Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd
Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd - # 3

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Claudia
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 31 im Thema

Beitrag von Claudia »

conny hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 10:59
Claudia hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 10:13 Und damit hat Amelung das erreicht, was er wollte, Streit in der community erzeugen. So schwächt man am meisten.
conny hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 10:59 Ich glaube kaum, dass Amelung damit gerechnet hat, mit seinem Vortrag Streit in der community zu erzeugen.
Nicht damit gerechnet? Ich denke eher beabsichtigt.

conny hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 10:59 Und wenn es diesen gibt, ist es mit der einheitlichen Betrachtungsweise wohl nicht so weit her.
In jeder Gruppierung gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Das sie allerdings auch bei uns so abweichend und ablehnend sind, hätte ich nicht erwartet. Vor allem nicht so verletzend.

Wer sich selbst nicht in der Zugehörigkeit nicht sicher ist, kann das für sich selbst so offen lassen.
Wenn man aber anderen, die sich in ihrem Empfinden sicher sind, dieses Selbstempfinden abspricht, ist das eine Missachtung deren Persönlichkeit. Das tut dann nur noch weh.

Und genau das ist hier passiert ausgelöst durch diesen Artikel. Und da erkennst Du nicht die Absicht?

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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 32 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Moin,

was mich immer wieder gelinde gesagt "irritiert", sind solche Passagen, wie in dem genannten Artikel:
Es ging darum, die Konfliktstellen zwischen einem Geschlechtsverständnis, welches ausschließlich auf Identität zentriert ist, und der nach wie vor gültigen biologischen Begriffsdefinition aufzuzeigen.
Zum einen: Wieso ist das, was in meinem Kopf passiert, keine Biologie ?

Des weiteren: Mein Geschlechtsverständnis ist eben nicht nur auf Identität zentriert, sonst hätte ich keine Probleme. Gerade weil ich so bin, wie ich bin, erlebe ich die unterschiedlichen Dimensionen und möglichen Kriterien, die Geschlecht beschreiben. Es sind Menschen wie der Autor, der die Geschlechtsdefinition einseitig, vermutlich phänomenologisch, sieht.

Immer wieder wird von Gegnern eine Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse als Argument instrumentalisiert. Sieht den keiner, dass der Kaiser keine Kleider anhat ?
Viele Grüße
Vicky

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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 33 im Thema

Beitrag von Lana »

Jaddy hat dankenswerterweise einiges zum Komplex Geschlecht, aber auch zur Definition von Begriffen geschrieben. Lohnt sich meiner Meinung nach, sich damit auseinander zu setzen.
Ergänzend möchte ich auf das Konzept der Heuristik hinweisen. Das benutzen wir die ganze Zeit, wenn wir versuchen, die Welt um uns herum irgendwie einzuordnen. Findet auch an Jaddys Backtheke statt.

Wer das möchte kann sich gerne als Frau oder Mann bezeichnen. Da hab ich kein Problem damit. Nur gehe ich nicht davon aus, dass klar ist, was damit genau beschrieben werden soll und welche Konsequenzen das hat. Andere tun das, wie auch in dieser Diskussion wieder mal deutlich wurde, sind sich aber dessen nicht bewusst.

Vergeschlechtlichte Begriffe sind kulturell und sprachlich tief verwurzelt und haben in der Gesellschaft eine bestimmte Bedeutung. Wenn die sselbstgewählte Eigendefinition mit der mehrheitlich angewandten kollidiert dann muss man mit diesem Konflikt umgehen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten:
  • Man kann den Konflikt ignorieren.
  • Man kann den Konflikt in offener, respektvoller Diskussion austragen.
  • Man kann laut Diskriminierung! schreien und das Problem auf andere projizieren.
  • Man kann seinen Frieden damit machen, indem man akzeptiert, dass nicht alle das gleiche meinen, wenn sie den selben Begriff benutzen und milde mit seinen Mitmenschen umgehen.
  • ...
Wahrscheinlich gibt es noch viele weitere Möglichkeiten. Welche davon langfristig am besten zu einem gedeihlichen Zusammenleben beitragen, weiß ich nicht. Ich habe aber das Gefühl, dass der aktuell von den Protagonisten verfolgte Weg das nicht ist.

