Klaudia hat geschrieben: Mo 2. Sep 2024, 15:30
Von mir nur ein kleiner Erklärungsversuch, warum diese böse Partei gerade so viel Zuspruch erhält:
Man könnte einfach glücklich sein, wenn nicht ...
... der subjektive Eindruck (oder die Falschinfos in manchen Medien) in Konflikt mit der Realität stände.
"- die deutsche Wirtschaft gerade den Bach runtergeht und massenweise Arbeitsplätze vernichtet werden (durch Insolvenzen bzw. Verlagerung ins Ausland)"
Die
Arbeitslosigkeit sank von 2013 bis 2019 von 11,7 auf 5%. Dann kam Corona und Putins Krieg, aktuell sind wir bei 6%. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg von 27,3 Mio (2008) auf ~34,9 Mio (2024). 2008 waren 400.000 Stellen offen, aktuell 600.000. Bis 2019 war selbst die "Wende" aufgeholt und die aktuellen Zahlen sind besser als die meisten Jahre seit 1992 (ausser 2018/19). (Alle Zahlen ausser der ersten:
Zeitreihen der BA)
Das BIP in D steigt seit Jahrzehnten quasi
kontinuierlich, also Geld wird umgesetzt und verdient. Der Steueranteil liegt seit Jahrzehnten ziemlich stabil bei 22%, daher stieg auch das
Steueraufkommen auf 916 Mrd € 2023. Der Reallohnindex (also Lohn gemessen an Kaufkraft) liegt 7 Prozentpunkte über 1993, ohne Putins Krieg hätte es nicht den Einbruch von 2022 gegeben.
"- die Verkehrsinfrastruktur zerfällt - gerade das Thema Bahn, die wir aus Umweltgründen doch vermehrt nutzen sollten"
Jepp, da gebe ich dir recht. Nach der neoliberalen Wende sollte sie an die Börse, weshalb "optimiert" wurde. Strecken still gelegt, Preise erhöht, bei Wartung und Instandhaltung gespart (u.a. "Eschede"). Gleichzeitig wurden "Gewinne" abgefordert. Übrigens fast alles CxU Minister, wobei die SPDler wahrlich keine Leuchten waren. Die Gesetze sagen übrigens, dass die Bahn Reparaturen aus ihrem Budget bezahlen muss, Neubauten aber der Bund - was da wohl bei raus kommt? Genau.
Und der Todesstoss waren vier CSU Verkehrsminister in Folge, die gemäss ihrem Auftrag möglichst viel Geld nach Bayern geschafft haben
[1],
[2],
[3],
[4]. Das betraf dann nicht nur die Bahn, sondern auch Bundesmittel für kommunale und Landesstrassen in anderen Bundesländern.
Naja und Wissing...
"- die Energiekosten wahnsinnig steigen und Deutschland nichtmal dabei das eigene CO2-Ziel erreicht, weil wir neue Kohlekraftwerke! bauen"
Die Energiekosten sind, wie schon an anderer Stelle geschrieben, ziemlich auf prä-pandemischem und prä-putinschem Niveau. Was passieren wird: Fossile Brennstoffe werden teurer werden. Sogar egal, ob wir die CO2 Abgabe wie international vereinbart anheben oder nicht. Weil der Rest der Welt schon weiter auf der Energiewende-Spur ist. Strom hingegen
sollte eigentlich längst billiger sein, was leider durch die Einheits-Strompreis-Zone und die verschlepptem Leitungsausbauten in den Süden verhindert wurde. Für den Norden plus NRW könnte er das sozusagen mit einem Federstrich (Strompreiszonen). So aber zahlen alle mehr, weil in Bayern die teuren fossilen Kraftwerke hochgefahren werden müssen.
