Knäckebrötchen hat geschrieben: Fr 18. Okt 2024, 22:58
Jaddy hat geschrieben: Fr 18. Okt 2024, 20:24Disclaimer: Ich claime die Labels trans, nonbinary und agender für mich.
Ja. Gleichzeitig hoffe ich aber, dass Du nicht erwartest, dass ich deine Pronomen IRL bei einer Begegnung unter Unbekannten (ich imaginiere jetzt mal ein Käufens/Verkäuferin-Szenario) einfach so erkenne. Ich würde im Regelfall danach gehen, was ich sehe und wie ich das einordne - und wenn ich das nicht kann, weil die Signale so uneindeutig sind, naja dann müsste ich fragen "Entschuldigung, ich möchte nicht unhöflich sein, aber wie darf ich Sie ansprechen?"

Das passt schon... fast

Ich sehe auch, dass du die Diskussionen kennst, aber vielleicht emotional nicht akzeptieren möchtest.
Kleine Abschweifung vom eigentlichen Thema: Nein, ich erwarte nicht, dass Menschen meine Pronomen automatisch kennen. Ich versuche auch, es genderbinären Menschen möglichst einfach zu machen, wenn ich die Gelegenheit habe, mich vorzustellen. "Kai, Pronomen Kai", statt "Kein Pronomen", was viele mangels Übung nicht spontan praktisch umsetzen können. Gleichzeitig ist das ein Lerneffekt: Name geht immer. Meine Neopronomen - en - nenne ich hauptsächlich gegenüber Menschen, die entweder selber in der Thematik sind oder offensichtlich aufgeschlossen.
Fragen ist auch super. Und da möchte ich doch eine kleine Kritik anbringen. "Wenn die Signale so uneindeutig sind" erlaubt sich eine Deutungshoheit
über mich, die mE nicht mehr zeitgemäss ist. Wie viel Aufwand muss ich denn in meine Erscheinung stecken und wer bestimmt das? Warum darf ich mich nicht kleiden, wie es meinem Wohlgefühl entspricht? Der Unterschied zwischen Identität und Ausdruck sollte nach Jahrzehnten endlich Allgemeingut sein.
Ich verstehe den Alltagspragmatismus. Gleichzeitig erzeugt er nicht nur für TIN Personen Probleme. Dieser Anspruch auf das Recht zuschreiben zu dürfen folgt nämlich dem gleichen Muster, mit dem feminin aufgemachte cis Frauen fachlich nicht ernst genommen werden - oder butch-mässig auftretenden der Respekt oder ihre Erfahrungen als Frau abgesprochen werden.
Am einen Ende bist du mit einer aufgeklärten Haltung und - ich bin sicher - auch Achtsamkeit für trans und_oder nichtbinäre Personen, die vermutlich eher mehr als weniger fragt. Auf der anderen Seite sind aber jene, die ihren Eindruck, was die Person gegenüber "eigentlich ist", sie dazu berechtigt, ihre Anreden und gegenderten Verhaltensmuster durchsetzen zu dürfen.
Mir als besonders betroffener Person fehlt da sehr häufig ein selbstverständlicherer Umgang mit Ambivalenz. Eine Zurückhaltung bei gegenderten Verhalten zum Beispiel. Eingeübte neutrale Anreden(1). Nachfragen, bevor Genderstereotypen angenommen werden(2). Einfach weniger voraussetzen.
(1) Letztens im Restaurant: "... die Dame". Nur ein Beispiel von vielen.
(2) Männer kennen sich mit Autos/Techznik/Fussball/Handwerken aus, etc. Der ganze Mario-Barth-Unfug, der auch im Alltag reproduziert wird.
So, genug Mini-Rant
Knäckebrötchen hat geschrieben: Fr 18. Okt 2024, 22:58Ich finde nur, dass der allgemeine Begriff "trans" wie auch immer geschrieben, zu unkonkret ist, um im Alltag sinnvoll zu sein. Als Oberbegriff für alles, was sich als trans* bezeichnen möchte - von mir aus. Aber konkret möchte ich mich von Menschen unterschieden wissen, die eben "nur" eine soziale Transition vollziehen wollen - und Menschen, die auch eine körperliche Transition brauchen.
Und das ist doch Teil der Debatte: Menschen wie ich, die versuchen, sich durch Anpassung an Verhalten, Aussehen, Gestik, Vokabular und auch Stimme und wo es notwendig wird auch durch Operationen so weit wie möglich an "Frau sein" heranarbeiten sind nunmal betroffen von der Verallgemeinerung "Trans*", wenn damit in der Öffentlichkeit die Menschen verstanden werden, die sich als "Frau" definieren und dann barttragend mit klassischem Herrenoutfit in der Damenumkleide stehen. Ich möchte dieser Person erstmal nicht abstreiten, Trans* zu sein - das Spektrum ist mir aber zu groß und da möchte ich für mich klar verstanden wissen: ich möchte die Transformation so weit sie menschenmöglich ist.