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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 34 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lana hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 00:48 Dass viele der Missverständnisse von unklaren Begriffen kommen haben wir ja schon öfter festgestellt. Daran hat auch die transaktivistische Seite ihren Anteil, die unbedingt den Begriff Geschlecht in seiner Bedeutung ändern wollte.
Es hätte meiner Meinung nach genügt, diesen Begriff unverändert zu verwenden und einen neuen Begriff, z.B. Geschlechtsidentität oder Gender, einzuführen. War aber irgendwie nicht gewollt, und nun streitet man ständig um des Kaisers Bart und wirft der anderen Seite unlauteteres Vorgehen vor.

Nun gut, kann man so machen. Die unbeteiligte Mehrheitsbevölkerung quittiert das im besten Fall mit einem Kopfschütteln, im schlechteren Fall mit Ablehnung der ganzen Transthematik.

Da stehen wir wir heute, und du kommst mit so Späßen wie menstruierende Personen daher. Das ist doch genau so sinnlos, wie das, was du in Punkt 4 ausführst. Zudem ist es nicht deckungsgleich. Was ist mit den cis Frauen jenseits der Menopause? Wie bezeichnest du die dann korrekt? Was ist mit den Frauen, die gerade nicht ihre Tage haben?
Ich vermute, dass Du Dich auf meinen Beitrag beziehst, deshalb antworte ich mal.

Auch hier sehe ich etliche Missverständnisse und Probleme mit Begrifflichkeiten und Mehrdeutigkeiten von Wörtern in unterschiedlichen Umgebungen.

Es gibt ja die Wörter Gender, Geschlechtsidentität und etliche mehr. Leider werden sie, genau wie viele andere Wörter häufig nicht trennscharf verwendet. Schon weil nicht alle Menschen sich mit den Nuancen beschäftigen wollen. Sowohl auf der sendenden wie auf der empfangenden Seite.

Ich denke zB an Artikel oder Medienbeiträge, wo Menschen mit dem SBGG "ihr Geschlecht ändern können". Wo soziale, juristische und medizinische Transition munter vermischt werden, usw. Auf keiner "Seite" wird die Terminologie wirklich sauber verwendet. Nicht zuletzt werden auch von einigen bewusst Mehrdeutigkeiten verwendet, um Empörung zu erzeugen. Selbst wenn man einigen blosse Unkenntnis zugute halten kann.

Wie Du selbst schreibst, gehen diese Details an der "unbeteiligten Mehrheitsbevölkerung" ziemlich vorbei.

Auch gerade die präzisere Sprache, die sich um Genauigkeit und Inklusivität bemüht, wie bei den "menstruierenden Personen". Kurze Erinnerung: J.K.Rowlings anti-trans Rants starteten mit einem Kommentar zu einer Meldung, dass eine UN-Hilfsorganisation jetzt Produkte für menstruierende Personen verteilen würde. Sie sagte ungefähr das gleiche; dass "Frauen" doch ausreiche, bzw durch solche Bezeichnungen unsichtbar gemacht würden.

Naja, genau genommen eben nicht, weil der Effekt in der Praxis ist, dass sich Leute zB in den "Herren-Toiletten" fragen, was die Tamponspender da sollen - sofern die Toiletten-Betreibenden überhaupt auf die Idee gekommen sind, dort welche aufzustellen.

Der Begriff "Frau" trifft nämlich hier nicht genau die Zielgruppe. Es gibt menstruierende trans Männer und nichtbinäre Personen, die aufgrund ihres sozialen Passings und Genders die "Herren-Toiletten" benutzen. Zum Beispiel weil sie "bei den Damen" Aufruhr wegen ihres Äusseren erzeugen würden.

Und "was ist mit den cis Frauen jenseits der Menopause" und "Frauen, die gerade nicht ihre Tage haben"? Ja genau: Die sind tatsächlich nicht die Zielgruppe, weil sie (zumindest genau dann) keine Menstruationsprodukte brauchen. Ebenso wie trans Frauen.

Menstruationsprodukte sind für menstruierende Personen. Eine Teilmenge davon sind viele - nicht alle - Frauen und einige nicht-Frauen.

Insofern weiss ich jetzt nicht, was Du genau willst: Die unscharfen "Altbegriffe" wie "Geschlecht" und "Frauen" oder die präzisen wie "Gender" und "Menstruierende". Bei den einen laufen wir ständig auf Missverständnisse, bei den anderen müssen wir alle sehr sorgfältig sein.

