihr gleich, dass ich sozusagen aufgeflogen war und ihre Mutter nichts gegen meine zeitweilige Verwandlung hat. "Das ist ja toll", freute sich Anna, "dann müssen wir nicht diese Geheimniskrämerei fortsetzten." Dann klopfte es an der Zimmertür und Tante Daggy trat ein. "Ich habe dir ein frisches Nachthemd mitgebracht, Sandy. Wenn du möchtest, kannst du es tragen." Wieder stieg Hitze in mir auf und ich spürte, wie sich meine Ohren tiefrot verfärbten. "Danke, Tante Daggy!" Mehr bekam ich nicht heraus. Anna war natürlich völlig unbeeindruckt von der Situation und sagte: "Los, zieh schon an! Oder willst du nicht?" Selbstverständlich wollte ich. Zaghaft griff ich das Nachthemd und zog es über. Es war kniefrei, rosa, also in Annas Lieblingsfarbe, und hatte vorne rechts ein rotes Blumendekor - und es fühlte sich echt gut an. Dann legten wir uns hin, ich auf die Campingliege, die für mich bereit stand, und Anna in ihr Bett. Schon bald waren wir fest eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, stieg von meiner Liege und ging ins Bad. Als ich mich dort im Spiegel erblickte und das Nachthemd sah, fiel mir wieder das Gespräch mit meiner Tante vom Abend zuvor ein. Offensichtlich hatte ich das nicht geträumt. Nun war ich gespannt, wie der Tag für mich weitergeht. Zurück im Zimmer erwartete mich bereits Anna. Sie hatte vorsorglich meine Reisetasche mit meinen Jungenklamotten im Schrank verschwinden lassen und rief mir zu: "Was willst du anziehen? Lieber einen Rock und ein Top? Oder ein Kleid? Oder was anderes?" "Was ziehst du denn an?", fragte ich zurück. "Ich nehme Leggins und Longshirt", verriet Anna. Ich entschied mich dann ebenfalls dafür. Während sie ein grünes Longshirt und eine graue Leggins aussuchte, entschied ich mich für ein rotes Longshirt und eine Leggins, die rot, pink und mint gesprenkelt war. Mit aprikot- rot-geringelten Söckchen und passenden Slippern war mein Outfit fertig. Und schon rief uns Tante Daggy zum Frühstück.

Fortsetzung folgt "¦
Sandy22

Re: Sandys Geschichte

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Beitrag von Sandy22 »

Kapitel 4: Erkenntnisse

Frische Brötchen, gekochte Eier und Nutella - das war für Anna und mich das perfekte Frühstück. Nach dem Essen räumten wir die Küche auf, Tante Daggy begann, ein glänzendes Küchengerät an der Tischplatte festzuschrauben. Interessiert erkundigte ich mich, was das wohl für ein Apparat ist. Die Antwort weckte bei mir großes Interesse, denn es war eine Nudelmaschine. Meine Tante machte ihre Nudeln tatsächlich selbst. "Möchtest du mir dabei helfen?", fragte sie mich. "Klar, gerne, ich finde das voll interessant", gab ich zur Antwort. Unter diesen Umständen wollte auch Anna mit dabei sein. Das versprach, ein interessanter Vormittag zu werden.

Zuerst entstand der Teig aus Eiern und Mehl. Jeder von uns knetete einen Teil davon, Tante Daggy natürlich den größten Brocken. Während der Nudelteig eine Weile zum Ruhen in Folie gepackt und beiseite gelegt war, begannen wir damit, Wäscheleinen in der nebengelegenen Kammer zu spannen. Darauf sollten die fertigen Nudeln zu Trocknen aufgehängt werden. Anschließend begannen wir mit dem Walzen des Teiges in der Nudelmaschine. Je öfter ein Teigstück durch das Gerät gedreht wurde, umso dünner und länger wurde er. Anna und ich hatten immer mehr Mühe, die dünne Teigbahn zu halten.
Als der Teig dünn genug war, teilte ihn Tante Daggy in kleinere Abschnitte und begann mit dem Zuschnitt. Dazu benutzte sie einen Aufsatz der Nudelmaschine. Es entstanden tatsächlich wunderbare Bandnudeln, die kräftig mit Mehl betäubt auf der Leine landeten. Anna und ich hatten großen Spaß an dieser Arbeit. Einziger Wermutstropfen: Wir waren von ober bis unter weiß vom Mehl. "Du siehst aus, wie Schneemann!", sagte ich zu Anna. "Selber!", antwortete sie wie aus der Pistole geschossen und begann zu herzhaft lachen, so dass ich auch nicht ernst bleiben konnte.