Ich verstehe deinen Ansatz und sehe auch das Dilemma. Gleichzeitig steht es keiner Gruppe zu, sich ein solches Label komplett anzueignen und andere davon auszuschliessen. Ja, "trans" für sich ist unscharf - weil es eben viele Formen gibt, die auch alle valide sind. Dafür gibt es dann weitere Konkretisierungen. Deine Selbstbezeichnung Transfrau zum Beispiel. Als selbstgewählte völlig okay. Andere sehen das anders und stellen Frau in den Vordergrund - Jane Bond: "Ich bin Frau. Trans Frau" - gerade weil ihnen das wichtiger ist als das trans und sie in allen Belangen als Frau anerkannt werden wollen.
Die Frage ist mMn, in welchem Alltag "trans" für sich sinnvoll wäre. Eigentlich nur, wenn über das ganze Spektrum gesprochen wird. Bei Individuen und einzelnen Gruppen lohnen sich spezifischere (Selbst)Bezeichnungen, um zu konkretisieren. "Ich bin trans" aktiviert den ganzen Komplex von Selbstfindung, Coming Out, Kollision mit den Erwartungen des cis Gesellschaft, ggf Wunsch nach Transistion(en). "Ich bin Frau" addiert Sexismus, sexusalisierte Gewalt usw. "Ich bin nichtbinär" die Probleme der zwei Türen und fehlenden neutralen, offenen Umgangsformen, usw.
Damit lässt sich, ganz im Sinnen intersektionaler Denke, schon sehr gut und präziser darüber reden, welche Themen Menschen gemeinsam haben und welche spezifisch für einzelne Gruppen sind.
Übrigens: Das Beispiel blond bezog sich erst mal darauf, wie wir gewöhnlich sprachlich Eigenschaften bezeichnen bzw wie wir deren Intensität, (angenommene) Essenzialität und Permanenz ausdrücken.
Die Analogie zu Haarfarben reicht allerdings durchaus weiter. So wie blond ist trans eine phänotypische Variante, die mit gewissen Annahmen, Erwartungen und Traditionen verknüpft ist. Blond weniger in unseren Breiten, aber hab hier mal schwarze krause Haare(3). Für blond und trans gibt es verändernde Massnahmen, die ggf nie vollständig und mglw nie dauerhaft sind. Du wirst das Merkmal nie ganz los und genausowenig das Misstrauen und die Vorurteile anderer Menschen - und auch nicht den das eigene Wissen, dass diese Vorbehalte existieren. Egal wie sehr du versuchst, dich zu "färben", also anzugleichen.
(3)
Zeit Doku und ernsthaft aber lustig
Hair: Last Week Tonight with John Oliver
Knäckebrötchen hat geschrieben: Fr 18. Okt 2024, 22:58
Jaddy hat geschrieben: Fr 18. Okt 2024, 20:24
Das nichtbinäre Spektrum definiert sich also wie das Böhmermann'sche Inklusivum: "dazwischen und ausserhalb".
Siehst Du, und hier fangen meine Verständnisprobleme an. Die Diskussion wurde in einem anderen Thread schon geführt: ich bin blind und Du versuchst mir die Farbe rot zu beschreiben. Klappt nicht. Sorry.
Das ist nicht respektlos gemeint. Aber es ist für mich eine Grenze im Verständnis von Selbstwahrnehmung, die ich bei allem Bemühen noch nicht überwinden konnte. Ich kann das voll anerkennen, dass jemand sich weder dem einen, noch dem anderen zugehörig fühlt - oder das Ganze komplett ablehnt. Aber "Ich habe keine Ahnung, wie sich so ein Gender anfühlt" ist exakt das, was einem die meisten "cis"-Gender sagen!
Ich habe manchmal das Gefühl, dass aus "keiner sagt mir, wie ich mich fühlen soll" ein neues Label wird. Wo uns doch auch nie jemand erklärt hat, wie Mann- oder Frau-sein so geht. Man wächst halt rein. Und entweder - und das ist dann wieder was anderes - man kommt damit zurecht, oder nicht. Aber - again, mein Verständnisproblem - irgendwo verorte ich mich doch auf der Skala. Was liegt mir? Sind es Eigenschaften die eher dem weiblichen oder eher dem männlichen Spektrum zugewiesen sind? Und dann bin ich ja nicht mehr "a"-gender, sondern nicht-binär. Oder genderfluide, wenn ich mich nicht festlegen will - aber was soll dieses "außerhalb" denn sein? Außer lustlos?