Scheint mir nicht so einfach lösbar, ausser mit einer gehörigen Portion Wohlwollen und Zugewandtheit auf allen Seiten.

Lana hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 00:48 Es hätte genügt, den Begriff Frau bei seiner alten Bedeutung zu belassen. Der Mehrheit deutet und verwendet ihn im Sinne der Fortpflanzungsbiologie. Das sind trans Frauen nun mal nicht dabei. [...]
Geh raus an deine Backtheke und frag dort beliebige Leute. Da wirst du kaum jemanden finden, der die vor ihm wartende Person als "menstruierende Person" bezeichnen würde.


Ich verwende die Backtheke so gerne, weil es bei dem ganzen Genderkram im Alltag meiner Erfahrung nach hauptsächlich darum geht, wie Menschen in Situationen wie an der Backtheke nach Augenschein geschlechtlich einsortiert und behandelt werden. Das erzeugt unsere unmittelbare Gender-Realität und wenn es nicht zu uns passt auch den Hauptteil des Stresses mit dem ganzen Thema.

Die "Fortpflanzungsbiologie" vermuten wir nur. Und im Falle von trans Personen mit gutem Passing vermuten wir falsch, ohne es - in der Regel - je zu erfahren. Ich habe letztens Menschen Videos von Nyke Slawik gezeigt. Das Erstaunen war groß, als ich sagte, dass sie trans ist.

Wenn ich also "an der Backtheke" fragen würde, ob die Person, die sie als weiblich deuten, wohl gelegentlich menstruiert, würden die meisten dies im Fall Nyke Slawik vermutlich bejahen.

Der Knackpunkt ist, dass wir im Alltag ständig Äusserlichkeiten sehen und unerlaubt Gender UND Geschlecht annehmen. Pronomen, Anreden, Verhaltensmuster, aber auch Genitalien. Alles ein grosser Mischmasch.

Zum Thema cis und trans. Mal ausgehend von ganz normalen Alltagsdingen, keine Genitalien, kein Sex, keine Fortpflanzung. Also zum Beispiel in den Öffis fahren, in einem Laden etwas kaufen, im Büro arbeiten, die Kinder von der Schule holen, die Yogastunde, der Lesekreis, das Abendessen mit Freunden; sowas. Was genau bedeutet "Frau" und welchen Unterschied macht cis vs trans - vor allem wenn Du es gar nicht weisst, sondern auf Deine Deutung "an der Backtheke" vertraust?

Im Alltag gilt: "Frau" ist, wer als Frau gedeutet wird.

Ich kenne keine trans Person, die Unterschiede zwischen cis und trans verleugnen würde. Im Gegenteil verwenden wir ja gerade cis und trans, um genau zu benennen, worum es genau geht, wenn es darum geht. Die Frage ist, ob und welche Unterschiede wo tatsächlich eine Rolle spielen und was einfach nur Vorurteile ohne praktische Relevanz sind.

Das einzige Problem entsteht doch, wenn trans Personen ihr Gender - ihre Selbstaussage - nicht "geglaubt" wird. Weil sie nicht perfekt "weiblich" oder "männlich" aussehen, oder weil man weiss, dass sie trans sind.

Mit anderen Worten, wenn "die Fortpflanzungsbiologie" an die Backtheke gebracht wird, mindestens im eigenen Hirn.

Die Sache ist die, geringfügig vereinfacht: In allen wesentlichen Belangen im Alltag - siehe oben - sieht sich ein trans Mann als Mann. Fühlt sich als Mann, möchte Mann sein, wie Mann behandelt werden - was immer "Mann" eigentlich heisst. Das Fass mache ich hier aber nicht auf. Trans Frauen analog "als Frau".

Der Konflikt besteht zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung. Prinziell nicht zu unterscheiden vom Sexismus früherer Jahrzehnte, der Frauen alles mögliche abgesprochen hat. Vom reiten, rad- und autofahren über diverse Berufe bis zur Fähigkeit zu rationalem Denken generell. Auch da mit "medizinischen" Begründungen.