"Zieht euch am besten etwas anderes an", rief Tante Daggy aus der Kammer. Dann sah sie um die Ecke und fuhr fort: "Weil ihr mir so toll geholfen habt, fahren wir heute Nachmittag zur Belohnung ins Kino, wenn ihr wollt." "Ja, cool!", platzte es aus Anna heraus. Auch ich freute mich natürlich. Zunächst mussten wir uns aber dringend der mehligen Klamotten entledigen und verschwanden deshalb ins Kinderzimmer. Selbst beim Ausziehen entstand noch eine Mehlwolke. Natürlich waren auch Köpfe weiß, was uns dazu zwang, ins Bad zu gehen und die Haare zu waschen. Dann schmiss Anna den Fön an und begann, ihre Haare zu trocknen. Weil ich keine Ahnung hatte, wie man mit einem Fön umgeht, erklärte sie sich bereit, mir dabei zu helfen. Sonst ließ ich meine Mähne immer an der Luft trocknen. Bei mir dauerte der Vorgang allerdings deutlich länger als bei meiner Cousine, denn sie hatte im Gegensatz zu meinen langen deutliche kürzere Haare, einen sogenannten Bob. Verwundert stellte ich fest, dass mein Haar, das bis knapp über die Schultern reichte, durch das Fönen irgendwie viel volumiger wurde und ganz toll aussah. Anna hatte die Idee, mir einen Zopf zu machen. Ich war skeptisch, denn bisher trug ich die Haare immer nur offen. Während sie sich mit einer Bürste ans Werk machte kam Tante Daggy dazu und hatte eine Idee, nahm die Bürste an sich, und begann meinen Schopf zu bearbeiten. Zu meinem Erstaunen flocht sie einen Französischen Zopf und befestigte die wenigen lose Haare mit ein paar Haarspangen.

Aber eine Frage stellte sich noch: Was bloß anziehen? Anna stand unentschlossen vor dem Kleiderschrank und starrte hinein. "Willst du mal selbst gucken, was du anziehen möchtest, Sandy?" "Klar, warum nicht", antwortete ich. Dann stöberte ich minutenlang in Annas zwei Kleiderschränken und staunte, wie viele Klamotten sie hat. Immer wieder viel mir etwas in die Hände, das in die nähere Auswahl kam, aber dann blieb ich wie magnetisch angezogen bei einem bordeauxroten Kleid mit Tankträgern hängen und nahm es aus dem Schrank. "Wow, ist das schön!", platzte es aus mir heraus. "Ich habe das noch nie getragen", stellte Anna fest. "Wenn du es magst, schenke ich es dir." Das Angebot nahm ich gern an und so hatte ich mein erstes eigenes Kleid, das nicht natürlich mit nach Hause zu meinen Eltern nehmen konnte. Dann suchte ich mir noch passende Söckchen und Unterwäsche zusammen und zog mich an. Dazu kombinierte ich Jeansjacke und Schuhe, die ich bereits am Vortag getragen hatte, und natürlich auch die goldene Kette mit dem Anhänger. Das Gesamtergebnis gefiel mir echt gut, besonders die Frisur war ungewöhnlich und toll. Anna sah es ebenso und stellte fest: "Schade, dass du keine Ohrlöcher hast, dazu wären jetzt ein paar Ohrringen super." Sie selbst trug kleine silberne Stecker mit einem A, dem Anfangsbuchstaben ihres Names.