Das ist, denke ich, ein eher didaktisches Problem

Die beliebtesten Werkzeuge sind Analogien und Metaebenen. Wenn ich einer blinden Person die Farbe Rot erklären sollte, würde ich versuchen, an die gemeinsamen Konzepte anzuknüpfen, die auch Blinde kennen und Sehende mit rot assoziieren. Sehende verbinden Rot zum Beispiel mit Blut, Wärme, auch Herzklopfen, Körper. Es kann warm, weich, kuschelig sein oder als Blutlache oder blutig Gewalt signalisieren. Als Feuer kann es wärmen oder zerstören. Gefahrensymbole sind häufig rot, weil Rot in der Natur selten als friedliche Farbe auftaucht. Ausnahme: rote Sonnenauf- und Untergänge, die Beginn oder Ende eines Tages andeuten. Etwas neues beginnt oder etwas endet. Damit könnte eine empathische Beziehung entstehen. Ich kann Gegensätze verwenden. Blau als kalt. Blaues Eis, blaugefrorene Lippen, Blau als Klarheit des Himmels.
Genau so machen wir es mit Gender ja ständig. Wie du schreibst: Kein Mensch kann wirklich erklären, wie sich "Gender anfühlt". Es "ist" einfach. "ich erkenne es, wenn ich es sehe". Wir wissen hauptsächlich wenn es sich "richtig" anfühlt oder eben "falsch". Die allermeisten Menschen haben ein automatisches Gefühl, was "männlich" und was "weiblich" assoziiert wird, und wenn wir Gender beschreiben, dann in der Regel durch Analogien mit Beispielen.
Wie lässt sich Agender beschreiben? Nun, bist du buddhistisch oder muslimisch? Denkst du bei deinem Outift und deinem Verhalten jeweils, was es mit deinem Karma tut oder ob es Halal ist? Ich vermute: Weder noch [Falls doch: ersetze sie durch eine andere Kultur, in der du nicht zuhause bist]. Diese expliziten Kategorien kommen dir einfach nicht in den Sinn, weil du keine emotionale Bindung an sie hast. Klar wirst du auf einem muslimischen Fest vorher die Konventionen lernen. Vielleicht wächst du auch ein wenig in die Kultur hinein, bis dir die Gewohneheiten mehr oder weniger automatisch von der Hand gehen. Aber ohne eine tiefe emotionale Beziehung, also die religiöse Überzeugung, bleibt es Ritual ohne Tiefgang. Gleichzeitig weisst du irgendwann, was du tun musst, um von den Menschen bestimmte Reaktionen zu erzeugen oder möglichst konfliktfrei durchzukommen, auch wenn dir die Basis immer fremd bleibt.
So fühlt sich das an für mich. Ich weiss, welche Kleidung, Sprache, Verhaltensmuster, Interessen, Manierismen etc mit männlich und weiblich verknüpft sind, weil ich es gelernt habe wie eine Fremdsprache. Ich denke nur dann darüber nach, wenn ich in bestimmten Kontexten bestimmte Signale setzen möchte. Heisst: Ich weiss, dass ich mich in einer fremden Kultur bewege und maskiere mich entsprechend. Aber das ist anstrengend. Ich muss explizit dran denken. Es kommt nicht "natürlich" oder "von innen".
Es ist auch etwas völlig anderes als "ich weiss nicht, wie sich Gender anfühlt" von cis Leuten. Analog zu dem Fisch im Aphorismus von D.F.Wallace(4) bemerken sie nur das (Gender)Wasser nicht, in dem sie schwimmen, weil sie ohne Störgefühle daran angepasst sind. Gerade CHWMs, cis-hetero-white-men. Solche Störgefühle lassen sich aber einfach erzeugen, indem ihre Ewartungen, wie sie gemäss ihres Genders behandelt werden, nicht mehr erfüllt werden. Die Debatte über geschlechtergerechte Sprache reicht da manchmal schon.
(4) "Es schwimmen zwei Fische des Weges. Ein anderer Fisch kommt ihnen entgegen. Er nickt ihnen zu und sagt: "Moin, na wie ist das Wasser?". Die zwei Fische schwimmen eine Weile weiter. Schließlich meint der eine zum anderen: "Was ist Wasser?"