Ich nutze daher mal Deinen Absatz oben und tausche nur drei Wörter:

"Wenn man darauf beharrt, dass es zwischen Männern und Frauen keine Unterschiede gibt, wird man unglaubwürdig. Weil diese Unterschiede nun mal da sind. Daher kommt der Widerstand. Ihn wegdiskutieren zu wollen ist letztlich zum Scheitern verurteilt. Dazu sind die gesellschaftlichen Beharrungskräfte zu groß. Oder anders ausgedrückt:
Eine konservative Grundhaltung ist zu weit verbreitet, so dass von außen erzwungene Umdeutungen zentraler gesellschaftlicher Konzepte von der Mehrheit nicht akzeptiert werden. Egal, ob sie richtig sind oder nicht."

Wie gesagt: Klar gibt es Unterschiede. Mein Argument ist, dass die im Alltag keine Rolle spielen, wenn wir sie sie nicht künstlich wichtig machen, sondern wohlwollend und akzeptierend miteinander umgehen.

So kommen wir meines Erachtens aus dem Dilemma.
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 35 im Thema

Beitrag von Lana »

Jaddy hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 21:39 Insofern weiss ich jetzt nicht, was Du genau willst: Die unscharfen "Altbegriffe" wie "Geschlecht" und "Frauen" oder die präzisen wie "Gender" und "Menstruierende".
Was ich will ist unerheblich, weil mein Einfluss auf das Universum verschwindend klein ist.

Ich stelle lediglich fest, dass die "Altbegriffe" kulturell und im Sprachgebrauch tief verwurzelt sind und es schwer fallen dürfte, sie neu zu definieren, so dass die neue Definition allgemeine Anerkennung erfährt. Die "Altbegriffe" durch neue zu ersetzen verlagert das Problem der inkonsistenten Verwendung nur an eine andere Stelle. Bringt also auch nichts.
Jaddy hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 21:39 Scheint mir nicht so einfach lösbar, ausser mit einer gehörigen Portion Wohlwollen und Zugewandtheit auf allen Seiten.
Das sehe ich genauso. Und letztlich ist es das, was ich bereits in meinem ersten Beitrag eingefordert habe:
Lana hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 17:21Mir ist es herzlich egal, wer am Ende recht hat. Aber es muss konstruktiv und ergebnisoffen darüber gestritten werden können.
Ergänzung:
Dabei kann auch rauskommen, dass es keine "absolute Wahrheit" gibt, also kein allgemein gültiges "richtig" oder "falsch". Dann muss man damit umgehen und Wege finden, wie man damit möglichst konfliktarm leben kann.

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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 36 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lana hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 21:06 Jaddy hat dankenswerterweise einiges zum Komplex Geschlecht, aber auch zur Definition von Begriffen geschrieben. Lohnt sich meiner Meinung nach, sich damit auseinander zu setzen.
Ergänzend möchte ich auf das Konzept der Heuristik hinweisen. Das benutzen wir die ganze Zeit, wenn wir versuchen, die Welt um uns herum irgendwie einzuordnen. Findet auch an Jaddys Backtheke statt.
Yay! Perfekt! Genau das! Gleichzeitig sind sich sehr viele Leute nicht bewusst, wie gross der Fehlerbereich der eigenen Heuristiken ist und welche Annahmen und Schlussfolgerungen möglicherweise fehlerhaft sind. Mir fiel spontan die Szene aus Men in Black auf der Schiessbahn ein, wo alle anderen Anwärter wie wild auf all die "Monster" ballern und Will Smith als einziger - durch scharfes hinsehen und kurz überlegen - die einzig wirklich verdächtige Figur durchlöchert. Nicht so weit von der Realität, wo - zumindest in den USA - "nicht-weisse Haut? -> vorsichtshalber erschiessen" eine sehr häufige Heuristik ist.
Lana hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 21:06Es gibt mehrere Möglichkeiten:
  • ...
Ich möchte hinzufügen, dass es auch Menschen gibt, die ihre Heuristik für fehlerlos halten und am besten verallgemeinern wollen. Egal was sie anrichten und was andere ihnen erzählen. Diese Menschen sind das Problem, mit denen die wohlwollenden Lösungen dann nicht funktionieren. Jede Minderheit hat ihre Erfahrungen mit bestimmten Leuten und bestimmten Gruppen. Das betrifft nicht nur das Thema Gender. EInfach mal die Nachrichten verfolgen, wer kontinuierlich "feste Überzeugungen" verkündet und keiner Argumentation zugänglich ist, egal wie oft klare Gegenbeweise vorgelegt werden. Jede betroffene Minderheit muss, wenn Diskurs nicht funktioniert, irgendwann schon aus Selbstschutz diese Leute und Gruppen als nicht mehr Teil des Diskurses markieren. Ja, das ist die Meta-Ebene. Die ist immer Teil der Sache. Und dazu gehört, sich alle Beteilgten genau anzusehen. Es geht nie nur um die vordergründig vorgetragenen Sachargumente.
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 37 im Thema

