Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 15. Jan 2020, 07:30
Heißt das, dass der Unterschied zu den anderen Männern zum Gefühl der Weiblichkeit ausreicht ? Ist das, was Du, Wally, als Weiblichkeit bezeichnest, auch nichts anderes als Projektionen von Eigenschaften ? Warum sollen Männer nicht diese Sichtweise haben und sich als Männer fühlen ?
Liebe Vicky,
Ein unmittelbares Gefühl des eigenen (!) männlich- oder weiblich-Seins gibt es m. E. nicht. Ich kann da jedenfalls in meinem Gefühlshaushalt herumkramen, soviel ich will: ein Gefühl, das mir unmittelbar und subjektiv EIGENE Weiblichkeit oder Männlichkeit signalisiert, etwa so wie ich mich unmittelbar warm/kalt oder einsam/bedrängt oder hungrig/satt empfinde, kann ich da nicht finden - und bis heute hat mir auch niemand Anderer so etwas aus seinem Gefühlsleben beschrieben. Was anderes ist es mit der Einordnung ANDERER Menschen als männlich oder weiblich: das würde ich durchaus als spezifisches Gefühl einordnen, weil wir das ja eben nicht rational nach Checkliste machen, sondern höchst spontan "aus dem Bauch" entscheiden. Jemand Anderer fühlt (!) sich für uns entweder männlich ODER weiblich an, unser Gehirn trifft da (anhand oft nur sehr subtiler Anhaltspunkte) höchst prompt eine sehr klare, digitale Entscheidung. Und offenbar ist uns diese Unterscheidung immens wichtig; in den wenigen Fällen, in denen wir da nicht sofort Klarheit kriegen, fühlen (!) wir uns gegenüber dem betreffenden Menschen sehr verunsichert.
Was meine eigene Person angeht: um ein Gefühl für das EIGENE Geschlecht zu kriegen, muß ich mich im Spiegel - also wie eine andere Person VON AUSSEN - betrachten. Und dieses Gefühl sagt mir dann - leider - ganz klar "männlich!", egal in welchem Outfit, da kann ich mir noch so viel Mühe geben. Womit mir - leider - auch klar ist, wie andere Menschen mich anhand meiner Optik gefühlsmäßig einschätzen: denn dieses Gefühl für das Geschlecht
anderer Menschen ist insofern erstaunlich objektiv und verlässlich, als normalerweise ein und dieselbe Person von ausnahmslos allen anderen Personen übereinstimmend eingeordnet wird, da gibt's nur höchst selten Ausreißer oder auch nur unklar bleibende Fälle.
Aber das betrifft nur das äußerliche (vorwiegend optische) Erscheinungsbild. Unser Problem als Transgender ist ja nun mal, dass unser "Geschlecht zwischen den Ohren", also unser psychisches, seelisches Geschlecht (sofern es sowas überhaupt gibt - ich persönlich bin davon überzeugt) gegenüber dem äußerlich-optischen Geschlecht ganz oder teilweise invertiert ist.
Wenn ich von meiner eigenen, inneren "Weiblichkeit" spreche, dann ist das kein Gefühl, sondern eine rein rationale Zuschreibung aufgrund vergleichender Beobachtungen. Ich wußte nie unmittelbar "aus dem Bauch heraus", dass ich zwischen den Ohren weiblich bin, ich habe das nie unmittelbar gespürt; ich kriegte nur schon seit der Kindheit und Jugend schmerzhaft zu spüren, dass ich mit der männlichen ROLLE (Gender) - offensichtlich sehr im Gegensatz zu nahezu allen meinen männlichen Kameraden - Riesenprobleme hatte, dass ich da in vielerlei Hinsicht permanent überfordert war. Und andererseits fehlte mir da auch ständig etwas, was ich erst mal gar nicht definieren konnte, da war ein Riesen-Loch unbefriedigter Sehnsüchte und Bedürfnisse - nach was? Keine Ahnung: in der damals noch streng geschlechtlich getrennten Genderwelt eines kleinen Jungen gab es schlicht nichts, was geeignet gewesen wäre, diese Bedürfnisse (eines Mädchens - so meine
heutige Interpretation) zu befriedigen. Ich wußte nicht einmal, um was ich da hätte bitten und mich bemühen können, mir ging's einfach nur mies. Ich habe noch nie nachvollziehen können, dass andere Leute ihre Kindheit so verklärt beschreiben - für mich war's die Hölle, obwohl von den familiären und wirtschaftlichen Verhältnissen her eigentlich alles in bester Ordnung war.