Als wir fertig angezogen waren, eilten wir in die Küche, wo das Mittagessen auf und wartete. Es gab die frisch gemachten Nudeln mit Pesto und Tomaten, ein herrliches Gericht. Wohl genährt verbrachten wir die Zeit bis zu unserem Kinotrip in Annas Zimmer, hörten Musik und blätterten in einigen Bravo-Heften. Dann war es endlich so weit, Tante Daggy hatte das Auto vorgefahren und wir sprangen auf die Rückbank. Nach etwa zehn Minuten Fahrzeit erreichten wir den Parkplatz am Kino. Es war inzwischen halb fünf. In den drei Sälen liefen verschiedene Filme, der neue Bond, Der Da Vinci Code und der zweite Teil von Fluch der Karibik. Unsere Wahl fiel auf den Piratenfilm. Mit Popcorn und Cola ausgestattet nahmen wir unsere Plätze ein. Kurze Zeit später begann die Vorführung, die nach über zwei Stunden endete und uns sehr gefiel. Glücklich verließen wir das Kino.

"Weil so ein toller Tag ist, gibt es heute Abendessen bei McDonald"™s, wenn ihr möchtet", schlug uns Tante Daggy vor. Wir waren begeistert, denn normalerweise hielt sie nichts von Fast Food. Mit dem Auto fuhren wir also ins nahegelegene Gewerbegebiet, wo sich eine große Filiale der Imbisskette befand. Mit meinen Eltern war ich auch schon ein paar Male dort, sie fuhren wir allerdings immer zum Drive-In-Schalter. Diesmal ging es direkt ins Restaurant, wo wir uns in eine recht lange Schlange einreihten. Ich musste nicht lange überlegen, was ich bestellen möchte, denn besonders stand ich auf Big Mac und Erdbeermilchshake. Als ich das Tablett mit meinem Essen in der Hand hielt und mich umdrehte, um einen Platz zu suchen, erstarrte. Hinter mir stand die ganze Zeit ein Mädchen aus meiner Parallelklasse. Vor Schreck ließ ich die Servietten fallen. Carolin, so hieß sie, bückte sich sogleich, hob die Servietten auf und drückte sie mir in die Hand. "Dankeschön", stammelte ich. "Gern geschehen" kam als Antwort. Offenbar hatte sie mich nicht erkannt. Auch später, als sie mit ihren Eltern direkt am Nebentisch Platz nahm, schien sie mich nicht zu erkennen. Schwein gehabt, freute ich mich. Erleichtert ging ich nach dem Essen zum Auto und erzählte während der Fahrt, was mir da gerade passiert war.

Die Geschehnisse am Sonntag, meiner Heimreise mit den Eltern und was noch so passierte, verrate ich im nächsten Kapitel.
Zuletzt geändert von Sandy22 am Do 6. Okt 2016, 14:05, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Sandys Geschichte

Post 8 im Thema

Beitrag von Ruby1992 »

eine schöne geschicht sandy nur einen Kritik punkt hätte ich achte ein wenig auf den namen der tante will im letzten kapitel heist sie einmall daggy und dan einmal gaby
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Sandy22

Re: Sandys Geschichte

Post 9 im Thema

Beitrag von Sandy22 »

Sorry, Gaby ist meine andere Tante. Da war ich wohl beim Schreiben etwas durcheinander. Hsbs aber jetzt korrigiert.
SteffiCD
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Re: Sandys Geschichte

Post 10 im Thema

Beitrag von SteffiCD »

Hallo Sandy,

hab gerade deine schöne Geschichte gelesen.
Freue mich schon ganz doll auf die, hoffentlich, noch zahlreichen Fortsetzungen.
Hast echt nen tollen Schreibstil.

LG Bea
Zwischen zwei Seiten gibt es immer eine Mitte !!!
Kim
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Re: Sandys Geschichte

Post 11 im Thema

Beitrag von Kim »

Tolle Geschichte. ..mach so weiter.
Glg Kim
ExuserIn-2019-12-20

Re: Sandys Geschichte

Post 12 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2019-12-20 »

Hallo Sandy,

Ich bin auch gespannt wie es weiter geht :)
Tolle Geschichte, vor allen Dingen finde ich die Toleranz der Tante und Cousine sensationell :)
So was wünscht sich jede von uns.