Beitrag von Claudia »

Jaddy hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 21:39 Im Alltag gilt: "Frau" ist, wer als Frau gedeutet wird.
Von anderen werde ich - auch an der Backtheke - als Frau angesprochen. Manchmal gibt es ein paar irritierte Blicke, wenn ich etwas sage, aber das war es dann auch. In sehr seltenen Fällen gehe ich darauf ein und erkläre es denn Leuten, aber das nur in einem eher persönlichen Umfeld, etwa bei meinem Pflegedienst.

Jaddy hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 21:39 Das einzige Problem entsteht doch, wenn trans Personen ihr Gender - ihre Selbstaussage - nicht "geglaubt" wird. Weil sie nicht perfekt "weiblich" oder "männlich" aussehen, oder weil man weiss, dass sie trans sind.
Dazu gab es hier ja schon einige scharfe Diskussionen, als einer trans Frau diese Aussage abgesprochen wurde und sie hier von vielen als Mann bezeichnet wurde.

Jaddy hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 21:39 Die Sache ist die, geringfügig vereinfacht: In allen wesentlichen Belangen im Alltag - siehe oben - sieht sich ein trans Mann als Mann. Fühlt sich als Mann, möchte Mann sein, wie Mann behandelt werden - was immer "Mann" eigentlich heisst. Das Fass mache ich hier aber nicht auf. Trans Frauen analog "als Frau".
Genau dieses Fass muss aber an dieser Stelle aufgemacht werden. Und ich nehme als Beispiel jetzt besonders den trans Mann, weil ich diese Erfahrungen als Außen-, nein, Danebenstehende erlebt habe.

Dieser trans Mann, der sich eben eindeutig als Mann fühlt, möchte im Umgang auch dementsprechend behandelt werden. Und das heißt dann bei der förmlichen Anrede gehört dann ein 'Herr' vor den Namen und die zu dieser sozialen Rolle passenden Pronomen, also 'er', 'sein'. Und da gehört zu einem respektvollen miteinander, dass sich das Gegenüber an die erwartete Sprachform hält. Es mag sein, dass hierzu ein kleiner Hinweis nötig ist, wenn diese Selbstdefinition nicht so ganz mit dem Äußeren zusammenpasst. Spätestens dann sollte diese Selbstdefinition im Umgang miteinander beachtet werden. Alles andere wäre eine böswillige Missachtung der Persönlichkeit. Wenn das Gegenüber diesen Umgang weiterhin verweigert, kann man den entweder sehr deutlich einfordern oder diesen Kontakt auf der Stelle beenden.

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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 38 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Claudia hat geschrieben: Mo 3. Nov 2025, 00:07
Jaddy hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 21:39 Die Sache ist die, geringfügig vereinfacht: In allen wesentlichen Belangen im Alltag - siehe oben - sieht sich ein trans Mann als Mann. Fühlt sich als Mann, möchte Mann sein, wie Mann behandelt werden - was immer "Mann" eigentlich heisst. Das Fass mache ich hier aber nicht auf. Trans Frauen analog "als Frau".
Genau dieses Fass muss aber an dieser Stelle aufgemacht werden.
Das habe ich wohl etwas missverständlich formuliert. "Das Fass" bezieht sich darauf, "was immer "Mann" eigentlich heisst". Die Diskussion führe ich super gerne, aber das war gerade nicht Thema.

Ich hätte schreiben sollen, "Das Fass, was "Mann" eigentlich heisst, mache ich hier jetzt nicht auf".

Mir ging es darum, dass für alle alltäglichen Belange, "Mann" oder "Frau" (oder "Nichtbinär") eigentlich keine Frage von (Fortpflanzungs)Biologie ist, sondern von eher unscharfen kulturellen (Gender)Konzepten, denen sich jemand zugehörig fühlt und anderen, die diese Selbstaussage akzeptieren und entsprechend umsetzen; Anrede, Sprache, Umgang.
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 39 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
Joo hat geschrieben: Mo 3. Nov 2025, 20:05 Ich fühle mich nicht wohl dabei
ich habe in den Beiträgen 24 und 27 schon etwas dazu geschrieben und deshalb deinen Beitrag gelöscht.

