Dieses ist keine chronologische Aufzeichnung meines Werdegangs als Crossdresser, sondern der stichwortartige Versuch einer Beschreibung meiner Empfindungen und Beobachtungen in den vergangenen zwei Jahren.
Ein Schriftsteller ist nicht an mir verloren gegangen, deshalb bitte ich um Nachsicht, wenn ich mich schwer damit tue, meine Gefühle auszudrücken.
Anfang (November 2013)
Nach einer überstandenen größeren Operation hatte ich die Idee, etwas völlig Neues anzufangen. Wie ich ausgerechnet auf High Heels gekommen bin, kann ich im Detail nicht mehr sagen. Eine gewisse Rolle hat die seinerzeitig Genderdebatte mit einigen skurrilen Auswüchsen gespielt und eine Tendenz in den Medien, Frauen als die besseren Menschen darzustellen. Das ist mir dermaßen auf den Zeiger gegangen, dass ich unbedingt etwas "typisch" Weibliches zur Schau stellen wollte. Wahrscheinlich war auch gekränkte männliche Eitelkeit dabei und ich wollte es "den Frauen" auf einem ihrer ureigenen Feldern zeigen.
Outing
Von Beginn an war mir klar, dass ich nicht heimlich meiner neuen Leidenschaft frönen wollte. Also habe ich nach wenigen Tagen mit den neuen Schuhen eine Rundmail an die Arbeitskollegen und an die Verwandten geschrieben samr Foto. Damals stammte ausser den Schuhen das restliche Outfit aus der Männerabteilung und ich habe streng darauf geachtet, ja nicht weiblich 'rüberzukommen.
Klärung
Der Begriff Crossdresser samt seiner Definition war mir anfänglich nicht geläufig. Bis mich mal jemand fragte und ich mich schlau gemacht habe. Denn trotz meines bewußt männlichen Looks gab es einige Mutmaßungen und auch Verbalattacken, die in Richtung schwul, Schwuchtel, Transgender usw. gingen. Bei meine Recherchen bin ich auf die Definition des Begriffs Crossdresser gestoßen. Seitdem ist für mich klar, dass ich ein Crossdresser bin. Ist so wie es ist.
Nicht alleine
Mein erstes Forum war eines, in dem sich Männer auf hohen Absätzen austauschen. Es war sehr hilfreich festzustellen, dass ich nicht ganz alleine auf weiter Flur bin. Dort bin ich noch heute aktiv, denn es sind feine Menschen unter den Usern, die meine modische Entwicklung in Richtung weibliche Schiene mitbekommen haben und nie ein böses Wort darüber fallen ließen. Einige persönliche Begegnungen haben auch schon stattgefunden.
Verbalattacken mit Folgen
Nach einer aufdringlichen Attacke eines jungen Mannes ("Ey, was trägst Du denn für Schuhe?") und einer anschließenden Diskussion mit einer Frau ("die Schuhe stehen ihnen nicht") wollte ich einen Kontrapunkt setzen. Zunächst bestellte ich mir einen Männerrock (Kilt) aus Schottland. Samt passendem Zubehör inkl. traditioneller Schuhe. Da es sich um ein Sonntagsstück handelt, kam später ein Utility-Klit für den Alltag hinzu. Das männliche Outfit verhinderte dennoch nicht die Mutmaßungen in Richtung Transgender.
Dammbruch (Januar 2014)
Nach der Erkenntnis, dass ich mit Absatzschuhen oder Männerrock sowieso auffalle und in falsche Schubladen gesteckt werde, kam der Wunsch auf, noch einen "draufzusetzen". Die Idee, komplett auf Röcke umzusteigen, kam während eines Gesprächs mit einer Arbeitskollegin. Damenhosen als Zubehör zu den High Heels waren mir einfach zu wenig, ausserdem reizte mich der Gedanke eine Art "Girlfriend-Look" als Gegensatz zum "Boyfriend-Look" zu erfinden.
Nachdem ich das erste Mal im Rock und fast komplett (bis auf die Jacke) in Frauenkleidung unterwegs war und nichts passiert ist, gab's kein Halten mehr. Innerhalb weniger Wochen habe ich meine Garderobe auf Frauenkleidung umgestellt.
Dabei war mir das Buch von Christian Seidel "Die Frau in mir" eine große Hilfe. Vieles von dem, was Christian Seidel schreibt, habe ich in abgeschwächter Form auch erlebt. Bis hinein in meine Gefühlswelt.
Experimente
Im Laufe der letzten zwei Jahre habe ich mit kindlicher Neugier so einiges ausprobiert und vieles davon übernommen. Was früher undenkbar war, ist jetzt Bestandteil meines Alltags. Einiges ständig, anderes gelegentlich, z.B.
- Handtasche (fast immer)
- Nagellack (oft)
- schmückende Kosmetik - Puder, Kajal, Mascara, Augenbrauenstift etc. (gelegentlich)
- pflegende Kosmetik (immer)
- Schmuck - Halskette, Armreif, Ohrclips (ab und zu)
Neue Welt
Das Tragen von Frauensachen ist nicht ohne Auswirkungen auf mein Innenleben geblieben. Oder hat sich mein Äusseres geändert, weil sich mein Innenleben verändert hat.? Oder ist es eine Wechselwirkung? Oder waren die weiblichen Anteile schon immer vorhanden? Nur ganz verschüttet oder unterdrückt? Ein rudimentäres Interesse an weiblicher Kleidung war schon früher vorhanden, ist aber nicht zum Tragen gekommen. Ich trauere nicht um die verpassten Gelegenheiten, sondern erfreue mich an neuen Möglichkeiten, die sich mir durch Frauenkleider erschlossen haben.