Ich wüsste nicht, wo jetzt noch neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Die Abschaltung bis spätestens 2038 ist geregelt. Für alle Braunkohle-KW stehen die Endtermine bereits fest. Einige Steinkohle-KW gehen vorher in die Reserve. Der Anteil fossiler KW nimmt immer weiter ab,
(Daten 2002-2024). Kohle besonders. Im 1. HJ 2024 nur noch knapp über 20%. Erneuerbare legen zu auf fast 60%. Das ist auch wirtschaftlich, denn Kohlestrom ist inzwischen viel zu teuer.
"- das Bildungsniveau immer weiter sinkt"
Hm ja... das ist auch so'n Ding. Es gibt ja Wissenschaft dazu, was Schulen brauchen. Nämlich intakte Gebäude, sehr viele gute Lehrkräfte, also keine Quereinsteigenden und "Saisonkräfte" mit Halbjahresverträgen, aktuelle Lehr- und Lernmittel, Sozialarbeit, Förderung und auch materiellen Ausgleich für Kinder aus ärmeren und "bildungsferneren" Schichten und schliesslich Aufstiegschancen als Motivation.
Was hingegen richtig runterzieht: Schulerfolg quasi abhängig von Geld und Interesse der Eltern, die den Mangel individuell für ihre Kinder ausgleichen, Demotivation, Mangelverwaltung und Auspowern der Lehrkräfte, ein unüberwindliches Kastensystem aus dem 19ten Jahrhundert und ein Umfeld, das Schule, Bildung etc nicht wertschätzt.
Das alles ist aus anderen Ländern seit Jahrzehnten bekannt und gilt auch Deutschland: Wer erinnert sich an den
Brandbrief der Rütli-Schule in Berlin Neukölln von 2006? Nun, inzwischen sieht es dort vollkommen anders aus: Nach
8 Jahren, nach
10 Jahren, nach
15 Jahren (2021).
tl;dr "Geld und gute Leute". Gebäude saniert, Lehrkräfte und Sozialarbeitende eingestellt, die die Sprache(n) der Kinder sprechen, Ganztagsbetreuung, aus Grund-, Haupt-, Realschule und einer neuen gymnasialen Oberstufe eine integrierten Gesamtschul-Campus gemacht.
Aber gleichzeitig gibt es auch gleich das Gegenbeispiel, denn die Rütli-Schule war meines Wissens das einzige Projekt, das so gefördert wurde. In den Stadtteilen nebendran sieht es nicht so gut aus.
"- die Gefahr steigt, im öffentlichen Raum Opfer von Messerattacken zu werden"
Ah, der ist gut, weil beispielhaft, was Kriminalstatistik angeht. tl;dr nope, nicht die Gefahr steigt, sondern vor allem die Zahl der Berichte.
Der wesentliche Punkt: Die offiziellen Polizei-Statistiken weisen erst seit ~2020 "Tatwaffe Messer" extra aus, wobei dies erst nach und nach in den Bundesländern eingeführt wurde, wodurch die Gesamtzahlen logischerweise steigen. Davor gibt es keine Zahlen. Nun war 2020 das Coronajahr mit Ausgangsbeschränkungen bis nach 2022 hinein. Sämtliche Kriminalstatistiken hatten 2020 bis 22 eine massive Delle - ausser Cyber Crime - die sich jetzt wieder auf präpandemisches Niveau einpendelt. Bei Gewalttaten ist auch kein Zusammenhang zur Staatsangehörigkeit (oder Vornamen...) nachweisbar. Die wesentlichen Merkmale sind: Männlich, 15-30 Jahre und ein problematisches soziales Umfeld.