Lg Anna
Sandy22

Re: Sandys Geschichte

Post 13 im Thema

Beitrag von Sandy22 »

Kapitel 5: Spaß, Spiel und vorläufiger Abschied

Am Sonntag wurde ich durch ein schrilles Weckerklingeln aus dem Schlaf gerissen. Es war gerade mal halb acht und Anna war bereits ins Badezimmer gegangen. Während ich mir die noch müden Augen rieb, kam mir die Erkenntnis, dass der vorläufig letzte Tag mit meiner Cousine angebrochen war. Meine Eltern hatten sich für den Abend angekündigt, um mich abzuholen, denn Montag stand wieder Schule auf dem Programm.
Anna kam aus dem Bad zurück und versuchte, mich zu motivieren: "Los, Sandy, beeile dich. In 20 Minuten gibt es Frühstück und dann müssen wir auch los." Dann fiel es mir wieder ein: Wir sind um 9 Uhr mit Isa und Max, einem der Jungs, die wir kürzlich beim Schaufenstergucken trafen, verabredet, um auf ein Straßenfest zu gehen. Nachdem auch ich aus dem Bad zurück war, stöberte ich im Kleiderschrank nach einem geeigneten Outfit. Natürlich war ich alles andere als stilsicher, was dazu führte, dass Anna meine Auswahl mehrfach mit einem Kopfschütteln bewertete.

Nach einigen Sichtungen hatte ich dann aber doch etwas gefunden, dass sie für gut befand. Es war ein hellelfenbeinfarbiges Kleid, das bis zum Knie reichte und leichte Falten hatte. Darauf waren Kirschen und andere Früchte in schwarzer Farbe gedruckt. Dazu hatte ich eine schwarze Jeansjacke und schwarz-graue Lederstiefeletten ausgesucht. Bei dem Versuch mir einen Pferdeschwanz zu binden, scheiterte ich zunächst. Nachdem es Anna einmal vorgemacht hatte, benötigte ich noch drei weitere Versuche, bis ich es selbst hinbekommen hatte und es auch gut aussah. Es folgte der obligatorische Check vor dem Spiegel und ich erblickte ein cooles Mädchen mit einem noch cooleren Look. So konnte es losgehen.

Nach dem Frühstück steckte uns Tante Daggy noch etwas Geld zu und wir machten uns auf den Weg. An Annas Schule trafen wir unsere beiden Begleiter und zogen mit ihnen zum Straßenfest weiter. Dort gab es den ganzen Tag Musikacts, Karussells und andere Attraktionen. Als wir eintrafen, sang gerade ein Andrea-Berg-Double, weshalb wir uns erst mal den Fahrgeschäften zuwandten und uns für eine Fahrt mit dem Riesenrad entschieden. Danach war auch das Bühnenprogramm nach unserem Geschmack, denn ein DJ spielte aktuelle Hits. Einige Festbesucher tanzten sogar vor der Bühne. In den nächsten Stunden war uns alles andere als langweilig. Ganz nebenbei stellte sich heraus, dass Max und ich voll auf einer Wellenlänge waren, denn wir hatten nicht nur den gleichen Musikgeschmack, sondern waren auch beide große Fans von Harry Potter, hatten alle sechs bis dahin erschienen Bücher gelesen und natürlich auch die bis dahin vier Kinofilme gesehen.

Gegen 14 Uhr verabschiedeten sich Anna und ich von Isa und Max und machten uns auf den Heimweg. Zuhause erwartete und schon Kakao und Kuchen. Danach schlossen wir Annas Playstation an, spielten Guitar Hero und fühlten uns wie echte Rockstars. Die Zeit verging, wie im Flug. Plötzlich klingelte es an der Tür und ich hörte die Stimmen meiner Eltern. Es war tatsächlich schon nach 17 Uhr. Hecktisch zog ich das Kleid aus und suchte meine Reisetasche im Schrank. Anna begrüßte währenddessen meine Eltern und sagte ihnen, ich sei gerade im Bad und komme gleich. Schnell noch den Zopf öffnen, Kaputzenpully überziehen und lächeln — so trat ich kurz darauf vor Mama und Papa. Nach einer Weile Smalltalk verabschiedeten wir uns von Daggy und Anna und fuhren los.

