Mit Verlaub, Magdalena: Nope. Mindestens in diesem Fall, ohne dass ich Medikamente im allgemeinen oder Hormone im speziellen verharmlosen will. Aus meiner Sicht stecken in deinem Absatz drei wichtige Fehler.Magdalena hat geschrieben: Mo 25. Nov 2019, 08:13Jetzt zum Thema, ich kann auch nur dringend raten sich ärztliche Hilfe zu holen. Selbst Medikamente zu bestellen und auch noch einzunehmen ist in meinen Augen glatter Selbstmord.
Erstens Wahrnehmungsverzerrung. Anekdoten sind keine Daten. Zigtausend Menschen nehmen jene Erkältungsmedizin, zigtausend nehmen Hormone, mit und ohne ärztliche Betreuung. Die erfolgreichen, unauffälligen sieht jedoch kaum eins, sondern nur die spektakulären Probleme. Jeder Einzelfall ist doof, aber weder zuverlässig vorhersagbar, noch statistisch derart relevant, um von "Selbstmord" zu sprechen, denn...
Zweitens tatsächliche Risiken. Die bewegen sich je nachdem im statistischen Mittel bei HET im Bereich von 1:10000. Selbst das Thromboserisiko liegt bei Etinylestradiol-Präparaten wie Diane35 u.ä, bei 4:10000, statt bei 3:10000 ohne das Medikament(1). Dass das in den Medien als "33% höheres Thromboserisiko!" verbreitet wurde, zeigt nur, wie wahlweise blöd oder unverantwortlich Menschen Artikel schreiben. Ausserdem wurden hauptsächlich Frauen jenseits der Menopause untersucht, bei denen noch andere Faktoren zu Thrombosen beitragen können. Das ganze ist ausserdem stark mit genetischen Faktoren gekoppelt, sei es wegen blood clotts oder wegen empfindlicher Leber. Und da kommt Nummer drei...
Drittens überschätzte Kompetenz der Fachleute. Die ganzen Tests vor/während einer HET dienen hauptsächlich der Absicherung der Fachleute(2). Punkt. Wenn sie sie denn überhaupt machen. Viele lassen z.B. die Gentests auf Thrombophilie weg, vielleicht weil sie ihnen zu teuer sind (-> Laborbudget vs Fallpauschale). Auch die Chromosomenanalyse wird nicht von allen gemacht, so dass manche inter Personen erst nach Jahren einer transgeschlechtlichen Therapie erfahren, dass sie chromosomal gar nicht eindeutig sind. Und dann guckt eins ehrfürchtig in die Leitlinien, wie bei trans HET mit bekannten Risikofaktoren umgegangen wird und staunt. Nämlich gar nicht. Da wird höchstens niedriger dosiert, vielleicht transdermal gegeben, aber generell nicht anders therapiert als ohne. Es kommt nur der Ratschlag, _wenn_ was passiert sofort ärztliche Hilfe aufzusuchen. Toi toi toi. Und ab dem zweiten Jahr gibt es ohnehin nur alle 6 oder 12 Monate mal nen großes Blutbild und Hormonstatus. Wenn 1 da was akutes hat, kannst du zwischendurch leiden, sterben und wiedergeboren werden, vor dem nächsten Regeltermin beim Endo.
D.h. die ärztliche Strategie ist in sehr vielen Fällen ganz offiziell ein "Augen zu und auf die Notfallkompetenz vertrauen".
Zu den Anekdoten: Ich bin vor etlichen Jahren mal mit geschwollenen Mandeln in eine HNO-Praxis. "Hmja, bakterielle Infektion: Antibiotika". OK, ich genommen, drei Tage später mit juckenden Ausschlägen wieder da. "Oh, da haben Sie diese seltene Spätallergie gegen Roxythromycin. Da geben wir mal was anderes (und mengenweise Antihistamine)". OK. Ich genommen, 5 Tage später wieder da, weil Mandeln nicht besser und ich völlig durch den Wind. "Oh, dann testen wir mal. Hm. Ja, ist auch keine bakterielle Infektion, sondern Pfeiffersches Drüsenfieber"
Ich hätte da noch so ein bis zwei Stories aus meiner ansonsten spärlichen Medizinhistorie.
Mein Fazit: Es gibt sehr gute Fachleute. Auch in der Medizin. Auch bei HNO und in der Endokrinologie. Aber die sind selten. Und mal ganz krass gesagt haben die allermeisten in speziellen Fällen nicht viel mehr drauf, als was in ihren alten Kochbüchern aka Leitlinien steht oder was sie "schon immer so gemacht haben". Aber das schöne ist, dass Medizin auch nicht grundsätzlich anders ist als andere Lebensbereiche. D.h. verstehbar, experimentell erforschbar auch am eigenen Körper, sofern 1 die Konsequenzen akzeptiert, und keineswegs spontan tödlich.
Allerdings auch wenn ich deine Pauschalaussage für mindestens dreifach falsch halte, ändert das nichts daran, dass Mayns Strategie aus mindestens ebenso vielen Gründen nicht funktionieren wird
(1) Der Grund für die Vorsicht und die Wahrnungen bei Etinylestradiol ist, dass es früher viel höher dosiert wurde. Bis zu 150mg statt z.B. 35 bei der Diane. Und da das Risiko dosisabhängig ist und einmal aufgestellte Leitlinien im Zweifel lieber übernommen werden, weil niemand die Verantwortung für Fehlentscheidungen auf sich nehmen will, steht das heute noch so drin.
(2) Als trans Person bist du voraussichtlich jahrzehnte lang dort Kund"¢in, d.h. bei allen normalen Wehwehchen, die in einem Leben so passieren können, muss die Arztperson ggf nachweisen, dass entweder nicht die HET schuld ist, bzw. sie wenigstens alle Regeln befolgt haben, so dass im Ernstfall ihre professionelle Haftpflicht zahlt. So einfach. Aussage zweier Endos mir gegenüber, unabhängig voneinander.