Es gibt aber eine sehr ausführliche Studie
[1] von 2022, die sich Gewalttaten mit Messern im Vergleich zu allgemeiner Gewaltkriminalität anhand von verurteilten Täter*innen angeguckt hat, und zwar speziell 2013 und 2018. Warum? Weil "2015":
"Der leichte prozentuale Anstieg der Messerkriminalität von 10,7"¯% in 2013 auf 14,7"¯% in 2018 spiegelte keinen statistisch bedeutsamen Anstieg wider, womit die teilweise medial vertretene These eines massiven Anstiegs der Messerkriminalität für Rheinland-Pfalz nicht gestützt werden konnte. Ohnehin stellt das Maß der medialen Berichterstattung, in welchem insbesondere die Gewaltkriminalität generell und zuletzt auch die Messerkriminalität stark repräsentiert sind, selbstverständlich keinen Indikator für das tatsächliche Kriminalitätsaufkommen dar. Durch mediale Überrepräsentation kann aber ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Kriminalitätslage entstehen, das zu übertriebenen oder unangemessenen Diskussionen und Reaktionen beitragen kann. Die Veränderungen beim Altersdurchschnitt der Täter/-innen waren statistisch nicht signifikant; insgesamt deuten die vorliegenden Daten darauf hin, dass die Messerkriminalität in Deutschland kein spezifisches Problem der Jugend zu sein scheint — wie beispielsweise in Großbritannien oder nach Berichten der WHO —, sondern in allen Alterskategorien auftritt."
Und das hier ist auch wichtig: "Weder in beiden Jahrgängen zusammengenommen noch bei einer separaten Analyse war ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen der Messerkriminalität und der gesamten schweren Gewaltkriminalität hinsichtlich der Staatsangehörigkeit auszumachen. Deskriptiv zeigte sich hingegen ein Anstieg des Anteils nichtdeutscher Täter/-innen bei den Aburteilungen aufgrund von Messerkriminalität von 25,9"¯% in 2013 auf 43,6"¯% in 2018. Eine entscheidende Rolle könnte hierbei die Anzeigebereitschaft spielen, die beeinflusst, welche Taten ins Hellfeld gelangen, was z."¯B. bei Körperverletzungsdelikten laut Birkel et al. nur bei etwa einem Drittel der Fälle anzunehmen ist. Hierbei muss in Rechnung gestellt werden, dass ethnisch fremde Tatverdächtige ca. doppelt so oft angezeigt werden, im Vergleich zu Personen, die als Mitglieder der eigenen Ethnie eingestuft werden, und dass die mediale Berichterstattung einen entscheidenden Einfluss auf die Kriminalitätsfurcht und damit auf das Anzeigeverhalten hat. Somit liegt nahe, dass eine Intensivierung der Berichterstattung auch die Anzeigebereitschaft erhöht, wobei Hestermann (2020) berichtete, dass nichtdeutsche Tatverdächtige ohnehin medial deutlich überrepräsentiert sind, was eine Verstärkung der Auswirkungen auf das Anzeigeverhalten und damit die Hellfelddaten erwarten lässt."
Auch 2023 liess sich aus den Daten von BKA oder in
[2] speziell dem bayrischen LKA nicht ableiten, dass das Risiko für einen Messerangriff im öffentlichen Raum gestiegen sei und auch keine der anderen häufigen Mutmassungen und Behauptungen. Taten mit Zufallsopfern machen eh nur 5% der Gewalttaten mit Messern aus.
Interessanterweise gibt es aber aus UK eine Erfahrung, welche Faktoren Gewaltkriminalität (auch uns spezielle mit Hieb/Stichwaffen) verschlimmert - Sparpolitik bei Community Police (Kontaktbereichs-Polizei) und Jugendarbeit - und was sie präventiv verhindert: (Übersetzung: Google) "In Schottland betrachtet die seit 2006 tätige Scottish Violence Reduction Unit Gewaltkriminalität ebenfalls als ein Problem der öffentlichen Gesundheit. Durch die Konzentration auf die Grundursachen erkennt dieser Ansatz an, dass die Verletzlichkeit von Kindern angegangen werden muss, um zu verhindern, dass die nächste Generation Gewalt ausübt. Dazu gehört die Bekämpfung von Armut, Ungleichheit in der Bildung, psychischer Gesundheit und sozialer Isolation sowie Ausbildung und Beschäftigung. Dies sind alles wichtige Probleme, die junge Menschen anfällig für kriminelle Aktivitäten machen. Solche ganzheitlichen Ansätze ermöglichen die Diagnose der Grundursachen von Gewalt, und die Ergebnisse zeigen die Vorteile. Die Mordrate in Schottland hat sich zwischen 2008 und 2018 halbiert. In Glasgow sank die Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund von Angriffen mit einem scharfen Gegenstand um 62 %."