Auf der Fahrt fragte meine Mutter mich nach den Erlebnissen der letzten Tage. Ich erzählte vom Kino und dem Straßenfest, aber natürlich nichts von meinem Mädchendasein. Zuhause verkroch ich mich in meinem Zimmer, flegelte mich auf mein Bett und ließ das Geschehene Revue passieren. Dann gab es Abendbrot. Während ich an meinem Sandwich knabberte, fragte mich meine Mutter verwundert, was ich da am Hals habe. Nach einem prüfenden Griff wurde mir klar, dass ich noch die Kette mit dem Herzanhänger trug. Also sagte ich: "Ach, das ist nur eine Kette. Ein Geschenk von Anna." "Meinst du nicht, dass ein Herz ein bisschen kitschig ist für einen Jungen?" Natürlich hatte sie Recht, aber es war ja eigentlich auch nicht für einen Jungen. Jetzt behielt ich die Kette selbstverständlich erst recht am Hals, denn Einwänden meiner Eltern begegnete ich damals oft mit Trotz.

Mit der Nachtruhe war es an diesem Tag nicht so einfach, denn mir gingen so viele Dinge durch den Kopf. Aber der Morgen, an dem ich wieder zur Schule muss, ließ sich leider nicht verschieben. Irgendwann schlief ich mit der Erkenntnis ein, dass es eine echte Herausforderung wird, wieder in meine ursprüngliche Rolle hineinzufinden, denn zu sehr hatte mich dieses Wochenende als Mädchen beeindruckt.

Weiter geht es im nächsten Kapitel ...
Ruby1992
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Re: Sandys Geschichte

Post 14 im Thema

Beitrag von Ruby1992 »

eine wirklich schöne geschichte bis dahin ich bin gespannt wie es weiter ging
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Re: Sandys Geschichte

Post 15 im Thema

Beitrag von Sandy22 »

Kapitel 6: Zurück im Alltag

Das Aufstehen am Montagmorgen viel mir, wie zu erwarten war, ziemlich schwer. Trotzdem quälte ich mich aus dem Bett und schaffte es, pünktlich in der Schule zu sein. Die ersten Stunden rauschten einfach so an mir vorbei, denn ich war alles andere als bei der Sache — außerdem interessierte mich Mathematik nicht die Bohne.
Da passte mir die Hofpause schon besser. Wie immer traf sich meine Clique, um das Wochenende auszuwerten und ein paar Spaßaktionen auszuhecken. Diesmal hielt ich mich allerdings weitgehend zurück. Stattdessen streifte mein Blick über den Schulhof und musterte einige Mädchen. Ich sah mir ihre Outfits ganz genau und sinnierte, welches mir wohl stehen könnte. Gerade hatte ich eine Schülerin aus der 8. Klasse im Visier und bewunderte ihren tollen Style, als mir jemand auf die Schulter klopfte. Es war Carolin, die am Wochenende meine Servietten aufgehoben hatte. "Hey Sandy!", begrüßte sie mich, "Sag mal, kann es ein, dass du eine Zwillingsschwester hast?" "Nee, hab ich nicht. Wie kommst du denn auf die Idee?", sprach ich und tat verwundert. "Ich habe am Wochenende ein Mädchen gesehen, das war dir wir aus dem Gesicht geschnitten." "Echt?", wunderte ich mich zum Schein weiter. "Ja echt", antwortete Carolin und suchte nach einer Erklärung: "Jeder Mensch soll ja angeblich einen Doppelgänger haben. Deiner ist dann wohl weiblich." "Kann sein, ist mir aber egal", brubbelte ich vor mich hin, ließ Caro stehen und flüchtete ins Schulgebäude. Auch der Rest des Unterrichts verging, ohne richtig bei mir angekommen zu sein.