Gruß
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 40 im Thema

Beitrag von Michi »

Claudia hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 12:06 Nicht damit gerechnet? Ich denke eher beabsichtigt.
Ich sehe es auch so. Amelung weiß wohl ganz genau, welche .. mal gaaanz vorsichtig ausgedrückt .. kontroversen Sichtweisen er vertritt. Dazu hat er sich schon oft genug öffentlichkeitswirksam betätigt und arbeitet (egal ob beabsichtigt oder nicht) genau mit den Kräften (Konservative, Rechte, TERFs) zusammen, die unsereins gerne marginalisieren, uns weitgehend rechtlos und fremdbestimmt halten wollen. Man muss sich nur mal seine medialen Auftritte anschauen. Als um das Selbstbestimmungsgesetz gerungen wurde, hat die CDU/CSU-Fraktion Amelung als "Sachverständigen" ins Rennen geschickt. Es ist ja eine m.E. nicht völlig unbekannte Strategie von Konservativen und Rechten, sich eines "Feindes von innen" oder eines "Agent Provocateurs" zu bedienen, um die zu provozieren und zu spalten, die man bekämpfen will, und/oder sich die erwünschten "Argumente" und Rechtfertigungen scheinbar von den Betroffenen selbst liefern zu lassen.

Claudia hat geschrieben: So 2. Nov 2025, 12:06 Und genau das ist hier passiert ausgelöst durch diesen Artikel. Und da erkennst Du nicht die Absicht?
Ich habe mittlerweile einige Personen erlebt, die sich selbst als Transvestiten, Damenwäscheträger, Transvestiten, Crossdresser oder Teilzeitfrauen bezeichnen, die in trans* .. insbesondere in trans* Frauen .. eine Bedrohung ihrer Lebensweise sehen. Begründet wird das dann regelmäßig mit den Narrativen, die von Konservativen und Rechten gegen uns verbreitet werden. Das bekam ich in Gesprächen mit diesen Personen immer wieder zu hören, und mir ist bei dieser Menschenverachtung ein paar Mal speiübel geworden.
Wenn dir jemand auf den Fuß tritt, schreist du "Aua" und erwartest eine Entschuldigung.
Mir treten andere dauernd auf die Füße und erwarten, dass ich mich dafür entschuldige, dass es mir weh tut.
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 41 im Thema

Beitrag von Claudia »

MichiWell hat geschrieben: Mo 3. Nov 2025, 23:57 Ich habe mittlerweile einige Personen erlebt, die sich selbst als Transvestiten, Damenwäscheträger, Transvestiten, Crossdresser oder Teilzeitfrauen bezeichnen, die in trans* .. insbesondere in trans* Frauen .. eine Bedrohung ihrer Lebensweise sehen.
Das habe ich so noch nicht erlebt oder es ist mir nicht aufgefallen. Wieso sollten trans Frauen eine Bedrohung sein?

Kannst Du mir das einmal etwas näher erklären? Notfalls als PN falls es nicht in diesen thread passt oder es außerhalb des Forums passiert ist.

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Post 42 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Claudia hat geschrieben: Di 4. Nov 2025, 09:54
MichiWell hat geschrieben: Mo 3. Nov 2025, 23:57 Ich habe mittlerweile einige Personen erlebt, die sich selbst als Transvestiten, Damenwäscheträger, Transvestiten, Crossdresser oder Teilzeitfrauen bezeichnen, die in trans* .. insbesondere in trans* Frauen .. eine Bedrohung ihrer Lebensweise sehen.
Das habe ich so noch nicht erlebt oder es ist mir nicht aufgefallen. Wieso sollten trans Frauen eine Bedrohung sein?
Dieses Phänomen habe ich in mehreren Minderheiten erlebt. Menschen, die an einer Stelle bzw durch eine Eigenschaft klar aus dem "gsellschaftlichen Normal" herausfallen, sich aber vehement abgrenzen zu "denen da", die ihnen zu extrem sind. Schwule Männer, die 100% bieder-bürgerlich leben - nur eben als Männerpaar - und "die Szene" als zu schrill, zu sexuell etc ablehnen. Lesben dito. Homosexuelle Leute, die bi- bzw pansexuelle nicht ertragen können, weil die sich nicht eindeutig zuordnen. Usw.