[1](en).
Heisst: Das Risiko, Opfer einer Messerattacke zu werden ist nicht wirklich gestiegen. Die Gewaltkriminalität (Anzeigen laut PKS) war tatsächlich 2007 am höchsten und seitdem bis zu 15% darunter. Deutschland ist selbst in Europa überdurchschnittlich sicher. Die meisten Gewalttaten passieren unter Leuten, die sich kennen. Herkunft/Ethnie/Zuwanderung ist nicht das Problem. Prävention heisst nicht schärfere Gesetze, sondern Sozialarbeit plus die "guten alten" SchuPos.
Also: Nein, die Wirtschaft geht nicht den Bach runter. Aie Arbeitslosigkeit steigt nicht. In fast allen Branchen fehlen gute Leute. Die Kaufkraft ist ziemlich stabil - wäre da nicht dieser blöde Krieg. Wenn du etwas anderes
fühlst, wäre vielleicht mal interessant, woher diese Diskrepanz zwischen Fakten und Eindruck kommt.
Aber: Jupp, die notwendigen und anerkannt wirksamen Modernisierungen in Bildung, Verkehr, Energie und gesellschaftlichem Zusammenleben werden seit Jahrzehnten vor sich her geschoben. Und jetzt kommt die bittere Wahrheit: Diejenigen, die diese Modernisierungen konsequent unterlassen haben, wurden trotzdem immer wieder gewählt. Meiner Vermutung nach, _weil_ sie versprochen haben, dass sich nichts ändert - höchstens für andere verschlimmert.
Und diejenigen, die genau die notwendigen und anerkannt wirksamen Massnahmen seit Jahrzehnten in ihren Programmen stehen haben, werden gerade zum Hauptfeind erklärt, _weil_ sie diese durchführen wollen. Guck dir die grünen Programme der vergangenen Dekaden an. Steht alles drin. Von Schule über Energie und Verkehr bis zu sozialen Angeboten. Ah, und Klimakrisen- und Klimafolgenprävention. Denn da rauscht wegen des Nichtstuns noch eine gigantische Menge an Kosten auf uns zu. In Bergregionen ganz wortwörtlich.
Also sorry, aber "Alt-Parteien"? Eher Parteien der
Gestrigen, und zwar die Parteien selbst und jene, die sie wählen. CxU schon immer, der FDP ist inzwischen alles egal, solange Firmen Geld verdienen und die SPD lallt halbdement alte Floskeln und Gewerkschaftslieder. Die Linke lass ich mal weg, weil: Richtige Analyse, falsche Rezepte, kein Personal dafür.
Die heftigsten
Gestrigen und Realitätsverweigernden sind aber die Rechtsextremen und die Wagenknechte. Sie haben nicht mal ansatzweise funktonierende Rezepte für sinnvolle Massnahmen. Im Gegenteil. Wenn sie könnten, wie sie wollten, würde von obigem nichts besser, sondern das und noch viel mehr viel schlimmer. Leider werden sie meiner Ansicht nach genau deshalb gewählt, _weil_ sie maximal weit von der Beschäftigung mit der Realität entfernt sind und stattdessen laut schimpfend "hau die Strohpuppe" spielen. Das sind lange schon keine "Denkzettel"-Wählenden (Studien kann ich raussuchen), sondern wer Afd wählt hat die rechtsextremen Ideen verinnerlicht.