Vesta hat geschrieben: Sa 23. Nov 2024, 23:07
Jaddy hat geschrieben: Sa 23. Nov 2024, 03:47
Drittens betrachtet sich ein Drittel aller trans Personen als weder Mann noch Frau.
Dann ist dieses Drittel nicht trans. Trans bedeutet hinübergehen, transsexuell entsprechend zum anderen Geschlecht hinübergehen. Wer aber gar nicht zum anderen Geschlecht möchte, sondern dazwischen stehen bleiben will, geht nicht hinüber und ist damit per definitionem nicht trans. Auch nonbinäre Menschen sind damit nicht trans, weil sie nicht hinüber wollen.
Also das liest sich schon arg nach Trolling, was du hier so schreibst, aber sei's drum. Eine kleine Einführung in aktuelle Terminologie und Konzepte, damit du vielleicht besser verstehst, was andere hier eigentlich meinen:
Deine (binäre, transmedikalistische) Definition von "trans" hängt ungefähr 20-30 Jahre hinterher. Ich kann verstehen, wenn du an den alten hängst - aber irgendwie in einer ziemlich kruden und engen Art -, aber das kollidiert natürlich mit dem aktuellen Selbstverständnis und erzeugt Konflikte durhc nicht nur semantische Unterschiede.
Also: Die Begriffe haben sich verändert. Vor allem die Lesart. Und zwar sowohl in der Community, als auch in der Fachwelt; WHO, WPATH, APA, AWMF usw. "Transsexuell" ist in der Diskussion überholt, weil es eben nicht wie homo-, bi- oder pansexuell eine Variante der sexuellen Orientierung ist, sondern eine der geschlechtlichen Identität im Sinne von Gender; also des Selbstbilds in der (zu paarundneunzig Prozent) binär vergeschlechtlichten Gesellschaft. Transidentität und transgeschlechtlich waren im deutschen eine zeitlang gängige Fachsprache, transgender in der englischen.
Da inzwischen aber seit ~15 Jahren auch in der Fachwelt angekommen ist, dass geschlechtliche Identität nicht in ein binäres Schema passt, wird dort allgemein von geschlechtlicher Inkongruenz geredet (DSM-5 (seit 1994), ICD-11, WPATH SoC, etc). Nur die deutsche Version des ICD hängt noch hinterher; Stand 2004 an dieser Stelle. ICD-11 (HA60: Geschlechtsinkongruenz) müsste eigentlich längst eingeführt sein.
Inzwischen wird trans als Adjektiv verwendet und zwar mit der Bedeutung "mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht kongruent". Das beinhaltet
alle Formen. Also auch alle nichtbinären inklusive fluiden und "fluxen".
Deine Definition oben ist nicht nur veraltet, sondern für viele heutige trans Personen auch aggressiv abwertend. Alle nicht 100% binär transgeschlechtlichen Menschen haben unglaublich zu kämpfen gegen binäre Denke in ihrem Umfeld, bei der Anerkennung udn richtigen Behandlung im Medizinsystem, rechtlich - bis vor 3 Wochen war der Personenstandseintrag faktisch kaum zu ändern -, usw.
Deine Aussage spricht all diesen Menschen - mir zum Besipiel - die Existenz ab, bezeichnet sie als nicht echt, nicht gleichwertig, nicht vollständig, nicht berechtigt. Wie gesagt ein Drittel aller trans Personen, weltweit ziemlich einheitlich.
Ich vermute mal zu deinen Gunsten, dass du in deinem Verständnis von trans irgendwo im letzten Jahrtausend hängen geblieben bist oder von einer dieser strikt binäre transmedikalistischen Gruppen aus der Zeit geprägt wurdest. In der heutigen Zeit jedoch werden deine Sätze mindestens als rückschrittlich und uninformiert aufgefasst, und wenn sie absichtlich aufrecht erhalten werden, als feindlich.
Vesta hat geschrieben: Sa 23. Nov 2024, 23:07
Du lebst offen nonbinär, ich lebe offen weiblich, aber wir beide leben nicht offen trans. Offen transsexuell leben hieße, zum anderen Geschlecht gehören zu wollen, aber trotzdem freiwillig im Aussehen und Worten zu zeigen, welchem ursprünglichen Geschlecht man angehörte. Und damit bleibt man auf der Strecke. Das ist was anderes, als denen, die es ohnehin wissen oder es ahnen, frei davon zu erzählen.
Auch da hängst du ein paar Jahrzehnte hinterher. "Offen trans" bedeutet inzwischen, dass Menschen wissen, dass eine Person trans ist. Egal wie sie aussieht.
Deine Definition von - ich formuliere es mal höflich - "optischer Unzulänglichkeit" oder "mangelnder Mühe" ist ebenfalls längst überholt und stammt aus eben jener Zeit, in der in trans Gruppen um perfektes Passing gewetteifert wurde, was so ziemlich alle ausser den wenigen Stars der Gruppen unglücklich machte. Da sind wir längst drüber hinaus. In den Communities wird allgemein anerkannt, dass wir alle unser Päckchen zu tragen haben. Dass gerade jene, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht unerkannt in der Masse untertauchen können es am schwersten von uns haben und sie deshalb auch noch innerhalb der Community abzuwerten ein ziemlich mieser Zug ist, der im übrigen auch Leben kosten kann.
Mit deiner ziemlich offensiv geäusserten Bewertung anderer anhand ihres Äusseren fliegst du heute vollkommen zurecht aus jeder trans Gruppe, die ich kenne.
