Liebe Marlene,
Deine Berichte schockieren mich und ich staune, wohl doch nicht die Einzige zu sein, die zu "ungeschickt" (ganz lieb ausgedrückt) ist, sich selbst eine glückliche Blase inmitten von Ablehnung und Ausgrenzung aufzubauen und sich konsequent mit positiven Menschen zu umgeben ...
Was Du von der Tafel schreibst, passt in einige andere Berichte, die ich gerade noch rechtzeitig gelesen habe, bevor ich mich dort als Helferin meldete. Dabei geht es nicht in erster Linie um die dortigen Gäste, sondern die Ausrichter*innen. Während mit großen Buchstaben um Mithilfe geworben wird, werden Neue konsequent unter die Lupe genommen, wobei offenbar auch die Zugehörigkeit zu diskriminierten bzw. standardmäßig zu diskriminierenden Gruppen gehört. Ein Depressiver berichtete z.B., dass er mit den Worten "Sowas wie dich können wir hier nicht gebrauchen." rausgeworfen wurde, nachdem irgendwie seine psychische Verfassung bekannt geworden war. Nun stelle man sich vor, ich schlage da als depressive Transperson auf ... Ich hab es besser bleiben lassen.
Marlene K. hat geschrieben: Di 9. Nov 2021, 08:31
Seitdem ich meine weibliche Seite zulasse, verweigern mir viele derselben Männer das "sie", da bin ich konsequent er.
Die Logik der o.g. Männer entspricht der Logik meiner Kollegen: Während sie mir das Frausein absprachen, ließen sie mir dennoch die typischen Diskriminierungsmuster einer Frau in Leitungsposition zuteil werden. Meine damalige Chefin meinte dann immer: "Ja, das hab ich auch alles durchmachen müssen ..."
Marlene K. hat geschrieben: Di 9. Nov 2021, 08:31
In Geschäften werde ich häufig gefragt "Was will er denn?" und nicht wie alle anderen "Was möchten Sie bitte". Darauf angesprochen bekam ich einmal zur Antwort "Ich weiß ja nicht, ob Sie operiert sind." Auf meine Rückfrage was meine Genitalien mit den gewünschten Brötchen zu tun hätten wurde die Verkäuferin nur rot... aber ab da war ich immerhin "Junge Frau..."
Solche unerhörten Frechheiten sind mir zum Glück noch nie widerfahren. Meine Probleme liegen nicht im Alltagsleben, sondern im Privaten und auf Arbeit bzw. wenn ich mehrfach mit denselben Leuten länger zu tun habe. Ich weiß nicht, ob ich in dieser Situation gleichermaßen diplomatisch reagiert hätte wie Du - chapeau! Vermutlich hätte sich ein Verkäufer diesen Kalibers bei mir seine Theke ganz aus der Nähe anschauen dürfen ... Aber Spaß beiseite: Da noch gefasst zu reagieren ist m.E. eine psychosoziale Höchstleistung. Und das verlangen die selbsternannten Normalen von uns jeden Tag, während sie selbst die sprichwörtliche Sau rauslassen?
Marlene K. hat geschrieben: Di 9. Nov 2021, 08:31
Ja, wir verunsichern mit unserem sein Menschen. Wir müssen irgendwie lernen die Unsicherheit als nicht unser Problem zu lesen
Unsicherheit ist noch die harmlose Variante. Wie ich im Beispiel mit den zwei Lehrern beschrieb, triggern wir allein durch unsere Existenz und Anwesenheit verborgene Ängste und Komplexe, die sich dann als Hass und Ablehnung entladen, sobald wir nicht mehr als "Witzfigur" gelesen werden und deren sauberes Weltbild bedrohen.
Du hast ja vollkommen Recht: Es ist ursprünglich
nicht unser Problem, nicht unser Knoten, Denkfehler oder Beton im Kopf. Schwierig wird es immer, wenn diese Leute z.B. Deine Chefs sind. Dann sorgen die dafür, dass ihr Problem ganz schnell bei Dir landet und Du Dir eine neue Arbeit suchen darfst, nicht sie einen neuen Wirkungsort ohne Trans*personen. Was nutzt da die Weisheit, dass es nicht unser Problem ist?
Ich bin mit mir selbst sehr zufrieden, hab in der HET mehr erreicht als gedacht, vertrage alles ohne Nebenwirkungen, hab keine Körperdysphorie, weiß seit meinem Ex, dass ich durchaus geliebt werden kann, wie ich bin und könnte mit dem grauenhaften nervenden Thema Trans endlich aufhören. Nur geht das leider nicht ohne die Umgebung, die mich ständig erneut darauf reduziert. Und
das hat mich krank gemacht.
Marlene K. hat geschrieben: Di 9. Nov 2021, 08:50
Ich war nie Mary oder Gordy, nie eine von den Figuren in "ein Käfig voller Narren", aber auch keine Glamourfigur wie Romy Haag oder Zasie de Paris, obwohl ich die beiden letztgenannten immer noch verehre.
Letztere verehre ich auch. Wer als Trans*person in diesen Gefilden heimisch ist, hat eine gute Chance, einen Platz (oder besser ausgedrückt:
Nische) in der Gesellschaft zu finden. Es ist historisch leider so gewachsen, dass Trans*personen im gesellschaftlichen Bewusstsein noch heute zu oft auf die Showbühne oder ins Rotlichtmilieu "gehören". Sobald diese jedoch versuchen, in einer "normalen" Umgebung einem "normalen" Job nachzugehen und sich unter "Normale" mischen, die viel lieber für sich allein sein wollen, dann kommt es zu Konflikten. Ja, ich bin eine sehr sinnliche Frau und hatte keine Hemmungen, mich bei passendem Anlass auch mal erotisch (niemals pornografisch!) in Szene zu setzen. Doch ich bin und werde keine Hure, wie mir sofort von Cis-Kerlen unterstellt wird - nur weil ich trans bin, auch ohne entsprechendes Outfit. Ich werde es wohl nicht mehr erleben, dass sich dieser Irrsinn in den Köpfen mal auflöst.
Marlene K. hat geschrieben: Di 9. Nov 2021, 08:50
Ich finde es immer noch spannend, dieses Thema in all seiner Vielfälltigkeit und Widersprüchlichkeit zu besprechen und durch zu denken.
Du hast wirklich Nerven. Mir kommen bei diesem Thema die Tränen, ich verzweifle daran und ziehe mich von allem zurück.
LG