Laila-Sarah hat geschrieben: Di 21. Feb 2023, 13:31
das Unwohlsein verschwindet mit der Zeit (in dem du als Marcia draussen bist). Ich kenne das von früher. Man könnte meinen: Ein Teil von dir wehrt sich das Zepter abzugeben.
Hallö Marcia,
die Erfahrung von Laila-Sarah habe ich auch gemacht. Und es ist bei mir gelegentlich noch immer da. Ich glaube, bei mir steckt noch immer Scham dahinter. Es hat sich für mich gelohnt, mich mit diesem Gefühl zu beschäftigen. Es ist das Gefühl, dass das "Zepter" in der Außenwelt in der Hand hält. Ausgestoßen zu werden war in früheren Sippen die größte Strafe, denn sie kommt einer Todesstrafe sehr nahe. Man überlebte nicht alleine. Nun ist das Abgelehnt werden heute keine Todesstrafe mehr, aber das Gefühl, nicht dazuzugehören, ist sehr mächtig. Und dafür haben wir die Scham. Sie sagt uns, wann wir gegen "allgemeine Regeln" verstoßen und bremst uns. Dem gegenüber stehen die Gefühle des eigenen Ich. Sind beide nicht in Übereinstimmung haben wir einen massiven Konflikt. Den richtigen Ausgleich zu finden, ist nicht immer einfach. Ich mache das, in dem ich beide Gefühle so tief wie möglich hinterfrage. Ist die Scham gerechtfertigt oder ist vielleicht nur ein Relikt aus früheren Prägungen ? Ist mein Kopfkino, bewusst oder unbewusst, real ? Wie wichtig sind im Augenblick die eigenen Bedürfnisse mich in der Öffentlichkeit zu zeigen, wirklich ?
Mit der Zeit haben sich bei mir beide Gefühle deutlich verändert. Sowohl die Scham als auch der Wunsch der eigenen Darstellung als Frau in der Öffentlichkeit sind ruhiger geworden. Ich bin Frau, wenn ich in der Öffentlichkeit bin. Da ist keine Scham mehr und obwohl das Frausein noch immer etwas Besonderes ist, ist es nicht mehr so gewaltig und überwältigend. Frausein beansprucht viel Aufmerksamkeit, aber sie kontrolliert mich nicht mehr. Auf der anderen Seite zeigt sich die Scham im Kontakt mit meinem näheren Umfeld. Meine Frau und meine Kinder (sie sind schon erwachsen und außer Haus) wissen von meiner weiblichen Seite. Aber ich halte mich hier zurück, da die vermeintliche Gefahr einer Ablehnung in mir steckt. Hier habe ich noch meine Baustellen. Gelegentlich kann ich mit ihr in Ansätzen darüber reden, was mich meistens sehr schnell überfordert. Aberin kleinen Schritten geht es vorwärts. Das interessante ist dabei, dass der Wunsch, das Frausein zu leben, verändert sich. Es wird weniger dringlich ohne zu verschwinden.
Ich habe auch hier das Gefühl, dass der Wunsch des Frauseins mich nicht mehr kontrolliert und ich selber mehr und mehr die Kontrolle über mein Leben gewinne. Das ist ein richtig gutes Gefühl. Ich denke, mein innerer Konflikt zwischen Scham und dem eigenen Ausdruck nimmt in dem Maße ab, in dem ich mir zugestehe, dass ein Frausein zu mir gehört und gleichzeitig Schamgefühle abbauen kann, in dem ich sie hinterfrage. Das Quälende ist für mich, dass mein Frausein mein Leben kontrolliert hat. Es will ernst genommen werden, dann lässt der Druck nach. Und mit der Scham ist es ähnlich, sie hat einen Grund, sie will mich warnen, etwas zu tun, was massive Konsequenzen zur Folge haben könnte. Aber die Scham ist viel weniger real, als sie mir glauben machen will. Durch die Grenzüberschreitung, die mein Frausein in der Öffentlichkeit darstellt, habe ich erfahren, dass die Scham übertrieben ist. Das hat vieles beruhigt. Die Scham ist ein Korrektiv, damit wir als soziale Wesen leben können. Aber die Grundlage der Scham ist massiv durch die eigene Erziehung geprägt. Aber die Erfahrung, als Frau leben zu können, war eine Korrektur des Korrektivs. Aus dem Frau leben müssen, ist ein Frau leben können geworden. Das war ein wesentlicher Schritt, bleibt aber noch immer Baustelle. Wesentlich war die Erkenntnis, dass meine inneren Konflikte nur aus dem Widerstreit der eigenen Gefühle entstanden ist. Diese muss(te) ich ergründen. Die Konflikte mit der Außenwelt sind Folge meiner inneren Konflikte.