Kinkbereich. Ganz schlimm. "Also was ich/wir machen ist ja okay, aber die da, das ist zu extrem".

Ich denke, es fehlt da zum einen an Fähigkeit oder Willen, einen Schritt zurück zu machen und sich und "die anderen" von ausserhalb zu betrachten, im Vergleich zur cis-bin-het Majorität. Und dann die Transferleistung zu erbringen, die eigene Abweichung vom propagierten Normal mit dem Abstand zwischen sich und "denen da" in Verbindung zu bringen. Zum anderen tragen diese in der Regel Leute letztlich doch tief verwurzelt die Normen und die Abscheu gegen die eigene Abweichung davon in sich und konnten bisher nur sich selbst und ihre Varianz einigermassen vor sich legitimieren. Indiz sind Selbstzweifel, depressive und selbstablehnende Schübe, häufiger mal "das ganze Zeug wegwerfen", unter eigenem Zwang versuchen rein cis-bin-het zu leben, usw. Sprich: Es fehlt die grundsätzliche Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Repression, die Menschen ihre (eigentlich unschädlcihen) Freiheiten raubt.

Im gender-nonkonformen Bereich ist das auch nicht so selten und basiert auf den gleichen trans-aversen Ansichten, wie bei cis Leuten: "Ich zieh mich ja nur manchmal so an / trag es nur wegen des Gefühls, aber Mann bleibt doch Mann". "Ich will doch wissen woran ich bin".

Damit zusammenhängend habe ich mehrfach schon Leute erlebt (in allen Minderheiten), die sich um ihr kleines Stück persönliche Freiheit sorgen, weil "die Öffentlichkeit/Mehrheit" wegen "denen da" auf sie aufmerksam werden könnte: Sie ansprechen, zu "denen da" zurechnen, was sie (internalisierte Homo- bzw Transfeindlichkeit) absolut vermeiden wollen. Motto: "Wenn wir nur leise und unauffällig genug sind, tun sie uns vielleicht nichts". Daraus folgt dann offene Ablehnung von "zu viel Sichtbarkeit" jener "anderen", zum Beispiel Pride-Paraden generell oder "denen" auf Prides oder von Demos gegen Diskriminierung oder sogar von Sichtbarkeit im Alltag generell.

So werden dann auch trans Frauen zur Bedrohung, denn "wenn die auf Sichtbarkeit, Respekt und Teilhabe bestehen, werde ich als Crossdresser mit denen in einen Topf geworfen und kriege die gleiche Diskriminierung ab, die ich doch selber gegen die habe. Dabei will ich doch nur ab und zu mal Kleider tragen".
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 43 im Thema

Beitrag von Lana »

Es ist sicher ein großes Problem, dass viele Menschen nicht fähig sind, ihre eigene gesellschaftliche Position zu abstrahieren und die Verhältnisse nicht nur aus ihrer persönlichen Betroffenheit zu sehen.

Es gibt aber auch Menschen, die sich darum bemühen, gesellschaftliche Phänomene ganzheitlich zu betrachten und im Rahmen dieser Betrachtung zu Schlüssen kommen, die ganz ähnlich lauten könnten wie von dir beschrieben: So kann man sich durchaus die Frage stellen, was der effektivste Weg ist, um die Existenz von trans Personen in der Gesellschaft zu normalisieren, also als eine Minderheit mit berechtigten Bedürfnissen allgemein anzuerkennen. Man kann bei dieser Überlegung durchaus zu dem Schluss kommen, dass je lauter und bunter die Bewegung auftritt, desto besser sei es für die gesellschaftliche Integration. Man kann das aber auch anders sehen, ohne damit zwingend nur eigene Ängste und Vorbehalte auszudrücken.
Man möchte lediglich die Frage diskutieren, ob diese Strategie die beste Möglichkeit ist oder ob sie ggf. angepasst werden sollte, um erfolgreich zu sein. Diese Diskussion kann aber nicht stattfinden, wenn sofort unterstellt wird, dass man "internalisierte Homo- bzw. Transfeindlichkeit" zeigen würde.
Jaddy hat geschrieben: Di 4. Nov 2025, 11:15Daraus folgt dann offene Ablehnung von "zu viel Sichtbarkeit" jener "anderen", zum Beispiel Pride-Paraden generell oder "denen" auf Prides oder von Demos gegen Diskriminierung oder sogar von Sichtbarkeit im Alltag generell.
Das sehe ich durchaus als Problem innerhalb der sehr heterogenen Gruppe von Menschen, die sich im weitesten Sinne für Transrechte engagieren. Es ist jedoch kein Bewusstsein für dieses Problem vorhanden, sondern man reagiert gerne unreflektiert mit Angriffen auf diejenigen, die das ansprechen.