Vesta hat geschrieben: Sa 23. Nov 2024, 23:07
Diese Aufrufe, Sichtbarkeit zu zeigen, fordern nun genau dazu auf, offen trans zu leben statt sein Wunschgeschlecht. Nein, das ist überhaupt nicht mein Ding.
Wie oben erläutert, hast du da eine ziemlich ... rückständige ... Definition von "offen trans" und landest deshalb auch bei einer völlig anderen Interpretation von "Sichtbarkeit", die keinein hier propagiert.
Was hier allgemein gemeint ist: Dass mehr trans Personen
offen sagen, dass sie trans sind. Dass Menschen wissen, dass wir überall irgendwie dabei sind, im Job, im Verein, an der Backtheke. Dass in einem Publikum von 1000 Leuten je nach Altersklasse 10 bis 40 trans Personen sind und keinein sich deshalb zu fürchten braucht. Es normalisiert das Verhältnis (contact theory) und macht
"Eggs", "ungeschlüpften" trans Personen Mut.
Wenn das nicht dein Ding ist und du dein trans sein lieber geheim hältst: Auch fein.
Aber bemühe dich wenigstens zu verstehen, was hier gemeint ist und sprich anderen nicht ihre Existenz oder ihre Anstrengungen ab.
Vesta hat geschrieben: Sa 23. Nov 2024, 23:07
Knäckebrötchen hat geschrieben: Sa 23. Nov 2024, 15:11
Trotzdem BIN ICH KEINE FRAU. Ich werde nie nie niemals eine Frau sein.
Und das ist die Einstellung, die ich nicht verstehe. Dann kannst du doch niemals ankommen und den ganzen Mist hinter dir lassen. Klar, zu Anfang der Transition, wenn die Hormone noch nicht angeschlagen haben und man abends im Spiegel einen Mann sieht, dann verstehe ich es vollkommen, wenn man da nicht sagen kann "ich bin eine Frau". Aber muss das denn dauerhaft so bleiben? Keine geborene Frau ist in jedem Aspekt eine Frau, und wir können weit genug kommen, um mit gutem Gewissen sagen zu können "ich bin eine Frau".
Wenn ich dich da auch mal ins aktuelle Jahrtausend einladen darf: "Trans-philosophisch", aktueller Stand, bist du Frau, wenn du für dich feststellst, dass du eine bist. Das betrifft dein Selbstverständnis, deine persönliche Positionierung in der Gesellschaft. Wo fühlst du dich zugehörig, welche Menschen empfindest du als deinesgleichen (auch wenn es ein Sehnsuchtsziel ist), welche verfügbaren Rollen sind deine.
Diese Selbstbestimmung ist eminent wichtig für alles. Geschlechtsidentität ist nicht ertestbar. Nicht medizinisch, nicht psychologisch. Punkt. Und angesichts der Ablehnung und vielfältiger Bestrebungen von Fremdbestimmung, Gatekeeping, etc ist es auch gut, dass diese Nicht-Ertestbarkeit aktuell Fachkonsens ist.
Gleichzeitig ist glücklicherweise die Zeit ziemlich vorbei, als "wir" überall darauf bestehen mussten, "wirklich und echt Frau" zu sein - oder Mann; mal nicht das zweite Drittel vergessen hier. Wir sehen aktuelle eine kleine, sehr laute Ansammlung von Rechtsextremen, Religiös-Autoritären und TERFs, aber das ist nicht die Mehrheit.
Knäckebrötchens Selbstverständnis ist für mich durchaus verständlich und nicht selten: Gerade bei späterer Transition ist die Biografie ja nicht weg. Die Kindheit und Pubertät im Zuweisungsgeschlecht, die Orientierung beruflich, im Freundeskreis; eine Familie gründen mit all dem cis-hetero-Zeugs, das damit zusammenhängt. Erwartungen, die eins zu erfüllen versucht und die Bewältigung der Konflikte.
Gleichzeitig fehlen diese Jahre und Jahrzehnte an Lebenserfahrung im Identitätsgeschlecht. Eine Kindheit als Mädchen, wenn du bei Geburt männlich einsortiert wurdest. Die Erfahrung als Mädchen und junge Frau gesehen, behandelt und auch sexualisiert zu werden. Das was dir aufgelastet und abgesprochen wird, wie du dich gegenüber anderen verhalten sollst. Wo Jungs beigebracht wird, das sie stark sein und was sie alles tun können sollen.
Und natürlich das ganze Thema weiblicher Körper. Nicht nur die Unterschiede in Kraft und Reichweite, sondern vor allem die Wahrnehmungen rund um Menstruation, schwanger werden können, usw.
Es ist vollkommen nachvollziehbar, sich dieser Unterschiede bewusst zu bleiben. Auch als trans Frau. In gewisser Hinsicht werden "wir" unser trans sein nie ganz los. Die unterschiedliche Biografie, aber auch die verschiedene Körperlichkeit, die eine asmyptotische Annäherung ist, aber nie 100%. Einige Organe waren da, andere werden nie und werden es auch nie sein. Die Narben bleiben und ab und zu werden wir auch körperlich/medizinisch daran erinnert. Wir können unsere Geschichte nicht vollständig vor uns verleugnen. Wer es versucht nimmt häufig seelischen Schaden. Die gesündere Art scheint zu sein, sich damit zu versöhnen.
Aber nochmal: Du bist, was du in dir als wahr und stimmig spürst. Egal wie du aussiehst, egal wie andere dich sehen, egal was du an Anstrengugen unternimmst. Und es ist legitim, alle die dir irgendwas anderes erzählen als mindestens uninformiert zu sehen, bzw bei Persistenz als feindlich.