Verletzlichkeit
Als Rockträger mache ich mich nicht nur äusserlich durch das unten offene Kleidungsstück angreifbar, sondern signalisiere auch eine persönliche (innere) Verletzlichkeit. Im Unterschied zum "zugeknöpften" Erscheinungsbild eines Hosenträgers.
Achterbahn
Wenn ich einen Rock oder ein Kleid trage, fällt es mir leichter, Gefühle an mich heranzulassen oder zu äussern. Das kann schon mal eine Achterbahn mit Auf und Ab sein. Aber es tut gut, seine Gefühle zeigen zu können und nicht alles in sich hinein zu fressen.
Verhalten
Ganz sicher hat sich mein Verhalten in Richtung weiblich verschoben. Wenigstens in Nuancen und Kleinigkeiten. Erstaunlich, dass dafür das Tragen von Frauenkleidung schon genügt.
Sichtweise
Als jemand, der deutlich erkennbar ausserhalb des Mainstreams steht, hat sich meine Sichtweise auf andere Menschen, die ebenfalls "Aussenseiter" sind, verändert. Die Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen Lebensweisen ist größer geworden.
Selbstbewußtsein
Früher war ich sowas wie "ein Loch in der Landschaft", schüchtern , scheu, introvertiert, unsichtbar. Seitdem ich mich in Folge meiner Outfits nicht mehr verstecken kann, bin ich "gezwungen" Flagge zu zeigen. Da ein schüchterner Rock- oder Heelsträger fast zwangsläufig ein Opfer von Hohn und Spott werden kann, gehe ich in Frauenkleidern immer geradewegs und selbstverständlich und mit einem Lächeln "durch" die Menschen. Fünf oder zehn Zentimeter mehr unterm Absatz sind dabei von Vorteil. Deshalb trage ich oft meine "Ego-Pusher", wie ich sie nenne.
Wohlgefühl
Das Tragen von Röcken, Kleidern & Co. verursacht ein großes Wohlgefühl bei mir, wie ich es niemals vorher als Hosenträger empfunden habe.
Stimmungen
Die "neuen" Kleider geben mir eine Vielzahl von Möglichkeiten, meine Stimmungen sichtbar auszudrücken. Mal möchte ich ein Lederluder sein, mal ein bodenständiges Country-Girl. Oder ich gehe im Business-Outfit los. Vielleicht habe ich eine flippige Phase oder möchte ganz in Grün (mit Fraben lässt sich sehr viel ausdrücken) gehen. Die Liste ließe sich verlängern. Das alles war mir mit Männerklamotten nur sehr begrenzt möglich.
Ja zu mir selbst
Es fällt mir leichter, mich zu akzeptieren. Füße, Beine, Schultern, Rücken und Hinterteil können kaum besser sein. Die Brüste sind in Folge des zunehmenden Alters etwas größer geworden, wogegen ich absolut nichts habe (ich bin mal auf Grund eines Fotos gefragt worden, ob ich einen BH trage, dem war aber nicht so). Einzig der Bauch hat's schwer bei mir. Aber das wird noch, ich arbeite daran. An mein Gesicht habe ich gewöhnt und benötige kein anderes und die graumellierten Haare strahlen einen Hauch Eleganz aus.
Beweggründe
Meine derzeitigen Beweggründe für das Tragen von Röcken/Kleidern sind ein Gemisch aus verschiedenen Gründen:
- Bequemlichkeit (was ist bequemer als ein Kleid? Zwei Kleider.)
- Freiheit (vom Zwang, bestimmte Kleidung tragen zu müssen)
- Erotik (auch Männer sollten die Möglichkeit haben, sexy Kleidung zu tragen)
- Mode (sieht besser aus)
- Persönlich (ich fühle mich als Mensch kompletter)
- .................
Ausblick
Hinter meinen derzeitigen Crossdresser-Stand möchte ich nicht zurückfallen. Mir ist klar, dass ich trotz der Gewöhnung meiner Umgebung an meine modischen Präferenzen immer wieder kämpfen muss, den Status zu erhalten. Nicht zuletzt mit Zweifeln und Ängsten, die sich entwickeln können. Aber auch die politische und gesellschaftliche Entwicklung ist sorgfältig zu beobachten. Mir kommt es so vor, als ob bürgerliche Freiheiten in Europa zur Disposition stehen. Aus welchen Gründen auch immer. Die Freiheit der Kleiderwahl gehört für mich zu den bürgerlichen Freiheit, wie auch die Meinungsfreiheit.
Wie meine Reise in die neue Welt weitergeht, weiß ich nicht. Vieles, was ich für unmöglich hielt, ist in kurzer Zeit eingetreten. Manchmal habe ich mich selbst überholt. Ob es beim jetzigen Stand bleibt, kann ich nicht garantieren.
Falls ich in die Verlegenheit komme, einen Rollator schieben zu müssen (die Gesundheit kann schneller den Bach 'runtergehen, als es uns lieb ist), dann lieber im Rock und Stöckelschuhen als in Hose und Schlappen.
Mein Sermon ist doch länger geworden als ich dachte, sorry.
Liebe Grüße
Dolores
P.S. Zwei Fotos, die während der Weihnachtsfeier im Betrieb entstanden sind. Unter den rund 60 Anwesenden (m/w) war ich der einzige "Rocker".
Quelle: http://up.picr.de/24054532qi.jpg
Quelle: http://up.picr.de/24054531vg.jpg