Wie Du ja schon selber schreibst, sind die Geschlechtsunterschiede, an denen wir im Alltag auch schon das körperliche Geschlecht (Sex) festmachen, eigentlich sehr subtil: das allermeiste davon sind bloß quantitative Unterschiede mit weiten Überschneidungen im Bereich "sekundärer" Geschlechtsmerkmale, bei denen die Variationen innerhalb eines Geschlechts oft sogar viel größer sind als die durchschnittlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Trotzdem strickt irgendein archaisches Programm in unserem Gehirn blitzschnell - schon in der allerersten Sekunde eines neuen Kontaktes - aus der Summe all dieser diffusen, optischen (teilweise auch akustischen) Wischiwaschi-Unterschiede eine glasklare, duale Entscheidung: Mann ODER Frau. Und das mit verblüffender Zuverlässigkeit! Schon das ist eigentlich nur mit entsprechender, genetisch angelegter "Hardware" in unserem Gehirn erklärbar; eine irgendwie "sozial erlernte" Routine könnte das weder so schnell noch so zuverlässig übereinstimmend mit dem Urteil der allermeisten anderen Menschen leisten. Ich bin mir sicher, dass man auch irgendwann eine spezifische Struktur im Gehirn finden wird, die genau das leistet (im Moment sucht man bloß gar nicht erst danach, aus ideologischen Gründen).
Wenn sich unsere eigene, menschliche Natur das Recht herausnimmt, das körperliche Geschlecht anderer Menschen anhand so subtiler, äußerlicher Unterschiede so strikt dual zu differenzieren, dann kann es wohl nicht ganz verkehrt sein, rational mit den beobachtbaren Geschlechtsunterschieden bei Gefühlsäußerungen und Verhaltenstendenzen dasselbe zu versuchen. Klar sind die beobachtbaren Geschlechtsunterschiede unseres "psychischen" Geschlechts - genauso wie Körpergröße, Busen, Stimmhöhe, Fettverteilung usw. - auch nur quantitative Unterschiede mit weiten Überschneidungen; klar ist ein Mann, der auf das Kindchenschema voll abfährt, deswegen noch lange keine Frau, und eine Frau, die gerne Autorennen fährt, deswegen noch lange kein Mann - auch psychisch nicht. Erst die Summe aus immens vielen solcher Eigenschaften macht ein geschlechtliches Gesamtbild, wie bei einem Mosaik. Bei meiner Identitätssuche - nachdem ich überhaupt erst mal kapiert hatte, dass die Wurzeln meiner Probleme wohl im Sex/Gender-Bereich lagen - habe ich mich viele Jahre lang immer wieder in allen möglichen Belangen mit Männern und mit Frauen verglichen. Und ich habe dabei festgestellt, dass ich mich in emotionalen Belangen - egal welche, auch weitab des Sexualtriebs - weitaus öfter in Frauen wiedererkannt habe als in Männern. Ich konnte Reaktionen und Verhaltensweisen von Frauen meistens besser nachvollziehen, mich da besser einfühlen als bei Männern, die für mich insgesamt und im Einzelnen viel fremder, rätselhafter und schwerer einschätzbar blieben. Auf diese vergleichende Beobachtung gründe ich meine RATIONALE Einschätzung meiner eigenen Psyche als "weiblich". Eine andere als diese rationale Einschätzung gibt's nicht; in meiner unmittelbaren Gefühlswelt - als Objekt dieser Einschätzung - empfinde ich mich subjektiv nicht als Mann oder Frau, sondern einfach nur als "ich". Die trotzdem vorhandene geschlechtliche Spezifität dieses "ich" führt dann aber im sozialen Umfeld zu eben den Verwerfungen, die uns Transgendern nur allzu bekannt sind; eben deshalb habe ich mich ja dann auf die Suche begeben.
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 15. Jan 2020, 07:30
Führt letztlich die Dekonstruktion von Geschlecht nicht wieder zu neuen Konstruktionen ?
Ich mag das Wort "Konstruktion" in solchen Zusammenhängen nicht: wenn ich etwas "konstruiere", dann schaffe ich damit etwas, was vorher nicht da war, und wenn ich es "dekonstruiere", dann zerstöre ich es restlos, es ist anschließend nicht mehr vorhanden. So etwas Grundlegendes wie das Geschlecht kann ich genauso wenig konstruieren/dekonstruieren wie etwa unser Sonnensystem; es existiert unabhängig davon, ob irgendwelche Menschen sich irgendein Bild davon machen. Tausenderlei Fadenwürmer oder Nacktschnecken haben ohne jeden Zweifel schon Millionen Jahre, bevor es uns Menschen überhaupt gab, ihre Existenz und Weiterentwicklung auf das Konzept "geschlechtliche Fortpflanzung" gestützt, ohne sich dessen jemals bewußt gewesen zu sein oder es gar aktiv geschaffen, also "konstruiert" zu haben. Wir können uns über das Phänomen "Geschlecht" ein mehr oder weniger richtiges, mehr oder weniger genaues Bild machen, meinetwegen auch seine stoffliche Existenz völlig ableugnen (wozu dann freilich schon ein gerütteltes Maß an wissenschaftlicher Ignoranz gehört). Aber wenn es sowas wie Geschlecht überhaupt gibt (davon bin ich überzeugt), dann können wir es ganz sicher nicht "dekonstruieren".
Und ja: wenn man "Geschlecht" systematisch zu "dekonstruieren" versucht, kommt das Teufelszeug prompt in tausend anderen Gestalten wieder hoch. Realität ist halt letztlich doch stärker als Ideologie, man kommt ihr auf Dauer nicht aus
Herzliche Grüße
Wally