Am Nachmittag machte ich einen großen Bogen um meine Kumpels, verzog mich in mein Zimmer und beschäftigte mich ausgiebig mit meiner Playstation. Beim Abendessen war ich mit meiner Mutter allein, denn mein Vater war mal wieder geschäftlich bei einem Termin. Ich hatte gerade den letzten Bissen gegessen, da setzte sie sich zu mir und sagte zögerlich: "Ich weiß, dass du da keine Lust drauf hast, aber es geht leider nicht anders. Papa und ich sind am Wochenende zu einem Seminar nach Berlin eingeladen. Zu einem sehr wichtigen Seminar! Das heißt, du musst leider am Wochenende wieder zu Tante Daggy." Dann wartete sie merkbar auf meine Reaktion. Natürlich freute ich mich innerlich, konnte und wollte das aber nicht zeigen. Also zog ich eine genervte Grimasse und stöhnte: "Och nee, was soll denn der Scheiß schon wieder?" Daraufhin versuchte meine Mutter, meine Stimmung aufzuhellen, und machte ein Angebot: "Hör zu Sandy, es tut mir echt leid, geht aber wirklich nicht anders. Zur Entschädigung darfst du dir etwas wünschen." Ich überlegte kurz und verkündete: "Ich möchte endlich ein eigenes Handy." Kurze Stille. "Aber Kind, du weiß doch, was dein Vater dazu gesagt hat. Solange deine Schulnoten nicht besser "¦" An mir rauschte der Rest der Ansage als flüchtiges Blablabla vorbei, der Inhalt war mir eh bekannt. "Da war ja wieder klar", nuschelte ich zerknirscht. "Wünsch dir etwas anderes, Sandy. Das bekommst du dann auch, versprochen." Ich überlegte ein weiteres Mal und dann kam mir eine Idee, die sofort aus mir herausschoss: "Dann will ich Ohrlöcher!" "Was willst du? Ohrlöcher? Für Ohrringe?" Meine Mutter schien geschockt zu sein. "Na, solche kleinen Stecker wie Herr Müller hat." Herr Müller war einer unserer Nachbarn, ein Sozialpädagogikstudent im wahrscheinlich 31. Semester, optisch eine Mischung aus Postpunk und Gothic. "Meinst du das erst? Aber nur normale Locher, nicht solche großen Dinger, durch die man einen Kugelschreiber schieben kann!" "Nein, doch keine Ohrtunnel", beschwichtigte ich. "Na gut, ich weiß zwar nicht, was dein Papa dazu sagt, aber meinetwegen sollst du welche haben."

Dienstag Mittag war ich mit meiner Mutter nach der letzten Stunde vor unserer Schule verabredet. Gemeinsam führen wir ins Stadtzentrum, um mir bei einem Juwelier Ohrstecker zu kaufen und natürlich auch Löcher stechen zu lassen. Ich muss zugeben, dass mir etwas die Muffe ging, denn ich wusste nicht, ob die Prozedur schmerzhaft ist oder nicht. Zunächst suchte ich mir aber zwei Stecker aus. Es waren recht unauffällige Exemplare, kleine runde Punkte, gerade mal zwei Millimeter im Durchmesser, aber immerhin 925er Silber. Anschließend wurde ich auf einen Stuhl gebeten und der Verkäufer band meine Haare nach hintern. Kurz darauf wurde es eiskalt an meinem rechten Ohr, einen Moment später auch am anderen. "Fertig!", rief der Mann und reichte mir einen Spiegel. "Wow!" Ich war begeistert, denn es sah toll aus, ging erstaunlich schnell und ich hatte fast nichts gemerkt. Meine Angst vor dem Stechen war völlig unbegründet. Beim Verlassen des Laden stellte meine Mutter fest: "Die Ohrstecker wird doch kein Mensch sehen, zumindest solange du so lange Haare hast." "Macht nichts, ist ja nur für mich", erwiderte ich grinsend, denn ich wusste es besser.

Bis auf eine 5 in Mathe, mit der das eigene Handy in noch weitere Ferne rückte, geschah an den restlichen Tagen der Schulwoche recht wenig. Tatsächlich hatte ich teilweise sogar Spaß am Unterricht. Am Freitag war es dann so weit und ich konnte wieder zu Anna und Daggy. Diesmal schafften es meine Eltern nicht einmal, mich zu fahren. Stattdessen stand meine Tante am Schultor und winkte mir schon von Weitem zu. Ich stieg zu ihr ins Auto und machte es mir auf der Rückbank bequem. Sie redete wie ein Wasserfall und kündigte mir eine ganz große Überraschung an, die ich sehen würde sobald wir da sind. Ich muss zugeben, ich wäre fast vor Neugier geplatzt.

Diese Neugier wird im nächsten Kapitel gestillt "¦
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