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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 44 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lana hat geschrieben: Di 4. Nov 2025, 12:34 Man möchte lediglich die Frage diskutieren, ob diese Strategie die beste Möglichkeit ist oder ob sie ggf. angepasst werden sollte, um erfolgreich zu sein. Diese Diskussion kann aber nicht stattfinden, wenn sofort unterstellt wird, dass man "internalisierte Homo- bzw. Transfeindlichkeit" zeigen würde.
Das ist ein Reflex, in der Tat. Gleichzeitig ist die Frage, was "zu viel" ist, eigentlich nie "lediglich" oder rein sachlich. Auf der einen Seite Gefühle, doch nicht ein Thema immer wieder in den Mittelpunkt zu stellen, von "hey, wir haben doch mehr als einen Aspekt, oder?" über "ich will nicht ständig mit meiner Varianz konfrontiert werden" bis eben zu internalisierter Transfeindlichkeit und nicht aufgelösten inneren Konflikten und_oder Identifikation mit den Aggressoren und Appeasement. Auf der anderen Seite Gefühle, sich nach Jahren von Widerständen in Familie etc endlich befreit zu haben und nun schon wieder gedeckelt zu werden, auch noch von den "eigenen" Leuten. Da wird viel Leid nicht gewürdigt und auch nicht entschädigt, und die Erinnerung an Situationen, wo andere einem die Gültigkeit der eigenen Empfindungen (bzw Identität) absprechen wollten oder gar die eigene Existenz, sind für viele ziemlich frisch und werden durch Medienberichte reaktiviert. "Zu viel" ist emotional zu nah dran an "ob überhaupt".

Ich sehe ausserdem ein massives Fairness-Problem. Bestimmte Gruppen dürfen ziemlich unbeschränkt sehr sichtbar sein. Fussball-Fans zu allererst. Karnevals- und Schützenvereine. (Christliche) Religionen. Die Toleranz, wie viel Raum sie einnehmen, ihre Interessen vertreten, wie laut und unentrinnbar sie sind, steht nach meinem Empfinden in keinem fairen Verhältnis zur Sichtbarkeit vieler Minderheiten. Ich finde, dass so ein Anspruch nicht zahlenmässig geregelt werden kann. Vor allem wenn es um Grundrechte geht, also speziell für marginalisierte Gruppen.
Lana
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 45 im Thema

Beitrag von Lana »

Jaddy hat geschrieben: Di 4. Nov 2025, 13:53 Ich sehe ausserdem ein massives Fairness-Problem.
Da hast du recht. Aber dass es hier irgendwie fair zugehen würde ist doch nur eine Legende. Das Leben ist nicht fair. Das beginnt schon bei den Startbedingungen.
Genauso gibt es in jeder Gesellschaft bevorzugte und benachteiligte Gruppen. Oft ist das total willkürlich, manchmal durch die Medien oder die Politik gefördert.

Ziel sollte eigentlich sein, gemeinsam zu überlegen, wie man das so ausgleichen kann, dass in der Summe das beste für alle herauskommt. Dazu braucht es aber etwas, das offensichtlich nicht ausreichend vorhanden ist:
Problemverständnis über den eigenen Tellerrand hinaus, konstruktive Diskussion und die Einstellung, den anderen Wohlwollen und ein gemeinsames Interesse zur Problemlösung zu unterstellen, und nicht immer erstmal davon auszugehen, dass sie nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind und mir Böses wollen.

Ich weiß, das ist eine Illusion. Weil das Bild, das man sich hier von seinen Mitmenschen macht deren negative Aspekt überbetont und es somit unmöglich erscheint, ihnen mit Wohlwollen und Offenheit zu begegnen.
Aber dann müsste man halt da ansetzen: am (eigenen) Menschenbild.

LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal
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