Knäckebrötchen hat geschrieben: Fr 18. Okt 2024, 22:58
Bezug nehmend zur Ausgangsfrage: ist es hilfreich, in einer sowieso schon politisch missbrauchten, unnötig polarisierten und polemisierten Diskussion um Transfrauen und deren Potential als Vergewaltiger auch noch das Label nicht-binär einzuflechten? Nein. Schon allein weil ihr euch selbst schützen wollt: haltet euch aus der aktuellen "Trans-Debatte", die ausschließlich eine gesellschaftliche Spaltung zum Ziel hat, raus. Reiner Selbstschutz. Denn, wenn sie mit uns durch sind, seid ihr die Nächsten. So wie vor uns die Schwulen.
Die "aktuelle Trans-Debatte" ist eh zum größten Teil ein künstliches Scheinthema, bei dem einfach die nächste Gruppe aufs Korn genommen wird, die a) klein und unbekannt genug ist, b) hinreichend "anders", so dass viele Menschen keinen Bezug dazu haben (Fische im Wasser), so dass c) wenig Solidarität zu erwarten ist und d) faktenfernes emotionales Aufputschen möglich ist. Es geht um Deutungshoheit über und Durchsetzung von frei erfundenen Normen gegenüber anderen, und der Zweck ist, dadurch allgemeine Macht zu erlangen. Klares Kennzeichen autoritärer Kräfte. Das Gegenteil einer freiheitlichen Gesellschaft weitgehend selbstbestimmter Individuen, die auf Konsens aus sind.
Rein praktisch geht es aber um viel mehr als trans Frauen. Alle Menschen, die nicht 100% cis
passen, werden Opfer der Hysterie. Es trifft sogar
die transfeindlichen selbst. Nicht genug Oberweite? Brustkrebs-OP? Kurzhaarschnitt? "Damenbart"? Zu groß? Zu tiefe Stimme? Je heftiger die Stimmungsmache, desto größer der cis-normative Druck. Als Junge bloss kein bisschen Rosa. Als Frau bloss keinen Anzug. Getrennte Räume, getrennte Produkte. Pass dich dem Klischee an, auch als cis Person und spiel das Spiel der Empörung mit, um dich bloss nicht der Kollaboration oder Solidarität verdächtig zu machen.
Ich verstehe deinen Wunsch, als Frau anerkannt zu werden und nicht diesem für dich (und viele cis Leute) unübersichtlichen "alle können sich selbst irgendwie erfinden" Gemenge zugeschrieben zu werden. Gleichzeitig fühlt es sich für mich schon ziemlich so an, dass du dich quasi die rettende Klippe ins cis-Land hochziehst und dafür mich in den Abgrund trittst. Motto: Wir holen alle trans Frauen rein, dann können wir die Tür zu machen und diese komischen anderen Queers draussen lassen.
Das hat aber noch nie geklappt. Noch nie wurde eine ausgegrenzte Minderheit in der Mehrheit akzeptiert, indem sie andere untern Bus geschubst hat. Im Gegenteil hat es alle geschwächt, indem sie einzeln attackiert und gegeneinander ausgespielt wurden.
Und ehrlich gesagt: Wenn ich das richtig deute, bin ich ein Jahrzehnt älter als du und ich habe wirklich keine Lust, nach den Schwulen - die nach Comptons Café und den Christopher Street Riots trans Personen, insbesondere PoC zum eigenen Vorteil ausgegrenzt haben, noch weiter andere "vor zu lassen", wenn wir gemeinsam gleichzeitig gewinnen können.
Rein praktisch teilen wir
nicht"¢cis"¢gender"¢konformen Menschen plus inter* nämlich die gleichen Probleme bzgl Teilhabe, Akzeptanz und Repräsentation. Egal ob es um Sanitärräume, Formulare, Sportgruppen, medizinische Versorgung geht. Wir wollen
alle möglichst problemfrei leben und einfach wie alle anderen mitmachen. Wir machen alle den ganzen jeweiligen Aufwand nicht aus purem Vergnügen. Wir "erfinden" auch nicht aus Spass irgendwelche Dinge, sondern suchen nach Begriffen, Konzepten und Modellen für Dingem die schon immer da waren, hier und überall auf der Welt, auch inter, trans und nichtbinär, aber bisher bei uns keine Sprache hatten.
Im konkreten Konflikt vor Ort ist es vollkommen egal, wie du dich definierst, welche OPs du gemacht hast, welche Chromosomen du hast. Du wirst trans nicht los. Du kannst Glück haben mit der Tarnung, aber kein IDGAF hilft dir, wenn die andere Person sehr viel Fuck gibt. Deshalb ist sogar die deutsche queere Community inzwischen, besser spät als nie, beim Thema Intersektionalität angekommen und hat erkannt, dass keins von uns frei ist, bevor wir nicht alle frei sind.